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Kritik:
Ziemlich beste Freunde


von Christian Mester

INTOUCHABLES
Regie: Olivier Nakache, Éric Toledano
Cast: Francois Cluzet, Omar Sy

Story:
Zahlreiche Experten und Studierte bewerben sich als Pfleger beim querschnittsgelähmten Philippe (Francois Cluzet), doch der stille Millionär entscheidet sich für den Arbeitslosen Driss (Omar Sy). Der eigentlich nur einen Wunsch hat, einen Wisch für das Arbeitsamt unterschrieben zu bekommen, der nachweist, dass er sich zeitweise ehrlich um Arbeit bemüht hat. Philippe mag die dreiste, verspielte, aber auch mitleidslose Art - und die Zwei werden ruckzuck zu guten, aber ungleichen Freunden...

Kritik:
Über 18 Millionen Franzosen sahen Ziemlich beste Freunde, und auch in Deutschland sind es zum Zeitpunkt dieser Kritik schon rund 4 Millionen. Ein bemerkenswerter Event-Film demnach, der wie kaum ein anderer zu begeistern weiß. Weiß er das?

Zugegeben, die Prämisse liest sich schmalzig und schmal - und das ist sie auch. Mehr als eine unkonventionelle Freundschaft, die sich jeweils als Fisch-aus-dem-Wasser in neuen, für sie zunächst ungemütlichen Situationen beweisen müssen, plus obligatorischer Tränendrückerszene, gibt es nicht. Aber das langt in diesem Fall, da die Regisseure Nakache und Toledano mit ihrem Volltreffer gleich dreimal ins Schwarze treffen. Da wäre ihr wundervolles Drehbuch, das eine abgedroschene 0815 Story frisch erzählt und immer und immer wieder für viele, herzliche Lacher sorgt. Trotz vieler ernster Momente und gehörigem Respekt vor Lähmung ist der Film ein Gute-Laune-Film geworden, der Mut macht, Spaß macht und bestätigt, dass Leben geschätzt werden darf, ohne melodramatisch zu werden oder in Kitsch zu verfallen.

Natürlich sind es auch die beiden Hauptdarsteller, die mitreißen und den Film zum Highlight machen. Omar Sy spielt den ebenso frechen wie unermüdlichen Driss, eine schwierige Rolle, die schnell zu aufdringlich, zu unglaubhaft, oder zu irritierend hätte werden können, in seinen Händen aber komplex ausfällt. Was in einer durchschnittlichen Sandler-Komödie zur einsilbigen Effektfigur verkäme, bekommt hier mehrere Ecken und Kanten, stillere Momente und eine subtile Erklärung, wieso er so ist, wie er ist, und wieso er so agiert, wie er agiert. Sy meistert es mit Bravour und ist mit seinem Antrieb und Grinsen so magnetisierend, dass man von Star-Qualitäten sprechen mag. Francois Cluzet mag wie Dustin Hoffmans aufgefundener Zwillingsbruder aussehen, spielt aber ähnlich gut wie jener zu seinen besten Zeiten. Er bekommt den Gegenpol, den verschlossenen Kanarienvogel, der mit gebrochenen Flügeln in seinem Goldkäfig sitzt und sich schwarz ärgert, dass er sich nicht einmal selbst erlösen kann. Insgeheim steckt aber doch ein Optimist in seiner melancholischen Figur, die Driss nach und nach hervorholen darf. Für die Figur Philippe bedeutet das, dass Driss seinen Rollstuhl tunt, ihm Joints und Prostituierte ins Haus holt und gnadenlos pult und nachhakt, was seine heimliche Wünsche sind. Auch gibt es leisere Momente, doch man vermeidet es bewusst, den Film zum beinharten Taschentuchkiller zu machen.

Mit seiner mitreißend dreisten Art und gelegentlich bewegenden Momenten bietet Ziemlich beste Freunde gemischte, amüsante und berührende ersten 80 Minuten, die so gut, so nahtlos ausfallen, dass man bis dahin von einem neuen Klassiker sprechen könnte. Könnte.

Leider gibt es Macken und Mäkel, die ihn knapp davor bewahren, ein solcher ziemlich bester Film zu sein. Regie und Musikwahl sind es nicht, die sind vortrefflich, doch während Philippe eine sehr niedliche kleine Nebenstory erhält, zieht es Driss zeitweise zurück in sein Vorstadtviertel, zu seiner von ihm verfremdeten Familie und Straßenfreunden. Da liegen die größten Schwächen, denn Szenen, Familienverbindungen, -verpflichtungen, -vergangenheiten werden unzureichend angerissen und bleiben farblos. Einen ganzen Punkt kostet ihm derweil sein letztes Viertel, in dem sich die Filmemacher plötzlich gezwungen fühlen, die typische Drei-Akt-Form eines Hollywood-Films zu erfüllen. Was das heißt? Mitten im Geschehen gibt es auf einmal nach Drehbuch-Regelvorschrift einen Konflikt, der aber im Filmfluss störend wirkt, unnötig ist und dann auch noch nur schwach aufgelöst wird. Kurzab schafft er es noch so gerade, für das Ende wieder in die richtigen Puschen zu schlüpfen, doch das Straucheln ist nicht zu übersehen.


Fazit:
Herzerwärmend, ungemein amüsant, schön gefilmt, toll gespielt. Sollte man gesehen haben.

8 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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