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KRITIK:

Novemberkind


von Christian Westhus

Novemberkind (2009)
Regie: Christian Schwochow
Cast: Ulrich Matthes, Anna Maria Mühe

Story:
1980, DDR. Die junge Anne versteckt den gesuchten Juri, der vor der Roten Armee geflohen ist. Die beiden entwickeln eine Liebe zueinander, müssen dann jedoch füreinander kämpfen...

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Kritik:
Da wächst man behütet bei Großeltern im Osten auf, akzeptiert als junge Frau, dass man seine Eltern nie gekannt hat und dann kommt plötzlich ein Fremder daher, den man wegen seiner halb aufdringlichen, halb faszinierenden Art ein Stück zu nah an sich heran lässt und der einen zu Wahrheiten führt, die man gar nicht hören möchte. Das emotionale Gewicht, das hier ins Rollen gebracht werden kann und größtenteils auch wird, die ambivalente Figur von Ulrich Matthes noch gar nicht mitgezählt, ist schon beachtlich. Es erscheint simpel, aber man wird so einfach, so ruppig aus der Einfachheit des Alltags gerissen, nur indem man ein paar Geschichten aus der Vergangenheit erzählt bekommt, die zufällig Relevanz für einen haben.

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Es ist auch nicht nur die Geschichte über die Vergangenheit, die einen einholt, über Fragen die nach Jahren der Unwissenheit beantwortet werden. Es ist nicht nur die Geschichte eines Mannes, der bei einer Fremden versucht, seine eigenen Schicksalsschläge und seine Flecken der Vergangenheit rein zu waschen. Es ist am Ende auch eine Geschichte darüber, wohin man im Leben will und was man damit anfangen will. Nach außen hin scheint Inga in der ostdeutschen Kleinstadt ja zufrieden zu sein. Zufrieden als bemutternde Bibliothekarin, zufrieden als Pflegerin für Opa, zufrieden mit ihrer besten Freundin und der ganzen oberflächlichen Einfachheit dieses Lebens. Nach den Tagen mit Roland ist nichts mehr wie es scheint und man fragt sich, wie weit es mit der Zufriedenheit im Vorfeld überhaupt war.

Dass diese Bandbreite spürbar ist, verdanken wir Anna Maria Mühe. Sie spielt nicht sensationell, dass einem der Atem stockt, aber gerade der Drang ihrer Gegenwartsfigur kommt gut rüber. An ihrer Leistung gibt es gar keinen Zweifel. Ihr gehört die primäre Handlung und sie kann den Film mühelos (Wortspiel unbeabsichtigt) tragen. Die vielen Rückblenden, in denen Mühe als Ingas verschollene Mutter zu sehen ist, engen sie hingegen ein wenig ein. Auch, weil Regisseur Schwochow diese Szenen mit Farbfiltern und verwackelter Handkamera wohl etwas zu deutlich von der Haupthandlung abgrenzen wollte. Hier passiert auch kaum etwas, was nicht auch durch Dialoge möglich gewesen wäre?  

Ulrich Matthes hingegen macht recht häufig den Eindruck, betrunken zu sein. Meist mit merkwürdigen Lauten überspielt er selbstkarikierend die Lügen seiner Figur, schießt damit jedoch ab und an übers Ziel hinaus. Sein Roland bleibt ziemlich distanziert und schwer durchschaubar. Das ist durchaus gut und sicherlich gewollt, aber wir wissen zu schnell zu viel und kommen dann an die Stelle, wo wir gerne sehen würden, wie mehr aus der Figur und seiner Beziehung zu Inga gemacht wird. Ab und an gibt er ein paar wirklich kluge bzw. gelungene Worte von sich, aber das Potential des Autors, der quasi live sein eigenes Werk voran treibt, scheint nicht vollends ausgereizt.

Schade ist auch, dass „Novemberkind“ sein emotionales Potential nicht vollends ausschöpft. Trotz einiger dramatischer Momente, ja trotz ein paar wirklich guter, emotionaler Szenen, will die Bandbreite von Ingas Leid, will sich dieses Gefühl, eine lebenslange, tiefgreifende Lüge zerbrechen zu sehen, nicht einstellen. Wir haben Mitleid mit Inga, aber ihren Ausbruch bei einem Besuch im Güterbahnhof können wir ebenso nur grob erfassen, wie die Offenheit des Endes. Das Ende wirft dann eh mehr Fragen auf, als für einen gewollt variablen Schluss gut sein dürfte, auch wenn es das oben angesprochene Hauptthema durchaus aufgreift.

Fazit:
Gutes deutsches Drama mit ein paar kleinen Macken. Anna Maria Mühe ist stark, das Drehbuch ist es nur zur Hälfte. Neben einigen tollen, emotionalen Szenen, stehen auch einige verschenkte Momente und letztendlich fehlt noch die letzte, konsequente Tiefe. Insgesamt aber definitiv einen Blick wehrt.

6 / 10
 

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