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Regie: Jaume Collet-Serra | Release: 2009 | Darsteller: Peter Saarsgard, Vera Farmiga

Orphan - Die Waise


von Christian Westhus

Story:
Als Familie Coleman eines Tages die vermeintlich harmlose Esther (Isabelle Fuhrmann) bei sich aufnimmt, ahnen sie zunächst nicht, dass mit dem Kind irgendetwas nicht stimmen mag. Erst nach und nach finden Kate (Vera Farmiga) und ihre Kinder heraus, dass Esther ein tödliches Geheimnis birgt....
 

Esther sollte eigentlich blond sein, doch da Isabelle Fuhrmann
beim Casting überzeugte, änderte man ihr Aussehen

Kritik:
Teufelskind Esther. Familie Coleman holt sich personifizierten Ärger ins Haus, der sich nicht so schnell abschütteln lässt. Ärger in Kindergestalt und mit Engelsgesicht. Kommt uns das nicht aus schätzungsweise 325 verschiedenen Filmen bekannt vor? Wenn Orphan nicht als schaler und schnell runter gekurbelter Cash-In-Schund angesehen werden möchte, braucht es Neuerungen, oder zumindest Qualitäten irgendeiner Art, die den Film herausragen lassen aus dem filmischen Kulturgut der „bösen Kinder“.

Dabei geht es doch ganz ordentlich los. Die tatsächliche Herkunft der schrillen ersten Szene kann man zwar schon früh erahnen, doch als delirierender Angsttrip mit zynischer Note ist das, für einen Hollywoodfilm, schon recht gelungen. Überhaupt macht das erste Drittel noch Hoffnung auf einen wirklich guten Film. Leider, aber leider auch „natürlich“, kann der Film diesen Level nicht halten und der Krux liegt – getreu dem Mehrheitsprinzip aus 100 Jahren Filmgeschichte – beim Ende. Bis dahin lernen wir die Figuren kennen und weil Vera Farmiga und Peter Sarsgaard tatsächlich gute Schauspieler sind, gelingt das ziemlich gut.

Zwar befinden wir uns in einem abgesicherten – und wie üblich abgelegenen – Oberklassehaushalt mit den üblichen Charakterhintergründen und Traumata, doch die Figuren sind zunächst glaubwürdig und sympathisch. Der Besuch im Waisenhaus fällt erfreulich unkitschig aus und auch wenn Esthers Freundlichkeit affektiert erscheint, ist dieses aufgeweckte und kluge Mädchen einfach hinreißend, was auch an der Darstellerin Isabelle Fuhrman liegt, die auch insgesamt eine überaus gelungene Leistung abgibt. Nun kann man darüber streiten, ob es so sinnig ist, den Kindsverlust mit einer übereilten Adoption zu kurieren und erst recht lässt sich darüber streiten, ob es so feinfühlig ist, den beiden anderen leiblichen Kindern eine nichtleibliche ältere Schwester mal eben so vor die Nase zu setzen.

Mit Esthers Ankunft menschelt es ganz schön im Hause Coleman und die kleine, taubstumme Max reiht sich in die Riege der gelungenen Figuren ein. Dann geht’s aber los. Sowohl mit dem Unheil, als auch mit den Problemen des Films. Natürlich haben die Eltern schändlicherweise zu sehr Augen für das neue Kind und Sohnemann schiebt Frust. Natürlich eckt Esther mit ihrer befremdlichen Art in der Schule an und man ist geneigt zu behaupten, dass 9-Jährige auf andere Art gemein sind, als hier dargestellt. Das sind teilweise schon High-School-Klischees, würde die Rache nicht auf Spielplätzen erfolgen. Und kurz nachdem Esther ihrer neuen Mutter ein Kompliment macht und das Ehepaar sich wieder sexuell annähert, fällt dem schlafmützigen Drehbuch ein, was für ein Film Orphan eigentlich sein will.

Nicht Drama, sondern ein Horrorfilm im Mystergewand soll es nun sein. Die Filmgeschichte blickt auf eine lange Tradition von bösartigen Kindern zurück. Von den Klassikern wie Der Exorzist und Das Omen, bis zu diversen asiatischen Auswüchsen schwarzhaariger Dämonenkinder, vornehmlich kleine Mädchen, geht es nur um die Frage, ob die Boshaftigkeit realer oder übersinnlicher Natur ist. Die Mechanismen sind bekannt und Orphan grast diverse Eigenheiten genüsslich, wenn auch nicht zu billig ab und fügt lediglich den Waisenkindfaktor hinzu, der aber auch nicht neu ist. Nur zu selten führt uns das Drehbuch hinters Licht, wenn das Klischee angedeutet und dann doch nicht durchgezogen oder ins Gegenteil gedreht wird. Dort spielt uns unsere Erfahrung auf diesem Sektor einen Streich und dafür kann man kurz mal dankbar sein. Kann man, bis man wittert, dass genau dadurch auch die Lösung etwas schneller zu durchschauen ist. Wenn der plötzliche Gesinnungswechsel von Person X kein derber Logikschnitzer ist, bleiben nicht mehr viele Möglichkeiten und wenn man so weit ist, sind manche Andeutungen etwas zu deutlich.
 

Von Jaume Collet-Serra stammen auch House of Wax
und Goal 2

Tatsächlich ist der Film aber viel zu sehr damit beschäftigt, sich die zuvor geschaffene Kohärenz wegzuknuspern und mit der Glaubwürdigkeit Schindluder zu treiben. Natürlich hat Esther Dreck am Stecken und zwar nicht zu knapp und scheinbar kapieren das nur Gleichaltrige. Vera Farmiga beschleicht das Unbehagen spät, dann aber deutlich und wo Esther gestern noch freundlich zu ihr war, sucht sie nun die Nähe von Daddy. Familie Coleman hat’s auch nicht so mit der Vorsicht. Die neue Tochter – die psychologische Frage nach dem Gemütszustand von Adoptivkindern wird kurz gestellt – wird geradezu eingeladen, ernste Gespräche mitzuverfolgen. Es erscheint doch reichlich naiv, Esthers Probleme in ihrer unmittelbaren Nähe aufzudröseln. Noch viel dämlicher ist, wie sich alle Beteiligten um den Finger wickeln lassen. Es ist so schockierend wie unbegründet, wie Sarsgaard seine Frau so schnell fallen lässt und das Vertrauen verliert. Die Andeutungen des Drehbuchs sind zu dünn und die geballte Klischeeansammlung aus dem Bastelbuch „Wie lasse ich die Ehefrau wie eine hysterische Irre aussehen?“ wirkt nur noch konstruiert.

Dass das Gebilde Orphan nicht völlig in sich zusammenfällt hat zwei Gründe. Die guten Darsteller und die ehrliche, menschliche erste halbe Stunde sind ein Grund, der andere Grund ist, dass Jaume Collet-Serra recht ordentlich inszeniert. Nicht übermäßig subtil und manchmal mit dem Hang zur Effekthascherei, aber schon mit Gespür für Bilder und Atmosphäre. Er lässt sich ausreichend Zeit, zieht das Tempo im richtigen Moment an und weiß ordentlich Spannung aus der Chose herauszuholen. Nicht zu drastisch, aber auch nicht verweichlicht, inszeniert Collet-Serra einige gelungene Szenen, wie die am Spielplatz, die am Baumhaus, im Krankenhaus und mit dem Blumenstrauß. Auch das Finale, wenn man sich von der Auflösung erholt hat und nur noch ums Überleben kämpft, hat einige wirklich spannende und sogar unheimliche Momente.

Die Auflösung des ganzen Hokuspokus ist bei Filmen dieser Art aber immer Fluch und Segen, wandelt dabei auf einem sehr schmalen Grat zwischen Gelingen und Scheitern. Auch wenn die Wirkung des Twists eine subjektiv unterschiedliche Angelegenheit ist, so muss sich der Film nachher als Gesamtwerk einer Begutachtung unterziehen. Was hier vor sich geht ist zum Glück weit entfernt vom wahrscheinlich dämlichsten Twist der Filmgeschichte, den da der französische Haute Tension hatte. Hier wird das Gesehene zwar schon reichlich durcheinander gebracht, doch der Film bleibt noch einheitlich und eine zweite Sichtung wird dadurch nicht komplett negiert.

Vielmehr liegt das Problem darin, dass der Twist den vorlauten Ankündigungen der PR-Kampagne nicht gerecht wird. Zu sehr ist man bedacht, die Wendung nicht zu stark „out of the blue“, nicht zu plötzlich und aus dem Nichts kommen zu lassen. Entsprechend wirft das Skript immer mal wieder Andeutungen ein, um das Kommende beim Rückblick auf den gesamten Film zu erklären und sinnvoll ins Gesamtgefüge zu integrieren. Denkt man jedoch einigermaßen mit, hinterfragt Horrormechanismen und Esthers Vorgehen, so bleiben nicht mehr viele Alternativen und da Esthers Motiv irgendwann so offensichtlich wird, braucht man nur noch Eins und Eins zusammenzählen. Ein wenig anders und origineller als die üblichen Auflösungen dieser Art von Film ist die Lösung aber auch. So viel muss auch festgestellt werden.

So ist Orphan letztendlich ein durchaus sehenswerter, aber nicht fehlerfreier Horrorfilm, der nach einem tollen, aufs menschliche Drama fokussierten ersten Drittel, immer mehr ins Generische abdriftet. Auch hier gelingen Collet-Serra einige spannende Momente und die guten Darsteller retten auch so manche Szene, doch je mehr man sich der Auflösung nähert, desto mehr verliert der Film seine klare Linie. Weder gelingt es ihm wirkliche Hochspannung aufkommen zu lassen, noch logisch überzeugend zu wirken. So meint es dann auch das Drehbuch etwas zu gut mit Hinweisen auf die Auflösung und bringt einige Zuschauer zu früh schon in die Nähe der tatsächlichen Lösung. Dem emotional reichlich kühlen Ende hätte ein erweiterter Epilog sicherlich auch gut gestanden, besonders in Angesicht der aufwändigen Figurenzeichnung vorher im Film.



Fazit:
Bei Orphan war man sichtlich bemüht, keinen 0815-Grusler mit bösen Kindern zu schaffen. Besonders überzeugend ist das erste Drittel geworden, welches gut und stilsicher in die Handlung einführt und ordentlich gezeichnete Figuren entwirft. Gute Darsteller, sowohl bei den Erwachsenen, als auch bei den Kindern, überzeugen ebenfalls. Der Rest nähert sich dann aber Standardkost an, die mal spannend, mal blöde ist und nicht mehr so frisch und originell wie zu Beginn. Der Twist ist dann ein Spalter, der zwar recht ungewöhnlich ist, aber am Ende auch nicht ganz überraschend erscheint.

5,5 / 10


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