Story:
Frank und April Wheeler
(DiCaprio, Winslet) sind ein junges Ehepaar, die sich das Leben in den 50ern
eigentlich anders vorgestellt haben. Statt Glück und Hoffnung plagen sie Ängste,
die sie mit einem letzten verzweifelten Schritt aus dem Weg räumen wollen - mit
einem Umzug nach Paris. Das jedoch ist nicht so leicht wie zunächst gedacht...
regie :
sam mendes
cast :
kate winslet, leonardo dicaprio
kritik :
christian westhus
____________________________________________________________________________
Kritik:
Ignorieren wir
hier einfach mal dieses mächtig aufgebauschte Bla-Bla um die lange
herbeigesehnte Reunion von Leo & Kate, dem Titanic-Traumpaar. Und blenden wir
auch mal aus, dass Winslets Ehemann Sam Mendes hier die Regie führt. Das hat dem
Film sicherlich bei PR und Werbeauftritten geholfen, schadet aber ein wenig die
Rezeption des Ganzen. Es ist schon schwer genug, zwei gestandene Hollywoodstars
als biederes Ehepaar zu akzeptieren – was aber gelingt -, da muss man nicht noch
in Versuchung geführt werden, Mendes bei diversen Einzelaufnahmen von Kate
Winslet vorzuwerfen, er inszeniere seine Frau wie er sie gerne hätte. Alles
Quatsch. „Revolutionary Road“ ist ein erstklassiges und verdammt bitteres Drama,
welches sicherlich zu den besten, klassischen Hollywooddramen der letzten Jahre
gehört.
|

"Eins sage ich dir... nächstes Mal male ich
Kathy Bates."
|
|
Dabei sind die ersten zehn bis
fünfzehn Minuten noch etwas schwammig und ungelenk. Zwar mit Mendes gekonntem
Blick für tolle Momente, beispielsweise beim fallenden Vorhang in
Parallelbewegung zu Kates Augenaufschlag, dafür aber auch etwas hastig. April
und Frank treffen sich, sprechen miteinander und sind kurz darauf schon
verheiratet und geraten in einen ersten heftigen Streit. Man könnte meinen, hier
sei das Ende schon gezeigt worden, quasi als elliptische Vorwarnung, worauf wir
nun zusteuert, aber a) hat man keine Ahnung, was da wirklich noch folgen wird
und b) würde Mendes den Lapsus des vorweggenommenen Endes nur machen, wenn er
den Endpunkt als gegeben und die Entwicklung als einzig relevant ansehen würde.
Auch wäre das Ganze noch etwas zu schwach, denn, wie gesagt, sind diese ersten
Minuten noch die schwächsten eines sich immens steigernden, immer intensiver
werdenden Films. Leo und Kate brüllen sich an und wedeln immer sehr aufgeregt
mit den Händen, eine Marotte, die auch später nicht so ganz abgelegt werden
kann. Wollte man die eine Kleinigkeit, den einen Mangel von zwei ansonsten
einfach nur fantastischen Schauspielleistungen aufzählen, dieses wilde
Gestikulieren würde es sein.
Die Haupthandlung setzt also nach diesem Streit an. April muss ernüchtert
feststellen, dass ihre Versuche Schauspielerin zu werden, reichlich naiv und
illusionär sind, während Frank Tag auf Tag, zusammen mit anderen uniformierten
Gesichtslosen zur Arbeit gefahren wird, wo er sich den ganzen Tag über den
Feierabend herbeisehnt. Im ersten Drittel schneidet Mendes noch zwei, drei Mal
zurück, zeigt Stationen der Beziehung und besonders des Hauskaufs. Später
verwirft er diese Blicke zurück und bleibt geradlinig, doch die besondere
Aufmerksamkeit für das Haus macht Sinn. Man fragt sich zwar für einen Moment,
warum es Szenen aus dem Trailer nicht in den Film geschafft haben, aber dieses
Haus wird zum übergroßen Symbol verlorener Träume. Frank und April wollten die
Welt sehen, hatten Träume und Wünsche, wollten unbedingt anders sein, als die
immergleichen kleinbürgerlichen Bekannten, die sie hatten und hassten. Nun
vegetieren sie voller Wut und Enttäuschung in diesem Haus, mit Kindern, mit
vergrabenen Idealen, in hassenswerten Jobs und mit eben diesen biederen
Vorstädtern zu Freunden, die mit uniformer Freundlichkeit und oberflächlichen
Cocktailpartys Tag für Tag aufs Neue das Scheitern der Wheelers aufzeigen. Die
starke, naturalistische und doch stilisierte Kameraarbeit und Farbgebung,
besonders in geschlossenen Räume, vermittelt ein wunderbares Gefühl von
Bedrückung und Schwere.
|

"Komm Kate, das war nicht so gemeint. Ich
les dir auch den neuen Boll
vor, okay?"
|
|
Es sollte schon durchklingen: Wer
hier vom „American Beauty-Regisseur“ einen ähnlichen Umgang mit den Tücken der
kleinbürgerlichen Vorstädte erwartet, dürfte das Kino reichlich verstört
verlassen. Komplett ohne die pointiert-verbitterten Kommentare eines Lester
Burnham, ohne groteske Überzeichnung, ohne den zynischen Humor und auch ohne
visuell auffällige, leicht surreale Sequenzen. „Zeiten des Aufruhrs“ ist gekonnt
aber straight und realistisch inszeniert und trägt eine Schwere und Bitterkeit
mit sich, die Hollywooddramen schon lange nicht mehr hatten. Anzeichen für Humor
gibt es kaum, stattdessen schlittern Winslet und DiCaprio in einen der
heftigsten und krassesten Ehestreite, den das Kino seit langer Zeit zu bieten
hatte.
Der titelgebende Aufruhr, bzw. die Revolution aus dem Originaltitel, wird
zaghaft gewagt. Man ist ja noch nicht zu alt, einen Wechsel zu erzwingen, ehe
man endgültig vergisst, was man als ideeller Jugendlicher mal erträumt hatte.
Frank weiß zwar noch nicht was er will, aber er und April sind sich einig, dass
es nicht das ist, was sie aktuell leben. „Wir ziehen nach Europa, nach Paris!“
Und mit dem Entschluss gibt es für einen Moment Licht am Ende des Tunnels, einen
Hoffnungsschimmer. April blüht auf, die Beziehung erstarkt wieder, die Freunde
werden rasch in Kenntnis gesetzt, man ist stolz auf sich und auch Frank hat
wieder kurzweilige Freude auf der Arbeit, weil er weiß, dass es bald vorbei sein
wird. Man braucht kein Prophet zu sein um zu wissen, dass der Entschluss zum
Aufbruch nicht in größter Glückseligkeit enden wird. Was nun folgt ist der über
fast 30 Minuten gesteigerte, sich selbstzerfleischende Kampf zweier Liebenden,
die sich mit unfassbar großem Schmerz und tiefster Verbitterung das gegenseitige
Scheitern vorwerfen. Das Auftauchen eines psychisch Kranken, der der einzige zu
sein scheint, der Franks und Aprils Drang auf Veränderung zu verstehen scheint,
ist da nur ein kleiner Aspekt, mündet aber in einer höllisch intensiven Szene,
die sich noch ohne ihn weiter steigert und wo Winslet und DiCaprio voller
Inbrunst und Wut zeigen, wozu Schauspielkunst in Hollywood möglich ist. Trotz
des zuvor angesprochenen kleinen Makels, ist es einfach unvorstellbar, wie beide
Darsteller bei den Oscars übergangen werden konnten.
„Revolutionary Road“ ist ein Horrorfilm für jeden jungen Menschen mit Idealen,
mit Träumen und der Alles will, nur nicht das, was alle anderen machen. Es ist
beängstigend, wie diese beiden Leute in die Identitätslosigkeit geraten sind,
wie sie an ihren tiefsten Wünschen zerbrechen. – Wer sich ebenfalls am
Scheideweg zwischen Jugendlichkeit und Erwachsensein befinden, dem dürften sich
die Nackenhaare aufstellen, ehe sich ein ungemütliches Gefühl in der Magengegend
ausbreitet. Mit den passenden Voraussetzungen beschäftigt „Zeiten des Aufruhrs“
wie lange kein Film mehr, denn trotz 50er-Jahre-Setting wirken die Ideen der
Geschichte noch immer aktuell und weiterhin anwendbar, wenn sich auch ein paar
Details, z.B. zur Stellung der Geschlechter, geändert haben.
Die Verlockung der Sicherheit und das Pflichtgefühl für Ehepartner und Kinder,
muss irgendwie mit dem Drang in Gleichgewicht gebracht werden, eben kein
austauschbares, immergleiches Familienleben mit Eigenheim und falschen Freunden
führen zu wollen. Wie lange darf man träumen und kann man sich nicht mit etwas
Wohlwollen auch das angeblich so biedere Vorstadtleben angenehm gestalten? Frank
und April steht ihr Ego im Weg, aber bis zu einem gewissen Punkt ist es
bewundernswert, dass sie es überhaupt wagen, dass sie sich trauen, ihrer Umwelt
ins Gesicht zu blicken und zu sagen: „Wir sind anders. Wir wollen mehr. Wir
kämpfen für unsere Träume!“
Nach dem abermals extrem bitteren Höhepunkt, als sich der Film so langsam auf
der Zielgeraden befindet, deutet eine Nebenfigur an, dass April und Frank nicht
die einzigen sind, die mal Ideale hatten. Es geht eben nicht nur um die
Wheelers, sondern auch um die Nebenfiguren, die zusammen ein höchst
nachvollziehbares Konstrukt ergeben. Akzeptiert man die Einfachheit dieses
Lebens, kann man auch glücklich sein, aber im Umkehrschluss muss nicht jeder
Revolutionsversuch in noch größerem Elend enden. Schließlich endet der Film in
einem der schönsten, melancholischsten, nachdenklichsten, vielsagendsten und
gleichzeitig simpelsten Schlussmomente, der jüngeren Kinogeschichte. Und
überraschend ist er noch dazu, gehört er doch nicht den Figuren, die man
vielleicht in der Schlussszene erwartet.
Fazit:
Erstklassiges, klassisch anmutendes Drama. Schwer, bitter und noch lange
nachwirkend. Mendes braucht 15-20 Minuten um seinen Stil zu finden, dann
steigert sich der Film, getragen von fantastischen Schauspielleistungen, immer
weiter und wird zu einer intensiven Lektion über Träume, Pflichtgefühl und das
Leben, die noch heute anwendbar ist.
8,5 / 10
_____________________________________________________________________________
:::::...: Diskussion im Forum
|