Story:
Michael ist 15, als er im Jahr 1958 die ältere Schaffnerin Hanna (Kate Winslet)
kennenlernt, die ihn nach einem Vorwand zuhaus verführt und daraufhin eine
Affäre mit ihm beginnt.
Jahre später sieht er sie dann als Jurastudent in einem Gerichtsprozess wieder,
in der sie eines schrecklichen Verbrechens beschuldigt wird...
regie :
stephen daldry
cast :
kate winslet, david kross
kritik :
christian mester
____________________________________________________________________________
Kritik:
Graphische Erotik,
erschreckende Nazi-Vergangenheiten und eine tragische Lovestory + Winslet &
Fiennes - eigentlich alles Zutaten für einen guten Film, wenn da das Wort
"eigentlich" mal nicht wäre.
|

"Bist du dir sicher, dass ich dir den Moves-Guide
von Street Fighter IV vorlesen soll?"
"Halt die Klappe - und les!"
|
|
Als bekannt gegeben wurde, dass
man Bernhard Schlinks Roman Der Vorleser verfilmen wollte, da konnte man das
sonore Schnarchen der versammelten Zuhörer eigentlich als Symphonie aufnehmen;
spätestens seit der Besetzung von Kate Winslet in der weiblichen Hauptrolle war
aber kurzweilig Hoffnung am Himmel.
Wie Miss Winslet schließlich bahnbrechend immer wieder unter Beweis stellt,
verleiht sie fast allen ihrer Filme Anmut, Zerbrechlichkeit, Schönheit und Niveau,
was auch bei ihrem neuen Drama wieder vollkommen zutrifft. Wäre es jemand
anders, würde man die viele Nacktheit im Film sicher als gewagt auslegen, aber
da Kate das nun schon seit Jahren mit Leichtigkeit in ihren Projekten macht,
braucht man ihren Mut diesbezüglich wohl nicht mehr zu erwähnen. Das schmälert
allerdings keineswegs die Achtung, die man vor ihr als Darstellerin haben kann,
denn gerade die unverhüllten Szenen in der ersten Hälfte gehören mit zu den
stärksten des Films.
Winslet spielt die Figur der Hanna als etwas naiv, dumm und simpel, allerdings
gleichzeitig als authoritär und wankelmütig, mit einem nervösen Hang zur
Kontrolle. Sie ist zum einen eiskalt und bestimmend, zum anderen aber im Grunde
eine Frau, die dringend Liebe bedarf und mit ihrer Vergangenheit nicht
abschließen kann. Dabei vergreift sie sich mehr oder weniger
an einem jungen Mann, der von Deutschlands Krabat-Star (?) David Kross gespielt
wird und glänzt insgesamt als schwierige Figur. Kross dagegen braucht nicht viel
zu machen,
ist er doch anfangs mehr oder weniger nur der passiv Verführte, bis es dann nach
einem Zeitsprung in den zweiten großen Abschnitt des Films geht.
|

"...Analogstick viertel Drehnung links, X
und B"
|
|
War der erste Abschnitt eine
ungleiche Liebesgeschichte zwischen einer leicht verstörten älteren Frau und
einem Jungen mit Grünkohl hinter den Ohren, wandelt sich der zweite dann zu
einem ernsten Nazi-Drama, in dem jedoch bis auf Winslet alles wie ein Kartenhaus
zusammenfällt.
Es beginnt ein elendig langer Gerichtsprozess, in dem Hanna eines Verbrechens
aus ihrer Vergangenheit beschuldigt wird, was wiederum in Michaels neuem Umkreis
zu möchtegern-bedeutungsschwangeren Grundsatzdiskussionen (mit dabei: Hitler)
und richtig schwachem Schauspiel von David Kross führt, dem es offensichtlich
gedanklich mehr zu den damals noch zu filmenden Sexszenen, als zu seiner
momentanen Rolle
hinzog. Nichtssagend und wortkarg stammelt er sich nämlich durch eigentlich
prägnante Momente, die andere Schauspieler mit einem 9er Eisen in
Hole-in-Ones verwandelt hätten.
Gegen Ende hin will die Story dann noch mit einem großen Twist punkten, doch der
ist etwa so vorhersehbar und überraschend wie das Ende von Phantom Commando, nur mit weniger
Toten und weniger Unterhaltung. Zudem die nachfolgende Szene und dessen ganze
Konsequenz äußerst fragwürdig ausfällt. Ralph Fiennes taucht dann 20 Jahre
später noch als älterer Michael auf und versucht was zu machen, kriegt das in
Hinblick auf die schwache Story aber nicht mehr wirklich hin.
Regie und Score sind auch darüber hinaus nichts weltbewegendes,
und sofern nicht zufällig Kate Winslet im Bild ist, finden sich auch nicht
wirklich viele gute Bilder.
Winslet ist klasse, ist aber im großen und ganzen das einzige am
Vorleser,
das ihn so gerade im Mittelmaß hält. Die gelungene Einleitung führt nirgendwo
hin, und der zweite Abschnitt ist eine gleichgültige Katastrophe, die
vorhersehbar ist und durch das fehlende Schauspieltalent auf Seiten Kross' viel zu
kross frittiert wird. Verglichen mit Filmen wie Die Reifeprüfung und Lolita
steht Der Vorleser in Sachen Beziehung zwischen jungen Leuten und Erwachsenen
weit hinten an, und auch als NS-Drama hat man längst weitaus besseres gesehen.
Die Produzenten werden sich bestes erhofft haben - eine legendäre Beziehung, die
auch noch nach Jahren fesselt, schockierende Enthüllungen mit Nazi-Verbrechen,
ein grausamer Supertwist und ein verwegenes Ende, doch im Film kommt all das
leider nicht mit der geballten Kraft herüber, die es haben sollte.
Fazit:
Kate ist sehenswert, aber das war sie auch schon in besseren Filmen. Ein gerade
noch mittelprächtiges Drama, das sich nach einer guten Einleitung nicht mehr
retten kann.
5 / 10
_____________________________________________________________________________
:::::...: Diskussion im Forum
|