BG Kritik:

X-Men: Zukunft ist Vergangenheit


von Christian Westhus

X-Men: Days of Future Past (USA 2014)
Regisseur: Bryan Singer
Cast: Hugh Jackman, James McAvoy, Michael Fassbender, Jennifer Lawrence, Patrick Stewart, Ian McKellen uvm.

Story:
In der nicht allzu fernen Zukunft ist die Welt ein Trümmerhaufen. Die Mutanten um Professor X (Stewart) wehren sich gegen gewaltige Kampfroboter, die bereits einen Großteil der Mutanten ausgelöscht haben. Die letzte Hoffnung der Mutanten und auch der Menschen ist Wolverine (Jackman), der als einziger in der Lage ist, in die Vergangenheit zu reisen. Dort soll er die verfeindeten Professor X (McAvoy) und Magneto (Fassbender) vereinen, um gemeinsam der Bedrohung der Zukunft zuvor zu kommen.

Bei Fox hat man viel Kritik und Spott einstecken müssen, wie sehr sie den inhaltlichen und chronologischen Zusammenhang ihrer X-Men Filme vernachlässigt haben. Die Kontinuität der inklusive diesem nun sieben Filme des X-Men Universums ist eine mittelgroße Katastrophe, die „First Class“ („Erste Entscheidung“) als Prequel und quasi-Reboot schon bereinigen sollte. Doch weil aus James McAvoy und Michael Fassbender irgendwann doch Patrick Stewart und Ian McKellen werden, brauchte es einen anderen Kniff, um die Reihe wirklich neu zu starten. So treffen in „Days of Future Past“ („Zukunft ist Vergangenheit“) nun beide Gruppen aufeinander. Alt trifft jung, weil das Superheldenkino im Zeitalter der „Avengers“ nun mal auf Superheldengruppen und vereinte Universen abfährt. Die Zeitreisethematik, die unabhängig vom Ausgang zwangsläufig eine separate Zeitlinie kreiert, rückt „Days of Future Past“ jedoch eher in die Nähe des JJ Abrams „Star Trek“ Reboots. Ein Neustart, den man uns als Fortsetzung verkaufen will.

Nachdem er die ersten beiden X-Men Filme inszenierte, dem modernen Superheldenkino damit einen entscheidenden Impuls verpasste und der Reihe dann für „Superman Returns“ (der mit Brandon Routh) den Rücken kehrte, führt es Bryan Singer nun zurück zu den X-Men und zu den Figuren, die er damals der Welt vorstellte. Die Welt der von Singer kreierten X-Men geht zu Ende. Der Vernichtungsfeldzug der Menschen gegen die vermeintliche Mutantenbedrohung hat die Erde in eine finster-chaotische Brachlandschaft verwandelt. Die stärkste Waffe der Menschen sind die Sentinels, gewaltige Roboter, gegen die kaum ein Kraut gewachsen ist. Und zumindest die Sentinels der Zukunft wirken angemessen bedrohlich, übermächtig und sogar unheimlich. Die Entwicklung dieser Vernichtungsmaschinen zu verhindern, das ist die Aufgabe von Wolverine, dessen Verstand zurück in die 1970er Jahre geschickt wird, um die X-Men zu vereinen und ihre Zukunft zu sichern.

Inspiriert von einer der berühmtesten X-Men Comicgeschichten


Es geht mal wieder um viel im X-Men Universum und das war mitunter auch immer ein Problem der Reihe. Politiker sollten in Mutanten verwandelt werden, alle Mutanten (oder alle Menschen) konnten per Cerebro-Fernsteuerung getötet werden, ehe im dritten Teil, „Der letzte Widerstand“, ein vermeintliches Heilmittel die Mutationen stoppen konnte. Auf dem Weg dorthin verloren gleich mehrere zentrale Figuren ihre Kräfte und ihr Leben, was unter den Zuschauern frustriert-empört hinterfragt, aber selten wirklich miterlebt wurde. Das Problem von Bryan Singer (und auch seines Nachfolgers Brett Ratner, dessen zusätzliche Probleme zu zahlreich sind, um sie hier aufzuführen) war es häufig, den hochdramatischen und betont wichtigen Bedrohungen kein emotionales Äquivalent mit auf den Weg zu geben. Singer hat einen theatralischen, humorarmen und teilweise fast selbstparodistisch ernsthaften Ton, der nie so viel leistet, wie Singer investiert. „X-Men“ (2000) ist mit seinen dauerhaft erklärenden Dialogen und der verbohrt un-comichaften Tristesse heute kaum noch genießbar. Doch der Erfolg des „Avengers“ Universums hat zumindest teilweise auch Bryan Singer erreicht.

Das Intro, wenn ein halbes Dutzend verbliebener Mutanten Wolverines Zeitsprung vorbereitet und im Kampf gegen Sentinels Sicherheitslücken schließt, gehört zu den besten Szenen des bisherigen X-Kosmos. Erstmalig bekennt sich auch Singer zu Farben, zu einer verspielten Präsentation von Mutantenkräften und zu dynamischer Action. Von „First Class“ Regisseur Matthew Vaughn kann Singer noch lernen, wie man aus wenig viel macht, inszeniert Vaughn doch cooler, lässiger und emotional wirkungsvoller. Doch dieses Intro ist ein erstes Anzeichen dafür, dass Singer im Laufe der Jahre die eine oder andere Sache gelernt hat. Eine zweite Highlightszene gibt es mit Quicksilver. Der von Evan Peters („American Horror Story“) gespielte Mutant ist ein Kernelement im Konflikt mit Marvel Studios, lassen es verwirrende juristische Details zu, dass auch „Avengers 2“ 2015 einen Quicksilver haben wird. Singers Quicksilver, ein junger Mann, der rasend schnell ist, ist als vorlauter, gelangweilter 70er Jahre „Hipster“ keine besonders sympathische Figur und charakterlich interessant ist er schon gar nicht. Doch wenn er dann mal loslegt sehen wir vielleicht zum ersten Mal, wie Singer in einer Actionszene Humor und kindlichen Schabernack einbringt. Dass es episodenhaft und inhaltlich nicht unbedingt nötig erscheint, fällt aber auch auf.

Angeblich nach "Avatar" der teuerste Film, den 20th Century Fox je produziert hat.


„Days of Future Past“ ist ohne Frage überladen. Überladen mit Figuren, überladen mit Handlungssträngen und überladen mit den vergangenen Fehlern des eigenen Franchises. Nach sechs zurückliegenden Filmen sind eigentlich nur Wolverine, der Professor und Magneto wirklich ordentlich charakterisiert. Wer nicht in einem kurzen Gastauftritt verheizt wird, findet sich zu Stichwortgebern und unpersönlichen Handlungsmechanismen reduziert. So geht nicht nur Ian McKellen, sondern auch Ellen Page, die als Kitty Pryde Wolverines Zeitreise steuert und damit explizit um jedwede Persönlichkeit gebracht wird. Die halbe „First Class“ Besetzung taucht nur auf Fotos auf und selbst die Debütanten haben in den meisten Fällen nicht viel zu melden. Internationale Marketinggesetze haben ihren zunehmend deutlicher werdenden Einfluss auf aktuelle Massenunterhaltungsfilme. So ist ein entscheidender Handlungsstrang in China angesiedelt und in Fan Binbing holt man sich direkt einen der größten Stars des Landes mit ins Boot, wenn die Rolle als Blink zwar cool, aber auch kurz, überwiegend stumm und charakterlich flach ausfällt. Es ist trotz Kontinent-Hopping dennoch ein äußerst amerikanisches Unterfangen.

So folgen wir die meiste Zeit über Charles, Eric und Wolverine in den 70ern, wie sie wahlweise nach der rachsüchtigen Mystique (Jennifer Lawrence) oder nach Sentinel-Entwickler Bolivar Trask („Game of Thrones“ Star Peter Dinklage) suchen. Glücklicherweise sind James McAvoy, Michael Fassbender und Hugh Jackman ein tolles Team, das überwiegend gelungene dramatische Elemente und viel Konfliktpotential mit sich schleppt, aber dennoch regelmäßig Spaß macht. Auch gibt es gleich mehrere starke Magneto-Szenen, in denen Fassbender sich ordentlich austoben kann. Auch Beast (Nicholas Hoult) hat mehr zu tun, doch die nach dem Herren-Trio auffälligste Figur ist Mystique, was sicherlich der gesteigerten Popularität von Jennifer „Katniss“ Lawrence geschuldet ist, sich aber bald zum Problem entwickelt. Ausgedehnte und teils gnadenlos unwichtige Szenen mit Mystique (z.B. ein Ausflug nach Vietnam) ziehen den Film in die Länge und wenn wir im Laufe des Films häufiger Lawrences Gesicht, als Mystiques faszinierendes Blau sehen, muss man sich zwangsläufig fragen, ob Singer diese Figur überhaupt verstanden hat. Auch fehlt Lawrence die modellhafte Eleganz, mit der Rebecca Romijn sich bewegte, doch Romijn war nun mal nie Hauptfigur eines erfolgreichen Franchises wie „Die Tribute von Panem“. Zwischen dem gelungenen Intro und dem gelungenen Finale (bei dem der angepeilte Reboot fast schon wieder inkonsequent unterwandert wird) lässt sich Singer wieder mal zu viel Zeit, hält sich zu sehr mit Fan-Service auf und ist eben immer noch kein übermäßig variantenreicher Regisseur. Doch die Verbesserungen sind klar ersichtlich, die Besetzung reißt vieles heraus und in „Days of Future Past“ funktionieren sogar Dramatik und Emotionen ungewohnt häufig.

Fazit:

Episodenhaft, überladen und dramaturgisch schwammig macht „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ dank guter Einzelszenen, einer tollen Besetzung und einem ordentlichen Unterhaltsfaktor dennoch genügend richtig. Nach heutigen Maßstäben könnte der Film nach „First Class“ wohl der zweitbeste Teil im X-Men Franchise sein.

6,5 / 10
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