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Kritik:
Schmetterling und Taucherglocke


von Christian Westhus

Le scaphandre et le papillon
(2008)
Regie: Julian Schnabel
Darsteller: Mathieu Almaric, Emmanuelle Seigner

Story:
Der Chefredakteur der französischen „Elle“, Jean-Dominique Bauby, erkrankt 43Jährig am sogenannten Locked-In-Syndrom. Sein gesamter Körper ist von Kopf bis Fuß gelähmt, nur über das Blinzeln seines linken Auges, kann er sich mitteilen, denn sein Verstand ist hellwach und gefangen im Kerker seines regungslosen Körpers. Über dieses Blinzeln diktiert Bauby seine Biographie, auf der dieser authentische Film basiert.

Kritik:
Eine langsame Aufblendung. Milchig zerlaufende Farben, verwaschene Konturen und immer wieder die Abblendung in die Dunkelheit. Silhouetten bewegen sich zwischen Schärfe und Unschärfe umher, dumpfe, befremdliche Stimmen erzählen von Krankheit, Krankenhaus und Wundern, bis schließlich die Stimme von Jean-Dominique Bauby fragt, was überhaupt passiert ist. Wir erleben die erste halbe Stunde annähernd komplett über die subjektive Kamera, die Baubys Sicht darstellt, wie er langsam realisiert wo er ist und wie sein Zustand ist, dass er sich nicht bewegen kann, dass er nicht einmal sprechen kann.

Bauby ist geistig wach gefangen im eigenen Körper und sucht nach Orientierung, aber auch nach Hilfe, wie den Tod. Das Blinzeln seines linken Auges diktiert mühsam Wörter, während sein Verstand im Innern lange Monologe hält und die Umwelt mal nüchtern, mal sarkastisch kommentiert. Regisseur und Künstler Julian Schnabel, der hier seinen erst dritten Spielfilm präsentiert, und der zweifach Oscarprämierte Kameramann Janusz Kaminski erschufen eine überaus wirkungsvolle Methode, Baubys Leben in der beklemmenden Taucherglocke die sein Körper geworden ist, darzustellen.

Und erst als Bauby langsam zu akzeptieren scheint und sein Geist wie ein Schmetterling aus dem Kokon steigt, nimmt man den Zuschauer mit auf eine wild umherflatternde Reise durch Baubys Geist. Non linear, mit ausgefeiltem Schnitt und wunderbarer Musik springt Schnabel künstlerisch zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Fantasie umher, präsentiert oftmals nur geschickt montierte Bildeindrücke, Naturaufnahmen, Rückblicke oder irrealen Szenen, während die stringente Gegenwartshandlung als roter Faden fungiert. Es bringt die Macht des Geistes, die Macht der Fantasie zum Ausdruck, die Antrieb für Kunst und Lebensmut sein kann. Während Bauby gerade an den Tropf angeschlossen wird, träumt er sich in ein edles Restaurant mit einer schönen Frau und sieht sich beim dekadenten Schlemmen. Diese Fantasie bringt ihn dazu, seine Gedanken und sein Leben als Buch niederzuschreiben, indem er Buchstabe für Buchstabe blinzelnd diktiert.

Und diese an sich deprimierende Geschichte wird immer wieder von den lebhaften, bissigen Kommentaren Baubys aufgelockert und gleichzeitig holt uns Regisseur Schnabel durch harte, kontrastierende Schnitte wieder zurück. Lauthals lacht Bauby über einen Kommentar seiner Pflegerin los, kriegt sich kaum wieder ein und kurz darauf blicken wir in sein starres, fast totes Gesicht, in dem sich gar nichts regt.

Dennoch ist „Schmetterling und Taucherglocke“ kein tonnenschwerer, zutiefst deprimierender Stoff geworden. Ganz im Gegenteil, ist der Film doch zutiefst menschlich und oftmals geradezu hoffnungsvoll, macht aber keinen Hehl aus dem großen Leid, welches Jean-Do Bauby widerfahren ist und geht sehr zu Herzen. Die Umsetzung ist speziell und eher artifiziell, aber die große Menschlichkeit und Emotionalität ist es, was diesen Film so besonders und bewegend macht. Die vielen Charaktere und Figuren, die auftauchen, die Trost spenden wollen und doch am liebsten vor Trauer und Scham im Boden versinken würden, sind durch die Bank grandios besetzt und gespielt worden. Besonders Max von Sydow gibt eine bemerkenswerte Leistung ab, ebenso Baubys Pflegepersonal, seine Frau oder sein guter Freund, gespielt vom immer starken Isaach de Bankolé.

Die Tatsache, dass man es hier mit wahren, authentischen Begebenheiten zu tun hat, macht diesen eigentlich unglaublichen Stoff so wirkungsvoll. Interessant dabei auch Baubys Darstellung vor dem Unfall, sein Leben im Jet-Set, mit ein paar Frauen zu viel und mit zu wenig Zeit für die Leute die ihm wichtig sein sollten. Mathieu Amalric ist wundervoll in beiden Rollen und durch die pointierten, oft sogar poetischen Kommentare kreiert er einen ganz eigenen Kosmos, eine eigene Welt in die er aus seinem regungslosen Körper flüchtet und die wunderbar bildhaft und dennoch nachvollziehbar in den Film integriert ist.

Fazit:
Eine schwierige und doch so wunderbare Geschichte wurde durch eine künstlerische Regie und geniale Kameraarbeit erfassbar gemacht und zusammen mit durchweg grandiosen Darstellern, entsteht ein ungemein emotionaler, bewegender und menschlicher Film, der noch lange im Gedächtnis bleibt. Es ist zugleich ein respektvoller Umgang mit einer wahren Geschichte und ein einfühlsamer, origineller Film, den man sich unbedingt anschauen sollte.

9 / 10

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