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Kritik:
There will be Blood


von Christian Westhus

There will be Blood
(2009)
Regie: Paul Thomas Anderson
Darsteller: Daniel Day-Lewis

Story:
1898. Daniel Plainview findet beim Schürfen nach Gold eine Ölquelle, die ihn zu einem reichen Mann macht. Zusammen mit seinem adoptierten Sohn HW macht er sich bald darauf daran, im ganzen Land ein gewaltiges Ölimperium aufzubauen - koste es, was es wolle...

Kritik:
“Instant Classic” ist so ein Begriff, mit dem tendenziell überschwängliche Kritiker einen neuen Film direkt zum meisterhaften Klassiker hochstilisieren. Ohne in die selbe Falle zu tappen, liegt es bei Paul Thomas Andersons neuem Film dennoch nahe, diesen Begriff zu verwenden, denn der Film um einen misanthropischen Öl-Mann im sehr frühen 20. Jahrhundert ist pure, epische Kinokraft.

PT Anderson ist noch keine Vierzig und wird schon seit einiger Zeit mit den Größten der Filmwelt verglichen. Besonders für „Boogie Nights“ und der meisterhaften Robert-Altman-Ehrerweisung „Magnolia“ erhielt der junge Autodidakt höchstes Lob. Doch „There will be Blood“ lässt sich, bis auf die meisterhafte Umsetzung und die Überlänge, kaum mit den anderen Filmen vergleichen.

Eine Viertelstunde lässt der Regisseur am Anfang vergehen, in der uns Daniel Day-Lewis seinen Daniel Plainview vorstellt. Kein Wort wird in dieser Zeit gesprochen, kaum nennenswerte andere Personen treten auf. Immer wieder schwellen die hohen Geigentöne schrill und kakophonisch an und vor uns manifestiert sich ein Bild von einem Mann, dass für zweieinhalb weitere Stunden immer mehr anwächst. Daniel Plainview ist durchzogen vom Inneren Antrieb Erfolg zu haben, Geld zu machen, um, wie er später sagt, endlich auf andere Menschen verzichten zu können. Selbst eine Verletzung hält ihn nicht auf, Todesfälle seiner Mitarbeiter nickt er ruhig ab und schließlich nimmt er sich einen Jungen um sich weiter im Ölgeschäft festzusetzen.

Bei Andersons Filmen steht die Kamera fast nie still und obwohl es hier einige statischen Aufnahmen gibt, erfassen viele wunderbare Kamerafahrten die weite Ödnis der Landschaft, die hintersten, dunklen Ecken der Häuser und den kleinsten Charakterzug der authentischen Gesichter. Es gibt Szenen von unglaublicher Kraft, die, obwohl sie simpel wirken, einfach perfektes Filmemachen widerspiegeln. Wir sehen einen brennenden Ölbohrturm, wir sehen zwei Menschen an einer Klippe mit weitem Blick über potentielles Ölland, wir sehen Plainview, wie er ölverschmiert und eilig rennend seinen Sohn hält und über Allem schrillt und donnert Jonny Greenwoods unglaublich faszinierende, leicht psychedelische Musik.

Für über 150 Minuten ist „There will be Blood“ ein epischer Darstellerfilm. Aus einer eher simplen Ausgangsposition, der eines Ölmannes mit Gier nach mehr, wird nach und nach ein übermäßig gehaltvolles und kräftiges Drama, welches lange nachhaftet. Es ist einfach unfassbar, was Daniel Day-Lewis hier für einen Charakter kreiert. Daniel Plainview wird in die Geschichte eingehen, denn einen solch kalten, hinterlistigen, boshaften und menschenhassenden Charakter, der dennoch menschlich wirkt, gab es lange nicht und dass dieser Charakter nicht zum ständig aggressiven Berserker geworden ist, liegt an der außerordentlichen Leistung des britischen Schauspielers. Jedes Zucken der Mundwinkel, jedes Aufrichten der Augenbrauen oder die stierenden Blicke, hinter denen es gewaltig brodelt – Day-Lewis ist vollkommen im Charakter und Anderson lässt dem Monster viel Freiraum.

Wahrlich meisterlich ist auf jedenfall der Soundtrack, der direkt jedem großen Filmklassiker zugeteilt werden könnte. Mächtig, verrückt und immer perfekt nuanciert passt er optimal zum Geschehen, welches Anderson mit viel Geduld und Liebe zum Detail umgesetzt hat. Seine Regie zu Blood ist hart, aber auch sehr harmonisch, gleichermaßen tot und leblos, aber auch lebendig und zwiegespalten wie seine Hauptfigur selbst. Obwohl der Film "nur" das Leben und Treiben eines Ölmannes zeigt, hätte man dies nur schwer spannender und faszinierender umsetzen können.

So viel Freiraum, dass zwischen dem zweiten und dritten Drittel ein paar andere Handlungsstränge hinter Daniel Plainviews Egomanie zurücktreten müssen. Das ist etwas schade, da die Nebencharaktere einige interessante, zusätzliche Facetten bieten. So hätte man ruhig etwas mehr auf das besondere Verhältnis zwischen Plainview und dem jungen Sunday-Mädchen eingehen können, oder Plainviews Sohn am Ende deutlicher herausstellen können. Aber der Vorteil des Drehbuchs und dadurch der Vorteil des Film ist, dass Daniel Plainview immer wieder auf neue, gut durchdachte Charaktere trifft, die es zu entschlüsseln gilt, die man, wie Plainview selbst, auszuloten versucht, während dessen Bild sich immer weiter formt.

So gehören die Aufeinandertreffen von Plainview und dem jungen Prediger Eli Sunday sicherlich zur Kernhandlung. „When Ambition meets Faith“ hieß es auf dem original Filmplakat zum Film und das bezieht sich auf das Duell des misanthropischen Ölmannes und des fanatischen Gottesmann, welches Symbolcharakter besitzt. Anderson stellt geschickt Werte und Ansichten gegenüber, vergleicht Ölgeschäft mit der Kirche und deren Finanzpolitik und lässt den Kampf zwischen rational erfassbarem Gewinn und Spiritualität immer mehr ansteigen, was immer wieder zu starken Wortgefechten oder kraftvollen Szenen führt, obwohl es eigentlich nur um Eines geht: Macht. Daniel Plainview spuckt dabei immer wieder zutiefst erschreckende, vom blanken Menschenhass zerfressene Sätze aus, um seinem Ziel, Profit und Geld zu machen, näher zu kommen und mit zunehmender Spieldauer werden seine Worte, ebenso wie sein Handeln, immer extremer.

Auch wenn Paul Dano, in einer anfangs leicht verwirrenden Doppelrolle der Sunday-Zwillinge, etwas unter der deutschen Synchronisation leidet, so spielt auch er sich in manchen Szenen die Seele aus dem Leib. In einer irrealen, fast grotesk anmutenden Szene vertreibt er den bösen Geist aus dem kränklichen Körper einer alten Frau, dass einem angst und bange werden kann.

Aber immer wieder Plainview und dabei immer wieder Daniel Day-Lewis. Man weiß, dass dieser Charakter vom Hass durchzogen ist, doch selten gab es einen derart ausgearbeiteten, faszinierenden Charakter, der auch immer wieder seine menschlichen Seiten zeigt, dabei aber immer undurchsichtig bleibt, um seine wahren Anliegen. Dieses Misstrauen und diese Faszinationen fesseln für einen Großteil der langen Laufzeit, ebenso wie die Gegenüberstellung von Plainviews Handeln zu den Reaktionen der Charaktere, auf die er trifft und die er mit seiner Anwesenheit verändert, wie man sowohl bei seinem Sohn, als auch beim gottesfürchtigen Eli sehen kann.

Und Anderson hat Alles permanent unter Kontrolle. Das frühe 20. Jahrhundert sieht bis ins kleinste Detail authentisch aus und selbst die Zeitsprünge sitzen nahezu perfekt. Man verzichtet auf Spielereien und verlässt sich ganz auf die Kraft der Darsteller, auf die vielschichtige Handlung mit ihren starken Dialogen und auf die wunderbaren Bilder. Auch wenn der Film Längen hat und durchaus um fünf bis zehn Minuten hätte erleichtert werden können, beweist Anderson dennoch wahre Meisterschaft. Er soll sich täglich nach Drehschluss John Hustons „Der Schatz der Sierra Madre“ angeschaut haben um permanent das Gefühl dieser Periode zu verinnerlichen. War sein Meisterwerk „Magnolia“ noch ein originelles und kreatives Stück moderner Film, so ist „There will be Blood“ Kinogold in Reinformat: Episch, kraftvoll und mit Ruhe und Besinnlichkeit inszeniert, ohne aufdringlich zu wirken. Im besten Sinne altmodisch, wie man so oft sagt.

Und für die letzten zwanzig Minuten alleine, möchte man allen Beteiligten schon direkt die goldene Oscarstatue in die Hand drücken. Es ist einfach famos, wie Plainview das letzte Gefecht bestreitet und in noch abgründigere Untiefen seines Charakters eintaucht. Das Ende ist symbolisch und packend und ein genialer Abschluss eines der besten Filme des Jahres. „Ich bin fertig.“

Fazit:
Episch, anstrengend, intensiv und definitiv Nichts für den normalsterblichen Unterhaltungskinogänger. „There will be Blood“ ist meisterhaft gemachtes Erzählkino, mit einem monströs aufspielenden, alles an sich reißenden Hauptdarsteller. Kinopflicht für Leute, die Geduld und Denkbereitschaft mit ins Kino bringen.

9 / 10

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