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Kritik:
Watchmen


von Christian Westhus

Watchmen
(2009)
Regisseur: Zack Snyder
Cast: Jackie Earle Haley, Matthew Goode, Malin Akerman

Story:
Ein alternatives 1985 in einem alternativen Amerika. Diese Welt kennt echte Superhelden, doch haben die maskierten Ikonen ihre beste Zeit längst hinter sich, sind sogar verboten.
Als eines Nachts aber ein Unbekannter einen der berühmtesten Helden tötet, macht sich der zynische Rorschach auf, den Mord an seinem Mitstreiter aufzudecken. Dabei macht er erstaunliche Entdeckungen...

Kritik:
Um direkt mal eine Illusion aus dem Weg zu räumen: Das Buch ist besser. Wie so oft und natürlich ist es das. Immerhin hatten Alan Moore und Dave Gibbons in 12 Kapiteln auf knapp 400 Seiten ausgiebig Zeit, die Superhelden-Dekonstruktion aufzubauen, die Geschichte wachsen zu lassen und sie mit Leben und Details zu füllen. Für 160 Minuten Film ist Zack Snyders Version zu einem Großteil so ziemlich das Maximum, was man realistisch erwarten konnte. Es ist nicht die makellos-perfekte Watchmen-Filmversion, weil eben Laufzeit und Comicmechanismen fehlen, aber es ist unglaublich nah an der Vorlage, gleichermaßen intelligent wie unterhaltsam und in gewisser Weise anders als alles, was je das Licht der Leinwand erblickt hat.

Die filmischen Ähnlichkeiten könnten von „Taxi Driver“ über „Blade Runner“ bis zum modernen Comicfilm reichen, aber „Watchmen“ ist anders; durch und durch. So hat man Superhelden oder Helden im Allgemeinen noch nie gesehen. Mordend, vergewaltigend, mit einer zynischen Freude an Gewalt und mit gallig-bitterer Weltsicht, mit Persönlichkeitsproblemen, Alterserscheinungen, Impotenz, Alkoholismus, Krebs und dem Alltagsleben, inklusive Leben nach der Karriere. Etwas Heldenhaftes geht diesen Charakteren oft gänzlich ab. Sei es der gelangweilte Semi-Gott oder ein gewaltbereiter Zyniker; häufig ist eine klare Unterscheidung zu ihren bösen Gegenparts nur schwer auszumachen, bzw. zeigt sich in einigen Fällen nur dadurch, dass man einfach behauptet, auf der Seite der Guten zu stehen. Auf der Seite des Rechtes steht später, als die selbsternannten Helden für illegal erklärt werden, eh niemand mehr. Die kostümierten Helden sind gleichermaßen zwiespältig, wie albern. Warum läuft man in komischen Kostümen herum, warum Tarnnamen und was, wenn man sich in der selbst kreierten Heldenpersönlichkeit verliert? Das sind Fragen, die „Watchmen“ stellt, die in der Comic-Vorlage zwar noch wesentlich intensiver sind – was logisch ist -, die aber auch im Film funktionieren, auf aktuelle Comicfilme anspielen und weiter gehen, als ein Comicfilm bisher zu gehen wagte. Auch ein „The Dark Knight“ kann den Ideenreichtum und die Denkansätze von „Watchmen“ nicht in der Form aufbieten.

„Make it cultural!“, hat Zack Snyder im Vorfeld gesagt und meinte damit einen Schritt, der ebenfalls neu und eigentlich nur konsequent ist, wenn man sich ernsthaft mit Superhelden und ihren Auswirkungen befasst. Als Reaktion auf die Figuren, auf Selbstjustiz, Gegengewalt und gottähnliche Fähigkeiten, muss sich auch die Gesellschaft verändern und so präsentiert sich das Jahr 1985 in der Watchmen-Welt ähnlich, aber eben deutlich beeinflusst von maskierten Abenteurern. Vietnam ist 51. US-Bundesstaat, Richard Nixon in seiner dritten Amtszeit, technische Neuentwicklungen verändern kleine Details des Alltags und ein Gesetz verbietet seit den 1970er Jahren den Streifzug der Helden. Das alles kurz vor dem 3. Weltkrieg, am Siedepunkt des kalten Krieges zwischen den USA und der UdSSR, der ebenfalls von Superhelden entschieden wird. Diese Welt, diesen symbolischen Mikrokosmos in einem Spielfilm zu etablieren, ist ein schwieriges Unterfangen, aber gerade zu Beginn beweisen Snyder und sein Team wahre Meisterschaft.

Für die erste Stunde möchte man vor Begeisterung und Fan-Dankbarkeit jubelnd auf die Knie fallen und Snyder die Füße küssen – im übertragenen Sinn, versteht sich. Wenn wir lautlos aus dem Schwarz-Gelb des Smileys in Eddie Blakes Wohnzimmer kommen und mit ihm TV schauen, wenn dort unaufdringlich und bedächtig die politische Situation angedeutet wird, später auftauchende Personen erwähnt werden und sich schließlich vor der Tür eine Person Blakes Apartment nähert, muss man sich darauf gefasst machen, etwas Großem beizuwohnen. Als Fan ebenso wie als Filmfreund. Die kontrastierende Musik von Nat King Cole geleitet durch einen monströsen Kampf und vom blutigen Straßenrand schickt man uns in diese neuartige Welt. Die Eröffnungstitel sind schlichtweg grandios, von der Idee so simpel und doch so wirkungsvoll, ästhetisch und erzählerisch höchst faszinierend und voller Details. Überhaupt – das sei hier als Randnotiz vermerkt – ist der Film so voller Details, voller Graffitibotschaften, Postern, Figuren im Hintergrund, Anspielungen etc., dass man es kaum komplett beim ersten Sehen erfassen kann.

Die ersten vier Kapitel des Buches sind in der ersten Stunde des Films nahezu 1:1 übertragen, die kleinen Abweichungen kann man dabei fast ignorieren, denn mehr Watchmen ginge nur, wenn man Bild für Bild, Wort für Wort in den Film überträgt und damit die Laufzeit enorm steigert. Wobei, oftmals hat man genau das gemacht. Es ist aber nicht einfach simpel kopiert, sondern trägt eindeutig Zack Snyders Handschrift, ist visuell ähnlich, aber doch eigenständig und ist eben nur fast 1:1 übernommen. Nach dieser ersten Stunde übernimmt Snyder komplett, bzw. es übernimmt das filmische Unterhaltungsprinzip. Das klingt negativer als es in Wahrheit ist, aber plötzlich werden die Änderungen auffälliger, die Action größer und zahlreicher. Wo die Vorlage Action zulässt, wird sie genutzt, womit der Film zu keiner Zeit droht, zu dialogstark, oder im Extremfall zu langweilig zu werden. Der inhaltliche Substanzverlust hält sich dabei glücklicherweise in Grenzen, denn „Watchmen“ ist für die komplette Laufzeit die wohl anspruchvollste und tiefgreifendste Superhelden-Comicverfilmung bisher. Die Action ist rasant, aber endlich auch mal übersichtlich und zu erkennen, weil Snyders geliebten Slow-Motion-Effekte eben mehr zulassen, als das neumodische Kameragewackel inklusive Epileptiker-Schnitt. Die Zeitlupeneffekte stören fast nie, stellen oftmals sogar bewusst Einzelbilder des Comics nach.

Mit der Action steigert sich aber auch die Gewalt, die bisweilen ins Extreme abdriftet. Selten selbstzweckhaft und niemals in irgendeiner Form cool - wenn cool, dann eben durch graphisches Aufzeigen der Auswirkungen gebrochen -, aber stilisiert, teilweise extremst blutig und in ein, zwei Szenen etwas zu viel des Guten.

Der harte, aber auch realistische Umgang mit Gewalt ist aber eine konsequente Weiterführung der Ausgangsidee, der realistischen Auseinandersetzung und Dekonstruktion des Helden-Mythos, des Ideals des kämpfenden Retters. Kann eine Person noch bewundert oder toleriert werden, die mit Selbstlegitimation Frauen verprügelt, Demonstranten erschießt oder unemotional Menschenmassen vernichtet? Für solche Ansätze braucht es realistische Gewalt. Anders verhält es sich mit der Coolness, die den Helden, nicht der Gewalt, oftmals anhaftet. Besonders Dan, Nite Owl II, ist etwas zu cool, wenn er im Anzug fliegt, hüpft und prügelt und hätte ruhig deutlichere ironische Kommentare vertragen können, wie auch seine Kollegen insgesamt. Die reflexive Auseinandersetzung mit seinem, Nite Owls, Kostüm, findet aber durchaus anschaulich ihre filmische Entsprechung. Die kulminiert erwartungsgemäß in einer (etwas zu ausgedehnten) Sexszene, die zwar essentiell für den Charakter ist – so etwas soll es tatsächlich geben, ja -, aber einen Moment zu lang dauert und musikalisch nicht ganz glücklich unterlegt wurde.

Die zweite Hälfte ist schneller und handlungsintensiver – hektischer. Der Wust an Details, an Knotenpunkten der Storys, der permanenten Flashbacks und Planetenwechsel, machen sich durchaus bemerkbar. Hier musste umgestellt und verkürzt werden, ganz klar. Mit einem gesunden Maß an Objektivität sind diese Veränderungen aber absolut annehmbar, so dass kein Fan einen echten Grund haben dürfte, wirklich enttäuscht oder beleidigt zu sein. Lediglich gegen Ende gibt es Momente, die zumindest Zähneknirschen hervorrufen könnten. Die Entwicklung im Gefängnis, sowohl die charakterliche, als auch die Gewalteskalation, geht etwas arg schnell, sieht aber grandios aus und kommt besonders im Flashback mächtig atmosphärisch rüber.

Dagegen ist die Marssequenz mit Dr. Manhattan samt Damenbesuch die vielleicht schwächste überhaupt, weil vom Potential her äußerst verheißungsvoll (Für Comickenner: Kapitel 9). Die emotionale und inhaltliche Bandbreite und Kraft entspricht zu wenig dem, was eigentlich gerade passiert ist und bleibt hinter der metaphysischen, melancholisch-philosophischen Wucht der Vorlage zurück. Das ist schade, hätte hier doch ein epischer Kinomoment für die Ewigkeit entstehen können. Dass direkt danach Jimi Hendrix folgt und dieser Übergang weder stilistisch, noch in der Stimmung geglückt ist, kommt da noch hinzu. Es bleibt jedoch der einzige nennenswerte Schnitzer, den Snyder sich erlaubt. Ansonsten hat er ein unglaublich gutes Auge für die visuellen Momente und ein gutes Gespür für Tempo und Stimmungen.

Die nicht ganz so intensive Emotionalität dieser Marsszene, könnte aber auch an den Darstellern liegen, denn Malin Akerman, so gut sie zuvor und vor allem in den Actionszenen auch war, ist an dieser Stelle der Übergröße ihrer Szene nicht ganz gewachsen. Das Gute daran: Ansonsten sind die Darsteller ausnahmslos genial, ja sogar perfekte Entsprechungen der Charaktere im Comic. Patrick Wilsons Dan ist das warmherzige Element des Films und Wilson sieht seinem Comic-Ich nicht nur verdammt ähnlich, er trifft auch die Töne, bringt Daniels Trägheit und Unsicherheit wunderbar sympathisch rüber. Dr. Manhattan – als CG-Figur fantastisch - profitiert stark von Billy Crudups echter, nahezu unveränderter Stimme, die Gleichgültigkeit und Zerbrechlichkeit geschickt vereint. Sogar der im Vorfeld mit Skepsis bedachte Matthew Goode kann vollends überzeugen. In jeglicher Hinsicht. Und auch wenn Jackie Earle Haleys Rorschach wohl die Figur überhaupt dieses Films sein wird, mit seinem einzigartigem Aussehen, seinen galligen Zitaten und dieser faszinierend-verschlossenen Unnahbarkeit, so gehört doch zumindest die erste Stunde Jeffrey Dean Morgan als Comedian. Er ist perfekt, er ist der Comedian. Das muss als Hinweis reichen.

Es gibt, wie gesagt, Dinge, die nicht vollends gelungen sind. Da kommt der etwas zwiespältige Showdown hinzu, sowie Kleinigkeiten, wie die nahezu komplette Ignorierung des Zeitungsverkäufers. Die Idee, die Gruppe der Helden „The Watchmen“ zu nennen, leuchtet zwar aus Vermarktungsgründen ein, ist aber, mit Verlaub, kompletter Blödsinn. All dies darf kritisiert werden und eine perfekte Watchmen-Adaption hätte ein paar dieser Dinge besser machen müssen, aber wie kleinkariert soll man denn bitte sein? „Watchmen“ ist eine detailreiche, vielschichtige, intelligente und gleichermaßen unterhaltsame Comicverfilmung, voller Respekt für die Vorlage, mit einem starken eigenen Geist und tollen eigenen Ideen (wenn auch nicht alle eigenen Ideen funktionieren). Es gibt Momente voll epischer Kraft, Gänsehautmomente, nicht zuletzt auch, weil Tyler Bates mit seinem Score ein paar wunderbare Klänge beisteuert. Als Fan der Vorlage dürfte man mit rasendem Herzen und weit aufgerissenen Augen genüsslich alles verschlingen, wenn man auf der Leinwand sieht, wie die Comichelden Wirklichkeit werden; als Kinogänger wird man von den Ausmaßen der Geschichte, der visuellen Finesse und den Ideen förmlich erschlagen, im positiven Sinne, denn man bemüht sich auch permanent, die Dinge nachvollziehbar zu halten.

Fazit:
Zack Snyder und sein Team haben fast alles richtig gemacht. Trotz kleinerer Macken im letzten Drittel, präsentiert sich Watchmen als intelligenter, selbstreflexiver und satirischer Blick auf Superhelden und eine Welt am Abgrund. Intelligent, visuell außergewöhnlich, aufregend, anders, mitreißend. Viel mehr Watchmen in 160 Minuten geht kaum. Die kommende 3,5-Stunden-DVD-Version wird ein Fest, kann aber nur eine Ergänzung sein, denn dieser Film gehört auf die große Leinwand, auf die eines Kinos nach Möglichkeit. Das darf gerne als Befehl aufgefasst werden. Und als Zusatz das Buch lesen. Wertung: Als Adaption knappe 8 / 10, als Film mindestens

9 / 10

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