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Kritik:
Wir sind die Nacht


von Christian Westhus
Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!

Wir sind die Nacht (2010)
Regie: Dennis Gansel
Cast: Karoline Herfurth, Nina Hoss, Max Riemelt

Story:
Die junge Lena (Karoline Herfurth) lungert zumeist auf der Straße herum und hält sich mit kleinen Diebstählen aufrecht. Irgendwann gerät sie an die mysteriöse Louise (Nina Hoss) und ihre beiden Freundinnen, die sich kurz darauf als nach Blut gierende Vampire entpuppen und auch Lena verwandeln. Die unsichere junge Frau lernt ein neues Leben kennen, doch schon bald nimmt die Polizei Notiz vom vampirischen Treiben in Berlin. 

Kritik:
Besser spät als nie erreicht der aktuelle Vampir Hype auch Deutschland und so dürfen wir uns endlich an hausgemachten, postmodern hochstilisierten Blutsaugern erfreuen. „Die Welle“ Regisseur Dennis Gansel, der sich den Drehbuchkredit mit Jan Berger teilt, war auserkoren, ein aufwendig (sprich „teuer“) produziertes Genreprojekt aus deutschen Landen zu bewältigen. Das allein sollte schon mal Interesse wecken, denn der deutsche Genresektor ist schon seit Jahren klinisch tot, um nicht zu sagen non existent. Auf den lobenden „Schön, dass ihr es versucht habt“ Schulterklaps scheint man sich aber wohl etwas zu stark ausgeruht zu haben, denn „Wir sind die Nacht“ läuft häufig unrund, wirkt unentschlossen und kann sich nicht für eine klare Linie entscheiden. Zu undurchsichtig anscheinend die medial überpräsente Vampirdarstellung, denn Überflieger „Twilight“ spaltet die Vampirfans in zwei radikal konträre Lager. Obwohl der Film letztendlich relativ wenig mit den romantischen Glitzervampiren gemein hat, scheint man den Fans dieser Kreaturen nicht zu stark vor den Kopf stoßen zu wollen. Nicht zu romantisch, nicht zu düster; schon blutig, aber kein bluttriefender Horrorfilm.

Mit dem obligatorischen Mittelweg will man es mal wieder allen Recht machen, besetzt noch dazu die entscheidenden Rollen ausschließlich mit Frauen, die für Gruppe A) hübsch anzusehen und für Gruppe B) wenig animalische, sympathische Identifikationsfiguren sind. Jedoch kann so ein Mittelweg auch nur schwer irgendeine Gruppe begeistern und „Wir sind die Nacht“ ist ein Musterbeispiel dafür. Im Vergleich zu den beiden modernen Vampirmeisterwerken, dem koreanischen „Thirst“ und dem schwedischen „Let the right one in“, fehlt es „Wir sind die Nacht“ an Ernsthaftigkeit und dem Willen, eine klare Vision ohne Rücksicht auf Verluste durchzuziehen. Es geht schon bei der ersten Handlungsszene los, die zwar wunderhübsch gefilmt ist, aber inhaltlich eher konfus wirkt. Und so halten wir uns zunächst an Karoline Herfurth, die als Kleinkriminelle Lena von der Straße furchtbar zurechtgemacht ist und aussieht, wie drei Monate ohne Schlaf und mittendrin im kalten Heroinentzug.

Das haltlose Unterschichtsmädchen Lena wird also irgendwie von Obervampirin Louise (Hoss) entdeckt und in eine kleine Gruppe aus weiblichen Vampiren integriert. Eigentlich eine gelungene Ausgangsposition, denn als Untote hat man mehr Fähigkeit und mehr Möglichkeiten, seinem Leben einen entscheidenden „Kick“ zu geben. Taschendiebstahl war gestern; schon bald findet Lena Gefallen am Neuen, am Untotendasein. Wenn nur das ständige Töten nicht wäre. Die züchtige Annäherung zwischen Lena und dem jungen Polizisten wird lange Zeit eher nebensächlich in einer anämischen Parallelhandlung behandelt, weil ja Lady Louise im Fokus steht, die irgendwen oder irgendwas sucht und in Lenas Augen fündig geworden zu sein scheint. Was das ist, hat zu wenig Relevanz für die Handlung und wird auch nicht durch die neckisch-einfallslose Titelsequenz greifbarer. Die verkokelte Ex-Geliebte wird wohl zurückerwartet.

Das Damentrio gibt eine Mischung aus Mutter-Tochter-Familiarität, besten Freundinnen und lesbischen Andeutungen ab. Mittendrin im Berliner Nachtleben und der urbanen Discokultur pulsiert das Leben für die Blutsauger, was Dennis Gansel dazu verleitet, zu viele zu laute und zu nichtige Disco-Szenen zu inszenieren, die Tempo und ungestümes Gebaren suggerieren, wo keines ist. Da heißt es einmal im Film, die Mädels würden shoppen, koksen und vögeln ohne Ende. Nur sieht man davon kaum was. Das feministisch angehauchte Aussteigerdasein ist zwar geprägt von ergaunertem Reichtum, einer „Wir nehmen uns was wir wollen“ Attitüde und ein paar Blutopfern, aber so richtig animalisch, frei und ungestüm will es nicht werden. Im KaDeWe wird einmal nach Herzenslust dem Konsum und der Luxussucht gefrönt, ehe man mit schnittigen Sportwagen ins Edelhotel kurvt. Die unsterblichen Damen feiern sich, leben die ruhelose, nachtaktive Stadt Berlin und hotten im eigenen Technoschuppen ordentlich ab. Das war’s dann aber auch schon mit dem Einblick ins vampirische La dolce Vita. Abgehakt, weiter im Text. Doch der feministische Touch bleibt auffällig, weil er sich irgendwann ins Gegenteil verkehrt. „Es lebe die Emanzipation“, schreit die flippige Nora (Anna Fischer) in einer weiteren Szene heraus, die sich überdeutlichen verbalen Hilfen bedienen muss, um Themen im Film zu etablieren.

Der Feminismus kommt mit dem Holzhammer und passt damit ganz gut zum allgemeinen Lesbo-Chick der Discos und der latenten Homo- bzw. Bisexualität der Frauen, insbesondere bei Louise. Die Verführung der im realen Leben verlorenen Lena, durch die intriganten und tödlichen Machenschaften der 300 Jahre Lady ist ein faszinierender Kernpunkt des Films, wenn er auch zu häufig von Nebenhandlungen ausgebremst wird. Zur faszinierenden Geschlechterthematik passt, dass die Grazien gerne mal die (auffällig osteuropäischen) Menschenhändler und Zuhälter aufmischen. Und dann währen da ja noch Louises Partnerinnen, die neben ihr und Lena eine ganz eigene Geschichte bekommen. Auch hier findet das Drehbuch gelungene Ansätze, die mit mehr Sorgfalt und Zeit sicher spannend hätten werden können, so aber nur den Fokus uneinheitlich halten. Anna Fischer und Jennifer Ulrich sind dabei entgegen gesetzte Figuren, die sich jedoch eher ausbremsen, einander stören, statt aufzuwerten.

Exemplarisch dafür der Übergang, als wir die Disco-Szenerie verlassen und Charlotte (Ulrich) allein vorfinden, wie sie zu ruhiger Musik einen Stummfilm schaut. Und da Gansel generell etwas aufdringlich mit der Musik umgeht – vom an ‚The Dark Knight’ erinnernden Score ganz zu schweigen – holpert diese Szene noch mehr. Ulrich ist gut, weil ihre Unsterblichkeitsmelancholie ein zentrales und wichtiges Vampirthema ist. Sie bekommt einige der besten Szenen und macht auch insgesamt den besten Eindruck, was auch daran liegt, dass man ihre Figur immerhin ein Stück weit konsequent behandelt. Der mitunter garstige Humor, der gerne häufiger hätte eingesetzt werden können, zeigt, welche Blüten moderner Vampirismus treibt oder treiben kann. Anna Fischer ist eigentlich perfekt gewählt für die Rolle als quirlige und ständig quatschende Techno-Göre (vielleicht nur die falsche Musik) mit Sympathiefaktor, doch tut sie sich lange Zeit bei den Dialogen schwer, sie nicht wie Kasperltheater klingen zu lassen. Vielleicht liegt es bei dem Berliner Mädel am Hochdeutsch, aber manches Mal wirkt sie etwas künstlich, passt damit jedoch auch zu Hoss, die zwar immer schwermütig tut, aber nie so wirklich in der Rolle aufgeht. Bei manch platten Verführungs- und Unsterblichkeitsphrasen quietscht es einfach im Gebälk. Hoss versucht es mit aufdringlichem Mienenspiel zu kompensieren, schafft das aber zu selten. Herfurth kommt besser klar, ist mit ihrem intensiven Spiel manchmal aber auch schlicht zu stark für das zumeist eher oberflächliche Geschehen. Gansel selbst inszeniert rasant und bewusst „stylisch“, schießt damit auch mal über’s Ziel hinaus. Selbst als der Film droht, zu sehr zum Kriminalfilm zu werden, beweist Gansel immerhin ein versiertes Gespür für Actionszenen verschiedenster Bauart, inklusive des actionreichen Finales mit merkwürdiger Vampir-Schwerkraft. Die ganz großen Metzeleien (die es gibt) finden zumeist abseits der Kamera statt, doch auf der Unterhaltungsebene funktioniert der Film.

Wenn bloß die Figuren dazwischen besser gehandhabt würden. Das kommt eben dabei heraus, wenn man sich weder für eine Zielgruppe, noch für eine klare Haupthandlung entscheiden kann. Der Film weiß nicht, wohin er will. Sinnlich, wild oder melancholisch, am besten von allem etwas, nur die Mischung passt nicht. Im Ansatz interessante Figuren mit interessanten Momenten, der Rest ist überinszenierte Staffage, um den modernen deutschen Vampirfilm am Leben zu halten. Das ist er am Ende nämlich auch; „nur“ der deutsche Vampirfilm. Als seltenes Exemplar gibt es für die nationale Sonderstellung einen gedanklichen Bonus, aber sonst läuft hier zu viel unrund.

Fazit:
Bei einem seltenen deutschen Genrebeitrag darf man durchaus mal Interesse zeigen, doch insgesamt ist Gansels Vampirfilm noch ausbaufähig. Inhaltlich fehlt die klare Linie und so bleibt es bei Ansätzen und guten Einzelmomenten. Mit viel Tempo und einer ansprechenden Optik ist es immerhin ein recht unterhaltsamer Film, der jedoch noch viel mehr hätte sein können.

5 / 10
9-10 - Pflichtfilm, sollte man gesehen haben
7-8 - wirklich interessant oder echt unterhaltsam
5-6 - solide, durchschnittliche Unterhaltung
3-4 - immerhin zum Teil noch annehmbar
2-0 - was ist denn da passiert?

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