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Orphan - Die Waise
von Christian
Westhus
Story:
Als Familie Coleman eines Tages die vermeintlich
harmlose Esther (Isabelle Fuhrmann) bei sich
aufnimmt, ahnen sie zunächst nicht, dass mit dem
Kind irgendetwas nicht stimmen mag. Erst nach und
nach finden Kate (Vera Farmiga) und ihre Kinder
heraus, dass Esther ein tödliches Geheimnis
birgt....
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Esther sollte
eigentlich blond sein, doch da Isabelle Fuhrmann
beim Casting überzeugte, änderte man ihr Aussehen |
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Kritik:
Teufelskind Esther. Familie Coleman holt sich
personifizierten Ärger ins Haus, der sich nicht so
schnell abschütteln lässt. Ärger in Kindergestalt
und mit Engelsgesicht. Kommt uns das nicht aus
schätzungsweise 325 verschiedenen Filmen bekannt
vor? Wenn Orphan nicht als schaler und
schnell runter gekurbelter Cash-In-Schund angesehen
werden möchte, braucht es Neuerungen, oder zumindest
Qualitäten irgendeiner Art, die den Film herausragen
lassen aus dem filmischen Kulturgut der „bösen
Kinder“.
Dabei geht es doch ganz ordentlich los. Die
tatsächliche Herkunft der schrillen ersten Szene
kann man zwar schon früh erahnen, doch als
delirierender Angsttrip mit zynischer Note ist das,
für einen Hollywoodfilm, schon recht gelungen.
Überhaupt macht das erste Drittel noch Hoffnung auf
einen wirklich guten Film. Leider, aber leider auch
„natürlich“, kann der Film diesen Level nicht halten
und der Krux liegt – getreu dem Mehrheitsprinzip aus
100 Jahren Filmgeschichte – beim Ende. Bis dahin
lernen wir die Figuren kennen und weil Vera Farmiga
und Peter Sarsgaard tatsächlich gute Schauspieler
sind, gelingt das ziemlich gut.
Zwar befinden wir uns in einem abgesicherten – und
wie üblich abgelegenen – Oberklassehaushalt mit den
üblichen Charakterhintergründen und Traumata, doch
die Figuren sind zunächst glaubwürdig und
sympathisch. Der Besuch im Waisenhaus fällt
erfreulich unkitschig aus und auch wenn Esthers
Freundlichkeit affektiert erscheint, ist dieses
aufgeweckte und kluge Mädchen einfach hinreißend,
was auch an der Darstellerin Isabelle Fuhrman liegt,
die auch insgesamt eine überaus gelungene Leistung
abgibt. Nun kann man darüber streiten, ob es so
sinnig ist, den Kindsverlust mit einer übereilten
Adoption zu kurieren und erst recht lässt sich
darüber streiten, ob es so feinfühlig ist, den
beiden anderen leiblichen Kindern eine
nichtleibliche ältere Schwester mal eben so vor die
Nase zu setzen.
Mit Esthers Ankunft menschelt es ganz schön im Hause
Coleman und die kleine, taubstumme Max reiht sich in
die Riege der gelungenen Figuren ein. Dann geht’s
aber los. Sowohl mit dem Unheil, als auch mit den
Problemen des Films. Natürlich haben die Eltern
schändlicherweise zu sehr Augen für das neue Kind
und Sohnemann schiebt Frust. Natürlich eckt Esther
mit ihrer befremdlichen Art in der Schule an und man
ist geneigt zu behaupten, dass 9-Jährige auf andere
Art gemein sind, als hier dargestellt. Das sind
teilweise schon High-School-Klischees, würde die
Rache nicht auf Spielplätzen erfolgen. Und kurz
nachdem Esther ihrer neuen Mutter ein Kompliment
macht und das Ehepaar sich wieder sexuell annähert,
fällt dem schlafmützigen Drehbuch ein, was für ein
Film Orphan eigentlich sein will.
Nicht Drama, sondern ein Horrorfilm im Mystergewand
soll es nun sein. Die Filmgeschichte blickt auf eine
lange Tradition von bösartigen Kindern zurück. Von
den Klassikern wie Der Exorzist und Das
Omen, bis zu diversen asiatischen Auswüchsen
schwarzhaariger Dämonenkinder, vornehmlich kleine
Mädchen, geht es nur um die Frage, ob die
Boshaftigkeit realer oder übersinnlicher Natur ist.
Die Mechanismen sind bekannt und Orphan grast
diverse Eigenheiten genüsslich, wenn auch nicht zu
billig ab und fügt lediglich den Waisenkindfaktor
hinzu, der aber auch nicht neu ist. Nur zu selten
führt uns das Drehbuch hinters Licht, wenn das
Klischee angedeutet und dann doch nicht durchgezogen
oder ins Gegenteil gedreht wird. Dort spielt uns
unsere Erfahrung auf diesem Sektor einen Streich und
dafür kann man kurz mal dankbar sein. Kann man, bis
man wittert, dass genau dadurch auch die Lösung
etwas schneller zu durchschauen ist. Wenn der
plötzliche Gesinnungswechsel von Person X kein
derber Logikschnitzer ist, bleiben nicht mehr viele
Möglichkeiten und wenn man so weit ist, sind manche
Andeutungen etwas zu deutlich.
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Von Jaume
Collet-Serra stammen auch House of Wax
und Goal 2 |
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Tatsächlich ist der Film aber viel zu sehr damit
beschäftigt, sich die zuvor geschaffene Kohärenz
wegzuknuspern und mit der Glaubwürdigkeit
Schindluder zu treiben. Natürlich hat Esther Dreck
am Stecken und zwar nicht zu knapp und scheinbar
kapieren das nur Gleichaltrige. Vera Farmiga
beschleicht das Unbehagen spät, dann aber deutlich
und wo Esther gestern noch freundlich zu ihr war,
sucht sie nun die Nähe von Daddy. Familie Coleman
hat’s auch nicht so mit der Vorsicht. Die neue
Tochter – die psychologische Frage nach dem
Gemütszustand von Adoptivkindern wird kurz gestellt
– wird geradezu eingeladen, ernste Gespräche
mitzuverfolgen. Es erscheint doch reichlich naiv,
Esthers Probleme in ihrer unmittelbaren Nähe
aufzudröseln. Noch viel dämlicher ist, wie sich alle
Beteiligten um den Finger wickeln lassen. Es ist so
schockierend wie unbegründet, wie Sarsgaard seine
Frau so schnell fallen lässt und das Vertrauen
verliert. Die Andeutungen des Drehbuchs sind zu dünn
und die geballte Klischeeansammlung aus dem
Bastelbuch „Wie lasse ich die Ehefrau wie eine
hysterische Irre aussehen?“ wirkt nur noch
konstruiert.
Dass das Gebilde Orphan nicht völlig in sich
zusammenfällt hat zwei Gründe. Die guten Darsteller
und die ehrliche, menschliche erste halbe Stunde
sind ein Grund, der andere Grund ist, dass Jaume
Collet-Serra recht ordentlich inszeniert. Nicht
übermäßig subtil und manchmal mit dem Hang zur
Effekthascherei, aber schon mit Gespür für Bilder
und Atmosphäre. Er lässt sich ausreichend Zeit,
zieht das Tempo im richtigen Moment an und weiß
ordentlich Spannung aus der Chose herauszuholen.
Nicht zu drastisch, aber auch nicht verweichlicht,
inszeniert Collet-Serra einige gelungene Szenen, wie
die am Spielplatz, die am Baumhaus, im Krankenhaus
und mit dem Blumenstrauß. Auch das Finale, wenn man
sich von der Auflösung erholt hat und nur noch ums
Überleben kämpft, hat einige wirklich spannende und
sogar unheimliche Momente.
Die Auflösung des ganzen Hokuspokus ist bei Filmen
dieser Art aber immer Fluch und Segen, wandelt dabei
auf einem sehr schmalen Grat zwischen Gelingen und
Scheitern. Auch wenn die Wirkung des Twists eine
subjektiv unterschiedliche Angelegenheit ist, so
muss sich der Film nachher als Gesamtwerk einer
Begutachtung unterziehen. Was hier vor sich geht ist
zum Glück weit entfernt vom wahrscheinlich
dämlichsten Twist der Filmgeschichte, den da der
französische Haute Tension hatte. Hier wird
das Gesehene zwar schon reichlich durcheinander
gebracht, doch der Film bleibt noch einheitlich und
eine zweite Sichtung wird dadurch nicht komplett
negiert.
Vielmehr liegt das Problem darin, dass der Twist den
vorlauten Ankündigungen der PR-Kampagne nicht
gerecht wird. Zu sehr ist man bedacht, die Wendung
nicht zu stark „out of the blue“, nicht zu plötzlich
und aus dem Nichts kommen zu lassen. Entsprechend
wirft das Skript immer mal wieder Andeutungen ein,
um das Kommende beim Rückblick auf den gesamten Film
zu erklären und sinnvoll ins Gesamtgefüge zu
integrieren. Denkt man jedoch einigermaßen mit,
hinterfragt Horrormechanismen und Esthers Vorgehen,
so bleiben nicht mehr viele Alternativen und da
Esthers Motiv irgendwann so offensichtlich wird,
braucht man nur noch Eins und Eins zusammenzählen.
Ein wenig anders und origineller als die üblichen
Auflösungen dieser Art von Film ist die Lösung aber
auch. So viel muss auch festgestellt werden.
So ist Orphan letztendlich ein durchaus
sehenswerter, aber nicht fehlerfreier Horrorfilm,
der nach einem tollen, aufs menschliche Drama
fokussierten ersten Drittel, immer mehr ins
Generische abdriftet. Auch hier gelingen
Collet-Serra einige spannende Momente und die guten
Darsteller retten auch so manche Szene, doch je mehr
man sich der Auflösung nähert, desto mehr verliert
der Film seine klare Linie. Weder gelingt es ihm
wirkliche Hochspannung aufkommen zu lassen, noch
logisch überzeugend zu wirken. So meint es dann auch
das Drehbuch etwas zu gut mit Hinweisen auf die
Auflösung und bringt einige Zuschauer zu früh schon
in die Nähe der tatsächlichen Lösung. Dem emotional
reichlich kühlen Ende hätte ein erweiterter Epilog
sicherlich auch gut gestanden, besonders in
Angesicht der aufwändigen Figurenzeichnung vorher im
Film.
Fazit:
Bei Orphan war man sichtlich bemüht, keinen
0815-Grusler mit bösen Kindern zu schaffen.
Besonders überzeugend ist das erste Drittel
geworden, welches gut und stilsicher in die Handlung
einführt und ordentlich gezeichnete Figuren
entwirft. Gute Darsteller, sowohl bei den
Erwachsenen, als auch bei den Kindern, überzeugen
ebenfalls. Der Rest nähert sich dann aber
Standardkost an, die mal spannend, mal blöde ist und
nicht mehr so frisch und originell wie zu Beginn.
Der Twist ist dann ein Spalter, der zwar recht
ungewöhnlich ist, aber am Ende auch nicht ganz
überraschend erscheint.
5,5 / 10 |