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Kritik:
So viele Jahre liebe ich dich


von Christian Westhus

Il y a longtemps que je t'aime
(2008)
Regie: Philippe Claudet
Darsteller: Kristin Scott Thomas

Story:
Julia (Kristin Scott Thomas) war 15 Jahre im Gefängnis... 15 Jahre, die sie kalt und bitter gemacht haben. Mit Hilfe ihrer Schwester Lea versucht sie, zurück ins Leben zu finden....

Kritik:
Philippe Claudel ist eigentlich Romanautor und bringt mit „So viele Jahre liebe ich dich“ seinen ersten Kinofilm heraus. Ein Romanautor, der von sich selbst sagt, zu visuell, wie ein Cineast zu schreiben und wie ein Romanautor Filme zu drehen, inszeniert die Geschichte der verschlossenen Rückkehrerin Juliette als sensiblen, feinfühligen und streng durchdachten Autorenfilm.

Dass Juliette im Gefängnis war, ist ziemlich schnell klar. Auch dass es Mord war, erfahren wir recht früh und durchaus ansprechend, ohne zu stark erklärende Sätze. Was fehlt, sind die Fragen nach dem „Wen?“ und dem „Warum?“, die lange herausgezögert werden. Als das erschreckende „Wen“ schließlich beantwortet wird, beschäftigt und beunruhigt es eine Weile, doch letztendlich ist die Frage nach der Begründung die entscheidende, die wichtige. Die Auflösung selbst könnte eleganter kommen, aber wir sind hier ja nicht in einem Krimi, sondern in einem europäischen Drama. Was zählt sind die Figuren, ihre Emotionen und ihre Plausibilität. Und hier punktet der Film.

Nach 15 einsamen Jahren im Gefängnis, kann Juliette ihre Zelle nicht so einfach hinter sich lassen und gibt sich schweigsam-unterkühlt. Plötzlich wieder unter Menschen und im belebten Haus ihrer Schwester Léa, die sich zwischen Distanz, Fürsorge und Glücksgefühlen ihre Schwester wieder zu haben, lange Zeit nicht wirklich entscheiden kann, wird Juliette mit ihrem alten Leben und den Reaktionen nach ihrer Verhaftung konfrontiert, ebenso, wie sie sich immer wieder mit der Tat selbst auseinandersetzen muss. Das Leben entwickelt sich selbst zum kleinen Gefängnis, aus dem es auszubrechen gilt. Ein Job, eine eigene Wohnung, Sex, die Möglichkeit von Liebe und die Annäherung an ihre Schwester lassen sich nur schwer erreichen und mit der Tat in Einklang bringen, auch weil Léa ebenfalls die Frage nach dem „Warum“ beschäftigt.

Dieser faszinierende und höchst sensibel geschriebene Weg, heraus aus der eigenen Enge, weg von der Schuld, zurück ins Leben, blüht in den Darstellungen von Kristin Scott-Thomas und Elsa Zylberstein stark auf. Höchst realistisch, mit kleinen Gesten, tollen Dialogen und auch mal Stille, Momente, die von Blicken und kleinen Tätigkeiten beherrscht werden, bringen diese Figuren ins Leben zurück. Nebenfiguren, wie Léas Mann, der Großvater oder die Kinder, die in der deutschen Synchro leider etwas nervig und altklug wirken, kreieren einen wunderbar nachvollziehbaren Kreis aus Personen, Geschichten und Emotionen, aus dem sich immer wieder Hoffnung und große Warmherzigkeit entwickelt.

Das emotionale Wechselspiel ist dabei oft gleichermaßen simpel, wie effektiv. Manche Szenen wirken so einfach und berühren doch kraftvoll, mit einer Wärme und Menschlichkeit, die Hoffnung gibt, trotz eines tonnenschweren Problems, trotz Leid. Da braucht sich Kristin Scott-Thomas nur zum schlafenden Kind ihrer Schwester herunterzubeugen, es küssen, während Léa im Hintergrund erscheint. Und eine geschickt montierte, kurze Sequenz eines Familienfestes, bringt selbst in den dunkelsten Kinosaal ein Stück Lebensfreude. Als Juliette auf die drängenden Fragen eines Bekannten, wo sie denn die letzten 15 Jahre war, mit der Wahrheit herausrückt und am ganzen Tisch herzhaft über den vermeintlichen Witz gelacht wird, spürt man die ganze halb-bittere, halb-optimistische Bandbreite dieses Films.

Es bleibt ein schwerer, ein bedrückender Film, aber einer mit einer realistisch-optimistischen Botschaft, ein Film mit Hoffnung. Und das zieht er, auch wenn sich die Rührseligkeit in den letzten Minuten etwas häuft, mit einer gekonnt beherrschten, präzisen und nüchternen Art und Weise durch. Ein durch und durch europäischer Film, über Frauen, wie Regisseur Claudel selbst sagt, die sich aus eigener Kraft wieder aufrichten und einen Neuanfang starten wollen und mit – in diesem Falle – familiärer Hilfe auch können.

Fazit:
Erstklassiges europäisches Drama. Schwer und doch voller Hoffnung und Menschlichkeit, mit einer simpel erscheinenden, aber ungemein reichhaltigen Geschichte, in der die zwei Hauptdarstellerinnen, insbesondere Kristin Scott-Thomas, grandiose Leistungen abliefern.

7,5 / 10

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