Story:
1898. Daniel Plainview findet
beim Schürfen nach Gold eine Ölquelle, die ihn zu einem reichen Mann macht.
Zusammen mit seinem adoptierten Sohn HW macht er sich bald darauf daran, im
ganzen Land ein gewaltiges Ölimperium aufzubauen - koste es, was es wolle...
regie :
paul thomas anderson
cast :
daniel day-lewis, paul dano
kritik :
christian westhus
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Kritik:
“Instant Classic” ist
so ein Begriff, mit dem tendenziell überschwängliche Kritiker einen neuen Film
direkt zum meisterhaften Klassiker hochstilisieren. Ohne in die selbe Falle zu
tappen, liegt es bei Paul Thomas Andersons neuem Film dennoch nahe, diesen
Begriff zu verwenden, denn der Film um einen misanthropischen Öl-Mann im sehr
frühen 20. Jahrhundert ist pure, epische Kinokraft.
PT Anderson ist noch keine Vierzig und wird schon seit einiger Zeit mit den
Größten der Filmwelt verglichen. Besonders für „Boogie Nights“ und der
meisterhaften Robert-Altman-Ehrerweisung „Magnolia“ erhielt der junge Autodidakt
höchstes Lob. Doch „There will be Blood“ lässt sich, bis auf die meisterhafte
Umsetzung und die Überlänge, kaum mit den anderen Filmen vergleichen.
Eine Viertelstunde lässt der
Regisseur am Anfang vergehen, in der uns Daniel Day-Lewis seinen Daniel
Plainview vorstellt. Kein Wort wird in dieser Zeit gesprochen, kaum nennenswerte
andere Personen treten auf. Immer wieder schwellen die hohen Geigentöne schrill
und kakophonisch an und vor uns manifestiert sich ein Bild von einem Mann, dass
für zweieinhalb weitere Stunden immer mehr anwächst. Daniel Plainview ist
durchzogen vom Inneren Antrieb Erfolg zu haben, Geld zu machen, um, wie er
später sagt, endlich auf andere Menschen verzichten zu können. Selbst eine
Verletzung hält ihn nicht auf, Todesfälle seiner Mitarbeiter nickt er ruhig ab
und schließlich nimmt er sich einen Jungen um sich weiter im Ölgeschäft
festzusetzen.
Bei Andersons Filmen steht die Kamera fast nie still und obwohl es hier einige
statischen Aufnahmen gibt, erfassen viele wunderbare Kamerafahrten die weite
Ödnis der Landschaft, die hintersten, dunklen Ecken der Häuser und den kleinsten
Charakterzug der authentischen Gesichter. Es gibt Szenen von unglaublicher
Kraft, die, obwohl sie simpel wirken, einfach perfektes Filmemachen
widerspiegeln. Wir sehen einen brennenden Ölbohrturm, wir sehen zwei Menschen an
einer Klippe mit weitem Blick über potentielles Ölland, wir sehen Plainview, wie
er ölverschmiert und eilig rennend seinen Sohn hält und über Allem schrillt und
donnert Jonny Greenwoods unglaublich faszinierende, leicht psychedelische Musik.
Für über 150 Minuten ist „There will be Blood“ ein epischer Darstellerfilm. Aus
einer eher simplen Ausgangsposition, der eines Ölmannes mit Gier nach mehr, wird
nach und nach ein übermäßig gehaltvolles und kräftiges Drama, welches lange
nachhaftet. Es ist einfach unfassbar, was Daniel Day-Lewis hier für einen
Charakter kreiert. Daniel Plainview wird in die Geschichte eingehen, denn einen
solch kalten, hinterlistigen, boshaften und menschenhassenden Charakter, der
dennoch menschlich wirkt, gab es lange nicht und dass dieser Charakter nicht zum
ständig aggressiven Berserker geworden ist, liegt an der außerordentlichen
Leistung des britischen Schauspielers. Jedes Zucken der Mundwinkel, jedes
Aufrichten der Augenbrauen oder die stierenden Blicke, hinter denen es gewaltig
brodelt – Day-Lewis ist vollkommen im Charakter und Anderson lässt dem Monster
viel Freiraum.
So viel Freiraum, dass zwischen
dem zweiten und dritten Drittel ein paar andere Handlungsstränge hinter Daniel
Plainviews Egomanie zurücktreten müssen. Das ist etwas schade, da die
Nebencharaktere einige interessante, zusätzliche Facetten bieten. So hätte man
ruhig etwas mehr auf das besondere Verhältnis zwischen Plainview und dem jungen
Sunday-Mädchen eingehen können, oder Plainviews Sohn am Ende deutlicher
herausstellen können. Aber der Vorteil des Drehbuchs und dadurch der Vorteil des
Film ist, dass Daniel Plainview immer wieder auf neue, gut durchdachte
Charaktere trifft, die es zu entschlüsseln gilt, die man, wie Plainview selbst,
auszuloten versucht, während dessen Bild sich immer weiter formt.
So gehören die Aufeinandertreffen von Plainview und dem jungen Prediger Eli
Sunday sicherlich zur Kernhandlung. „When Ambition meets Faith“ hieß es auf dem
original Filmplakat zum Film und das bezieht sich auf das Duell des
misanthropischen Ölmannes und des fanatischen Gottesmann, welches
Symbolcharakter besitzt. Anderson stellt geschickt Werte und Ansichten
gegenüber, vergleicht Ölgeschäft mit der Kirche und deren Finanzpolitik und
lässt den Kampf zwischen rational erfassbarem Gewinn und Spiritualität immer
mehr ansteigen, was immer wieder zu starken Wortgefechten oder kraftvollen
Szenen führt, obwohl es eigentlich nur um Eines geht: Macht. Daniel Plainview
spuckt dabei immer wieder zutiefst erschreckende, vom blanken Menschenhass
zerfressene Sätze aus, um seinem Ziel, Profit und Geld zu machen, näher zu
kommen und mit zunehmender Spieldauer werden seine Worte, ebenso wie sein
Handeln, immer extremer.
Auch wenn Paul Dano, in einer anfangs leicht verwirrenden Doppelrolle der
Sunday-Zwillinge, etwas unter der deutschen Synchronisation leidet, so spielt
auch er sich in manchen Szenen die Seele aus dem Leib. In einer irrealen, fast
grotesk anmutenden Szene vertreibt er den bösen Geist aus dem kränklichen Körper
einer alten Frau, dass einem angst und bange werden kann.
Aber immer wieder Plainview und
dabei immer wieder Daniel Day-Lewis. Man weiß, dass dieser Charakter vom Hass
durchzogen ist, doch selten gab es einen derart ausgearbeiteten, faszinierenden
Charakter, der auch immer wieder seine menschlichen Seiten zeigt, dabei aber
immer undurchsichtig bleibt, um seine wahren Anliegen. Dieses Misstrauen und
diese Faszinationen fesseln für einen Großteil der langen Laufzeit, ebenso wie
die Gegenüberstellung von Plainviews Handeln zu den Reaktionen der Charaktere,
auf die er trifft und die er mit seiner Anwesenheit verändert, wie man sowohl
bei seinem Sohn, als auch beim gottesfürchtigen Eli sehen kann.
Und Anderson hat Alles permanent unter Kontrolle. Das frühe 20. Jahrhundert
sieht bis ins kleinste Detail authentisch aus und selbst die Zeitsprünge sitzen
nahezu perfekt. Man verzichtet auf Spielereien und verlässt sich ganz auf die
Kraft der Darsteller, auf die vielschichtige Handlung mit ihren starken Dialogen
und auf die wunderbaren Bilder. Auch wenn der Film Längen hat und durchaus um
fünf bis zehn Minuten hätte erleichtert werden können, beweist Anderson dennoch
wahre Meisterschaft. Er soll sich täglich nach Drehschluss John Hustons „Der
Schatz der Sierra Madre“ angeschaut haben um permanent das Gefühl dieser Periode
zu verinnerlichen. War sein Meisterwerk „Magnolia“ noch ein originelles und
kreatives Stück moderner Film, so ist „There will be Blood“ Kinogold in
Reinformat: Episch, kraftvoll und mit Ruhe und Besinnlichkeit inszeniert, ohne
aufdringlich zu wirken. Im besten Sinne altmodisch, wie man so oft sagt.
Und für die letzten zwanzig Minuten alleine, möchte man allen Beteiligten schon
direkt die goldene Oscarstatue in die Hand drücken. Es ist einfach famos, wie
Plainview das letzte Gefecht bestreitet und in noch abgründigere Untiefen seines
Charakters eintaucht. Das Ende ist symbolisch und packend und ein genialer
Abschluss eines der besten Filme des Jahres. „Ich bin fertig.“
Fazit:
Episch, anstrengend, intensiv und definitiv Nichts für den normalsterblichen
Unterhaltungskinogänger. „There will be Blood“ ist meisterhaft gemachtes
Erzählkino, mit einem monströs aufspielenden, alles an sich reißenden
Hauptdarsteller. Kinopflicht für Leute, die Geduld und Denkbereitschaft mit
ins Kino bringen.
9 / 10
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