Story:
Die junge Carole lebt mit
ihrer älteren Schwester in einem kleinen Londoner Apartment. Als die Schwester
mit ihrem Freund für ein paar Tage verreist, muss Carole allein in der Wohnung
verweilen und steigert sich in beklemmende Angstvisionen hinein.
regie :
roman polanski
cast :
catherine deneuve, ian hendry, john fraser
kritik :
christian westhus
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Kritik:
Nachdem sein
polnisches Spielfilm-Debüt „Das Messer im Wasser“ schon ein großer Erfolg war,
wagte sich Roman Polanski mit seinem zweiten Spielfilm direkt auf
internationales Terrain. Als erster Teil der inoffiziellen Trilogie über
Mietshäuser und Nachbarschaften, gilt „Repulsion“ auch heute noch als einer der
außergewöhnlichsten und effektivsten Horrorfilme Europas.
Wir haben es hier mit einem Psychodrama in Horrorgestalt zu tun, mit dem
Psychogramm eines jungen Mädchens mit einer tief sitzenden Psychose. Schon die
eigenartig aus den Fugen geratenen Eröffnungstitel, mit dem undeutbaren Blick
der jungen und bezaubernden Catherine Deneuve im Hintergrund, deuten an, dass
mit Carole etwas nicht stimmt. Eine tief sitzende Abneigung, ja sogar Furcht vor
Männern und vor Sexualität hat sich in sie eingebrannt. Natürlich hat Carole
diese Psychose schon wenn der Film beginnt, die Angst bricht nun nur deutlicher
hervor.
Gründe, eine Vorgeschichte oder psychologische Erklärungen gibt es wenige bis
keine. Die grandiose finale Einstellung ist der einzige wirkliche Anhaltspunkt.
Bis dahin gibt es viel Gerede von Männern und Frauen. So verurteilt die Frau in
dem Schönheitssalon in dem Carole arbeitet die Männer als gierige Widerlinge,
oder als kleine Kinder. Manch schlechtes Wort bestätigt sich, anderes aber nicht
und der junge Colin, der sich um Carole bemüht, scheint eigentlich recht
aufrichtig. Dennoch lässt Carole niemanden wirklich an sich heran. Blicken
weicht sie aus und ihre wenigen gesprochenen Worte sind leise und unsicher
gehaucht, was noch verstärkt wird, weil sich die Deneuve mit dem Englischen
nicht immer ganz wohl fühlt.
Ihr Blick ist glasig, nervöse Ticks werden offensichtlicher und immer häufiger
ist sie vollständig geistesabwesend. Doch keinem fällt es wirklich auf. Im Haus
macht sich der Freund der Schwester breit, befällt ihre Umgebung mit seiner
Männlichkeit, ist für das erregte Stöhnen der Schwester des Nachts
verantwortlich und als Carole dann alleine bleiben muss, ist es schon längst um
sie geschehen.
Manchen wird Polanski zu lange brauchen, bis er richtig loslegt, doch schon bis
zur Halbzeitmarke deutet er geschickt die Angstsituationen an, spielt mit
Symbolen der Sexualität und des Verfalls und präsentiert sich als Meister der
ungewöhnlichen Perspektive. Unterstützt von einem jazzigen Score, der mal
beschwingt, mal bedrohlich, mal beunruhigend ist, genießt man die edle
Schwarz-Weiß-Fotografie und taucht nun ab in Caroles Traumwelt. Die
Vergewaltigungsfantasien sind gespenstisch und höchst effektiv, schocken nicht
selten durch grandioses Timing. In den vermeintlichen Alltagsszenen ist die
Umgebung beherrscht von Alltagsgeräuschen, die ungewöhnlich laut und dominant
hervorstechen. Besonders Schellen, Klingeln und der Fahrstuhl sind da zu nennen.
Die Traumwelt ist jedoch stumm, bzw. hält die Geräuschkulisse der Realität bei,
was der Atmosphäre sehr zuträglich ist.
Faszinierend ist es, weil wir quasi kein reales Zentrum haben. Wir sind mit
Carole in dem Haus allein und ihrem Verstand ausgeliefert und wenn sich der
Wahnsinn auch mehr und mehr tagsüber bahn bricht, gibt es keine Hinweise, dass
dies nur ein Trug- und Traumbild ist. Catherine Deneuve ist als extrem
verschüchtertes, introvertiertes Wesen die Idealverkörperung, doch mittlerweile
regiert nur noch Polanskis visueller Einfallsreichtum. Manche Szenen nehmen die
Ästhetik eines David Lynch um einige Jahre vorweg und eine finale Szene im Flur
ist so gespenstisch-surreal und dabei extrem wirkungsvoll, dass man sie nicht
vergessen wird.
Das Eindringen von männlichen Personen in Caroles abgeschlossenen Mikrokosmos
bringt die Handlung schließlich voran und zu einem offenem, ungewissen und
irgendwie unbehaglichen Ende, der ganz nebenbei kein gutes Bild auf die
Mitmenschen wirft. „Repulsion“ ist ein faszinierender Blick in den Kopf einer
gestörten Persönlichkeit, die sich mit dem anderen Geschlecht und der Sexualität
auseinandersetzt und daran zerbricht. Surreal und dramatisch. Ein grandioser
Film.
Fazit:
Roman Polanskis
englischsprachiges Debüt ist ein höchst effektives Horror-Psychodrama. Grandios
inszeniert, treffend besetzt und sicherlich einzigartig in seiner Art.
Vielleicht für einige Zuschauer zu zäh und zu befremdlich, aber eigentlich sehr
belohnend. Und sehr unheimlich.
9,5 / 10
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