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Kritik:
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von Christian Westhus

Up
(2009)
Regisseur: Pete Doctor
Cast: -

Story:
Carl Fredricksen ist ein alter Kauz, der nach dem Tod seiner hübschen Frau verbittert ist und sein geliebtes Haus kaum noch verlässt. Als dann eines Tages garstige Makler nach seinem Grundstück trachten und durch einen kleinen Vorfall das Recht dazu bekommen, fasst der Rentner kurzerhand einen irrwitzigen Plan. Da er und seine Frau immer schon davon geträumt hatten, einmal im Leben den Dschungel Südamerikas zu besuchen, bindet er kurzerhand unzählige Luftballons an sein Haus und fliegt dem Altersheim davon.

Allerdings nicht allein, denn mit an Bord ist ein dicker kleiner Pfadfinder namens Russel, der beim Abheben zufällig mit auf der Veranda saß. Zunächst tierisch genervt von dem aufdringlichen Naivling, freunden sich die beiden an, als sie in Südamerika gemeinsam auf allerlei verrückte Figuren stoßen...

Kritik:
„Up“ wurde zunächst als erneutes Wagnis beschrieben, was nach Filmen mit Ratten und Müll-Robotern in den Hauptrollen schon was heißen muss. Die Geschichte eines alten Mannes, der verwitwet und allein in seinem Haus festsitzt und plötzlich beschließt, dem lange gehegten Traum seiner Frau nach zu fliegen, bietet allerhand traurig-sentimentale Momente, die so real und ernsthaft selten ihren Weg in vermeintliche Kinderfilme finden. Wenn dann werden diese Themen als Metaphern gezeigt, doch in der ersten Viertelstunde, wenn wir das Leben von Carl Fredricksen in einer zu Herzen gehenden Montage präsentiert bekommen, sind Themen wie Liebe, Tod, Alter und Einsamkeit überraschend deutlich vor uns ausgebreitet. Es ist vielleicht die beste Sequenz des ganzen Films, obwohl es streng genommen ja nur bekannte Szenen, ja fast Klischees aus dem Alltag und Leben sind. Vielleicht liegt es daran, dass wir solche Bilder in Animationsfilmen nicht erwarten, aber der Wirkung kann man sich einfach nicht entziehen.

Die beiden Pixar-Vorgänger von „Up“ waren jeweils kleine Revolutionen was Animationskunst und Anspruch betraf und so sitzt „Up“ ein wenig zwischen den Stühlen. „Ratatouille“ ist rein technisch wahrscheinlich mit der beste, weil detailreichste und am aufwendigsten wirkende Computer-Animationsfilm der Dekade und „Wall-E“ ist technisch fast gleichwertig und bietet die vielleicht mutigste, weil experimentellste Story der Pixar-Geschichte. Da diese beiden Filmen aber, zumindest in den USA, die „schwächsten“ (überdurchschnittlich erfolgreich waren sie ja alle) Einspielergebnisse der Pixar-Filme aufweisen, nur vor den Frühwerken „Toy Story“ und „Das große Krabbeln“ platziert, dachte man sich scheinbar, dass „Up“ deutlicher ein Familienfilm sein müsste. Das Meisterwerk „Wall-E“ schien besonders Kindern zu artifiziell und schwer greifbar. „Up“ wird, nach der tieftraurigen Exposition und mit der geballten Kraft tausender Ballons, zu einem rasanten Abenteuerfilm und im kunterbunten Haus segeln wir der Tristesse davon.

Das Haus samt Ballons ist quasi eine doppelte Manifestation. Zum einen die der verstorbenen Frau, zum anderen die des Traumes vom Abenteuer in Südamerika. Entsprechend hängt Carl an diesem Haus voller Erinnerungen, spricht mit dem Haus, bzw. mit Ellies Geist (Aura), den er dort zu sehen glaubt. Das ist so geschickt und wirkungsvoll gemacht, dass wir jedes Mal mitfühlen, wenn ein Ballon zerplatzt, wenn Geschirr vom Regal fällt, oder ein Felsen gerammt und Holz zersplittert wird. So wird dann eine dramatische Szene, kurz vor Beginn des letzten Aktes, zum großen emotionalen Schock, zu einem schmerzhaften Stich ins Herz, den wir uns so kaum vorstellen konnten. Da muss man sich dann entscheiden, ob man Melancholie, Trauer und Verdruss mit spaßigem Abenteuer verbinden kann. Hunde mit Piepsstimme, Rentner mit Schwert und noch mehr Hunde in Doppeldeckerflugzeugen sind dann nämlich schon hart an der Grenze zur extremen Comicalbernheit.

Seit Jahren schon unterscheiden sich die Pixar-Werke besonders bei der Handlung von der Animations-Konkurrenz. Ernster, tiefgreifender, abwechslungsreicher und irgendwie origineller sind die Pixars meistens, während z.B. „Dreamworks“ vermehrt auf Humor setzt und damit inzwischen ähnliche Erfolge an der Kinokasse erzielen kann. Der Humor bei „Up“ wird selten platt oder erdrückend, ist jedoch deutlicher im Zentrum. Das Dschungel-Abenteuer bietet Slapstick, wunderbar wortlosen und langsamen Humor und natürlich schräge Nebenfiguren. Ohne die Handlung und die Ernsthaftigkeit je ganz aus den Augen zu verlieren, scheinen manche Szenen und Momente dennoch nur halbgare Humor-Füller zu sein. Das trifft besonders auf die vielen Hundis zu, die zumeist sprechend hinter Klischees herjagen.

Während der schräge Paradiesvogel ein echter Volltreffer ist und der liebe Hund Dug als Einzelfigur so richtig zum Knuddeln ist, verliert es sich dann irgendwann, wenn mit dem Bösewicht ein paar Schwanzwedler zu viel auf der Bildfläche auftauchen. Für einen Moment werden wir fast gezwungen, die Schwermütigkeit abzuschütteln und temporeich über Gesteinsbrocken zu hüpfen, mit dem schwebendem Haus zu flüchten und zu beobachten, wie der grimmige Carl zum sportlichen Helden mutiert. Das macht zweifelsohne Spaß, aber die Kombination mit den immer wieder eingestreuten ernsten Momenten will nicht immer ganz harmonisch gelingen.

Ganz abgesehen davon ist der Bösewicht selbst eher einer von der langweiligen Sorte. Als Charakter sicherlich wieder toll entwickelt, aber Charisma, Bedrohung und Erinnerungsfaktor hat man bei Pixar-Schurken schon besser gesehen. Er wird sehr geschickt schon früh in der Handlung angedeutet und mit ihm gibt sich der ganze Film zunächst ernst und realistisch, mit leisem, bedächtigem Humor, ehe man beschließt – Film und Schurke -, sich doch als Comic zu outen und Logik und Physik bis ans Äußerste zu strapazieren. Was in Animationsfilmen normalerweise kein Problem ist, wirkt hier aufgrund der Einleitung nicht so leicht hinnehmbar.

Das heißt aber nicht, dass man sich permanent dabei ertappen müsste, wie man emotional und stilistisch hin und her gestoßen wird. „Up“ ist trotz dieser unausgewogenen Art ein echter Leckerbissen, der wieder liebevoll gemacht ist. Der Weg zum fintenreichen und immer wieder schön augenzwinkernden Finale ist spannend und abwechslungsreich und die Figuren haben wir eh schon seit einer ganzen Weile ins Herz geschlossen. Das Tempo ist hoch und spannend ist es auch, sodass man sich kaum satt sehen kann. Und weil es Pixar ist, gibt es eben immer wieder diese glaubhaft inszenierten ernsten Szenen, auch wenn sie hier nicht immer ganz perfekt in die restliche Handlung integriert wurden. Dass es sie gibt und dass sie eigentlich auch funktionieren, grenzt „Up“ schon deutlich von der üblichen Animations-Spektakel-Kost ab. Am Ende geht es um Freundschaft, Ehre und Abschied und da ist der Film dann wieder so auf der Höhe, wie in der ergreifenden Anfangsviertelstunde.

Zwar bieten Dschungel und karge Felslandschaften für die Animation nicht so viele Möglichkeiten, wie eine zermüllte Erde, französische Restaurantküchen oder das Meer, aber auch in diesem Film zeigen die Künstler von Pixar wieder, wo animationstechnisch der Hammer hängt. Und wer den Film in 3D zu Gesicht bekommt, wird sich an der tollen Tiefenwirkung und am Detailreichtum begeistern. Statt immer wieder Dinge aus der Leinwand fliegen zu lassen und damit billige Lacher und Erschrecker abzugreifen, nutzt „Up“ 3D als Zusatz für noch mehr optische Brillanz.


Fazit:
„Up“ ist gewohnte Pixar-Qualität, was bedeutet, dass die Handlung Vorrang vor den Gags hat. Nach der grandiosen und ergreifenden Einleitung wird der Film zum tollen Abenteuer, das nicht immer ganz perfekt zum ernsten Rest passen will, aber erstklassig gemacht ist und blendend unterhält. Viele liebenswerte Figuren halten den Humorlevel hoch, das Tempo stimmt und am Ende spürt man wieder, warum man sich auf die Pixar-Leute jederzeit verlassen kann.

9 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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