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KRITIK:
Das Kabinett des Dr. Parnassus
Regie:
Terry Gilliam
Darsteller: Heath Ledger, Christopher Plummer
Release: 2010
von Christian Mester
Story:
Dr. Parnassus (Christopher Plummer) hat eine
rollende Bühnenshow, mit der er täglich versucht,
Menschen per Zauberspiegel in eine andere Welt zu
entführen. Diesen hat der Tausendjährige vom Teufel
persönlich (Sänger Tom Waits) bekommen, der sich
seit jeher einen Spaß daraus macht, dem naiven
Doktor laufend ungewöhnliche Wetten auf die Nase zu
binden. Seine letzte ist nun besonders knifflig:
kann Parnassus keine fünf Seelen schneller als der
Teufel einfangen, muss er ihm seine junge Tochter
(Lily Cole) überlassen. Hilfe naht, als sie den
vergesslichen Tony (Heath Ledger) bei auf sich
aufnehmen…
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Johnny Depp, Colin Farrell und Jude Law
spendeten ihre Gagen
der Tochter Ledgers. |
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Kritik:
Ein schräger Film mit Johnny Depp? Also genau so
etwas wie "Charlie und die Schokoladenfabrik", "Fear
and Loathing in Las Vegas" und "Edward mit den
Scherenhänden"?
Falsch vermutet, denn Terry Gilliams Neuer
überspannt die Grenzen der massentauglichen
Schokoladenfabrik und erzählt eine Geschichte, die
in ihrer tollkühnen Wirrheit an sperrige Klassiker
wie "Brazil", "Time Bandits" und "Die Abenteuer des
Baron Münchhausen" erinnert. Burtons buntes Willy
Wonka Märchen mit seinen abstrusen Figuren und
Szenerien war bereits reichlich seltsam, doch
Gilliam geht es bei seiner Geschichte anders an -
nicht kindlich. Kinder werden überhaupt
gar nichts mit "Parnassus" anfangen können, da es
(abgesehen von kleineren Situationsgags) niemals
wirklich lustig wird, niemals echte Dynamik aufkommt
und die Figuren schwierig, ihre Taten oft
unverständlich bleiben. Selbst aufmerksame Zuschauer
werden echte Probleme haben, die gesamte Handlung zu
verstehen, weswegen der Film sicherlich viele
verschrecken und teils für Saalverlassungen sorgen
dürfte.
Es ist ein Kunstfilmmärchen, das sich als besonderes
Erlebnis sieht und die meisten Zuschauer fraglos
vollkommen langweilen wird. Der Trailer lässt
stark irren, da er den Film als wesentlich
zugänglicher verkauft, als er letztendlich ist.
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Gilliam hatte Glück, da Ledger kurz vor
seinem Tod sämtliche
Szenen in der realen Welt abgedreht hatte. |
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Die erste halbe
Stunde fällt noch relativ ruhig aus, da sie genutzt
wird, die unterschiedlichen Charaktere des kleinen
Wanderzirkus näher vorzustellen. Erst nachdem sie auf den
von Heath Ledger gespielten Neuling treffen
(schaurig: in seiner ersten Szene scheint er tot), driftet
es mehr und mehr hinter den Spiegel ab, in der
Wunschträume der Gäste manifestiert werden. Das
Ergebnis sind riesige Süßigkeitenlandschaften,
gigantische Schuhe, gewaltige Felsformationen,
schwebende Blätter, Leitern, die bis in den Himmel
ragen, singende Polizisten in Röcken und weitere
Absurditäten. Ein Großteil der Faszination
schlägt der Film aus jenen Welten, die zwar weder
besonders glaubhaft, noch besonders detailreich
sind, dafür aber mit angenehmer Atmosphäre Stimmung machen,
überraschen lassen und viel Originelles bieten.
So ausgefallen die Welt hinter dem Spiegel aber sein
mag, liegt das Hauptaugenmerk der Geschichte
sichtlich auf den Charakteren und ihren Darstellern.
Ledger ist gut, ein zweites Joker-Spotlight darf man
sich jedoch nicht erwarten. Tony ist einfach keine
besonders fordernde Rolle, zudem sie hier zum Teil
von drei seiner Kollegen und Freunde übernommen
wird: Johnny Depp, Colin Farrell und Jude Law
spielen den leider verfrüht Verstorbenen abwechselnd
in den Abschnitten der Fantasiewelten, in der sie
Tony jeweils ihre
Interpretationen des Charakters verleihen.
Toll sind der mittlerweile uralte Christopher
Plummer als naiver Narr, der unwissend Spielball des
Teufels ist, Lily Cole als Parnassus' selbstbewusste
Tochter und Tom Waits als gerissener Herr der
Unterwelt. Verne Troyer, Mini-Me aus den "Austin
Powers" Filmen und "Postal" funktioniert
überraschenderweise ebenfalls, auch wenn er die
meiste Zeit über bloß die Pointe gemeiner Witze ist.
Leider ist Gilliam kein wirklich überragendes
Meisterwerk gelungen, da er - selbst wenn man die
Geduld und Aufmerksamkeit mitbringt und die
Darbietung der Crew zu schätzen weiß -
Probleme hat. Es stört, das Gilliam vieles immer nur
anschneidet. Zwischen Tony und Parnassus' Tochter
flammt eine kleine kurze Beziehung auf, doch neben
der Wichtigkeit für die weitere Handlung gibt es
kaum Chemie zwischen beiden, keine Emotionen. Parnassus' vorheriger Assistent zeigt noch die
meisten Gefühle, da er vergebens ebenfalls in das
Mädchen verliebt ist und kurzzeitig in Neid und
Eifersucht verfällt. Parnassus selbst ist ein Tor,
der zu sehr Opferrolle einnimmt, womit der Teufel zu
leichtes Spiel hat. Selbstgefällig und ständig
grinsend erscheint er immer wieder, allerdings darf
man sich nach Abspann fragen, ob es für den Teufel
wirklich nichts Besseres in seiner Unendlichkeit
gibt als diesen alten Mann zu triezen.
Gegen Ende wird es auch etwas unfair und schräg, da
eine der Figuren aus dem Nichts urplötzlich zu einer
Art Bösewicht gemacht wird, während man auf der
anderen Seite aus den Augen verliert, wer von den
anderen eigentlich ist, was er vorgibt zu sein. Ein,
zwei der Twists verwirren und führen nirgendwo hin,
während der eigentliche Showdown - den Gilliam wohl
als packend und erlösend gedacht hat - aufgrund zu plötzlicher Charakterwendung
perplex bleiben
lässt.
Fazit:
Ledgers letzter Film wird vielen nicht zusagen, da
es eine wirre, seltsame Fantasygeschichte ist, die
recht merkwürdige Wege einschlägt und genüsslich auf
Spannung, Comedy und Action verzichtet. Es ist kein
Film, der unterhalten will; besser ist es, man sieht
ihn als eine Art Motion Kunstwerk, das mit
interessanten Bildern und bewegten Motiven zu einem
ungewöhnlichen Erlebnis einlädt.
(6.5) / 10 |