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Kritik:
Science of Sleep


von Christian Westhus

La Science des rêves
(2008)
Regie: Michel Gondry
Darsteller: Gael Garcia Bernal

Story:
Stéphane ist kreativ, doch die Realität ist für ihn ein Kerker, der ihm Fesseln anlegt und in der er seine Fantasien nicht ausleben kann. Vom eintönigen Beruf gelangweilt stürzt er sich, wie schon von Kindheitsbeinen an, in Träume und in seine verrückte Gedankenwelt. Als er sich in seine ebenfalls künstlerisch begabte Nachbarin Stéphanie verliebt, lebt er im Traum die gewünschte Liebe aus, während die Realität den Beiden immer wieder Steine in den Weg legt und sie sich das Leben selbst schwer machen.

Kritik:
Anschnallen und festhalten zum wohl irrsten Film des Jahres. Mit „The Science of Sleep“ löst sich der französische Musikvideogott und Filmregisseur Michel Gondry in seinem dritten Spielfilm erstmals von der Fuchtel von Autorenguru Charlie Kaufmann, mit dem Gondry zusammen den Oscar für das Script zu „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ erhielt. Und wenn man so will, kann man Kaufmanns Fehlen auch erkennen, denn es fehlt dessen klare Linie, die seine Filme bei all ihrem Irrsinn noch hatten. Gondry entfacht hier ein optisches Feuerwerk an grotesk-skurrilen Ideen, dass man so noch nicht gesehen hat. Es wirkt, als atme er befreit auf und werfe jede verrückte Idee die er die letzten Monate hatte, in den Film. Und das Beste ist, es funktioniert hervorragend.

„I’ve been 12 forever“ heißt die Biographie Gondrys und das sieht man besonders an diesem Film, der an manchen Stellen wie ein Best Of seiner Musikvideos wirkt. Hier tummeln sich deutlich handgemachte, wunderbar niedliche und herrlich komische Effekte aus Pappe und Papier und mit viel Liebe zum Detail. Computereffekte kann Jeder und so wurde für diesen Film gebastelt und geklebt, gemalt und mit allerhand Stop-Motion gearbeitet.

Das wird einigen Zuschauern hier und da zu viel des Albernen, zu viel des Verrückten und Grotesken sein, wenn mutierte Rasierer mit Spinnenbeinen auf einer überdimensionalen Schreibmaschine Liebesbriefe tippen, wenn Stéphane in einem großen Pappauto vor der Polizei im nächsten Pappauto flüchtet oder wenn Zellophan und Bonbonpapier aus dem Wasserhahn strömt. Doch wer selbst Tagträume hat und wer sich die Welt manchmal selbst bunter, schräger oder einfach anders träumt, dem wird über 108 Minuten das Herz aufgehen.

Im direkten Vergleich zum grandiosen „Eternal Sunshine...“ ist „The Science of Sleep“ eindeutig der witzigere, unterhaltsamere und fröhlichere Film. 90 Minuten lang überwiegen die schrägen Albernheiten von Stéphanes Fantasie, die verrückten Kollegen von der Arbeit, die Ziege auf der Klippe und das ewige Hin und Her zwischen Stéphane und Stéphanie. Doch Michel Gondry währe nicht Michel Gondry, wenn er nicht auch diesen Film extrem persönlich gefärbt hätte. Seine Hauptfiguren sind allesamt schüchterne, ruhige aber ungemein kreative und künstlerisch begabte Männer, so wie er selbst, deren größtes Problem die Frauenwelt ist, zu der sie unbedingt Zugang haben wollen, was durch ihre ruhige Art und Schüchternheit jedoch äußert schwierig ist.

So durchzieht den Film, rückblickend betrachtet, eine tiefe Melancholie, ist er doch auch eine Selbstfindungsstudie eines Träumers, der sich selbst am meisten im Weg steht, seine wahre Liebe zu finden. Und plötzlich muss der Zuschauer in der letzten Viertelstunde plötzlich bitter aufstoßen, wenn dies mit einem Mal überdeutlich und tragisch wird, was sich als genialer Schachzug herausstellt. Denn mit Stéphane als Leitfigur durch den Film, erlebt der Zuschauer selbst die schönen Seiten der Liebe, wie es sie in seiner Fantasie tatsächlich gibt und der Zuschauer nimmt das Angebot dankend an und kann bisweilen, wie Stéphane, nicht zwischen beiden Welten unterscheiden. Man erliegt der Schönheit des Traumes bis uns Gondry mit einem erneuten, wie schon in „ESOTSM“, eher offenen und mehrdeutigen Ende in der Realität zurücklässt, wo man sich selbst dabei ertappt, bis nach dem Abspann auf eine weitere Szene zu hoffen und sie sich dann zu erträumen.

Obwohl man es hier eindeutig mit einem Film des Regisseurs zu tun hat, braucht ein Film Identifikationsfiguren auf der Leinwand und auch hier trumpft „The Science of Sleep“ groß auf. Der Mexikaner Gael García Bernal (Amores Perros) spielt Stéphane als überaus sympathischen, mitleidserregenden und schüchtern-tollpatschigen Typ, den man gerne mal zu sich nach Hause einladen möchte. Das verschmitzt schüchterne Lächeln oder der nervöse und leicht verwirrte Blick, verleihen der Figur eine hohe Authentizität. Zu ihm gesellt sich Schauspielerin und Musikerin Charlotte Gainsbourg als Stéphanie, die ihren sympathischen und gleichzeitig verletzlichen und abweisenden Charakter wunder angeht. Dazu gehören wunderbar aufgelegte Nebendarsteller, allen voran Stéphanes merkwürdige Arbeitskollegen, die ihn bis in seine Träume begleiten und Ratschläge verteilen.

Wirklich negativ fällt kaum etwas auf, je nach dem, wie man mit dem kompletten Stil des Films umgehen kann. Die Optik ist einzigartig, die Darsteller wunderbar und auch die Musik, die von französischen Chansons bis Gitarrensoli von Jack White hin und her pendelt, kann vollends überzeugen. Wenn man so will, fehlt es diesem Film ein wenig an einem ernsthaften Hintergrund der Story, an einer entlarvenden, vielschichtigen Finte zum Schluss, die mehr zeigen könnte, als die schwierige Realität außerhalb der Träume Stéphanes, in denen auch der Zuschauer gefangen war. Doch das ist lediglich der Punkt, der diesen Film etwas weniger gut als seinen Vorgänger macht, der bewegender und ernster war, der letztendlich ein wenig mehr berührt hat, insgesamt ist dieses Werk aber ein filmischer Höchstgenuss.

Der Film ist auch im Original dreisprachig und so muss man auch in der deutschen Synchronfassung mit Untertiteln vorlieb nehmen, denn, und das ist sehr positiv, lediglich das überwiegende Englisch wurde synchronisiert. Französisch und wenige Sätze Spanisch wurden mit Untertiteln versehen und sogar in diesen Sprachen synchronisiert, um eine Stimmgleichheit zu garantieren. Dafür gebührt auch dem deutschen Filmverleih ein großes Lob.

Fazit:
Albern, verrückt, grotesk, romantisch, innovativ und einfach wunderschön ist Michel Gondrys neueste Ausgeburt seiner lebhaften Fantasie. Ein Film von einem Träumer für Träumer, ein Film der Bilder hervorruft und dazu anregt, die eigene Fantasie nicht verstauben zu lassen. Für Manche vielleicht zu abgedreht, aber der wohl originellste und außergewöhnlichste Film seit langem. Wer Michel Gondry vorher nicht schon bewundert hatte, sollte das spätestens jetzt tun. Große Klasse.

7 / 10

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