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Kritik:
Ekel


von Christian Westhus

REPULSION (1965)
Regie: Roman Polanski
Cast: Catherine Deneuve, Ian Hendry, John Fraser

Story:
Die junge Carole lebt mit ihrer älteren Schwester in einem kleinen Londoner Apartment. Als die Schwester mit ihrem Freund für ein paar Tage verreist, muss Carole allein in der Wohnung verweilen und steigert sich in beklemmende Angstvisionen hinein.

Kritik:
Nachdem sein polnisches Spielfilm-Debüt „Das Messer im Wasser“ schon ein großer Erfolg war, wagte sich Roman Polanski mit seinem zweiten Spielfilm direkt auf internationales Terrain. Als erster Teil der inoffiziellen Trilogie über Mietshäuser und Nachbarschaften, gilt „Repulsion“ auch heute noch als einer der außergewöhnlichsten und effektivsten Horrorfilme Europas. Wir haben es hier mit einem Psychodrama in Horrorgestalt zu tun, mit dem Psychogramm eines jungen Mädchens mit einer tief sitzenden Psychose. Schon die eigenartig aus den Fugen geratenen Eröffnungstitel, mit dem undeutbaren Blick der jungen und bezaubernden Catherine Deneuve im Hintergrund, deuten an, dass mit Carole etwas nicht stimmt. Eine tief sitzende Abneigung, ja sogar Furcht vor Männern und vor Sexualität hat sich in sie eingebrannt. Natürlich hat Carole diese Psychose schon wenn der Film beginnt, die Angst bricht nun nur deutlicher hervor.

Gründe, eine Vorgeschichte oder psychologische Erklärungen gibt es wenige bis keine. Die grandiose finale Einstellung ist der einzige wirkliche Anhaltspunkt. Bis dahin gibt es viel Gerede von Männern und Frauen. So verurteilt die Frau in dem Schönheitssalon in dem Carole arbeitet die Männer als gierige Widerlinge, oder als kleine Kinder. Manch schlechtes Wort bestätigt sich, anderes aber nicht und der junge Colin, der sich um Carole bemüht, scheint eigentlich recht aufrichtig. Dennoch lässt Carole niemanden wirklich an sich heran. Blicken weicht sie aus und ihre wenigen gesprochenen Worte sind leise und unsicher gehaucht, was noch verstärkt wird, weil sich die Deneuve mit dem Englischen nicht immer ganz wohl fühlt.  Ihr Blick ist glasig, nervöse Ticks werden offensichtlicher und immer häufiger ist sie vollständig geistesabwesend. Doch keinem fällt es wirklich auf. Im Haus macht sich der Freund der Schwester breit, befällt ihre Umgebung mit seiner Männlichkeit, ist für das erregte Stöhnen der Schwester des Nachts verantwortlich und als Carole dann alleine bleiben muss, ist es schon längst um sie geschehen.

Manchen wird Polanski zu lange brauchen, bis er richtig loslegt, doch schon bis zur Halbzeitmarke deutet er geschickt die Angstsituationen an, spielt mit Symbolen der Sexualität und des Verfalls und präsentiert sich als Meister der ungewöhnlichen Perspektive. Unterstützt von einem jazzigen Score, der mal beschwingt, mal bedrohlich, mal beunruhigend ist, genießt man die edle Schwarz-Weiß-Fotografie und taucht nun ab in Caroles Traumwelt. Die Vergewaltigungsfantasien sind gespenstisch und höchst effektiv, schocken nicht selten durch grandioses Timing. In den vermeintlichen Alltagsszenen ist die Umgebung beherrscht von Alltagsgeräuschen, die ungewöhnlich laut und dominant hervorstechen. Besonders Schellen, Klingeln und der Fahrstuhl sind da zu nennen. Die Traumwelt ist jedoch stumm, bzw. hält die Geräuschkulisse der Realität bei, was der Atmosphäre sehr zuträglich ist. Faszinierend ist es, weil wir quasi kein reales Zentrum haben. Wir sind mit Carole in dem Haus allein und ihrem Verstand ausgeliefert und wenn sich der Wahnsinn auch mehr und mehr tagsüber bahn bricht, gibt es keine Hinweise, dass dies nur ein Trug- und Traumbild ist. Catherine Deneuve ist als extrem verschüchtertes, introvertiertes Wesen die Idealverkörperung, doch mittlerweile regiert nur noch Polanskis visueller Einfallsreichtum. Manche Szenen nehmen die Ästhetik eines David Lynch um einige Jahre vorweg und eine finale Szene im Flur ist so gespenstisch-surreal und dabei extrem wirkungsvoll, dass man sie nicht vergessen wird. Das Eindringen von männlichen Personen in Caroles abgeschlossenen Mikrokosmos bringt die Handlung schließlich voran und zu einem offenem, ungewissen und irgendwie unbehaglichen Ende, der ganz nebenbei kein gutes Bild auf die Mitmenschen wirft. „Repulsion“ ist ein faszinierender Blick in den Kopf einer gestörten Persönlichkeit, die sich mit dem anderen Geschlecht und der Sexualität auseinandersetzt und daran zerbricht. Surreal und dramatisch. Ein grandioser Film.


Fazit:
Roman Polanskis englischsprachiges Debüt ist ein höchst effektives Horror-Psychodrama. Grandios inszeniert, treffend besetzt und sicherlich einzigartig in seiner Art. Vielleicht für einige Zuschauer zu zäh und zu befremdlich, aber eigentlich sehr belohnend. Und sehr unheimlich.

9,5 / 10

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