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Kritik:
Rachels Hochzeit


von Christian Westhus

Rachel at the Wedding
(2008)
Regie: Julian Schnabel
Darsteller: Mathieu Almaric, Emmanuelle Seigner

Story:
Als ihre Schwester heiratet, wird Kym (Anne Hathaway) ebenfalls zur Feier eingeladen... wohl wissend, dass es zu Konflikten kommen wird. Die psychisch angeknackste junge Frau hat nämlich nicht nur Drogenprobleme, sondern kämpft auch noch mit einem schwerem Ereignis aus ihrer Vergangenheit, das sie alle miteinander verbindet...

Kritik:
„Ich kann damit leben, aber ich kann mir nicht vergeben. Und manchmal, da möchte ich nicht an einen Gott glauben, der mir vergeben könnte.“ – Kym. Wer bei dem Titel eventuell noch befürchtete – oder hoffte -, hier einen kitschigen Familiewiedervereinigungs-Streifen zu bekommen, sollte rasch umdenken.

„Rachels Hochzeit“ ist absolut sentimental, voll Emotionen und mit vielen Tränen, aber nie penetrant rührselig und nie kitschig. Ein realistischer, bisweilen unangenehmer, dann aber auch wieder belohnender Blick auf Hochzeitsfeierlichkeiten, Familienkonstrukte und Schuld. Jonathan Demme – übrigens oscarprämierter Regisseur des legendären „Schweigen der Lämmer“ – ist aber auch kein zynischer Pessimist, sondern gibt der Geschichte, zwischen all der Bitterkeit und den emotionalen Tiefen, Hoffnung und Warmherzigkeit.

Auch ist dieser Film der finale Beweis, dass Anne Hathaway mehr ist als die plötzliche Prada-Prinzessin. In dieser oscarnominierten Rolle gibt sie mit Leichtigkeit die bisher beste Leistung ihrer Karriere und das nicht einfach nur mangels Alternativen. Sie legt ihre Figur gekonnt zwischen jugendlichem Unverständnis, unsicherer Rückkehrerin und missverstandenem schwarzem Schaf der Familie an, zwischen Hysterie und Ablehnung, zwischen Sarkasmus und Verletzlichkeit. Kym, gerade aus der Reha entlassen und seit 9 Monaten trocken, wird direkt zur Rückkehr in die Hochzeit ihrer Schwester geworfen; zwischen die Freunde und Verwandten, die natürlich wissen, wo die Schwester der Braut die letzten Monate war. Und selbst wenn nicht jeder die Details des großen Unheils aus der Vergangenheit kennt, so belastet dieser Vorfall doch die Familie. Kym trägt Erinnerung mit sich und überträgt sie, durch bloße Anwesenheit, auf ihre Umwelt und bringt dadurch die Hochzeitsvorbereitungen und die Feierlichkeiten selbst, stark durcheinander.

Der Film heißt schließlich auch „Rachels Hochzeit“ und nicht „Kyms Rückkehr aus der Reha“. Ob Absicht oder nicht; diese Parallele findet auch im Film ihre Entsprechung, denn wir sehen Anne Hathaway als Hauptfigur, sind fast permanent bei ihr und zu Beginn wollen wir sie Rachel nennen, weil sie die Hauptfigur ist in einem Film, der jedoch nicht nach ihr benannt ist. Und so entwickelt sie auf der Hochzeit eine Art ungesunden Geltungsdrang, in dem sie permanent Aufmerksamkeit und Mitleid von allen Anwesenden sucht und gleichzeitig erbost ist, wenn man sie damit zu sehr belästigt. Sie spielt sich in den Mittelpunkt und zwar so sehr, dass sie kurzzeitig vergisst, welch wichtiger Tag es für die Familie und vor allem für Rachel ist. Dass dieses Streben nach Aufmerksamkeit und die gleichzeitige Ablehnung dessen sie beschäftigen, passt aber zusammen. Wie ein Geist wandelt sie durch ein Haus, in dem jeder über sie bescheid weiß und wenn sie jemand beachtet, schwingen ihr Vergehen, schwingen all ihre Probleme mit. Die Leute meinen, Kym zu kennen, versuchen weitgehend respektvoll umzugehen und stoßen ihr genau damit immer wieder vor den Kopf.

Gekonnt verwehrt sich der Film gegen Eindimensionalität und simple Figurenzeichnungen. Oft haben wir Unverständnis für Kym, die es sich oft selbst zu schwer macht und tatsächlich nicht merkt, dass dieser Tag nicht ihr gehört. Dann aber sagt sie wahre Dinge und macht spürbar, dass sie an ihrer Familie hängt, dass sie selbst die größte Last, mit dem zurückliegenden Vorfall zu tragen hat und wenn sie darum bittet, doch nur nicht wie eine Aussätzige, wie das wandelnde Unheil behandelt zu werden, möchte man der Familie einen Ruck geben. Und die Figuren sind so reichhaltig, das Drehbuch so voll Ideen, dass auch die Familie mehr ist, als bloß ein Spielball bei Kyms Selbstfindungstrip zur Hochzeit der Schwester. Die Eltern sind getrennt, haben beide neue Lebenspartner und während die Mutter sich kaum blicken lässt und auf Distanz lebt, ist der Vater überfürsorglich und weigert sich, klare Stellung zu beziehen. Und auch wenn Anne Hathaway als bekanntester Name, Hauptdarstellerin und Oscarnominierte sicherlich am ehesten in Erinnerung bleibt, so sind eben der Vater, der zukünftige Schwiegersohn und besonders Rachel, ebenfalls klasse gespielt. Rosemarie DeWitt als Braut zwischen Lebensglück und traumatisierter Schwester, ist jedenfalls preisverdächtig.

Der Familie entsprechend, sind die Gäste und Aktionen auf der Feier auch enorm multikulturell und die Zeremonie selbst pendelt uneindeutig zwischen verschiedenen Religionen hin und her, denn die Religion kann helfen, muss aber nicht. Was zählt, ist der viel zitierte innere Friede, auch bei der Hochzeit. Das weiß sogar Kym, wenn sie in einer intensiven Gruppensitzung von Süchtigen von ihrem Leben und der großen Schuld berichtet. Ein paar Minuten später ist sie wieder im Hause ihrer Familie und muss wieder versuchen, sich der Fröhlichkeit des Ereignisses anzupassen. Und was für eine tolle Hochzeit es ist. Wie der gesamte Film – und das ist ja fast ausschließlich die Hochzeit – ist es ein berührendes Fest, voll Wärme und Freude, ehe wieder ein heftiger Streit, ein übles Wortgefecht dazwischen schlägt. Die musikalischen Einlagen, die Reden der Freunde und Angehörigen, die Vorbereitungen, die Lockerheit, kleine Spiele, wie das mit der Spülmaschine, kleine Gesten, wie die tröstende Hand des Schwagers, der Tanz, die Zeremonie, „Unknown Legend“ – man fühlt sich hier wohl und das, wo es doch immer mal wieder unangenehm bitter wird. Etwas so Menschliches und Warmherziges und Natürliches, wo Probleme und Unangenehmes ihren festen Platz im Leben haben, sieht man selten im Kino und Szenen, die einem unrund oder überflüssig erscheinen, mag es geben, sind jedoch klar in der Unterzahl.

Sicherlich auch ein Verdienst der Inszenierung, denn „Rachels Hochzeit“ weist nicht nur inhaltliche Parallelen zum deutlich deprimierenderen Dogma-Klassiker „Das Fest“ auf. Mit etwas ruppigen Schnitten, Musik größtenteils aus der Handlung heraus und einer nicht komplett verwackelten, aber unruhigen Handkamera mit Homevideo-Optik, entsteht der Eindruck eines Hochzeitsvideos. Eigentlich geht diese Rechnung auf, kann jedoch auch zu Problemen führen, denn vielleicht lehnt man die grobkörnige Handkamera generell ab oder man sieht es als zu naheliegendes, stilistisch unoriginelles Stilmittel an. Dennoch darf bezweifelt werden, ob beispielsweise die elegant ausgeleuchteten und stimmungsvoll arrangierten Bilder aus Sam Mendes Filmen, wie zuletzt „Zeiten des Aufruhrs“, für dieses Drehbuch vorteilhaft gewesen wären, ob das Ergebnis ähnlich intensiv und menschlich-realistisch gewesen wäre.

Wir müssen uns eh mit Demmes fertigem Film auseinandersetzen und wenn man sich mit einer Mischung aus Tragik und Warmherzigkeit, starken Darstellern und der realistischen Independent-Inszenierung inklusive Handkamera anfreunden kann, dürfte „Rachels Hochzeit“ ein reichhaltiger Kinobesuch werden, aus dem man Einiges mitnehmen kann. Ein finales Wort zur deutschen Synchro sei aber gestattet; die ist insgesamt nämlich ordentlich, verpasst Kym aber eine Stimme, die manchmal zu sehr nach Teen-Göre klingt.

Fazit:
Mit Handkamera, viel Realismus und noch mehr Natürlichkeit, drehte Jonathan Demme einen tollen, gleichermaßen warmherzigen wie unangenehmen Film. Die Darsteller sind stark und das Drehbuch so wunderbar aus dem Leben gegriffen, dass wir, trotz Bitterkeit und Schuldfragen, gerne auf diese Hochzeit gehen würden.

7,5 / 10

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