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Kritik:
Verblendung


von Christian Mester

Män som hatar kvinnor
(2009)
Regie: Niels Arden Oplev
Darsteller: Noomi Rapace, Mikael Nyqvist

Story:
Mikael Blomkvist ist ein bekannter schwedischer Journalist, der aufgrund einer getürkten Recherche rechtliche Probleme hat und verurteilt wird. Bevor er seine Haftstrafe jedoch antreten muss, bekommt er einen interessanten Auftrag, der sein Interesse weckt und der mit guter Bezahlung lockt. Einem Industriellen wird seit 40 Jahren jährlich etwas geschickt, das ihn an seine damals verschwundene Nichte erinnert. Spott ihres Mörders? Hilfe bekommt er von einer jungen Hackerin, die ihre ganz eigenen Konflikte hat…

Kritik:
150 Minuten Kriminalfall klingt zunächst nach dem schrecklichem Unvermögen eines Drehbuchautors, eine Geschichte auf ein reguläres Maß zu reduzieren, doch in der Verfilmung des ersten Teils der als Dekalogie gedachten Reihe Stieg Larssons lohnt sich der Bruch mit dem Typischen.

Bei einer Belletristikverfilmung stöhnen Leser eines Romans in der Regel laut auf, da es einfach unmöglich ist, ein Werk von 300 Leseseiten aufwärts in einen rund zwei Stunden langen Film zu komprimieren. Details gehen verloren, Handlungsstränge werden gekürzt und so verlieren Adaptationen oftmals das, was Bücher erst lesenswert machen: das Gefühl für Feinheiten. Auch hier wird es leidenschaftlichen Anhängern wieder auffallen, doch verglichen mit anderen Romanverfilmungen nimmt sich "Verblendung" merklich mehr Zeit für das Genaue und schafft es, davon sehr zu profitieren. Man hätte den Fall fraglos auch auf schroffe 90 Minuten kürzen können, doch damit hätte er sicherlich Vieles verloren - im Umkehrschluss daher eine gute Wahl.

Die Geschichte widmet sich sehr ausufernd mit Details, sodass man vor allem von der in Piercings, schwarzer Montur und Against-All Verhalten brodelnden Computerexpertin Lisbeth (Noomi Rapace) viel erfahren darf. Bevor sie sich dem grundlegenden Fall zuwenden kann, erlebt sie zunächst eine tragische Vorgeschichte, die alleine schon aufreibender und härter ist als manches Drama. Hier ist es nur Prolog, der die Figuren formt, später aber auch hinsichtlich der Story (die Geschichte heißt im Original übrigens "Männer, die Frauen hassen" - was zu ihrer Nebengeschichte und auch zum Hauptplot passt) wieder aufgegriffen wird. Schauspielerin Noomi Rapace, die bislang eher unauffällig war, spielt ihre Figur wie einen Igel, der außen stachelig ist und ungemütlich wirkt, innen hinter all der Maskerade und Abwehrmaßnahmen aber ein bloß gebeuteltes Opfer ist, das sich vor der Gewalt der Welt versteckt. Rapace macht das hervorragend, weckt Mitgefühl und macht diese schwierige Figur zu einer glaubhaften Rolle. Zurücktreten muss dabei allerdings Michael Nyqvis, der als Starjournalist Blomkvist zwar einen netten und intellektuellen Eindruck macht, von Persönlichkeit aber nicht allzu viel zeigen kann. Er bleibt eher passiv, ein regloser Beobachter, der ohne großen Emotionen strikt seinen Fall verfolgt und wie der Zuschauer von seiner Nebenfigur gebannt ist, die ihm fraglos das Showlicht stiehlt. Schade, denn als eigentlicher Held seiner Geschichte ist es ernüchternd. Gern hätte man mehr erfahren, mehr gesehen, doch Nyqvist bleibt größtenteils verhalten im Hintergrund.

Ähnlich dicht wie die Charakterisierung der Lisbeth ist aber auch der Mordfall selbst, dessen Ermittlung äußerst spannend ausfällt und clever konstruiert ist. Es macht großen Spaß, in der stimmigen Landschaft Schwedens mitzurätseln und obwohl der Fall anfangs noch eher unspektakulär erscheinen mag, wird er im Laufe der Entwicklungen immer besser. Die Vorgehensweisen der beiden sind logisch und verständlich aufgebaut, werden nie zu vorhersehbar, bleibt gleichzeitig aber fair. Wer gewieft ist, der kann schon vor den beiden Suchenden auf die Lösung des allgemeinen Falles kommen, doch die meisten werden das aufgrund des exzellent geschriebenen Plots wohl nicht schaffen. Wer sich hinsichtlich der Tatsache, dass "Verblendung" Teil Eins einer bereits produzierten Trilogie ist, denken mag, dass der Film offen und damit unzufrieden endet, liegt falsch. "Verblendung" lässt zum Glück kaum Fragen offen und könnte auch als einzeln stehender Film überzeugen, gäbe es keine Fortführung.

Bei all dem umfassenden Lob lässt sich noch zur Diskussion bringen, inwiefern sich der Besuch in den Lichtspielhäusern lohnt. "Verblendung" war in seinen ersten Zügen als Mehrteiler für das Fernsehprogramm gedacht, was sich kaum übersehen lässt. Qualitativ ist er zwar auf hohem Niveau, doch insgesamt fühlt sich diese Geschichte im Kinoformat nicht unbedingt wohl. Es ist ein durchweg sehr schleppender Film, der Aufmerksamkeit fordert und demzufolge vielen anstrengend vorkommen wird. Ähnliches hörte man oft über Finchers "Zodiac", der als Werk zwar weitaus schicker ist, doch ähnlich leblos vor sich hin plätschert und sich vergleichbar stark mit der Faszination der daher gehenden Ermittlung befasst. Action, klare, einfache Szenen und Kurzweil-Thrill für den Popcornabend gibt es daher eher weniger.

Fazit:
Insgesamt ist "Verblendung" ein wirklich guter Krimi mit Hang zum Detail und einer guten Darstellerin, der gleichzeitig zu lang ist, zu wenig mit seiner Hauptfigur macht, mit seinen Längen aber auch belohnt. Sollte man sich vor allem dann ansehen, wenn einem gewöhnliche Themenfilme zu kurzweilig vorkommen und man nicht zwingend Hochglanz-Hollywoodproduktionen haben muss.

8 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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