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Kritik:
Transsiberian


von Christian Westhus

Transsiberian
(2008)
Regie: Brad Anderson
Darsteller: Emily Mortimer, Woody Harrelson, Ben Kingsley

Story:
Roy und Jessie sind Touristen, die es auf den berühmten Transsiberian-Express von Moskau nach China verschlägt. Dort treffen sie auf ein anderes Pärchen, das sich vorerst als kantig und interessant herausstellt, gleichzeitig aber auch seine Geheimnisse birgt. Als es während einer Pause dann zu einem dramatischen Zwischenfall kommt, verstricken sich die Ereignisse...

Kritik:
Öfters in die Ferne schweifen, dachten sich wohl zwei unterschiedliche Paare, die fern im Osten Bedürftigen geholfen, bzw. unterrichtet haben. Wenn ein reichlich übergewichtiger Vorsteher einer Kirchengemeinschaft erklärt, warum Woody Harrelson und Emily Mortimer besonders erfolgreich im Kampf gegen Armut und Hunger waren, während durchdringende Kinderaugen von übergroßen Fotos starren, kann man das durchaus als Kritik und das Folgende als Mahnung verstehen, was amerikanische Einmischungen in fremde Kulturen betrifft. Kann, muss aber nicht, denn Autor und Regisseur Brad Anderson hält sich mit eindeutigen Aussagen so sehr zurück, dass von Amerikakritik bis Rassismus alles drin ist.

Fakt ist, dass er die Fremdartigkeit anderer Kulturen, in diesem Fall der russischen, zunächst mal zu nutzen weiß. Die leicht naiven Amerikaner staunen immer mal wieder nicht schlecht, während die transsibirische Eisenbahn zwischen klirrender Kälter und humorvoll gebrochenen Russland-Klischees schwankt. Berichte über angebliche Methoden der Polizei lassen die beiden für einen Moment erschrecken, die feucht-fröhliche Wodka-Atmosphäre lässt sie vergessen, während Mortimers Fotos einen durchaus respektvollen, wenn auch natürlich irgendwie voyeuristischen Blick auf diese Kultur werfen. Das zweite, irgendwie undurchschaubare Paar, scheint sich besser anpassen zu können, adaptiert besser, oder kennt sich schlicht besser aus, spart aber auch nicht mit Tipps für die gutgläubigen Kirchenarbeiter.

Das erste Drittel ist beherrscht von dieser befremdlichen Faszination im Mikrokosmos der transsibirischen Eisenbahn, im Land zwischen Stolz und Scham, zwischen Wodka und Gulag und diesen Menschen in der Eisenbahn. Dazwischen gibt es zurückhaltende, aber wirkungsvolle Charakterentwicklung. Ansprechende Dialoge, voller Andeutungen, Misstrauen und Vermutungen, mit wilden Vergangenheiten und schwierigen Lebenszielen. Rote Heringe, wird das in der Filmsprache genannt. Oftmals falsche Fährten und Andeutungen, die den Zuschauer allerlei Theorien über die Absichten verschiedenster Figuren aufstellen lassen sollen, um sie am Ende in etwas komplett Anderes zu kippen. Der letzte Aspekt, das sei schon mal verraten, will hier aber nicht so ganz perfekt gelingen.

In den getrennten Gesprächen zwischen den Frauen und Männern, jeweils für sich, ist aber durchaus schon eine Menge an Lebensweisheiten, Sehnsüchten und Erfahrungen herauszuholen, um einigermaßen griffige, fleischige Charaktere zu haben. Das dauert seine Zeit, köchelt dann in der Enge und Unausweichlichkeit des Zuges aber auch zu einem leicht entzündlichen, brodelnden Gesöff heran. Das ist Hitchcock-Terrain und Anderson schlägt sich recht gut, arbeitet fast europäisch, wenn auch mit amerikanischen Spitzen, kann dem großen Meister aber nicht wirklich das Wasser reichen.

Irgendwann entschließt sich der Film dann nämlich doch, einfach ein Thriller zu sein, mit all den Entwicklungen und Vorhersehbarkeiten, die dieses Genre so bietet. Eine Person bleibt verschollen, das Misstrauen scheint sich zu bewahrheiten und Ben Kingsley kommt ins Spiel, der mal so richtig ein paar Klischees abgrast, ohne selbst zu deutlich eins zu werden. Das kommt später. Zunächst wird nämlich weiter mit den durchaus greifbaren Figuren gespielt, besonders mit Emily Mortimers Jessie, die bald zum emotionalen Zentrum des Films wird. Dann zeigt sich, wie die fremde Kultur auf unerwünschte Eindringlinge reagiert und sich westliche Ängste als begründet entpuppen, obwohl so Manches auch aus den eigenen Reihen kommt. Wem das moralisch stinkt, sollte sich den Kinobesuch überlegen, aber wie im ersten Drittel angedeutet, bleibt das Drehbuch so halbgar pendelnd zwischen Respekt, Faszination, Klischee und Angst, denn vorherige Schreckensberichte entpuppen sich als noch beschönigt, die Fremden als noch undurchschaubarer wie gedacht und der Zug verändert auf überraschende Art und Weise sein Aussehen.

Nun beginnt die wilde Hatz, in die unsere Amerikaner in blanker Naivität und Unachtsamkeit hineingeraten sind. Regisseur Anderson versteht die Funktionsweisen eines Thrillers, bietet aber nicht mehr viel Neues, Aufregendes. Ein visueller Höhepunkt ist da reichlich überflüssig, dafür hat das Finale Tempo und Drive, ist kurzweilig unterhaltsam und weitgehend schmerzfrei, was Logik und Verhalten betrifft, obwohl sich so ein paar Personen wohl definitiv von ihren Zehen verabschieden dürften und man mit der Wahrheit wie üblich so manchem Stress hätte vorbeugen können. Aber auch das ist ja irgendwie klassisch, wenn auch nicht glorios originell. Beim angehängten Epilog, der eine Spur zu schnell, zu amerikanisch und zu simpel verläuft, kommt man fast wieder in Versuchung, das Ganze moralisch, als vermeintlich gutmenschlichen Pakt bzw. bösmenschlichen Plan zu deuten. Da bewegt man sich ratzfatz wieder auf brenzligem Terrain, der durchaus übel schmecken könnte. Muss man aber nicht.

Fazit:
Letztendlich kann „Transsiberian“ auch einfach ein geradliniger Thriller mit Kurzweil sein, der ordentlich inszeniert und ordentlich gespielt ist, mit leichten Längen und der zum Großteil komplett davon abhängig ist, wie stark man als Zuschauer manche Tendenzen wertet.

5,5 / 10

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