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Kritik von Tobias Hohmann

>Lesen: Interview mit Regisseur Jamie Blanks


LONG WEEKEND
(2010)
Regie: Jamie Blanks
Cast: James Caviezel, Claudia Karvan

Story:
Das Ehepaar Peter und Carla wollen ein idyllisches Wochenende an einem abgelegenen einsamen Strand verbringen. Doch die Großstädter nehmen kaum Rücksicht auf ihre Umgebung. Ohne Respekt für die Umwelt werfen sie ihren Müll achtlos weg, fällen Bäume und schießen aus Spaß auf wilde Tiere. Beim Schwimmen im Meer sieht Peter plötzlich unter der Wasseroberfläche den dunklen Schatten eines großen Tieres auf sich zukommen und kann sich gerade noch an Land retten. Doch auch der Angriff eines Adlers und weiterer wilder Tiere trüben das Camping-Glück. Als Peter kurz darauf die Leichen anderer Camper findet, versucht er sofort mit Carla aus der Wildnis zu flüchten. Doch Mutter Natur hat ganz andere Pläne und es beginnt der schier aussichtslose Kampf ums nackte Überleben....

Kritik:
Jamie Blanks Remake des gleichnamigen Originals aus dem Jahre 1978 überrascht durch eine zurückhaltende, atmosphärische Inszenierung, zwei hervorragende Darsteller, einer grandiosen Kulisse und der Tatsache, dass „Long Weekend“ ganz bewusst am derzeitigen Horror-Mainstream-Publikum vorbei produziert wurde.
Nicht viele werden das Original von Colin Egglestone kennen, trotzdem ist sein Beitrag ein kleiner Geheimtipp im recht übersichtlichen Subgenre des Öko-Horrorfilms. Daher wird es auch kaum einen stören, dass sich Blanks und sein Drehbuchautor Everett De Roche, der auch schon für das Original die Vorlage lieferte, weder inhaltlich noch optisch kaum von der Vorlage unterscheiden; allenfalls minimale Anpassungen wurden vorgenommen. Überraschender ist jedoch, dass es dem Remake gelingt, die bedrohliche, intensive Atmosphäre mit den gleichen Stilmitteln zu erzeugen, deren man sich auch schon vor 30 Jahren bediente. Wer aufgrund der Inhaltsangabe einen Tierhorror- oder Survivalfilm erwartet, wird schwer enttäuscht sein, denn „Long weekend“ ist im Grunde ein Zwei-Personen-Theaterstück unter freiem Himmel, ein Drama über Liebe, Hass und Entfremdung. Die Geschehnisse um das Paar herum, entwickeln sich parallel zu ihrer eigenen Situation, stehen jedoch nicht im Vordergrund. Man sollte kein übliches „Man vs. nature“ Szenario erwarten, dafür ist das Skript zu vielschichtig und zu clever. Einen wirklichen Angriff von Mutter Natur sieht man nicht ein einziges Mal.

Es ist Blanks nicht hoch genug anzurechnen, dass er auf den derzeitigen Geschmack des Horrorpublikums gepflegt pfeift: Es wäre leicht gewesen, aus dem Stoff einen actionreichen, massentauglichen Öko-Survival Film zu machen, doch so leicht wird es dem Zuschauer nicht gemacht. Die Hauptcharaktere Peter und Carla sind alles andere als Sympathiefiguren, ihre Ehe steht vor dem Aus und ihre gemeinsamen Dialoge am Anfang des Films sind so giftig und gut geschrieben, dass jegliche Identifikation bewusst vermieden wird. Das man trotzdem mit diesen schwierigen Figuren mitfiebert, ist ein Verdienst der beiden exzellenten Schauspieler. Insbesondere James Caviezel, den meisten vermutlich aus „Die Passion Christi“ bekannt, liefert hier eine hervorragende Performance als arroganter Machoyuppie ab und schafft es im Laufe der Handlung trotzdem, dass der Zuschauer – fast schon widerwillig – auf seiner Seite steht. Aber auch Klaudia Karvan ist eine perfekte Besetzung, und meistert die nicht geringen Anforderungen ihrer Rolle hervorragend, ihr Zusammenspiel mit Caviezel ist exzellent. Schüren Blanks und De Roche durch vage Andeutungen, einer hervorragenden Soundkulisse und dem - zwar nur im Hintergrund wahrnehmbaren, aber ungemein effektiven - Score in den ersten 60-70 Minuten eine bedrohliche Atmosphäre, kippt der Film dann plötzlich und überraschend um. Aus dem bisherigen Drama mit Horrorelementen, bei dem das Grauen sehr präsent unter der Oberfläche schlummerte, entsteht ein verwirrender, jedoch ungemein packender Mystery Film, der in seinen besten Momenten sogar surrealistische Züge annimmt. Im letzten Drittel greift Blanks dann auch auf einige, wenige Schockmomente zurück, die zwar so gut gemacht sind, dass sie ihren Zweck erfüllen, jedoch insgesamt eher unnötig eingefügt wirken. Die unheimlichsten und prägendsten Szenen brauchen diese „Buh“ Effekte nicht: So wird man eine Sehkuh nach „Long Weekend“ wohl mit anderen Augen sehen. Dazu nutzt Blanks die beeindruckende Kulisse des australischen Festlands wunderbar aus, ohne es zu übertreiben – alles wirkt düster, bedrohlich, und das, obwohl „Long weekend“ überwiegend tagsüber spielt. Das spricht für das Skript und für die Arbeit des Regisseurs.

Aber natürlich hat „Long weekend“ auch Macken, die den endgültigen Eindruck nach unten ziehen. So kann es sich Blanks nicht verkneifen, seine Protagonisten wie die Axt im Walde agieren zu lassen. Insbesondere Peter wirkt mitunter arg überzeichnet, wenn er mit seinem Gewehr in der Gegend rumballert und wandelt mitunter arg an der Grenze zur Machokarrikatur. Es ist in diesen Momenten Caviezel zu verdanken, dass er seinen Charakter auf Kurs hält. Die Subtilität, die Blanks bei der zunehmend düster werdenden Atmosphäre, an den Tag legte, wünscht man sich auch in diesen Momenten. Und ob man Peter wirklich noch diese, eigentlich bedeutungslose, Nebenstory am Ende des Films als plakative Erklärung für die Geschehnisse aufs Auge drücken muss, ist zumindest fraglich. Auch eine kürzere Laufzeit hätte dem Film gut zu Gesicht gestanden; so ist die eine oder andere Länge nicht von der Hand zu weisen. Allerdings entschädigt dafür dann ein splattriger, sarkastischer Schockmoment am Ende des Films, der eigentlich so gar nicht zum Rest des Films passen will, aber trotzdem nicht deplaziert wirkt. Manchmal reicht schon ein kleiner Vogel um das Gleichgewicht wieder herzustellen.

Fazit:
Donnerwetter! Das hätte man Jamie Blanks nach dem eher misslungenen „Storm Warning“ gar nicht zugetraut. Ein ruhiges, überwiegend subtiles, mitunter sogar surreales Mysterydrama mit zwei hervorragenden Schauspielern. Wer Schockmomente und Action sucht, ist hier an der falschen Adresse. Doch wer etwas Geduld mitbringt, und gerne mal Sachen abseits des klassischen Mainstreams sieht, ist hier gut aufgehoben. Bis auf wenige Schnitzer gelang Blanks mit „Long weekend“ eine ambitionierte Parabel, die beweist, dass man wirklich sehenswerte und frische Horrorfilmideen derzeit eher auf DVD als im Kino findet. Sehens- und lobenswert, aber sicher nicht für jeden etwas.

7 / 10

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