Kritik:
Zurück in die Zukunft
von
Christian Schmitz,
http://www.bereitsgezockt.blogspot.com
Zurück in die Zukunft: The Game
(2011)
Studio: Telltale Games
Intro &
Handlung:
Das Spiel besteht aus 5 einzelnen
Episoden, die Monat für Monat
veröffentlicht wurden.
Aufgrund der geringen Qualität der
meisten Filmumsetzungen reicht es
als Spieler schon zu wissen, dass sie
existieren: Videospielumsetzungen zu
Filmen, die als Merchandise-Titel
zufällig nach bekannten Filmen
benannt sind und spielerisch nur
selten in gut sortierte
Spielesammlungen gehören. "Es ist an
der Zeit" sagen nun Telltale Games,
die hier einen uralten Filmklassiker
in neuer Spielform neu auflegen.
Zeit für einen Hoffnungsschimmer?
"Zurück in die Zukunft: The Game"
spielt zeitlich nach den Ereignissen
des dritten Films und verspricht,
eine neue aufregende Handlung
erleben zu lassen, in der man
passend zum 25jährigen Jubiläum des
Sci-Fi-Kults in die Pixelhaut Marty
McFlys schlüpft. Die Macher der "Sam
& Max" Spiele, größtenteils
ehemalige LucasArts-Mitarbeiter,
konnten dafür zwei große Namen des
Franchises für sich gewinnen: 'Doc
Brown' Christopher Lloyd als
Sprecher, Bob Gale, Drehbuchautor
und Produzent der Filme [Michael J.
Fox konnte aufgrund seiner schweren
Krankheit nicht an der
Spielproduktion teilnehmen]. Was man
noch wissen darf: noch gibt es das
Spiel nur online über die Homepage
des Unternehmens oder im
Steam-Netzwerk zu kaufen, doch in
Kürze soll das Spiel auch in einer
normalen Retail-Fassung erhältlich
sein.
Doch ist es überhaupt einen Blick
wert? Wir haben den Fluxkompensator
einmal angeschmissen und geschaut,
was man aus dem DeLorean noch heraus
holen kann...
[Handlung Episode 1: "It's about
time"]
"Zurück in die Zukunft: The Game"
spielt zeitlich nach den Ereignissen
des dritten Films. Vom DeLorean ist
nicht mehr allzu viel übrig, Doc
Brown ist nach dem Western-Abenteuer
noch mit seinem Zeitreise-Zug
unterwegs und Marty? Der findet sich
langsam wieder in seinem alten
Teenager-Alltag im beschaulichen
Hill Valley ein. Es ist also 1985
und wie es so kommen muss, gibt es
einen Räumungsverkauf in Docs
Werkstatt. Marty und sein Vater
George stöbern darin herum und
treffen auf Serienhalunke Biff
Tannen, der sich heimlich ein
Tagebuch einsteckt. Plötzlich
erscheint die Zeitmaschine und Marty
reist ins Jahr 1931, in dem Doc mal
wieder in der Klemme steckt...
[Handlung Episode 2: "Get
Tannen"]
Marty fängt plötzlich an sich
aufzulösen, denn aufgrund der
Geschehnisse im ersten Teil sucht
sich ein Killer ein neues Opfer:
Martys Großvater. Marty droht
demnach, niemals geboren zu werden
und flitzt zurück durch die Jahre
1985 und 1931, um das Ganze wieder
glatt zu bügeln.
[Handlung Episode 3: "Citizen
Brown"]
Marty landet im DeLorean unsanft
in einem völlig umgekrempelten Jahr
1986 wieder, wo Bürger Brown
zusammen mit Edna Strickland ein
Überwachungssystem mit klaren Regeln
geschaffen haben. Doch die scheinbar
schöne, eingemauerte
Hill-Valley-Fassade bekommt erste
Risse.
Marty´s Freundin Jennifer Parker ist
zum rebellischen Punk verkommen,
wandelt obendrein mit Leech an weil
Marty in dieser Zeitlinie selbst als
nerdiger Streber verschriehen ist.
Er schöpft alle Möglichkeiten aus,
um zu Bürger Brown vorgeladen zu
werden und dem Spuk ein Ende zu
bereiten...
[Handlung Episode 4: "Double
Vision"]
Dank gütiger Mithilfe von
Jennifer fliehen Marty und Bürger
Brown aus der Gefangenschaft des
Edna-Strickland-Überwachungsstaats –
doch der Spuk ist noch lange nicht
vorbei und die beiden kehren ins
Jahr 1931 zurück um die junge Liebe
zwischen Edna und Emmet zu
verhindern. Die Technik- und
Wissenschaftsmesse (Expo) vor den
Toren der Hill Valley Highschool
scheint der geeignete Platz für
dieses Vorhaben.
[Handlung Episode 5 : "OUTATIME"]
Die fünfte Episode schließt die
erste Staffel ab. Weiterhin versucht
Marty die Wogen auf der Expo in der
großen Halle der Hill Valley
Highschool zu glätten. Hierbei kommt
es zur Konfrontation zwischen dem
jungen Emmet und seinem Vater. Als
Edna Strickland mit der Zeitmaschine
flüchtet, stellt sich plötzlich ein
ganz neues Problem: Hill Valley
existiert nicht mehr. Alle Spuren
führen zurück in den Wilden Westen
und wieder zurück ins scheinbar
perfekt geregelte 1985…
To be continued?
Gameplay:
Als Fan der Filme ist es ein großes
Plus, all die quirligen Figuren,
Objekte und Orte der Filmreihe zu
sehen und mit ihnen interagieren zu
können - ein Feature, das in
Filmumsetzungen nicht immer gegeben
ist. Ein Punkt, den man also
definitiv als gelungen betrachten
darf. Liebhaber klassischer Point &
Click Adventures dürften sich über
weite Strecken jedoch wie im
falschen Film fühlen, da die
angewandte Spielmechanik genauso
ausgereift scheint wie Doc Brown´s
chaotischer Frühstücksapparat aus
dem ersten Teil. Nicht nur, dass
sämtliche Rätsel und Dialoge strikt
linear ausfallen, gibt es auch noch
ein unnötiges Hilfestellungssystem,
das möglichen Restkniffelspaß im
Keim erstickt [unsere Empfehlung
demnach: die Spielhilfe
abschalten!]. Pro Episode gibt es
nur wenige interessante Rätsel,
wobei man sich wundern darf, wo der
Einfallsreichtum und die
stellenweise denkwürdigen Passagen
der "Sam & Max" Reihe geblieben
sind.
Hinzu kommen Unzulänglichkeiten in
der Bedienung, die anno 2011 nicht
mehr akzeptabel sein dürfen. Die
Steuerung aus Tastatur/Maus fällt
außerordentlich ungenau und hakelig
aus, was auch noch dadurch
verschlimmert wird, dass
ungeschickte Kameraperspektiven
regelmäßig die Übersicht nehmen:
nicht nur, dass man nicht immer
vernünftig klicken kann, manchmal
sieht man nicht einmal, wo hin man
denn klicken soll. Ebenso nutzlos:
ein (eben nicht) "intelligenter"
Mauszeiger-Modus, der oftmals völlig
falsche Positionen angibt. Weitere
Einschränkungen finden sich in den
ohnehin schon kleinen Schauplätzen
der Spielwelt: in diesen stößt man
auf unsichtbare Barrieren, die das
Spielfeld noch kleiner wirken lassen
und das Hineinfinden in die Story
erschweren. Ähnlich umständlich ist
das Inventar-System: sucht man nach
einem Verwendungszweck, darf man ein
Objekt immer und immer wieder
hervorkramen, anstatt es mehrfach
ausprobieren zu können. Da man
Gegenstände nicht miteinander
kombinieren kann, fallen weitere
Rätsel- und Kommentarmöglichkeiten
somit weg. Weitere Mängel finden
sich im Dialogsystem - so kam es bei
uns unter anderem vor, dass wir uns
1931 zum Spaß als "Miami Vice"-Cop
Sonny Crockett ausgegeben hatten,
fortan aber als "Pate" Michael
Corleone angesprochen wurden (=?).
Insgesamt wirkt ein Großteil der
Spielmechanik schlicht und
ergreifend unausgereift, beinahe
schon schlampig programmiert, was
durchaus verärgert, weiß man um die
Qualitäten der Filme, und viel mehr,
der vorherigen Telltale Spiele,
Bescheid. "Citizen Brown" ist
deutlicher von informativen,
interessanten Dialogen geprägt. Was
der Story zu Gute kommt und dem
Spieler sogar einen
Gänsehaut-Abschnitt beschert, geht
negativ zu Lasten der Rätseldichte.
In Episode 4 „Double Visions“, ist
das Spiel wieder ausgeglichener
gestaltet, diesmal ist sogar die
Qualität der Rätsel durchaus
annehmbar. Die abschließende fünfte
Episode fällt leider wieder zu sehr
ins alte Raster zurück.
Grafik und Sound
Technisch läuft "Back to the
Future" (so der Originaltitel des
Spiels) eher nach dem Motto Back to
the Past, denn es gibt bereits seit
geraumer Zeit Vertreter, die selbst
für das meistens vernachlässigte
Genre deutlich besser aussehen (wer
in der Vergangenheit andere
Telltale-Abenteuer gespielt hat,
kennt das Manko bereits). Anders als
bei "Sam & Max" oder "Monkey Island"
kann man hier auch nicht so
einfach auf die bewährte, knetige
Comicgrafik setzen, sondern hat hier
reale Schauspieler zum Vorbild zu
nehmen, deren Fans es vor allen
Dingen auf einen gewissen
Wiedererkennungswert ankommt. Im
vorliegenden Fall schafft man diesen
durch technisch schwach umgesetzte,
aber detailverliebte Schauplätze,
comicartige Proportionen und
Gesichtern mit individueller Mimik
(die an Augsburger Puppenkiste
erinnern), die tatsächlich nah an
das heran kommen, was man sich bei
dieser Vorlage erwartet. Einen
Vorteil hat die altbackene Grafik ja
auch: selbst auf älteren Rechnern
läuft so alles flüssig.
Glücklicherweise trifft der hörbare
Tenor den der inhaltlichen Qualität.
Die Soundeffekte passen (bis auf
wenige Ausnahmen, in denen sie
schlicht und ergreifend fehlen -
auch hier, schlampig programmiert)
und es wird passgenaue Musik
eingestreut. Besonders die Themes
stellen ohne Zweifel ein
hörenswertes Sahnehäubschen auf die
gelungene Atmosphäre dar, denn erst
mit diesen fühlt man sich "wie im
Film". Nicht zu unterschätzen bei
einem solch beliebten Lizenzspiel
ist die Sprachausgabe, denn Fans
legen großen Wert auf eine
professionelle Vertonung, möglichst
mit den Originalsprechern. Ersteres
trifft uneingeschränkt für die
englische Sprachausgabe zu, wobei
die deutsche Bearbeitung u.a. wegen
immer wieder abgehackter
Dialogzeilen und dadurch nicht
selten aufkommender Logiklöcher im
Vergleich etwas abfällt. Hierbei
entstehen dann nicht selten absolut
sinnfreie Dialoge, z.B. der
Austausch: „Du musst mitkommen!“ –
„Was soll das heißen, ich bin in
Gefahr?“ Was die Verpflichtung von
Originalsprechern anbelangt,
herrscht beim ersten Hinhören erst
mal Ernüchterung, denn außer
Christopher Lloyd in seiner
Paraderolle als Doc Emmet Brown hat
sich anfangs keiner der bekannten
Originalfilmschauspieler zur
Verfügung gestellt. (Wer übrigens
Christopher Lloyd einmal in einem
Videospiel selbst spielen möchte,
dem sei an dieser Stelle das Pont & Click Adventure "Toonstruck" aus dem
Jahre 1996 ans Herz gelegt).
In der dritten Episode gesellt sich
Claudia Wells in ihrer Paraderolle
als Jennifer Parker hinzu, die sie
bereits im ersten Film verkörperte
(deutsche Stimme: Nicole Hannak).
Für die abschließende Episode dürfte
dann für Fans ein Traum zur
Wirklichkeit werden: Michael J. Fox
spricht hier zwar nicht seine
einstige Paraderolle, sondern einen
Vorfahren der McFly-Familie.Vielmehr setzt sich der Großteil der
Synchronarbeiter aus Leuten
zusammen, die bereits in mehreren Telltale-Produktionen ihre Stimmen
zur Verfügung stellten, darunter
jedoch auch ein paar gute alte
Bekannte. Die englische Stimme von
Biff Tannen heißt Kid Beyond, hat
auch bei "American McGee´s Alice"
den verrückten Hutmacher gesprochen.
Sein deutschsprachiges Pendant
dürften dagegen mehr Fans hier in
Deutschland kennen, denn Jaron
Löwenberg hat u.a. dem Schauspieler
Adrian Brody in Peter Jackson´s
"King Kong" zu einer gelungenen
Synchronisation verholfen. Auch
nicht zu vergessen dürfte Cathleen
Galwich sein, die deutsche Stimme
des texanischen
Unterwasser-Eichhörnchens Sandy
Cheeks aus der Zeichentrickserie "Spongebob
Schwammkopf. Im englischen Ton
hörenswert ist A.J. Locascio als
Marty McFly, der den erkrankten Fox
hervorragend ersetzt. In der
deutschen Version leiht ihm der
erfahrene Dirk Stollberg seine
Stimme.
Multiplayer und Spielumfang
Das Spiel hat keinen
Multiplayer-Modus. Die ersten beiden
Episoden schlagen mit drei Stunden
Spielzeit zu Buche, während der
Staffel-Mittelteil mit zwei
Spielstunden schon etwas abfällt.
Überspringt man hier gar die
einnehmenden Dialoge, fällt die
Spielzeit sogar noch wesentlich
kürzer aus. Insgesamt pendelt sich
die Gesamtspielzeit je nach
Schwierigkeitsgrad und
eigener Erfahrung bei etwa 12 bis 15
Stunden ein.
Fazit:
Als Filmfan erlebt man eine
inhaltlich lockere Fortsetzung der
gelungenen Film-Trilogie, die
stellenweise mit seinen
Beziehungskisten aber auch auf dem
schmalen Grat zur Daily Soap
wandelt. Leider schmälern auch
technische Unzulänglichkeiten die
Präsentation enorm: Wo
man noch bei der Grafik ein Auge
zudrücken kann, stören besonders die
hakelige Steuerung und abgehakte
deutsche Dialoge. Und was ist mit
den Adventure-Spielern? Die werden
auf ganzer Linie enttäuscht sein,
denn Telltale ist normalerweise
Garant für Genre-Vertreter mit
Spielwitz sowie guten Rätseln, was
bei Back to the Future fast komplett
auf der Strecke bleibt.
88mph /
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