Kritik:
Letztes Jahr in Marienbad
von
Christian Westhus
L’Année dernière
à Marienbad
(1961)
Regie: Alan Resnais
Cast: Delphine Seyrig, Giorgio Albertazzi, Sacha Pitoëff
Story:
Die junge Carole lebt mit ihrer älteren Schwester in
einem kleinen Londoner Apartment. Als die Schwester
mit ihrem Freund für ein paar Tage verreist, muss
Carole allein in der Wohnung verweilen und steigert
sich in beklemmende Angstvisionen hinein.
Kritik:
Alain Resnais,
der Meister der suggestiven Montage, führt den
Zuschauer in ein undurchdringliches Labyrinth aus
Fragmenten und Impressionen. Fast zehn Minuten lang
traumwandeln wir zu Beginn durch das opulent
verzierte Schloss, durch die mit Ornamenten und
Stuck besetzten Flure, vorbei an Türen und in neue
Flure, mit neuem Schmuck und neuen Türen. Der
beschreibende Off-Kommentar wiederholt sich
irgendwann, setzt aus, wird selbst zum Fragment, zu
einem kurzen Eindruck und plötzlich sind wir in
einem artifiziellen Theaterstück und beobachten die
Zuschauer und kurz darauf den Mann, dessen Namen wir
nie erfahren werden. „Letztes Jahr in Marienbad“ ist
ein Konstrukt, ein filmisches Experiment über Liebe
und Zeiterfahrung, und ist ein
hypnotisch-labyrinthischer Rausch, dem man sich kaum
entziehen kann, obwohl er uns meist vollkommen
ratlos zurücklässt. Klare Antworten gibt es nicht,
die Handlung gibt vor, linear zu verlaufen, ist aber
zerstückelt, verwirrt mit springenden Anschlüssen
und besteht eh fast nur aus grandios gefilmten Ecken
des Schlosses und des Parks, in Kombination mit
langen, bisweilen anstrengenden und schwer zu
ergründenden Dialogen.
Durch Resnais gewohnt beeindruckende Inszenierung,
mit gezielten Kamerabewegungen und einem Schnitt,
der immer wieder konsequent gegen jede
Anschlussregel verstößt, wird diese faszinierende
und hypnotische Traumwelt ergründet, quasi losgelöst
von der Zeit. Zeit ist das zentrale Thema des Films,
während die Liebe das Ziel darstellt. Zeit zerteilt
unser Leben in klar definierte Momente und
Augenblicke, in Fakten, wenn es doch eigentlich um
Gefühle gehen müsste. Die Menschen scheinen immer
wieder in ihren Bewegungen zu erstarren, das
Gespräch des Mannes und der Frau springt zwischen
Vergangenheit und Gegenwart, zerstückelt die
Erinnerungen. Ein weiterer Mann, ein Spieler,
scheint mit der Frau zusammen zu sein und besiegt
jede Person bei einem Logikspiel und sämtliche
Schatten im Film wirken beunruhigend oder sind ganz
bewusst irreal. Der Film ist ein Puzzle und gleicht
damit der wirren Architektur des Schlosses. Er ist
artifiziell und manchmal vielleicht etwas zu gewollt
künstlerisch, macht damit eine tiefere emotionale
Involvierung schwer, doch fasziniert und belohnt mit
grandiosen Bildern, toller Symbolik und einer
hypnotischen Atmosphäre, die von der schummerigen
Orgelmusik noch unterstützt wird. Zeit und Raum
zerfließen und wenn man sich Zeit und Willen
mitbringt, könnte man mit dem Film seine Freude
haben.
Fazit:
Artifizielles Experimental-Kunstkino
in erlesenen Bildern. Ein meisterlich geschnittener
und gefilmter Exkurs über Zeit und Liebe. Schwer
zugänglich, irreal, langsam und verwirrend, ohne
klare Antworten zu geben. Wer sich drauf einlässt,
wird mit etwas Arbeit belohnt.
8,5 /
10
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