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Kritik:
The Wrestler


von Christian Westhus

THE WRESTLER (2010)
Regie: Darren Aronofsky
Cast: Mickey Rourke, Evan Rachel Wood

Story:
Randy "The Ram" war vor 20 Jahren mal einer der größten Wrestlingstars der Branche, doch die guten Zeiten sind vorbei. Jetzt ist er ein alterndes Wrack, das sich mit kleinen Kämpfen über Wasser hält und Trost im Striplcub sucht....

Kritik:
Die Auferstehung des Mickey Rourke. Das wurde schon im Trailer seinerzeit so beschworen, dass oftmals weniger vom eigentlichen Film gesprochen wurde, als vom unerwarteten Comeback des Mickey Rourke. Aber Rourke ist auch der Film, da führt einfach kein Weg dran vorbei. Autor und Regisseur Darren Aronofsky nimmt sich nach stilistisch ausgefeilten und experimentellen Produktionen wie „Requiem for a Dream“ oder „The Fountain“ stark zurück, tauscht seinen Kameramann aus und setzt auf nüchternen Realismus in blassen Farben und mit Handkamera. Er bereitet die bescheidene Bühne für Rourke und überlässt sie ihm vollkommen, da er weiß, dass Rourke über Sieg oder Niederlage des Films entscheiden wird. So verfolgt die Kamera häufig Randy, trabt hinter ihm her, wie er zumeist durch Flure und Gänge marschiert. Gänge, die unter der Woche zu Alltag und ungeliebter Arbeit führen, am Wochenende in die Hallen und in den Ring, zu den Fans.

Die Parallelen erschließen sich sofort, denn Rourke spielt Randy „The Ram“ Robinson, einen tief gefallenen Ex-Wrestling-Champion, der sich im kleinen Rahmen und mit nostalgischen Fans über Wasser hält und zurückgezogen mit Alkohol und flüchtigen Bekanntschaften lebt. Randy bekommt eine zweite Chance und motiviert sich erneut. Entweder er gewinnt Selbstvertrauen und den Jubel der Fans zurück oder er verliert alles. So ging es auf vergleichbare Art auch Rourke, den die meisten Produzenten gar nicht erst besetzen wollten. Nicolas Cage war ein Kandidat, aber nicht zuletzt Aronofsky machte sich für Rourke stark. Das von Operationen entstellte Gesicht, der gezeichnete Körper, die traurigen Augen und natürlich Rourkes Geschichte, als gefallener Ex-Schönling und Schauspielstar, all das lässt sich dank Rourkes exzellenter Performance und Aronofskys zielstrebiger und unverfälschter Inszenierung problemlos auf Randy „The Ram“ übertragen. Das ist hier bald stärker als Sylvester Stallones „Rocky“ Erstling, der mit der einen Chance und dem Glauben an den Amerikanischen Traum aus der Gosse kam und zum Star wurde. Insofern ist „The Wrestler“ eine Art „Rocky Balboa“, ein Sportdrama um die zweite Chance – nur besser.

So klar muss man es wohl wirklich sagen, denn „The Wrestler“ begegnet der nostalgischen Zurückerinnerung an vergangene Erfolge mit Bitterkeit und einem ernsteren, konsequenteren Blickwinkel. Für Randy ist der damalige Erfolg gleichzeitig Fluch und Segen. Schon in den gelungenen Eröffnungstiteln, wo wir über eine Collage aus Fotos, Zeitungsausschnitten, Tickets und sonstigen Erinnerungen schweben, wird dies deutlich. Randy hatte einst eine tolle Zeit und weil er sie hatte, also nicht mehr hat, kommt es einem rührenden Stich ins Herz gleich, sich daran zu erinnern. Früher war alles besser, heißt es deswegen auf die eine oder andere Art im Film und in diesem Kontext kann man den Figuren diese bisweilen oberflächlichen Altersweisheiten leicht verzeihen. Warum Randy abgerutscht ist, wird nie klar gesagt, aber ein gewisser Lebensstil zeichnet sich noch immer ab und so hockt Randy heute als vom Leben und Sport gezeichnetes Stück Fleisch in Schulsporthallen und kleinen Sälen, wo Väter ihren Söhnen zeigen, welche Wrestling-Helden sie damals hatten, als sie so jung waren.

Der Film beschreibt die Wrestling-Welt mit viel Respekt und einigen interessanten Einblicken. Besonders die fast familiäre Kameradschaft der Männer, neben all der Vorbereitung, den losen Absprachen und Präparationen für den Kampf, beeindruckt am meisten. Randy ist für die jungen Wrestler der maximal 3. Liga, in der er sich aktuell tummelt, eine Art Vaterfigur und die plötzlich ausbrechende Gewalt im Ring steht dazu im faszinierenden Kontrast. Es wird kein Zweifel daran gelassen, dass Wrestling bis zu einem gewissen Grat gestellt ist, aber der Schmerz ist dennoch größtenteils real, die körperlichen Anstrengungen sind real und die Anforderungen an Geist und Körper sind enorm. Zu ernorm mittlerweile für Randy, der vom Arzt zu hören bekommt, dass er den entscheidenden Kampf, seine eine Chance für ein Comeback, besser nicht wagen sollte. Und Aronofsky zeigt die Kämpfe, besonders in einem extrem brutalen Duell, als schonungslose, stets realistisch wirkende Duelle um die Anerkennung des Publikums. Nach einem Kampf spricht ein Blick auf Randys geschundenen Körper Bände.

Die Haupthandlung wird geschickt um zwei Frauenfiguren erweitert. Marisa Tomei ist als Stripperin Cassidy selbst abgerutscht und versucht sich über Wasser zu halten. In ihr spiegelt sich Randys Doppelleben. Er verweigert seine wahre Existenz, seinen echten Namen, lebt nur im Ring wirklich und lebt nur für den Sport. Für Cassidy ist der Beruf als Stripperin nur die Tarnung für ihr wahres Leben als Mutter und je mehr sie Randy an diesem teilhaben lässt, desto schwieriger wird es für beide. Ebenfalls stark gespielt von Tomei geht die bedrückende Beziehung der beiden vom Leben gebeutelten Personen stark ans Herz. Die Geschichte um Randys Tochter lässt Kitsch und Sentimentalität vermuten und bietet dies auch, jedoch in einem unverfälscht realistischen, durch Mickey Rourke schmerzhaft werdenden Grad, der darüber hinwegsehen lässt. Besonders, weil sich das Drehbuch die allerkitschigsten und stereotypischsten Vorstellungen verkneift. Randys verheulte Ansprache an seine Tochter kann eigentlich kaum kalt lassen, auch weil es so spürbar Rourke ist, der da durch Randy spricht.
„The Wrestler“ ist eben konsequenter und bitterer, weniger naiv, als es viele andere Sportdramen oft sind, bis hin zum Ende. Das bewegt und bedrückt gleichzeitig und ist ebenso die denkbar respektvollste Art und Weise, diese Geschichte zu erzählen. Die Fusion aus einem geschickten Script, einer unaufgeregten, natürlichen und dadurch intensiven Inszenierung und einer grandiosen zentralen Performance macht „The Wrestler“ zu einem emotionalen Volltreffer.

Fazit:
Man braucht kein Wrestling-Fan zu sein, um diesen Film zu mögen. Man muss nicht mal Wrestling mögen, denn Darren Aronofsky und Mickey Rourke machen die Geschichte von Randy „The Ram“ zu einem bewegenden Blick in die traurige Seele eines ehemaligen Stars, in dem ein wenig Hoffnung glimmt, eine zweite Chance zu erhalten. Stark.8 / 10

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