Story:
Als ihre Schwester heiratet, wird Kym (Anne Hathaway) ebenfalls zur Feier
eingeladen... wohl wissend, dass es zu Konflikten kommen wird. Die psychisch
angeknackste junge Frau hat nämlich nicht nur Drogenprobleme, sondern kämpft
auch noch mit einem schwerem Ereignis aus ihrer Vergangenheit, das sie alle
miteinander verbindet...
regie :
jonathan demme
cast :
anne hathaway
kritik :
christian westhus
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Kritik:
„Ich kann damit
leben, aber ich kann mir nicht vergeben. Und manchmal, da möchte ich nicht an
einen Gott glauben, der mir vergeben könnte.“ – Kym.
Wer bei dem Titel eventuell noch befürchtete – oder hoffte -, hier einen
kitschigen Familiewiedervereinigungs-Streifen zu bekommen, sollte rasch
umdenken.
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Jahr für Jahr genießt Anne Hathaway die
Plötzlich-Prinzessin Conventions.
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„Rachels Hochzeit“ ist absolut
sentimental, voll Emotionen und mit vielen Tränen, aber nie penetrant rührselig
und nie kitschig. Ein realistischer, bisweilen unangenehmer, dann aber auch
wieder belohnender Blick auf Hochzeitsfeierlichkeiten, Familienkonstrukte und
Schuld. Jonathan Demme – übrigens oscarprämierter Regisseur des legendären
„Schweigen der Lämmer“ – ist aber auch kein zynischer Pessimist, sondern gibt
der Geschichte, zwischen all der Bitterkeit und den emotionalen Tiefen, Hoffnung
und Warmherzigkeit.
Auch ist dieser Film der finale Beweis, dass Anne Hathaway mehr ist als die
plötzliche Prada-Prinzessin. In dieser oscarnominierten Rolle gibt sie mit
Leichtigkeit die bisher beste Leistung ihrer Karriere und das nicht einfach nur
mangels Alternativen. Sie legt ihre Figur gekonnt zwischen jugendlichem
Unverständnis, unsicherer Rückkehrerin und missverstandenem schwarzem Schaf der
Familie an, zwischen Hysterie und Ablehnung, zwischen Sarkasmus und
Verletzlichkeit. Kym, gerade aus der Reha entlassen und seit 9 Monaten trocken,
wird direkt zur Rückkehr in die Hochzeit ihrer Schwester geworfen; zwischen die
Freunde und Verwandten, die natürlich wissen, wo die Schwester der Braut die
letzten Monate war. Und selbst wenn nicht jeder die Details des großen Unheils
aus der Vergangenheit kennt, so belastet dieser Vorfall doch die Familie. Kym
trägt Erinnerung mit sich und überträgt sie, durch bloße Anwesenheit, auf ihre
Umwelt und bringt dadurch die Hochzeitsvorbereitungen und die Feierlichkeiten
selbst, stark durcheinander.
Der Film heißt schließlich auch „Rachels Hochzeit“ und nicht „Kyms Rückkehr aus
der Reha“. Ob Absicht oder nicht; diese Parallele findet auch im Film ihre
Entsprechung, denn wir sehen Anne Hathaway als Hauptfigur, sind fast permanent
bei ihr und zu Beginn wollen wir sie Rachel nennen, weil sie die Hauptfigur ist
in einem Film, der jedoch nicht nach ihr benannt ist. Und so entwickelt sie auf
der Hochzeit eine Art ungesunden Geltungsdrang, in dem sie permanent
Aufmerksamkeit und Mitleid von allen Anwesenden sucht und gleichzeitig erbost
ist, wenn man sie damit zu sehr belästigt. Sie spielt sich in den Mittelpunkt
und zwar so sehr, dass sie kurzzeitig vergisst, welch wichtiger Tag es für die
Familie und vor allem für Rachel ist. Dass dieses Streben nach Aufmerksamkeit
und die gleichzeitige Ablehnung dessen sie beschäftigen, passt aber zusammen.
Wie ein Geist wandelt sie durch ein Haus, in dem jeder über sie bescheid weiß
und wenn sie jemand beachtet, schwingen ihr Vergehen, schwingen all ihre
Probleme mit. Die Leute meinen, Kym zu kennen, versuchen weitgehend respektvoll
umzugehen und stoßen ihr genau damit immer wieder vor den Kopf.
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"Kennst du den? Geht ein Mann zum Arzt und
klagt über Depressionen. Da sagt der Arzt "Der Clown Pagliacci ist doch gerade
in der Stadt..."
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Gekonnt verwehrt sich der Film
gegen Eindimensionalität und simple Figurenzeichnungen. Oft haben wir
Unverständnis für Kym, die es sich oft selbst zu schwer macht und tatsächlich
nicht merkt, dass dieser Tag nicht ihr gehört. Dann aber sagt sie wahre Dinge
und macht spürbar, dass sie an ihrer Familie hängt, dass sie selbst die größte
Last, mit dem zurückliegenden Vorfall zu tragen hat und wenn sie darum bittet,
doch nur nicht wie eine Aussätzige, wie das wandelnde Unheil behandelt zu
werden, möchte man der Familie einen Ruck geben. Und die Figuren sind so
reichhaltig, das Drehbuch so voll Ideen, dass auch die Familie mehr ist, als
bloß ein Spielball bei Kyms Selbstfindungstrip zur Hochzeit der Schwester. Die
Eltern sind getrennt, haben beide neue Lebenspartner und während die Mutter sich
kaum blicken lässt und auf Distanz lebt, ist der Vater überfürsorglich und
weigert sich, klare Stellung zu beziehen. Und auch wenn Anne Hathaway als
bekanntester Name, Hauptdarstellerin und Oscarnominierte sicherlich am ehesten
in Erinnerung bleibt, so sind eben der Vater, der zukünftige Schwiegersohn und
besonders Rachel, ebenfalls klasse gespielt. Rosemarie DeWitt als Braut zwischen
Lebensglück und traumatisierter Schwester, ist jedenfalls preisverdächtig.
Der Familie entsprechend, sind die Gäste und Aktionen auf der Feier auch enorm
multikulturell und die Zeremonie selbst pendelt uneindeutig zwischen
verschiedenen Religionen hin und her, denn die Religion kann helfen, muss aber
nicht. Was zählt, ist der viel zitierte innere Friede, auch bei der Hochzeit.
Das weiß sogar Kym, wenn sie in einer intensiven Gruppensitzung von Süchtigen
von ihrem Leben und der großen Schuld berichtet. Ein paar Minuten später ist sie
wieder im Hause ihrer Familie und muss wieder versuchen, sich der Fröhlichkeit
des Ereignisses anzupassen. Und was für eine tolle Hochzeit es ist. Wie der
gesamte Film – und das ist ja fast ausschließlich die Hochzeit – ist es ein
berührendes Fest, voll Wärme und Freude, ehe wieder ein heftiger Streit, ein
übles Wortgefecht dazwischen schlägt. Die musikalischen Einlagen, die Reden der
Freunde und Angehörigen, die Vorbereitungen, die Lockerheit, kleine Spiele, wie
das mit der Spülmaschine, kleine Gesten, wie die tröstende Hand des Schwagers,
der Tanz, die Zeremonie, „Unknown Legend“ – man fühlt sich hier wohl und das, wo
es doch immer mal wieder unangenehm bitter wird. Etwas so Menschliches und
Warmherziges und Natürliches, wo Probleme und Unangenehmes ihren festen Platz im
Leben haben, sieht man selten im Kino und Szenen, die einem unrund oder
überflüssig erscheinen, mag es geben, sind jedoch klar in der Unterzahl.
Sicherlich auch ein Verdienst der Inszenierung, denn „Rachels Hochzeit“ weist
nicht nur inhaltliche Parallelen zum deutlich deprimierenderen Dogma-Klassiker
„Das Fest“ auf. Mit etwas ruppigen Schnitten, Musik größtenteils aus der
Handlung heraus und einer nicht komplett verwackelten, aber unruhigen Handkamera
mit Homevideo-Optik, entsteht der Eindruck eines Hochzeitsvideos. Eigentlich
geht diese Rechnung auf, kann jedoch auch zu Problemen führen, denn vielleicht
lehnt man die grobkörnige Handkamera generell ab oder man sieht es als zu
naheliegendes, stilistisch unoriginelles Stilmittel an. Dennoch darf bezweifelt
werden, ob beispielsweise die elegant ausgeleuchteten und stimmungsvoll
arrangierten Bilder aus Sam Mendes Filmen, wie zuletzt „Zeiten des Aufruhrs“,
für dieses Drehbuch vorteilhaft gewesen wären, ob das Ergebnis ähnlich intensiv
und menschlich-realistisch gewesen wäre.
Wir müssen uns eh mit Demmes fertigem Film auseinandersetzen und wenn man sich
mit einer Mischung aus Tragik und Warmherzigkeit, starken Darstellern und der
realistischen Independent-Inszenierung inklusive Handkamera anfreunden kann,
dürfte „Rachels Hochzeit“ ein reichhaltiger Kinobesuch werden, aus dem man
Einiges mitnehmen kann. Ein finales Wort zur deutschen Synchro sei aber
gestattet; die ist insgesamt nämlich ordentlich, verpasst Kym aber eine Stimme,
die manchmal zu sehr nach Teen-Göre klingt.
Fazit:
Mit Handkamera, viel
Realismus und noch mehr Natürlichkeit, drehte Jonathan Demme einen tollen,
gleichermaßen warmherzigen wie unangenehmen Film. Die Darsteller sind stark und
das Drehbuch so wunderbar aus dem Leben gegriffen, dass wir, trotz Bitterkeit
und Schuldfragen, gerne auf diese Hochzeit gehen würden.
7,5 / 10
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