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Kritik:
The Wolf of Wall Street


von Christian Westhus

THE WOLF OF WALL STREET
(2013)
Regie: Martin Scorsese
Cast: Leonardo DiCaprio, Jonah Hill, Margot Robbie, Kyle Chandler

Story:
Innerhalb kürzester Zeit schwingt sich der New Yorker Broker Jordan Belfort (DiCaprio) zum Großmeister seiner Zunft auf. Mit abgezockten, hochspekulativen und oftmals illegalen Aktionen, dreht er Leuten wertlose Wertpapiere für viel Geld an und bereichert sich selbst. Er macht mehrere Millionen im Jahr und verlebt mit seinem Mitarbeiterstab ein Dasein in Luxus und Exzess. Das FBI, darunter Hauptermittler Denham (Chandler), findet lange Zeit keine Möglichkeit, Belfort das Handwerk zu legen. – Nach wahren Begebenheiten.

Kritik:
Manche Regisseure werden mit zunehmendem Alter müde und mutlos. Martin Scorsese (Jahrgang 1942) ist davon, obwohl er kaum einen wirklich schwachen Film gemacht hat, nicht unbedingt ausgeschlossen. Die wirklich großen Meisterwerke liegen schon ein paar Jahre zurück und auch wenn „The Wolf of Wall Street“ nicht unbedingt zu den ganz großen Scorsese-Werken gezählt wird, so strahlt er doch ein Selbstbewusstsein und eine Inszenierungsfreude aus, die begeistert. Kein Wunder, dass man diesen Film schnell in eine Reihe mit „GoodFellas“ und „Casino“ setzen kann. Scorsese tauscht mit der Biographie von Jordan Belfort, nach Drehbuch von „Sopranos“ Schreiber Terence Winter, die Mafia gegen Wall Street Broker und schließt so einen Zirkel der familiären, quasi-legalen Kriminalität. Die Absurdität des kapitalistischen Prinzips, wenn ein ins Gegenteil gekehrter Robin Hood, wie im Film gesagt, von anderen Leuten nimmt, um sich selbst zu bereichern. Scorsese erzählt den schier unglaublichen Aufstieg von Belfort als dreistündige Dekadenz-Groteske. Zu gleichen Teilen „Scarface“, „Wall Street“ und „Hangover“. 

Belfort kommt aus einfachen Verhältnissen, ist jung verheiratet und hat bescheidene Ziele, als er an die Wall Street kommt. Auftritt Matthew McConaughey, der in seinen wenigen Momenten das Prinzip Wall Street erklärt: Keiner weiß irgendetwas; nimm dir alles, was du kriegen kannst. Belfort wird schnell angefixt vom geldgeilen Selbstbereicherungsdrang seines neuen Arbeitsplatzes. Über Umwege wird er auf Risikopapiere aufmerksam, mit denen er sein schnell wachsendes Imperium gründet. Er hat einen kleinen Kreis enger Vertrauter, zu denen auch Donnie Azoff (Jonah Hill) gehört, belebt seine Firma ansonsten mit hungrigen und zunehmend skrupellosen jungen Menschen, überwiegend Männern, die anderen Menschen Dinge andrehen, die sie nicht brauchen und die sich kaum wirklich lohnen. Schnell werden Millionen gescheffelt und um seine Mitarbeiter bei Laune zu halten, lässt Belfort jeden Anstand hinter sich. Partys, Drogen, Sex und Luxusgüter stehen im Zentrum des unersättlichen Genussmenschen Jordan Belfort, der das Geld und die Veranlagung hat, jede Form von Genuss, Rausch und persönlichem Kick grenzenlos auszukosten.

Die Firma wird erfolgreich, Belfort heiratet neu und das FBI wird auf das Treiben aufmerksam, was Belfort und seine gierigen Kollegen dazu treibt, nach Möglichkeiten zu suchen, das Geld sicher zu verstecken. Viel mehr Plot gibt es eigentlich nicht; die Firma, Belforts Ehe, orgiastische Partys und die FBI Ermittlungen. Inhaltlich könnte man diese Geschichte auch in Rund zwei Stunden erzählen. Der Plot ist nicht das zentrale Element. „The Wolf of Wall Street“ ist ein organisiertes Chaos, mit einem Rhythmus, zuweilen episodisch, der von den Eskapaden der Hauptfigur bestimmt wird. Und Scorsese, mit seiner langjährigen Cutterin Thelma Schoonmaker, inszeniert das hedonistische Luxusleben Belforts und seiner Kumpanen als groteske, giftige und oft wahnsinnig witzige Verkettung schriller Einzelszenen. Da werden Kleinwüchsige auf Zielscheiben geworfen, wird Koks aus diversen Körperöffnungen von Prostituierten geschnupft oder gleich ein Privatjet zum fliegenden Orgientempel umgebaut. Nicht alles davon ist narrativ wichtig. Wir tauchen ein in dieses Lebensgefühl aus Selbstdarstellung und purem Exzess. Nebenepisoden, wie die Eskapaden eines Butlers, ziehen den Film in die Länge, erweitern aber auch den Blick auf das, was hier überall abgeht. Geld ist Macht und Macht korrumpiert. Und Belfort ist der König der gierigen Wahnsinnigen, die wie Ausgehungerte nach allem greifen, was sie in die Finger bekommen. 

Scorsese hält sich insbesondere mit der expliziten Zurschaustellung der sexuellen Eskapaden hier und da noch merklich zurück und doch ist „The Wolf of Wall Street“ ein Film, der den meisten anderen amerikanischen Filmen die Schamesröte ins Gesicht treiben dürfte. Insbesondere für einen derart prominent besetzten und groß budgetierten Film wie diesen. Und Scorsese moralisiert nicht. Er lässt das groteske Treiben der gierigen Arschlöcher Belfort, Donnie Azoff und Co. für sich sprechen. Luxus und Exzess sind verlockend, besonders, wenn sie mit einer Energie inszeniert sind, wie hier. Und doch besteht kein Zweifel daran, worauf der Film hinaus will. Belfort ist ein Monster, ein Manipulator und Heuchler, dessen übersteigerter Selbstbefriedigungsdrang über allem steht. Absoluter Höhepunkt eine Szene, in der Leonardo DiCaprio mit vollem Körpereinsatz die Folgen einer Überdosis Betäubungsmittel fühlbar macht und sich mit Jonah Hill eine schrille und dabei schreiend komische Duellszene für die Ewigkeit liefert. 

Beide Darsteller, DiCaprio und Hill, sind absolut großartig im Film. DiCaprios oft übersteigerte Energie wird hier kanalisiert und verstärkt, wie er als großer Zampano die Massen aufpeitscht, dass sie noch mehr Geld scheffeln mögen. Und Hill, der sich mit einer guten Leistung in „Moneyball“ als ernsthafter Schauspieler angemeldet hat, ist in der Rolle des bald völlig außer Kontrolle geratenen Donnie schlicht umwerfend. Über Quasi-Newcomerin Margot Robbie wird nur nicht so viel geredet, da der Film und die Männer um sie herum viel größer, ja überlebensgroß sind. Und doch überzeugt Robbie als kesse und zuweilen biestige zweite Frau Belforts. Überhaupt ist es ein starkes Ensemble, das Scorsese zusammengetrommelt hat, um einen rauschhaften und wahnsinnig unterhaltsamen Film über Luxus, Exzess und das kapitalistische Prinzip zu erzählen. Bis hin zur großartigen Schlussszene, die in einem geschickten und dennoch subtilen Kniff zeigt, wo dieser Film moralisch steht. Die Realität ist noch viel absurder, als dieser verrückte Film je sein konnte.

Fazit:
Ein Traumprojekt für Scorsese und DiCaprio, die einen grellen und wilden Rausch von Film abliefern. Eine groteske Zurschaustellung von kapitalistischem Exzess, mit urkomischen Einzelszenen als schier unglaubliches episodisches Chaos. Starke Darsteller und eine ungemein lebendige Inszenierung machen „The Wolf of Wall Street“ zum Pflichtprogramm in den Kinos

8,5 / 10

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