Story:
Roy und Jessie sind Touristen, die es auf den berühmten Transsiberian-Express
von Moskau nach China verschlägt. Dort treffen sie auf ein anderes Pärchen, das
sich vorerst als kantig und interessant herausstellt, gleichzeitig aber auch
seine Geheimnisse birgt. Als es während einer Pause dann zu einem dramatischen
Zwischenfall kommt, verstricken sich die Ereignisse...
regie :
brad anderson
cast :
emily mortimer, woody harrelson
kritik :
christian westhus
____________________________________________________________________________
Kritik:
Öfters in die
Ferne schweifen, dachten sich wohl zwei unterschiedliche Paare, die fern im
Osten Bedürftigen geholfen, bzw. unterrichtet haben. Wenn ein reichlich
übergewichtiger Vorsteher einer Kirchengemeinschaft erklärt, warum Woody
Harrelson und Emily Mortimer besonders erfolgreich im Kampf gegen Armut und
Hunger waren, während durchdringende Kinderaugen von übergroßen Fotos starren,
kann man das durchaus als Kritik und das Folgende als Mahnung verstehen, was
amerikanische Einmischungen in fremde Kulturen betrifft. Kann, muss aber nicht,
denn Autor und Regisseur Brad Anderson hält sich mit eindeutigen Aussagen so
sehr zurück, dass von Amerikakritik bis Rassismus alles drin ist.
|

Regisseur Anderson fand Ben Kingsley durch Zufall
in Sibirien, wo
der Oscar-Preisträger sich vor der vertraglich festgelegten Rolle in
Bloodrayne 3 versteckte.
|
|
Fakt ist, dass er die
Fremdartigkeit anderer Kulturen, in diesem Fall der russischen, zunächst mal zu
nutzen weiß. Die leicht naiven Amerikaner staunen immer mal wieder nicht
schlecht, während die transsibirische Eisenbahn zwischen klirrender Kälter und
humorvoll gebrochenen Russland-Klischees schwankt. Berichte über angebliche
Methoden der Polizei lassen die beiden für einen Moment erschrecken, die
feucht-fröhliche Wodka-Atmosphäre lässt sie vergessen, während Mortimers Fotos
einen durchaus respektvollen, wenn auch natürlich irgendwie voyeuristischen
Blick auf diese Kultur werfen. Das zweite, irgendwie undurchschaubare Paar,
scheint sich besser anpassen zu können, adaptiert besser, oder kennt sich
schlicht besser aus, spart aber auch nicht mit Tipps für die gutgläubigen
Kirchenarbeiter.
Das erste Drittel ist beherrscht von dieser befremdlichen Faszination im
Mikrokosmos der transsibirischen Eisenbahn, im Land zwischen Stolz und Scham,
zwischen Wodka und Gulag und diesen Menschen in der Eisenbahn. Dazwischen gibt
es zurückhaltende, aber wirkungsvolle Charakterentwicklung. Ansprechende
Dialoge, voller Andeutungen, Misstrauen und Vermutungen, mit wilden
Vergangenheiten und schwierigen Lebenszielen. Rote Heringe, wird das in der
Filmsprache genannt. Oftmals falsche Fährten und Andeutungen, die den Zuschauer
allerlei Theorien über die Absichten verschiedenster Figuren aufstellen lassen
sollen, um sie am Ende in etwas komplett Anderes zu kippen. Der letzte Aspekt,
das sei schon mal verraten, will hier aber nicht so ganz perfekt gelingen.
In den getrennten Gesprächen zwischen den Frauen und Männern, jeweils für sich,
ist aber durchaus schon eine Menge an Lebensweisheiten, Sehnsüchten und
Erfahrungen herauszuholen, um einigermaßen griffige, fleischige Charaktere zu
haben. Das dauert seine Zeit, köchelt dann in der Enge und Unausweichlichkeit
des Zuges aber auch zu einem leicht entzündlichen, brodelnden Gesöff heran. Das
ist Hitchcock-Terrain und Anderson schlägt sich recht gut, arbeitet fast
europäisch, wenn auch mit amerikanischen Spitzen, kann dem großen Meister aber
nicht wirklich das Wasser reichen.
|

"Und ich sag noch, erwähn Weiße Jungs
bringen's nicht nicht, aber nein..."
|
|
Irgendwann entschließt sich der
Film dann nämlich doch, einfach ein Thriller zu sein, mit all den Entwicklungen
und Vorhersehbarkeiten, die dieses Genre so bietet. Eine Person bleibt
verschollen, das Misstrauen scheint sich zu bewahrheiten und Ben Kingsley kommt
ins Spiel, der mal so richtig ein paar Klischees abgrast, ohne selbst zu
deutlich eins zu werden. Das kommt später. Zunächst wird nämlich weiter mit den
durchaus greifbaren Figuren gespielt, besonders mit Emily Mortimers Jessie, die
bald zum emotionalen Zentrum des Films wird. Dann zeigt sich, wie die fremde
Kultur auf unerwünschte Eindringlinge reagiert und sich westliche Ängste als
begründet entpuppen, obwohl so Manches auch aus den eigenen Reihen kommt. Wem
das moralisch stinkt, sollte sich den Kinobesuch überlegen, aber wie im ersten
Drittel angedeutet, bleibt das Drehbuch so halbgar pendelnd zwischen Respekt,
Faszination, Klischee und Angst, denn vorherige Schreckensberichte entpuppen
sich als noch beschönigt, die Fremden als noch undurchschaubarer wie gedacht und
der Zug verändert auf überraschende Art und Weise sein Aussehen.
Nun beginnt die wilde Hatz, in die unsere Amerikaner in blanker Naivität und
Unachtsamkeit hineingeraten sind. Regisseur Anderson versteht die
Funktionsweisen eines Thrillers, bietet aber nicht mehr viel Neues, Aufregendes.
Ein visueller Höhepunkt ist da reichlich überflüssig, dafür hat das Finale Tempo
und Drive, ist kurzweilig unterhaltsam und weitgehend schmerzfrei, was Logik und
Verhalten betrifft, obwohl sich so ein paar Personen wohl definitiv von ihren
Zehen verabschieden dürften und man mit der Wahrheit wie üblich so manchem
Stress hätte vorbeugen können. Aber auch das ist ja irgendwie klassisch, wenn
auch nicht glorios originell. Beim angehängten Epilog, der eine Spur zu schnell,
zu amerikanisch und zu simpel verläuft, kommt man fast wieder in Versuchung, das
Ganze moralisch, als vermeintlich gutmenschlichen Pakt bzw. bösmenschlichen Plan
zu deuten. Da bewegt man sich ratzfatz wieder auf brenzligem Terrain, der
durchaus übel schmecken könnte. Muss man aber nicht.
Fazit:
Letztendlich kann
„Transsiberian“ auch einfach ein geradliniger Thriller mit Kurzweil sein, der
ordentlich inszeniert und ordentlich gespielt ist, mit leichten Längen und der
zum Großteil komplett davon abhängig ist, wie stark man als Zuschauer manche
Tendenzen wertet.
5,5 / 10
_____________________________________________________________________________
:::::...: Diskussion im Forum
|