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Kritik:
Der Mieter


von Christian Westhus

Le Locataire
(1976)
Regie: Roman Polanski
Darsteller: Roman Polanski, Isabelle Adjani

Story:
Der unscheinbare Trelkovsky bewirbt sich um ein kleines Pariser Appartement, dessen Besitzerin nach einem Selbstmordversuch im Krankenhaus liegt. Kurze Zeit später ist die Frau tot, Trelkovsky bezieht ihre Wohnung und sieht sich dem strengen Regiment der Mieter und Vermieter ausgesetzt, die ihn langsam aber sicher in den Wahnsinn treiben.

Kritik:
Nach dem großen Kritikererfolg von „Chinatown“ kehrte Roman Polanski nach Europa zurück und inszenierte recht spontan den dritten Teil der losen Trilogie um Mietshäuser und Nachbarschaften. Polanski adaptierte Roland Topors Roman und begab sich damit auf ähnliches Terrain wie in den anderen beiden Beiträgen der Trilogie: Eine Person taumelt dem Wahnsinn entgegen und die Grenzen zwischen Realität und Einbildung verschwimmen.

Dass sich Trelkovsky Dinge einbildet und sich selbst durch Wahnsinnsfantasien zusetzt, ist in diesem Film jedoch klar zu sehen. Mehrfach erhalten wir Einsicht in beide Seiten dieser Welt. Trelkovskys schleichender Irrsinn und das reale Äußere, welches ihm zusetzt. Die interessante und entscheidende Frage ist in diesem Film, wie viel wirklich Einbildung ist und wie sehr Trelkovsky in den Wahnsinn getrieben wird. Damit ist dieser Film näher an „Rosemary’s Baby“ als an „Repulsion“.

Polanski spielt die Hauptfigur selbst und gibt einen ruhigen, offenkundig leicht beeinflussbaren und nicht sehr selbstsicheren Mann, der selten wirklich wahrgenommen wird. Dennoch ist er beim Gespräch mit dem grantigen Vermieter entschlossen. Das Verhalten der Personen kippt mal in die eine, mal in die andere Richtung, auch bei den Nebenfiguren. Nach dem bizarren Vorfall im Krankenhaus, als er die noch lebende Vormieterin besucht und deren Freundin trifft, schleppt Trelkovsky schon ein großes Unbehagen mit sich, welches spätestens in der tollen Kirchenszene nicht mehr von der Hand zu weisen ist. Diese Angst und Verunsicherung verträgt sich überhaupt nicht mit dem peniblen Drang der anderen Mieter auf Ruhe.

Trelkovsky eckt an, obwohl er nichts getan hat, lässt sich manipulieren und es scheint, als wolle man mit ihm das machen, was auch seine Vormieterin in den Selbstmord getrieben hat. Die Persönlichkeitsfragen, die der Film aufwirft, machen einen Großteil der Faszination aus. Trelkovskys existentialistischer Monolog, den er im betrunkenen Zustand – der ebenfalls undurchschaubaren – Isabelle Adjani vorträgt, bringt es auf den Punkt. Trelkovsky übernimmt die Rolle der Vormieterin und Polanski inszeniert es clever, aber auch schräg.

Einige Ideen oder Szenen wirken doch eher grotesk als spannend und ein wenig galliger Humor schwingt immer mit, besonders wenn Trelkovskys Wahnsinn nicht mehr zu leugnen ist. Dennoch ist die Verschwörung im Haus nicht zu leugnen und zunächst überwiegt das Mysteriöse. Vom Fenster aus sind Personen in einem Zimmer zu sehen, die stundenlang auf der Stelle verharren, ein bizarrer Fund hinterm Schrank gibt Rätsel auf und selbst wenn Trelkovsky auswärts übernachtete, beschweren sich die Anwohner über den Lärm.

Das schwache, sich selbst kaum verstehende Individuum prallt auf das starke, nach festen Regeln funktionierende Kollektiv. „Der Mieter“ ist mehr Psychodrama als Horror, doch die wunderbare Kameraarbeit, vom ehemaligen Bergman-Filmer Sven Nykvist, liefert dennoch wieder ungewöhnliche Perspektiven und spielt ebenso geschickt mit der verschwimmenden Linie zwischen real und irreal. Die Optik und gute, wenn auch nicht hochkarätige, Darstellungen peppen das manchmal etwas träge Drehbuch auf. So ist auch „Der Mieter“ ein wunderbar konstruiertes Werk das immer wieder Neues bietet. Wohl der schwächste der drei Mieter-Filme, aber dennoch gut.

Fazit:
Roman Polanski schickt erneut seine Hauptfigur in den Wahnsinn. „Der Mieter“ ist ein teils schräger, teils spannender und zumeist faszinierender Film, der nicht immer ganz ausgewogen erscheint, aber dennoch fesselt und einfach gekonnt inszeniert ist.

7 / 10

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