BG Kritik:

Zwei Tage, Eine Nacht


von Christian Westhus

Deux Jours, Une Nuit (Belgien, Frankreich, Italien 2014)
Regisseur: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Cast: Marion Cotillard, Fabrizio Rongione, Catherine Salée u.a.

Story:
Sandra, eine junge Mutter zweier Kinder, droht ihren Job zu verlieren. Um Geld zu sparen soll sie entlassen werden, doch ihre Kollegen haben in einer Abstimmung die Wahl, ihr den Job zu erhalten. Dafür müssen sie alle jedoch auf eine lukrative Zusatzzahlung verzichten. Sandra, die nach einem Kampf gegen die Depression wieder versucht auf die Beine zu kommen, hat ein Wochenende Zeit, um ihre Kollegen zu beten, sich für Sandras Job und gegen den eigenen Gehaltsbonus zu entscheiden.

Die Wirtschaftskrise und die Folgen. Geld und ein fester Arbeitsplatz, der für regelmäßigen Verdienst sorgt, werden mehr denn ja zu existenziellen Eckpfeilern des Lebens. Der neue Film der zweifachen Goldene Palme Gewinner Jean-Pierre und Luc Dardenne spielt ein perfides Spiel mit gesellschaftlicher Moral und individueller Not, wenn Geld mit dem Arbeitsplatz anderer Leute aufgewogen wird.

Die Dardenne Brüder wurden von authentischen Fällen in Frankreich, Belgien, Italien und den USA inspiriert.


Das belgische Regie-Duo hat sich seit Ende der 90er als Dauergast in Cannes eingebucht, zu Führungspersönlichkeiten des europäischen Films entwickelt und als Perfektionisten eines neuen alten realistischen Sozialkinos etabliert. Mit Marion Cotillard haben die Brüder erstmalig einen echten Weltstar in einer Hauptrolle. Die Oscarpreisträgerin, Star u.a. aus Christopher Nolans „Inception“, ist eigentlich Französin und taucht hier in den souveränen Händen der Dardennes in die Rolle einer belgischen Ehefrau, Mutter und Arbeiterin unter. Cotillard funktioniert regelmäßig besser in ihrer französischen Muttersprache, als in englischsprachigen Filmen. Der belgische Akzent scheint für sie jedoch ebenfalls kein besonders großes Hindernis zu sein, denn als um ihren Arbeitsplatz kämpfende Sandra spielt Cotillard eine ihrer besten Rollen.

Das Kino der Dardennes ist in der Regel nicht für große, melodramatisch-ausdrucksstarke Schauspielerei bekannt. Die Dardennes sind Beobachter, die kaum spürbar die Strippen ziehen in einer nahezu vollständig realistisch präsentierten Welt. Natürlich ist jeder Schnitt, jede Art von Kameraperspektive ein Akt der Dramatisierung, doch die Brüder dramatisieren leise, langsam und dennoch ungeheuer effektiv. Spätestens seit ihrem Meisterwerk „Der Sohn“ stehen sie für fein beobachtete kleine Quasi-Thriller des Alltags, mal mehr und mal weniger manipuliert. So verkauft in „Das Kind“ ein junger Vater aus Geldnot sein neugeborenes Kind und muss es für seine Freundin zurückholen. In „Der Junge mit dem Fahrrad“ rebelliert ein Junge gegen den eigenen Vater, der keine Zeit für ihn hat, und gerät dabei an möglicherweise falsche Freunde. „Zwei Tage, Eine Nacht“ ist auch so eine Zuspitzung sozialer Einflüsse, die die Hauptfigur durchzustehen oder aufzulösen hat. Nur sieht man die Strippen der Puppenspieler dieses Mal etwas deutlicher, als man das gewohnt ist.

Marion Cotillard ist Französin und musste für den Film einen belgischen Akzent imitieren.


Inspiriert von vergleichbaren Fällen aus dem Umland werden wir in Minute Eins mitten rein ins Geschehen geworfen. An ihrem Arbeitsplatz – sicherlich nicht zufällig eine Firma für Solaranlagen – hatten Sandras Kollegen die Wahl, Sandras Arbeitsplatz zu retten oder den individuellen finanziellen Bonus zu erhalten. Beides sei nicht möglich, so die sparsame Logik des Chefs. Sandra und eine Freundin erreichen, dass am Montag eine neue Abstimmung stattfindet. Das Wochenende bleibt ihr, um die Hälfte der 16 Kollegen zu überzeugen, auf Geld zu verzichten, damit Sandra ihren Job behalten kann. Es ist ein vielsagend fieses und sofort immens spannendes Konzept, doch es wirkt auch zu einem Extrem konstruiert. Mehr als sonst wirkt die Reise einer Dardenne Hauptfigur wie eine Parabel, wie ein Symbol, nicht wie ein realistischer Kampf gegen die Tücken und Widerstände des Alltags. Die Faszination bleibt und die Abstraktion nimmt nicht Überhand, doch am Ende fehlt etwas, um „Zwei Tage, Eine Nacht“ ganz auf einer Höhe mit den besten Filmen der Brüder zu setzen.

Es ist leicht zu sehen, wie ein Hollywood Film mit gleicher Ausgangssituation anders und reißerischer, aber vielleicht nicht weniger faszinierend ausfallen könnte. Konflikte bei den Gesprächen, die Offenbarung bei der Abstimmung, mögliche Kurz-vor-Schluss Stimmungsumschwünge und dergleichen wären zweifellos zumutbare Elemente. Doch die Dardenne Brüder operieren anders. Sandra kommt nach einem auslaugenden Kampf gegen die Depression langsam wieder auf die Beine und will zurück ins Leben, als ihr durch die zermürbende Arbeitssituation wieder der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Für den Chef ist die Krankheit einer der Hauptgründe, warum Sandra gehen soll. Auch zeigte sich in ihrer Abwesenheit, dass man sie mit ein paar Überstunden der Kollegen kompensieren, ergo wegrationieren kann. Jede Begegnung mit einem Kollegen nagt an Sandras Psyche, an ihrem Stolz und an ihrer spröden Hoffnung. Sie wehrt sich gegen Mitleid, weiß sie doch, dass einem Großteil der Kollegen – zumeist Menschen mit Migrationshintergrund und eigenen instabilen Lebenssituationen – der Finanzbonus zusteht und wichtig ist. Warum sollten sie sich um die vermeintliche Gerechtigkeit in Sandras Anstellung scheren? Vom Ehemann wahlweise ermuntert und gedrängt geht Sandra die Stationen ab, erhält Einblicke und lernt viele ihrer Kollegen erst richtig kennen, beeinflusst diese aber auch. Es ist der Erkenntnisgewinn am Ende, der die Dardenne Brüder von Hollywood unterscheidet, der ihr stille Eleganz und Effizienz auszeichnet.

Fazit:

Wie gewohnt verstehen es die Gebrüder Dardenne meisterhaft, spannende und diskussionswürdige Szenarios aus dem realistischen Sozialalltag einfacher Menschen zu erzeugen. Obgleich die Konstruktion offensichtlicher erscheint, als in anderen Filmen der Brüder, packt der Film und fasziniert, getragen von einer wunderbaren Marion Cotillard.

7,5 / 10

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