Kritik:
Viridiana
von
Christian Westhus
Viridiana
(1961)
Regie: Luis
Buñuel
Cast: Silvia Pinal, Fernando Rey, Francisco Rabal
Story:
Die junge Ordensnovizin Viridiana besucht ihren Onkel auf dessen
großem Anwesen. Onkel Don Jaime erkennt in seiner Nichte
seine verstorbene Frau wieder und steigert sich in starke Begierde.
Nach einer einschneidenden Erfahrung versucht Viridiana sich mit
Nächstenliebe zu reinigen und schart eine Gruppe Bettler um
sich, denen sie ein Haus, Essen und Arbeit gibt. Doch Viridianas
Idealvorstellung lässt sich nicht problemlos durchsetzen.
Kritik:
Der ideale Film
für Katholizismusgegner und solche, die es werden wollen. Von
General Franco aus dem mexikanischen Exil zurückgeholt, durfte
Regisseur Luis Buñuel 1960 wieder einen Film in seiner
spanischen Heimat drehen und sorgte für einen handfesten
Skandal, der das erzkatholische Spanien und den Vatikan
erschütterte. In Spanien war der Film bis in die 90er Jahre
verboten, obwohl er 1961 die Goldene Palme in Cannes gewann. Wie ein
derart kirchen- und glaubenskritischer Film bzw. wie das
dazugehörige Drehbuch damals durch die Mühlen der
katholisch geprägten Zensur gelangen konnte, ist
unerklärlich, aber auch irrelevant. Buñuels Film
ist ein Meisterwerk der Filmgeschichte und ein Höhepunkt im
Schaffen eines großen Provokateurs und Kritikers, der in
diesem Film mehrere seiner Hauptthemen, Sexualität, Religion
und Großbürgertum, versammelt.
„Viridiana“
ist grob in zwei Hälften geteilt. In der ersten geht es um
Viridianas Aufenthalt am Hof von Don Jaime, der zunächst als
knuffiger Opa mit Rauschebart vorgestellt wird, ehe ihn
Buñuel dekonstruiert. Von der moralischen und
körperlichen Unschuld der angehenden Nonne und deren
Ähnlichkeit zur verstorbenen Frau getrieben, wird aus Don
Jaime ein großbürgerlicher Patriarch mit sexuellen
Komplexen. Ein Fetischist, wie zuvor in „Er“ oder
später in „Tagebuch einer Kammerzofe“, der
in und durch Viridiana einen Totenkult veranstaltet, getrieben von
sexueller Gier und einem durch den christlichen Deckmantel
verhüllten Trieb. Ein Trieb jedoch, der nicht
gebändigt, sondern durch religiöse Keuschheit
verstärkt oder überhaupt erst zu einem Trieb gemacht
wird. Noch deutlicher wird dies in der Person Viridiana.
Buñuel inszeniert ihr abendliches Gebet vor dem Zubettgehen
als grotesken Kult um Attribute und Folterwerkzeuge Christi. Viridianas
Keuschheit hat düstere Ursprünge; die Religion wird
zur Therapie und dadurch zur Pathologie. Don Jaime inszeniert sie
unterdessen zu seiner Braut, greift zu fragwürdigen Methoden,
während Buñuel den fetischisierten Reigen zu
sakraler Musik von Mozart und Händel zur kritisch fundierten
Provokation stilisiert. Er entwickelt eine ungeheure Bildkraft, aus
Symbolen und Analogien, wie zum Beispiel den Euter einer Kuh oder dem
Griff eines Springseils. Der Phallus als ständige Mahnung an
die stets präsenten Triebe und Verlockungen, vor denen das
Christentum nicht schützt, sondern vor dem man sich durch den
Katholizismus versteckt und angreifbar macht.
Trotz bis Filmende aufrechter
Ziele und Ideale kann Viridiana mit ihrer Naivität nur
scheitern. Sie ist Opfer ihres Glaubens und ihrer Umwelt, deren Gier,
Machtspiele und Hierarchien ihre eigenen Gesetze haben. In der zweiten
Hälfte des Films kommt Don Jaimes unehelicher Sohn Jorge an
den Hof und versucht diesen auf Vordermann zu bringen. In Jorge
spiegelt sich die rationale Vernunft der modernen Welt, die skrupellos
und materialistisch, aber dennoch zielstrebig vorwärts denkt.
Währenddessen widmet sich Viridiana ihrem Armen-Projekt, mit
dem sie sich nach einer schlimmen Erfahrung reinwaschen will. Die
Gruppe der Bettler funktioniert jedoch selbst nach einem hierarchischen
System. Die ganz bewusst dreckig, krank und unsympathisch gezeichneten
Landstreicher, Gauner und Blinden nutzen Viridianas
Nächstenliebe aus. Sie kennen nur einen Nächsten und
das sind sie selbst. Meisterhaft ganz besonders eine Szene, in der
Buñuel die Arbeit der Handwerker, die für Jorge
arbeiten, mit dem Gebet der Bettler bei Viridiana zusammen schneidet.
Die Parallelmontage entlarvt das Gebet der Bettler als Heuchelei, als
ihre Form der Arbeit, einem bloßen Befolgen von Anweisungen,
um den täglichen Lohn zu erhalten. Viridiana ist beladen mit
der Schuld Anderer und beladen mit christlicher Moral zur Vergebung der
Sünden, die sie zu einem neurotischen, weltfremden und
krankhaften Geschöpf macht.
Mit der sakralen Musik und einer
beeindruckenden Bildsprache steigert Buñuel seinen
unmoralischen Haufen aus Schuld, Gier und Egoismus bis zum grotesk
überstilisierten Finale, an dessen Höhepunkt die
blanke, schamlose und direkte Provokation ans Christentum steht. Nur
zögerlich entwirft er in einer Nebenhandlung um die junge
Tochter der ausgenutzten Haushälterin Rosa einen Gegenentwurf,
in dem sich gleichzeitig schon die Verkommenheit der Welt zeigt. In
sämtlichen Rollen perfekt besetzt, lebt der Film ganz
eindeutig von Buñuels klugem und schonungslosen Script und
seiner visuell herausragenden Inszenierung. Ein in seiner
kritisch-provokanten Tragweite noch immer höllisch
heißes und faszinierendes Stück Kino.
Fazit:
Zwischen beißender Kritik und schreiender Provokation. 50 Jahre
alt ist Luis Buñuels Film noch immer ein heißes Eisen der
Filmgeschichte. Ideal und Scheitern einer Christin, die durch ihren
Glauben angreifbar für eine verkommene Welt gemacht wurde. Pflicht
für Cineasten.
9,5 /
10
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