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Kritik:
Zero Dark Thirty


von Christian Mester

ZERO DARK THIRTY
(2013)
Regie: Kathryn Bigelow
Cast: Jessica Chastain, Mark Strong,

Story:
Nach dem 11. September ist Osama bin Laden der meistgesuchte Terrorist der Welt. Alle Bemühungen, ihn zu finden, verlaufen jedoch zunächst ins Leere, bis langsam der Glaube schwindet, ihn, sollte er überhaupt noch leben, je fassen zu können. Eine junge CIA Agentin (Jessica Chastain) bleibt jedoch hartnäckig dran...

Kritik:
Ein seltsames Spiel der Geschichte: Kathryn Bigelow, die Oscar prämierte Regisseurin von The Hurt Locker, glaubte selbst nicht mehr an eine Auffindung Bin Ladens, weswegen dieser Film eigentlich das lange, aber erfolglose Suchen zum Thema hatte. Als der Al-Quaida-Anführer dann schließlich zur Überraschung aller im Mai 2011 gefunden wurde, überlegte man um und beschloss stattdessen zu zeigen, wie die Sache zuende gegangen war. Auf Seiten mancher US-Patrioten ergab das ein "America, fuck yeah!", denn nicht nur, dass ihr Schreckgespenst erledigt war, sollte es der Film dann auch wohl nochmal glorifizieren - ihrer Meinung nach. Obama-Kritiker fürchteten indes ein belangloses Jubelwerk, während es anderen hingegen geschmacklos erschien, diese politisch so fragwürdige Tat als Geschichte zu zeigen. Schließlich sind die USA mit einem militärischen Einsatz in ein fremdes Land eingefallen, ohne, wie es hätte sein müssen, die pakistanischen Behörden zu unterrichten. Auch landete niemand dort, um Bin Laden und seine Kohorten festzunehmen - Suchen und Töten lautete der explizite Befehl.

Bigelow hat sich sehr genau überlegt, wie sie diese Story verfilmen würde, und hat sich eine überraschend distanzierte Weise ausgesucht. Zu Beginn des Films steht nicht etwa "Dieser Film basiert auf wahren Begebenheiten", sondern, er basiere auf "Zeugenaussagen von Beteiligten". Demzufolge entfernt sie sich direkt von dem Anspruch, die Wahrheit nachzubilden, doch wofür tut sie dies? Um die eingeschlagene Interpretation zu verteidigen? Das muss sie nicht einmal, denn der Film ist überraschenderweise meinungsbefreit. Zu Beginn der Phantomjagd greift die CIA zu unmenschlichen Methoden, indem Informanten brutal gefoltert werden. Der Film zeigt die Profis am Werk, für die es Alltag ist, für die die Informationsjagd zum Schutz des Landes ein Job ist, den sie nicht feiern oder idealistisch sehen, den sie aber mit eiserner Disziplin betreiben und in dem sie erfüllen, was von ihren Positionen verlangt wird. Ebenso später die Soldaten, die sich für geschaffte Kills beglückwunschen oder zwischen den Missionen herumblödeln; es liegt beim Zuschauer, diese Individuen für ihre Tun zu verurteilen, der Film gibt mutlos keinerlei diskutierbare Meinung vor. Er wiegt nur manches Mal ein klein wenig in beide Richtungen; so wird Jessica Chastain's Maya als geschätzte Kollegin gezeigt, die sich in ihrem Job erfüllt sieht. Gleichermaßen wirft er aber ein trauriges Licht auf sie, indem er immer wieder betont, dass die Einzelgängerin einsam ist und keinerlei Freunde hat, egal was sie auch erreichen mag. Für diese Aufopferung für ihr Land lobt die Kamera sie nicht.

Ein ähnlich kritisches Licht wirft der Film auf die Terroristensuche. Zwar werden hier und da Bombenanschläge gezeigt oder erwähnt, die die Verhinderung von weiteren Anschlägen durchaus motiviert, doch die machtlosen Teams mit ihren Multimillionenbudgets zu sehen, die trotz Dronen, Satelliten, Stealth-Hubschraubern, zahlreichen Posten, Undercover-Agenten und Informanten, sowie Jahren von Einsätzen nicht in der Lage sind, einen lausigen Mann aufzufinden - der Film besagt gar, dass alles nur zufällig glückte, da Bin Ladens Kurier und Mitbewohner zufällig ein auffälliges, da seltenes Automodell besaß und dadurch leicht verfolgt werden konnte. Auch die Tatsachen, dass beim Einsatz einer der supermodernen Hubschrauber geschrottet wurde, oder, dass der ach so phänomenale Angriff auf die Festung keinesfalls kinoreif ausfiel: keine 56 Handlanger, die bis an die Zähne bewaffnet besiegt werden mussten, lediglich ein paar weinende Muttis und Kinder, sowie zwei Mann in Nachthemden, die trotz draußen landender Hubschrauber, aufgesprengter Türen und per Megaphon gerufener Warnungen keine Gegenwehr erzielten. Die Vorkehrungen für den Einsatz waren gewiss gerechtfertigt, doch zu sehen, wie eine Sondereinheit anrückt und einen Rentner jagen geht, kann keine Glorie aufkommen lassen. Das tut es auch nicht, und sollte es auch nicht, es ist für einen Film, der sich andererseits auch nicht traut, hart alles zu kritisieren, ein sehr antiklimatisches Ende, dessen Schlussbild "und nun?" zu fragen scheint. Ersetzt hat es die tausenden von Toten und Betroffenen des 11. September nicht. Erblickt Maya, deren Suche nach Bin Laden bis dato der einzige Lebensinhalt war, dessen Leichnam, sieht sie ihre Bestätigung und ihren Erfolg, aber auch das Ende ihres Sinnes.

Was Barack Obama betrifft? Er ist nur kurz im Fernsehen zu sehen, als er sich gegen Tortur zur Auffindung von Informationen ausspricht. Überraschend nicht erwähnt: seine Live-Mitverfolgung der Bin Laden Nacht, oder seine anschließende Rede an die Welt. Sprich, dem Film ist es gänzlich egal, welche Position oder welcher Verdienst Obama daran gebürt.

Leider ist Zero Dark Thirty, von allen Aussagen oder nicht vorhandenen Aussagen mal abgesehen, kein wirklich herausragender Film geworden. Bigelows Bildregie ist sehr gut, aber der Großteil des Films hat aufgrund der gezielten Distanzierung von jeglichem Gefühl oder jeglicher Aussage eine anstrengende Gleichgültigkeit. Bis zum eigentlichen Einsatz zieht sich das Geschehen wie Kaugummi und bleibt karg emotionslos, die einzelnen Etappen der Suche, auch wenn mit diversen Gaststars wie James Gandolfini, Mark Strong, Scott Adkins oder Joel Edgerton in Minirollen gespickt, zieht fade vorbei, und obgleich Chastain in ihrer Rolle als kühles Rad im Getriebe hässlicher Maschinen immer wieder glänzt, vermag auch sie es nicht, ihre Figur zu etwas eindrucksvollem zu machen. Sie wird dazu nicht einmal als besonders fähig in ihrem Job gezeigt, ist keine Frau, die jeden Raum beherrscht, grandiose Schlüsse fasst oder brillanten Verstand ausstrahlt. Sie ist eine akribische und volldisziplinierte Arbeitskraft, der man hier folgt, weil der Film ihre Perspektive gewählt, hat aber würde man ihr auch folgen wollen, suchte sie irgendeinen der weniger bedeutenden Mitstreiter? Wohl kaum.

Stärker noch als bei The Hurt Locker versucht Bigelow, Authentizität zu wahren. Das bedeutet vor allem, dass der finale, durchaus spannend inszenierte Anschlag mit blendenden Lichtern und arg lauten Schüssen daherkommt, und so überhaupt nicht typisch cineastisch inszeniert ist. Eher langsam und gemäßig, und fernab von Call of Duty. Argo und Der Mann, der niemals lebte sind gar poppige MTV Actionfilme dagegen. Inhaltlich wie gesagt fragwürdig, zeigt sich diese ca. 10-15 Minuten lange Sequenz als einziges wirkliches filmisches Highlight. Der Score besteht fast nur aus tiefen Brummkulissen, die die unentwegte Frustration, sowie die später aufkommende Bange, der Einsatz könne schief gehen oder das Haus gar das falsche sein, unterstreichen, aber nicht fesseln. Vielmehr untermalt es die immer wieder aufkommende Gleichgültigkeit immer wieder.

Fazit:
Zero Dark Thirty traut sich keine eigenen Interpretationen und greift stattdessen zu Gleichgültigkeit, Distanz und professioneller Kühle; handwerklich stattlich inszeniert und von Chastain gut gespielt, ist es ein zäher, kühler Klotz von Film, der weit weniger Welle machen würde, wäre es nicht zufällig die Katharsis der erfolgreichen Jagd auf das lange gesuchte Monstrum, das einen der schlimmsten Massenmorde aller Zeiten inszenierte.
Andere Story, anderer Ansatz, aber soviel besser: Argo fuck yourself.

6,5 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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