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Kritik:
Tödliches Kommando


von Christian Mester

The Hurt Locker
(2009)
Regie: Kathryn Bigelow
Darsteller: Jeremy Renner, Anthony Mackie, Guy Pearce

Story:
Bei einem Einsatz im Irak im Jahr 2004 wird ein Leiter eines Bombenräumkommandos getötet. Für ihn übernimmt der junge, aber bereits äußerst erfahrene Sergeant William James, dessen zynische Art schnell für Spannungen im Team sorgt...

Kritik:
Kathryn Bigelow ist eine echte Ausnahmeerscheinung, denn nicht nur, dass die beliebte Regisseurin sich seit über 20 Jahren erfolgreich in einer von Männern dominierten Fachwelt behauptet, sie hat sich diese Anerkennung auch noch in Genres erkämpft die man ihr vielleicht nicht zutrauen würde: in den Bereichen Thriller und Action. Mit dem Surfer-Actioner Point Break - Gefährliche Brandung hat sie 1991 einen echten Action-Klassiker hingelegt, der Keanu Reeves mit Schmalzfrisur zum Superstar machte; Strange Days, Blue Steel, K-19: Widowmaker und Near Dark - Die Nacht hat ihren Preis sind ebenso bekannte, solide Beiträge.

Ihr neuester geht nun leicht andere Wege, denn im Gegensatz zu ihren bislang eher traditionellen Hollywood-Streifen setzt die Schmerzkammer in erster Linie auf einprägsame Authentizität. Durch bewussten Verzicht auf bekannte Gesichter, auf Kamera- und Effektspielereien und typischen Plotverlauf versucht sie gekonnt, einen nahezu dokumentarischen Einblick in das Leben dieses seltsamen Ausnahmeberufes zu geben. Wie gefasst bleibt ein Bombenexperte wenn er sich freiwillig einer Kraft aussetzt, die ihn bei kleinster Unachtsamkeit in Gehacktes verwandeln kann? Kann so jemand überhaupt ein normales Familienleben führen? Kann man zwei Stunden sinnvoll damit füllen, sich wiederholt zu fragen, ob es nun der grüne oder rote Draht ist? Diese und andere Fragen beantwortet Bigelow in einem der spannendsten Kriegsfilme der letzten Jahre.

Erfreulich ist, dass das tödliche Kommando ein paar der fesselndsten Szenen des ganzen Filmjahres beinhält. Es gibt gleich mehrere längere Abschnitte, in denen es minutenlang gewaltige Hochspannung gibt, die sich wie Thermit durch jeden Zweifel brennt, denn es bleibt längst nicht dabei, dass William "nur" die tödlichen Silvesterüberbleibsel entschärfen muss - was an sich ja schon zur Genüge am Nervengerüst kratzt - er und sein Team müssen sich gleichzeitig mit versteckten Scharfschützen, argwöhnischen Zivilisten und unberechenbaren Kindern befassen, die alle insgeheim mit den Terroristen unter einer Decke stecken könnten. Bigelow fängt diese Momente mit überlegtem, ruhigem Auge ein und sorgt für ein beunruhigendes Mittendrin-statt-nur-dabei Gefühl, das den Abstecher in das Krisengebiet Irak wie zuletzt schon Flug 39 zu einer Achterbahn der Nerven macht (wobei sich die Schmerzkammer noch Pausen erlaubt, Flug 39 nicht).

Angenehm ist die Tatsache, dass der Film trotz offensichtlicher Möglichkeiten kein politisches Statement portiert, wie es in diesem Genre oftmals der Fall ist. Bigelow macht sich anscheinend nichts daraus, kritisch zu hinterfragen, ob die Anwesenheit der G.I.s im Irak nun sinnvoll und gerechtfertigt ist, ob der Schutz der Bürger gewollt, ob die bloße Anwesenheit der Retter eventuell Schießpulver für die vielen Anschläge sein könnte - sie überlässt es anderen Filmen und konzentriert sich lieber darauf, die Tapferkeit dieser Männer zu zeigen, die es so schließlich wirklich gibt und Geschehen wie diese tagtäglich erleben. Bigelow ist in dieser Beziehung auch glücklicherweise mal kein weiblicher Michael Bay: die Army wird keine Sekunde fälschlicherweise glorifiziert, kein einziger Soldat wird heroisch präsentiert, es gibt keine flapsigen Sprüche, keine Verharmlosung, keine Spielereien, kein Feel-Good Linkin Park und auch der Feind wird nicht als simples, nur böses Abziehbild ala Windtalkers gezeigt.

Technisch ist er eine Wucht, da er sowohl in Sachen Klangkulisse, als auch visuell mit seinen überragenden Explosionseffekten gehörigen Eindruck macht, der wie Napalm Spuren hinterlässt und einem die Ohrmuscheln gepflegt wegdetoniert - und das zum Glück, ohne zwingend auf Epilepsie-Actionaufnahmen wie bei Ein Quantum Trost zurückzufallen. Wer dabei völlig unbekümmert im Saal sitzen bleiben kann, ist entweder taub und blind oder war auf Motörhead-Konzerten definitiv zu oft zu weit vorne.

Die drei eher unbekannten Schauspieler des Teams machen ihre Sache übrigens durchgehend gut, gerade Jeremy Renner (28 Weeks Later) kann öfters als Draufgänger mit Nerven aus Stahl glänzen. Ergänzt werden die drei hin und wieder von bekannteren Gesichtern wie Guy Pearce (Memento) oder Ralph Fiennes (Voldemort), deren Szenen aufleben lassen, die durch ihre Bekanntheit aber auch immer wieder kurzzeitig aus der pseudodokumentarischen Scheinrealität herausreißen.

Relativ gesehen gibt es im Film eigentlich keine echten Blindgänger, es ist nur teilweise so, dass es ihm an gewissen Aspekten ein wenig mangelt. Jake Gyllenhaal (Jarhead), Michael J. Fox (Die Verdammten des Krieges), Charlie Sheen (Platoon), Michael Sheen (Apocalypse Now), Jude Law (Enemy at the Gates) oder auch Jürgen Prochnow (Das Boot) waren in ihren Rollen denkwürdige Charaktere, mit denen man mitfühlen und sich teilweise identifizieren konnte. Das Hurt Locker Platoon dagegen ist - der Schauspieler und Regie wegen - hauptsächlich kalt, distanziert und unnahbar. Es bleibt keine Zeit für Gemeinsamkeiten und da die laufenden Gespräche sich fast ausschließlich taktisch um die aktuelle Lage drehen, gibt es für die Figuren wenige echte Momente, in denen eine Charakterisation zünden könnte. Tauchen die namhaften Fiennes und Pearce auf, ändert sich das kurzweilig, verfällt jedoch sofort wieder in kühle Distanz, sobald sie mit ihren Kurzauftritten wieder aus dem Bild sind.

Was auch fehlt, ist ein Blick auf die Gegenseite. Was einen starken und interessanten Kontrast zur Seite der Amerikaner hätte geben können, fehlt, damit auch die wahren Antagonisten.

Im Zuge der pseudodokumentarischen Perspektive gibt es auch keine wirkliche Einführung in den Film, keine wirkliche Story, keinen typischen Aufbau und auch kein abgeschlossenes Ende, was dazu führt, dass das bombige Treiben letztendlich wie ein zwei Stunden langer Clip mit verschiedenen Ausschnitten, nicht aber wie ein Film wirkt.

Fazit:
Tödliches Kommando - The Hurt Locker ist fraglos einer der packendsten Kriegsfilme der letzten Jahre und zugleich ein wirklich atemloser Einblick in einen der tödlichsten Berufe, die es gibt. Das Zeug zum zeitlosen Klassiker mag ihm fehlen, dennoch ist er einer der nachhaltig stärksten Filme des Jahres.

8 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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