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Kritik:
Zeiten des Aufruhrs


von Christian Westhus

Revolutionary Road
(2008)
Regie: Sam Mendes
Darsteller: Leonardo DiCaprio, Kate Winslet

Story:
Frank und April Wheeler (DiCaprio, Winslet) sind ein junges Ehepaar, die sich das Leben in den 50ern eigentlich anders vorgestellt haben. Statt Glück und Hoffnung plagen sie Ängste, die sie mit einem letzten verzweifelten Schritt aus dem Weg räumen wollen - mit einem Umzug nach Paris. Das jedoch ist nicht so leicht wie zunächst gedacht...

Kritik:
Ignorieren wir hier einfach mal dieses mächtig aufgebauschte Bla-Bla um die lange herbeigesehnte Reunion von Leo & Kate, dem Titanic-Traumpaar. Und blenden wir auch mal aus, dass Winslets Ehemann Sam Mendes hier die Regie führt. Das hat dem Film sicherlich bei PR und Werbeauftritten geholfen, schadet aber ein wenig die Rezeption des Ganzen. Es ist schon schwer genug, zwei gestandene Hollywoodstars als biederes Ehepaar zu akzeptieren – was aber gelingt -, da muss man nicht noch in Versuchung geführt werden, Mendes bei diversen Einzelaufnahmen von Kate Winslet vorzuwerfen, er inszeniere seine Frau wie er sie gerne hätte. Alles Quatsch. „Revolutionary Road“ ist ein erstklassiges und verdammt bitteres Drama, welches sicherlich zu den besten, klassischen Hollywooddramen der letzten Jahre gehört.

Dabei sind die ersten zehn bis fünfzehn Minuten noch etwas schwammig und ungelenk. Zwar mit Mendes gekonntem Blick für tolle Momente, beispielsweise beim fallenden Vorhang in Parallelbewegung zu Kates Augenaufschlag, dafür aber auch etwas hastig. April und Frank treffen sich, sprechen miteinander und sind kurz darauf schon verheiratet und geraten in einen ersten heftigen Streit. Man könnte meinen, hier sei das Ende schon gezeigt worden, quasi als elliptische Vorwarnung, worauf wir nun zusteuert, aber a) hat man keine Ahnung, was da wirklich noch folgen wird und b) würde Mendes den Lapsus des vorweggenommenen Endes nur machen, wenn er den Endpunkt als gegeben und die Entwicklung als einzig relevant ansehen würde. Auch wäre das Ganze noch etwas zu schwach, denn, wie gesagt, sind diese ersten Minuten noch die schwächsten eines sich immens steigernden, immer intensiver werdenden Films. Leo und Kate brüllen sich an und wedeln immer sehr aufgeregt mit den Händen, eine Marotte, die auch später nicht so ganz abgelegt werden kann. Wollte man die eine Kleinigkeit, den einen Mangel von zwei ansonsten einfach nur fantastischen Schauspielleistungen aufzählen, dieses wilde Gestikulieren würde es sein.

Die Haupthandlung setzt also nach diesem Streit an. April muss ernüchtert feststellen, dass ihre Versuche Schauspielerin zu werden, reichlich naiv und illusionär sind, während Frank Tag auf Tag, zusammen mit anderen uniformierten Gesichtslosen zur Arbeit gefahren wird, wo er sich den ganzen Tag über den Feierabend herbeisehnt. Im ersten Drittel schneidet Mendes noch zwei, drei Mal zurück, zeigt Stationen der Beziehung und besonders des Hauskaufs. Später verwirft er diese Blicke zurück und bleibt geradlinig, doch die besondere Aufmerksamkeit für das Haus macht Sinn. Man fragt sich zwar für einen Moment, warum es Szenen aus dem Trailer nicht in den Film geschafft haben, aber dieses Haus wird zum übergroßen Symbol verlorener Träume. Frank und April wollten die Welt sehen, hatten Träume und Wünsche, wollten unbedingt anders sein, als die immergleichen kleinbürgerlichen Bekannten, die sie hatten und hassten. Nun vegetieren sie voller Wut und Enttäuschung in diesem Haus, mit Kindern, mit vergrabenen Idealen, in hassenswerten Jobs und mit eben diesen biederen Vorstädtern zu Freunden, die mit uniformer Freundlichkeit und oberflächlichen Cocktailpartys Tag für Tag aufs Neue das Scheitern der Wheelers aufzeigen. Die starke, naturalistische und doch stilisierte Kameraarbeit und Farbgebung, besonders in geschlossenen Räume, vermittelt ein wunderbares Gefühl von Bedrückung und Schwere.

Es sollte schon durchklingen: Wer hier vom „American Beauty-Regisseur“ einen ähnlichen Umgang mit den Tücken der kleinbürgerlichen Vorstädte erwartet, dürfte das Kino reichlich verstört verlassen. Komplett ohne die pointiert-verbitterten Kommentare eines Lester Burnham, ohne groteske Überzeichnung, ohne den zynischen Humor und auch ohne visuell auffällige, leicht surreale Sequenzen. „Zeiten des Aufruhrs“ ist gekonnt aber straight und realistisch inszeniert und trägt eine Schwere und Bitterkeit mit sich, die Hollywooddramen schon lange nicht mehr hatten. Anzeichen für Humor gibt es kaum, stattdessen schlittern Winslet und DiCaprio in einen der heftigsten und krassesten Ehestreite, den das Kino seit langer Zeit zu bieten hatte.

Der titelgebende Aufruhr, bzw. die Revolution aus dem Originaltitel, wird zaghaft gewagt. Man ist ja noch nicht zu alt, einen Wechsel zu erzwingen, ehe man endgültig vergisst, was man als ideeller Jugendlicher mal erträumt hatte. Frank weiß zwar noch nicht was er will, aber er und April sind sich einig, dass es nicht das ist, was sie aktuell leben. „Wir ziehen nach Europa, nach Paris!“ Und mit dem Entschluss gibt es für einen Moment Licht am Ende des Tunnels, einen Hoffnungsschimmer. April blüht auf, die Beziehung erstarkt wieder, die Freunde werden rasch in Kenntnis gesetzt, man ist stolz auf sich und auch Frank hat wieder kurzweilige Freude auf der Arbeit, weil er weiß, dass es bald vorbei sein wird. Man braucht kein Prophet zu sein um zu wissen, dass der Entschluss zum Aufbruch nicht in größter Glückseligkeit enden wird. Was nun folgt ist der über fast 30 Minuten gesteigerte, sich selbstzerfleischende Kampf zweier Liebenden, die sich mit unfassbar großem Schmerz und tiefster Verbitterung das gegenseitige Scheitern vorwerfen. Das Auftauchen eines psychisch Kranken, der der einzige zu sein scheint, der Franks und Aprils Drang auf Veränderung zu verstehen scheint, ist da nur ein kleiner Aspekt, mündet aber in einer höllisch intensiven Szene, die sich noch ohne ihn weiter steigert und wo Winslet und DiCaprio voller Inbrunst und Wut zeigen, wozu Schauspielkunst in Hollywood möglich ist. Trotz des zuvor angesprochenen kleinen Makels, ist es einfach unvorstellbar, wie beide Darsteller bei den Oscars übergangen werden konnten.

„Revolutionary Road“ ist ein Horrorfilm für jeden jungen Menschen mit Idealen, mit Träumen und der Alles will, nur nicht das, was alle anderen machen. Es ist beängstigend, wie diese beiden Leute in die Identitätslosigkeit geraten sind, wie sie an ihren tiefsten Wünschen zerbrechen. – Wer sich ebenfalls am Scheideweg zwischen Jugendlichkeit und Erwachsensein befinden, dem dürften sich die Nackenhaare aufstellen, ehe sich ein ungemütliches Gefühl in der Magengegend ausbreitet. Mit den passenden Voraussetzungen beschäftigt „Zeiten des Aufruhrs“ wie lange kein Film mehr, denn trotz 50er-Jahre-Setting wirken die Ideen der Geschichte noch immer aktuell und weiterhin anwendbar, wenn sich auch ein paar Details, z.B. zur Stellung der Geschlechter, geändert haben.

Die Verlockung der Sicherheit und das Pflichtgefühl für Ehepartner und Kinder, muss irgendwie mit dem Drang in Gleichgewicht gebracht werden, eben kein austauschbares, immergleiches Familienleben mit Eigenheim und falschen Freunden führen zu wollen. Wie lange darf man träumen und kann man sich nicht mit etwas Wohlwollen auch das angeblich so biedere Vorstadtleben angenehm gestalten? Frank und April steht ihr Ego im Weg, aber bis zu einem gewissen Punkt ist es bewundernswert, dass sie es überhaupt wagen, dass sie sich trauen, ihrer Umwelt ins Gesicht zu blicken und zu sagen: „Wir sind anders. Wir wollen mehr. Wir kämpfen für unsere Träume!“

Nach dem abermals extrem bitteren Höhepunkt, als sich der Film so langsam auf der Zielgeraden befindet, deutet eine Nebenfigur an, dass April und Frank nicht die einzigen sind, die mal Ideale hatten. Es geht eben nicht nur um die Wheelers, sondern auch um die Nebenfiguren, die zusammen ein höchst nachvollziehbares Konstrukt ergeben. Akzeptiert man die Einfachheit dieses Lebens, kann man auch glücklich sein, aber im Umkehrschluss muss nicht jeder Revolutionsversuch in noch größerem Elend enden. Schließlich endet der Film in einem der schönsten, melancholischsten, nachdenklichsten, vielsagendsten und gleichzeitig simpelsten Schlussmomente, der jüngeren Kinogeschichte. Und überraschend ist er noch dazu, gehört er doch nicht den Figuren, die man vielleicht in der Schlussszene erwartet.

Fazit:
Erstklassiges, klassisch anmutendes Drama. Schwer, bitter und noch lange nachwirkend. Mendes braucht 15-20 Minuten um seinen Stil zu finden, dann steigert sich der Film, getragen von fantastischen Schauspielleistungen, immer weiter und wird zu einer intensiven Lektion über Träume, Pflichtgefühl und das Leben, die noch heute anwendbar ist.

8,5 / 10

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