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Kritik:
The Wrestler


von Christian Mester

THE WRESTLER (2010)
Regie: Darren Aronofsky
Cast: Mickey Rourke, Evan Rachel Wood

Story:
Randy "The Ram" war vor 20 Jahren mal einer der größten Wrestlingstars der Branche, doch die guten Zeiten sind vorbei. Jetzt ist er ein alterndes Wrack, das sich mit kleinen Kämpfen über Wasser hält und Trost im Striplcub sucht....

Kritik:
Es gibt zwei maßgebliche Lebensgeschichten, die im Kino fast immer gut ankommen - entweder der kometenhafte Aufstieg eines totalen Underdogs, oder aber das mühsame letzte Aufrichten eines alten Haudegens, der es noch einmal wissen will.

Aronofskys The Wrestler ist nun ganz klar letzteres, aber weitaus anders gemacht als viele andere bekannten Sportdramen. Im Gegensatz zu den meisten bekannten Ablegern des Genres besitzt The Wrestler nämlich einen gewissen Dokumentarcharme, der ihn unheimlich authentisch wirken lässt. Die Optik ist sehr körnig und die meiste Zeit über latscht der Kameramann einfach hinter dem Helden her, sodass man das Gefühl bekommt, Ram von Tag zu Tag persönlich zu begleiten. Lange Einstellungen und wenige Schnitte tragen dazu bei und schaffen recht schnell eine echte Spannung, die jeden Saal leise macht. Es gibt übrigens keine idealistischen Reden, keine Trainingsmontagen mit flotter Musik, keine überschwenglichen Fanfaren und vor allem keinen Antagonisten - wer das erwartet, ist vollkommen fehl am Platz. The Wrestler ist keineswegs "schon wieder so ein Sportfilm" und alles andere als 0815.

All das hätte jedoch keine Magie, wäre der Verfolgte nicht vollkommen faszinierend. In diesem Fall ist es Mickey Rourke in einer beispiellosen Darbietung, die wahrscheinlich niemand sonst so gut wie er hätte hinkriegen können. In erster Linie liegt das daran, dass Rourke mit seinen Narben, Muskeln und dem kaputten Gesicht hundertprozentig wie ein alter Wrestler aussieht, dann aber auch, weil er diese Rolle mehr oder weniger aus seinem eigenen Leben greifen kann. Rourke war selbst mal im Olymp der Hollywood-Stars und auch eine zeitlang gefeierter Profiboxer. Wie auch seine Figur verlor er im Laufe der Zeit alles wichtige, was er hier perfekt übertragen konnte.

In weniger talentierten Händen wäre The Wrestler mit Sicherheit nur einer von dutzenden Sportfilmen geworden, doch Aronofsky und Rourke vollbringen hier gemeinsam kurz gesagt Großartiges. Die Story mag simpel sein, doch das Begleiten Ram's hat für jeden der Tage unheimlich viel zu bieten.

Nehmen wir mal Wrestling an sich. Hierzulande wenig beliebt und eher müde belächelt, wissen die wenigsten, was Wrestling überhaupt beinhält. In der Regel wird es als einstudierte Show für Kids und Trucker belächelt, doch auch wenn viele der Moves nur zum Schein geschehen mögen, so besteht der Großteil der Handlungen aus enorm schmerzhaften und gefährlichen Aktionen. Bewegungen, die für die Kontrahenten immense Belastungen bedeuten. Spätestens, wenn ein 120kg Sportler einen anderen aus mehreren Meter Höhe durch einen mit Stacheldraht besetzten Tisch wirft, kann man sich sicher sein, dass es wirklich eine Kunst an sich ist - eine mit erheblichen Folgen. Rourke schafft es übrigens atemberaubend gut, das Leid seiner Figur authentisch darzustellen.

Der Film beleuchtet das Thema respektvoll und zeigt viele interessante Sachen: wie die Sportler sich im Vorfeld hinter der Bühne vorbereiten, absprechen, wie der Respekt untereinander funktioniert und auch, wie sie das ganze versuchen zu verarbeiten, wie sie abseits der Bühne sind und so weiter und so fort. Selbst wenn man sich nur annähernd für das Thema interessiert, ist dieser Einblick lohnenswert. Es lässt einen Wrestling eventuell auch mit neuen Augen sehen.

Dann wäre da der Punkt des vergangenen Ruhmes und der Unfähigkeit, davon abzulassen. So wie Fussballspieler jenseits der 40 nicht mehr wie einst über den Platz hechten können, kann es ein Profiwrestler wohl erst recht nicht mehr. Ram jeoch ist in diesem Fall mal eins von den vielen Fallbeispielen, die in ihrem ganzen Leben nichts anderes hatten und deswegen eisern daran festhalten, koste es, was es wolle. Dies ist vor allem in Bezug auf Ram's Beziehungen sehr gelungen. Während er seine Tochter so sehr vernachlässigt hat, dass sie ihn nicht mehr sehen will, ist sein einziger naher Kontakt eine alternde Stripperin aus einer miesen Bar (nett, süß, aber nicht oscar-würdig: Marisa Tomei), die Vorbehalte hat und sich mit dem Mann nicht einlassen will.

Beides zusammen ergibt einen starken Rahmen für einen guten Film, der insgesamt senationell von Mickey Rourke's Performance geführt wird. Er spielt die Rolle mit vollem Herzblut, achtet auf jedes Zucken, jeden schwerfälligen Atmer und jede kleinste Bewegung. Genau wie Daniel Day-Lewis in There will be Blood geht er vollkommen in seiner Rolle auf und macht sie zu etwas Besonderem, sodass es selbst dann spannend wird, wenn Ram an der Fleischtheke als Wurstverkäufer arbeitet. (natürlich ist es zu bemerken, das Ram und Rourke sich als Personen näher sind als Day-Lewis und Plainview). Sein Ram ist durch und durch bemitleidenswert, dazu nicht besonders helle und unzuverlässig, doch hat insgeheim eine gute Seele und trägt es mit der Fassung eines sterbenden Löwen.

Schön ist auch, wie harmonisch alles zusammenpasst. Ohne aufgezwungene Dramatik zum Filmende hin, ohne kitschigem Showdown, ohne oscar-hungrige Ansprachen und ohne dudelnden Soundtrack (die meiste Zeit über ist es still) ist The Wrestler eine traurige, aber gleichzeitig auch echte Gutelaunegeschichte geworden. Ein Charakterfilm über eine faszinierene und einsame Gestalt in einem einzigartigen MIlieu.

Fazit:
Dieser Wrestler ist ein echter Champ. Randys Story rührt dank eines phänomenalen Spiels Mickey Rourkes - wer die Rocky Filme mag, muss in diese Seile steigen.

9 / 10

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