hauptseite  |  vorschauen  |  kritiken |  impressum |  forum



 

 

Kritik:
Fellinis Stadt der Frauen


von Christian Westhus

Fellinis Stadt der Frauen (La città delle donne, 1980)
Regie: Federico Fellini
Cast: Marcello Mastroianni

Story:
Auf einer Zugfahrt begegnet Snaporaz einer geheimnisvollen Frau. Er folgt ihr, verlässt den Zug, irrt durch den Wald und findet sich schon bald in einem Hotel wieder, das beinahe ausschließlich von Frauen bewohnt ist. Zunächst begeistert, stolpert Schürzenjäger Snaporaz schon bald in ein halsbrecherisches Chaos.

Kritik:
Was „Julia und die Geister“ 1965 für die Frauen war, ist „Stadt der Frauen“ für den Mann. Ein übergeschnappter, surrealer, außergewöhnlicher Trip ins Lustzentrum im Kopf eines Mannes. In visuell aufwendiger und typisch felliniesker Art und Weise zelebriert der italienische Meisterregisseur Wirken und Wirkung zwischen Mann und Frau. Sein Alter Ego Marcello Mastroianni schickt Fellini auf eine Odyssee, die man kaum beschreiben kann und in der die männliche Lust am weiblichen Objekt gleichermaßen gefeiert wie kritisiert wird. Albern, surreal, träumerisch, machohaft und doch ist es irgendwie auf völlig verdrehte Art und Weise eine Liebeserklärung an die Frau. Die Feministinnen liefen bei Erscheinen des Films dennoch Sturm und protestierten, nicht zuletzt weil Fellini das Hotel im Mittelteil des Films mit den Mitgliederinnen einer Feministinnentagung bevölkert, die als ein hysterisch irrer Haufen übergeschnappter Hühner inszeniert wird. Die Feministinnen, die sich den Männern entsagen, die das Altern ablehnen oder als Ausdruck von Freiheit feiern. Und mittendrin Schürzenjäger und Lustmolch Snaporaz, der zunächst gierig gafft und schließlich panisch zu flüchten versucht.

Schon die anfängliche Zug-Situation spottet jeder Beschreibung. Mit der nötigen Prise Schmuddellook wird aus den voyeuristischen Lustfantasien eines Mannes eine urkomische und verrückte Situation, die genau richtig ein wenig pornös wirkt. Aus dem Zug durch den Wald und ab ins Hotel. Mit Snaporaz wandern wir durch den Mikrokosmos der Frauenwelt, die natürlich durch die Brille des Mannes inszeniert wird, sei es Snaporaz oder Fellini selbst. Snaporaz kann nicht anders, folgt seiner Lust, die Mastroianni in seiner typisch ironischen und humorvollen Passivität wunderbar komisch zum Ausdruck bringt. Sein Trieb macht ihn zum Spielball für die weibliche Übermacht. So überlebt unser „Held“ eine verrückte Rollschuh-Sequenz nur knapp und die Flucht ereignet sich eher zufällig. Flucht ist nicht gleich Rettung, denn die Frauen, die überstilisierten, hysterischen Lustobjekte, wenden sich gegen den wandelnden Macho Snaporaz. Völlig bescheuert und gleichzeitig herrlich komisch und auf verdrehte Art und Weise hintersinnig die Szene mit gut zwei Dutzend jungen Frauen, verteilt auf drei Autos. Wieder mittendrin Snaporaz, der nicht weiß wie ihm geschieht und was der außer Kontrolle geratene Unfug dann soll. 

Und als wäre das nicht schon verrückt genug, holt Fellini zum ganz großen Schlag aus. Was in den finalen 40 Minuten in dem verwinkelten und wild bevölkerten Herrenhaus eines männlichen Gleichgesinnten passiert, ist unmöglich zu beschreiben und bietet überdrehten Fellini in Reinkultur. Der Frauenliebhaber und Schwerenöter hat sein Haus voll gepackt mit phallischer Kunst, verrückten Sexspielzeugen und einer interaktiven Ahnengalerie seiner Eroberungen. Gerade heute feiert er mit viel Tamtam seine Gespielin Nummer 10.000 und urplötzlich ist das Haus gefüllt mit Gästen aller Arten, zu denen unerklärlicherweise auch Snaporaz Frau gehört, die er eigentlich im Zug zurückgelassen hat. Die erotische, meist ironisch-alberne Odyssee nimmt für Snaporaz kein Ende. Immer wieder lässt er sich um den Finger wickeln, wenn er glaubt, die holde Weiblichkeit um den Finger wickeln zu können. Fellinis Faible für den Zirkus und Rummelplatz, für Artisten und Schausteller kommt im grotesken, visuell herausragenden und einfach herrlichen verrückten Finale vollends zur Geltung. Tanz und Gesang, verrückte Großmütter, nackte Tänzerinnen und das Strafgericht der Frauenwelt, die unseren Snapo durch eine verwirrende Berg- und Talfahrt schickt, um aus ihm einen anständigen Mann zu machen. Eine durch und durch symbolische Reise, die Fellini spaßig, skurril und mit absolut verrückten Ideen, aber auch mit Hintersinn inszeniert und zelebriert.

Fazit:
Typisch Fellini. Über Machotum und die Lust an der Weiblichkeit, die sich in eine hysterische Bedrohung verwandelt. Surreal, erotisch, verrückt und unterhaltsam, dabei bildgewaltig und ungeheuer kreativ umgesetzt.

8,5 / 10

> Deine Meinung zum Film?

Copyright © 2004-2050 bereitsgesehen.de, alle Rechte vorbehalten
bereitsgesehen.de ist nicht für die Inhalte verlinkter Websites verantwortlich