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Kritik:
X-Men: Erste Entscheidung


von Christian Mester

X-MEN FIRST CLASS (2011)
Regie: Matthew Vaughn
Cast: James McAvoy, Michael Fassbender

Story:
Kein Wunder, dass sich der junge Brite Charles Xavier Experte für genetisch weiterentwickelte Menschen nennen kann – er selbst ist einer. Zusammen mit seiner Adoptiv-Schwester Raven (Jennifer Lawrence), die ebenfalls übermenschlich ist, wird er eines Tages Teil eines neuen Geheimteams. Mit Hilfe der jungen Mutanten Beast, Havok, Angel, Darwin, Banshee und der Bundesagentin Moira (Rose Byrne) machen sie sich daran, die terroristischen Pläne des Größenwahnsinnigen Sebastian Shaw (Kevin Bacon) zu vereiteln. In Zuge dessen trifft Xavier auf den ehemaligen KZ-Gefangenen Magneto (Michael Fassbender), einem Bekannten Shaws, der emotional aufgewühlt auf Rache schwört. Xavier versucht ihn vom Guten im Menschen zu überzeugen, doch Magneto kommt allmählich zu dem Schluss, dass derartige Hoffnung zwecklos ist…

Kritik:
Die wilden 60er. Wir erinnern uns: JFK, Mondlandung, Martin Luther King, ‘Nam, Woodstock, Afros, Beatles, Austin Powers. Und nun X-Men. Denn „X-Men: Erste Entscheidung“ zeigt die 60er Jahre Vor-Vorgeschichte der Comicfilm-Reihe, nachdem „X-Men Origins: Wolverine“ zuvor hauptsächlich gegen Ende der 70ern gespielt hatte. Ein Kniff, der zunächst nach Gimmick schreit: ist es der gleiche Plot in neuem Ambiente, eine Notlösung um einem teureren „X-Men 4“ zu entgehen? Zynisch gesagt, ja, aber mehr als das, weit mehr als das. „X-Men: Erste Entscheidung“ (fortan XEE) ist ein Bond-Film. Ein 60er Jahre Bond-Film mit Superhelden. 

Der Brite James McAvoy gibt einen guten 007 ab, wird er doch als smarter und sich seiner grandiosen Überlegenheit ständig bewussten Spezialisten vorgestellt, der Gutes im Sinne hat und sich im Bedarfsfalle mit höchster Intensität ins Gefecht stürzt. Eine charismatische und sympathische Darbietung, bei der McAvoy schnell vergessen lässt, dass er eigentlich recht jung aussieht. Was seine Figur nun von seinem 00-Counterpart unterscheidet, ist die Tatsache, dass er Verantwortung über andere übernimmt. Für die Neulinge bleibt zwar nicht viel Zeit, doch es macht Spaß, den ersten X-Men bei ihrem Training und ihren ersten Kontakten zuzusehen, so sehr, dass man gern selbst dabei wär. Mehr von ihnen sehen würde. Eine große Stärke des Films ist es zudem, abenteuerlich zu wirken. Vaughn transportiert das Gefühl der Debütanten, sich erstmals groß beweisen zu müssen, was wesentlich besser funktioniert als in den vorherigen Filmen.

Man kommt nicht drum herum, diverse Handlungsstränge als eigen-recyclet zu sehen (wieder versucht jemand, die Menschheit auszulöschen/zu mutieren, wieder geht es um eine Heilung der Mutation, wieder geht es darum, sich selbst als „anders“ zu akzeptieren etc. etc.), doch auch wenn man über fehlenden Grundeinfallstum schimpfen kann, gibt es nichts an der Variation und Umsetzung zu bemängeln. Vor dem Hintergrund der Kuba-Krise bietet sich Shaws Vorhaben für seine Ziele an, und da die Andersartigkeit eines Mutanten immer Bestandteil eines Mutantenfilms ist, stören auch erneute Zweifel an der Daseinsberechtigung nicht. XEE hat einige dramatische Szenen, die zu großer Überraschung funktionieren. Was in anderen Comic-Filmen zu banalen Platzhaltern zwischen Actionszene 3 und 4 wird, hat hier tatsächlich Impact. Wenn ein Magneto sich seinen inneren Dämonen stellt und Tränen fließen, als er bemerkt was in ihm steckt, oder wenn er alles riskiert um seine unschuldig ermordeten Eltern zu rächen, bewegt das. Weil man sich zum einen gute Schauspieler geholt hat und sie zum anderen passend in Szene setzt. XEE zeigt den markanten Unterschied zwischen Comicfilmen mit Tiefe und rein oberflächlichen Titeln wie „Ghost Rider“ – hier haben die Charaktere nicht bloß Funktion, sondern Dimension. Sie wirken menschlicher, auch wenn sie blaue Haut haben oder Laserringe schießen können. Bei den Guten gibt es alte, und neue Gesichter. 

Neben Xavier taucht Mystique auf, die zu diesem Zeitpunkt noch auf seiner Seite steht. Die junge Variante ist verschlossener als die spätere und auch weniger offensiv, zeigt aber schon schön, dass man nicht bloß durch Wut auf die andere Seite wechseln kann. Daran schließt auch Beast an, der ähnliches durch-und die tragischste Geschichte des Films erlebt. Havok und Banshee bekommen keine Charakterszenen, dafür aber ein paar solide Actionmomente. Völlig verschenkt hingegen sind Darwin und Libellenmädchen Angel, die weder im einen, noch im anderen punkten können. Natürlich ist XEE kein stattliches Drama – es ist und bleibt ein Effekt-Unterhaltungsfilm, in dem Platz für Späße ist, viele der Figuren nur knapp und einige sogar nur flach behandelt werden und sehenswerte Actionszenen nicht zu verschenken wären, doch der ernstere Ton ist unübersehbar und wertet den Film gänzlich auf. Dazu trägt auch das Setting bei, denn statt Mystique und Co. bloß in stylische 60er Fummel zu stecken, badet Vaughn im 60er Bond-Fieber. Es gibt weitreichende Spionage, Flirts und Übertölpelung der Regierung, doch von allem schreit nichts stärker nach Bond als die Präsenz der Bösen. Shaw ist ein dekadenter Playboy, der in Villen, auf Yachten und an Bord von eigenen U-Booten lebt und gleich drei beeindruckende Handlanger hat. Der teuflisch wirkende Azazel (übrigens der Vater von Nightcrawler aus dem zweiten Teil) kann sich teleportieren und würde allein schon genügen zum nahezu jeden zu bezwingen, doch er ist längst nicht allein. Riptide kann Winde erzeugen und damit jeden mehr oder weniger umpusten. Die leicht bekleidete Emma Frost ist ein typisches Bad Bond Girl: eiskalt, stets aufreizend und nie zu vertrauen. Dazu kann sich Gedanken beeinflussen und ihre Körperbeschaffenheit in Diamantform ändern. Weil das nicht genügt, ist Shaw auch selbst ein überragender Mutant. Er kann jede Art von Energie, egal ob Pistolenschuss, Faustschlag, Explosion oder Energieschuss für sich absorbieren und es selbst wiederum als Energie einsetzen, womit er zu einem der mächtigsten Mutanten der Welt wird. 

Die Bösen bleiben allesamt recht gelassen und elegant, wobei Bacon merklich einen Riesenspaß dabei hat, die Welt ins Chaos treiben zu wollen. XEE hat offen gesagt nicht viele Actionszenen und auch das Finale ist nicht der große All-In-Kampf, den sich manch einer vielleicht wünschen würde, doch jede Actionszene ist kompetent gemacht und technisch gut umgesetzt und auch actionlastiger, als es die kurzen Trailersnippets erwarten ließen. Der einzige Effekt, der dauerhaft fragwürdig bleibt, ist CGI-Beast, der im Vergleich zu Kelsey Grammars Variante aus Teil 3 wie ein Riesenfurby aussieht (wobei seine Verwandlung angenehm an so manchen Werwolfklassiker erinnert). Dass das Spektakel nicht ganz so kolossal ist wie in THOR, ist durch die interessantere Handhabe zu verschmerzen, sogar überboten, zumal alles runder wirkt. Das einzige Manko das man nachträglich empfinden wird, ist, dass ein am Atomreaktor aufgeladener Shaw nicht mehr dazu kommt, sich zu entladen, was genauso wie die verpasste Hügelszene in Spielbergs Krieg der Welten wirkt – das hätte man gerne noch gesehen, war aber wohl nicht mehr im Budget möglich (XEE sieht handwerklich besser und schicker als der fast doppelt so teure „X-Men 3“ aus). Kennt man die X-Men Filme, wird man auch auf einige Ungereimtheiten stoßen, die vor allem nicht ganz zu den letzten beiden Filmen passen (Beispiel: im Film ist Moira 30; in „X-Men 3“ wurde sie 40 Jahre später von einer 40jährigen gespielt – ohne Mutant zu sein). Als Geek darf man dennoch angetan sein, denn neben tollen Überraschungen gibt es im Prequel zahlreiche Hintergründe zu entdecken, darunter die Herkunft der Spitznamen, der Fund der Schule, die Entwicklung des X-Jets, Cerebro, Magnetos Helm und vieles mehr. All das wird auch nicht bloß lieblos heruntergerattert oder plakativ in den Raum geworfen, es ist harmonischer Teil der Story und immer wieder für ein Schmunzeln gut.

Fazit:
Der erste Auftrag der X-Men zeigt Wolverine wo der Hammer hängt - trotz geringerer Explosionsanzahl fährt Shaws Yacht in Seelenruhe und cocktailrührend am anderen Prequel vorbei, elegant, imposant und markant. Besser. Der bislang beste Teil der Reihe und einer der besten Unterhaltungsfilme des Jahres.

8 / 10
O-Tonfassung: 8/10

10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel

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