Story:
Ein alternatives 1985 in einem alternativen Amerika. Diese Welt kennt echte
Superhelden, doch haben die maskierten Ikonen ihre beste Zeit längst hinter sich,
sind sogar verboten.
Als eines Nachts aber ein Unbekannter einen der berühmtesten Helden tötet, macht
sich der zynische Rorschach auf, den Mord an seinem Mitstreiter aufzudecken.
Dabei macht er erstaunliche Entdeckungen...
regie :
zack snyder
cast :
jackie earle haley, billy crudup
kritik :
christian westhus
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Kritik:
Um direkt mal eine
Illusion aus dem Weg zu räumen: Das Buch ist besser. Wie so oft und natürlich
ist es das. Immerhin hatten Alan Moore und Dave Gibbons in 12 Kapiteln auf knapp
400 Seiten ausgiebig Zeit, die Superhelden-Dekonstruktion aufzubauen, die
Geschichte wachsen zu lassen und sie mit Leben und Details zu füllen. Für 160
Minuten Film ist Zack Snyders Version zu einem Großteil so ziemlich das Maximum,
was man realistisch erwarten konnte. Es ist nicht die makellos-perfekte
Watchmen-Filmversion, weil eben Laufzeit und Comicmechanismen fehlen, aber es
ist unglaublich nah an der Vorlage, gleichermaßen intelligent wie unterhaltsam
und in gewisser Weise anders als alles, was je das Licht der Leinwand erblickt
hat.
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"Wuaaaghghrhahhahghghggh shsszzzz!!!!!!"
(das etwa passiert, wenn man bei Alan Moore's Haustür klingelt)
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Die filmischen Ähnlichkeiten
könnten von „Taxi Driver“ über „Blade Runner“ bis zum modernen Comicfilm
reichen, aber „Watchmen“ ist anders; durch und durch. So hat man Superhelden
oder Helden im Allgemeinen noch nie gesehen. Mordend, vergewaltigend, mit einer
zynischen Freude an Gewalt und mit gallig-bitterer Weltsicht, mit
Persönlichkeitsproblemen, Alterserscheinungen, Impotenz, Alkoholismus, Krebs und
dem Alltagsleben, inklusive Leben nach der Karriere. Etwas Heldenhaftes geht
diesen Charakteren oft gänzlich ab. Sei es der gelangweilte Semi-Gott oder ein
gewaltbereiter Zyniker; häufig ist eine klare Unterscheidung zu ihren bösen
Gegenparts nur schwer auszumachen, bzw. zeigt sich in einigen Fällen nur
dadurch, dass man einfach behauptet, auf der Seite der Guten zu stehen. Auf der
Seite des Rechtes steht später, als die selbsternannten Helden für illegal
erklärt werden, eh niemand mehr. Die kostümierten Helden sind gleichermaßen
zwiespältig, wie albern. Warum läuft man in komischen Kostümen herum, warum
Tarnnamen und was, wenn man sich in der selbst kreierten Heldenpersönlichkeit
verliert? Das sind Fragen, die „Watchmen“ stellt, die in der Comic-Vorlage zwar
noch wesentlich intensiver sind – was logisch ist -, die aber auch im Film
funktionieren, auf aktuelle Comicfilme anspielen und weiter gehen, als ein
Comicfilm bisher zu gehen wagte. Auch ein „The Dark Knight“ kann den
Ideenreichtum und die Denkansätze von „Watchmen“ nicht in der Form aufbieten.
„Make it cultural!“, hat Zack Snyder im Vorfeld gesagt und meinte damit einen
Schritt, der ebenfalls neu und eigentlich nur konsequent ist, wenn man sich
ernsthaft mit Superhelden und ihren Auswirkungen befasst. Als Reaktion auf die
Figuren, auf Selbstjustiz, Gegengewalt und gottähnliche Fähigkeiten, muss sich
auch die Gesellschaft verändern und so präsentiert sich das Jahr 1985 in der
Watchmen-Welt ähnlich, aber eben deutlich beeinflusst von maskierten
Abenteurern. Vietnam ist 51. US-Bundesstaat, Richard Nixon in seiner dritten
Amtszeit, technische Neuentwicklungen verändern kleine Details des Alltags und
ein Gesetz verbietet seit den 1970er Jahren den Streifzug der Helden. Das alles
kurz vor dem 3. Weltkrieg, am Siedepunkt des kalten Krieges zwischen den USA und
der UdSSR, der ebenfalls von Superhelden entschieden wird. Diese Welt, diesen
symbolischen Mikrokosmos in einem Spielfilm zu etablieren, ist ein schwieriges
Unterfangen, aber gerade zu Beginn beweisen Snyder und sein Team wahre
Meisterschaft.
Für die erste Stunde möchte man vor Begeisterung und Fan-Dankbarkeit jubelnd auf
die Knie fallen und Snyder die Füße küssen – im übertragenen Sinn, versteht
sich. Wenn wir lautlos aus dem Schwarz-Gelb des Smileys in Eddie Blakes
Wohnzimmer kommen und mit ihm TV schauen, wenn dort unaufdringlich und bedächtig
die politische Situation angedeutet wird, später auftauchende Personen erwähnt
werden und sich schließlich vor der Tür eine Person Blakes Apartment nähert,
muss man sich darauf gefasst machen, etwas Großem beizuwohnen. Als Fan ebenso
wie als Filmfreund. Die kontrastierende Musik von Nat King Cole geleitet durch
einen monströsen Kampf und vom blutigen Straßenrand schickt man uns in diese
neuartige Welt. Die Eröffnungstitel sind schlichtweg grandios, von der Idee so
simpel und doch so wirkungsvoll, ästhetisch und erzählerisch höchst faszinierend
und voller Details. Überhaupt – das sei hier als Randnotiz vermerkt – ist der
Film so voller Details, voller Graffitibotschaften, Postern, Figuren im
Hintergrund, Anspielungen etc., dass man es kaum komplett beim ersten Sehen
erfassen kann.
Die ersten vier Kapitel des Buches sind in der ersten Stunde des Films nahezu
1:1 übertragen, die kleinen Abweichungen kann man dabei fast ignorieren, denn
mehr Watchmen ginge nur, wenn man Bild für Bild, Wort für Wort in den Film
überträgt und damit die Laufzeit enorm steigert. Wobei, oftmals hat man genau
das gemacht. Es ist aber nicht einfach simpel kopiert, sondern trägt eindeutig
Zack Snyders Handschrift, ist visuell ähnlich, aber doch eigenständig und ist
eben nur fast 1:1 übernommen. Nach dieser ersten Stunde übernimmt Snyder
komplett, bzw. es übernimmt das filmische Unterhaltungsprinzip. Das klingt
negativer als es in Wahrheit ist, aber plötzlich werden die Änderungen
auffälliger, die Action größer und zahlreicher. Wo die Vorlage Action zulässt,
wird sie genutzt, womit der Film zu keiner Zeit droht, zu dialogstark, oder im
Extremfall zu langweilig zu werden. Der inhaltliche Substanzverlust hält sich
dabei glücklicherweise in Grenzen, denn „Watchmen“ ist für die komplette
Laufzeit die wohl anspruchvollste und tiefgreifendste
Superhelden-Comicverfilmung bisher. Die Action ist rasant, aber endlich auch mal
übersichtlich und zu erkennen, weil Snyders geliebten Slow-Motion-Effekte eben
mehr zulassen, als das neumodische Kameragewackel inklusive Epileptiker-Schnitt.
Die Zeitlupeneffekte stören fast nie, stellen oftmals sogar bewusst Einzelbilder
des Comics nach.
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"Es ist offiziell: die Blue Man Group bildet
die nächste Regierung."
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Mit der Action steigert sich aber
auch die Gewalt, die bisweilen ins Extreme abdriftet. Selten selbstzweckhaft und
niemals in irgendeiner Form cool - wenn cool, dann eben durch graphisches
Aufzeigen der Auswirkungen gebrochen -, aber stilisiert, teilweise extremst
blutig und in ein, zwei Szenen etwas zu viel des Guten.
Der harte, aber auch realistische Umgang mit Gewalt ist aber eine konsequente
Weiterführung der Ausgangsidee, der realistischen Auseinandersetzung und
Dekonstruktion des Helden-Mythos, des Ideals des kämpfenden Retters. Kann eine
Person noch bewundert oder toleriert werden, die mit Selbstlegitimation Frauen
verprügelt, Demonstranten erschießt oder unemotional Menschenmassen vernichtet?
Für solche Ansätze braucht es realistische Gewalt. Anders verhält es sich mit
der Coolness, die den Helden, nicht der Gewalt, oftmals anhaftet. Besonders Dan,
Nite Owl II, ist etwas zu cool, wenn er im Anzug fliegt, hüpft und prügelt und
hätte ruhig deutlichere ironische Kommentare vertragen können, wie auch seine
Kollegen insgesamt. Die reflexive Auseinandersetzung mit seinem, Nite Owls,
Kostüm, findet aber durchaus anschaulich ihre filmische Entsprechung. Die
kulminiert erwartungsgemäß in einer (etwas zu ausgedehnten) Sexszene, die zwar
essentiell für den Charakter ist – so etwas soll es tatsächlich geben, ja -,
aber einen Moment zu lang dauert und musikalisch nicht ganz glücklich unterlegt
wurde.
Die zweite Hälfte ist schneller und handlungsintensiver – hektischer. Der Wust
an Details, an Knotenpunkten der Storys, der permanenten Flashbacks und
Planetenwechsel, machen sich durchaus bemerkbar. Hier musste umgestellt und
verkürzt werden, ganz klar. Mit einem gesunden Maß an Objektivität sind diese
Veränderungen aber absolut annehmbar, so dass kein Fan einen echten Grund haben
dürfte, wirklich enttäuscht oder beleidigt zu sein. Lediglich gegen Ende gibt es
Momente, die zumindest Zähneknirschen hervorrufen könnten. Die Entwicklung im
Gefängnis, sowohl die charakterliche, als auch die Gewalteskalation, geht etwas
arg schnell, sieht aber grandios aus und kommt besonders im Flashback mächtig
atmosphärisch rüber.
Dagegen ist die Marssequenz mit Dr. Manhattan samt Damenbesuch die vielleicht
schwächste überhaupt, weil vom Potential her äußerst verheißungsvoll (Für
Comickenner: Kapitel 9). Die emotionale und inhaltliche Bandbreite und Kraft
entspricht zu wenig dem, was eigentlich gerade passiert ist und bleibt hinter
der metaphysischen, melancholisch-philosophischen Wucht der Vorlage zurück. Das
ist schade, hätte hier doch ein epischer Kinomoment für die Ewigkeit entstehen
können. Dass direkt danach Jimi Hendrix folgt und dieser Übergang weder
stilistisch, noch in der Stimmung geglückt ist, kommt da noch hinzu. Es bleibt
jedoch der einzige nennenswerte Schnitzer, den Snyder sich erlaubt. Ansonsten
hat er ein unglaublich gutes Auge für die visuellen Momente und ein gutes Gespür
für Tempo und Stimmungen.
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"Dir auch noch einen schönen Fallout,
Schatz."
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Die nicht ganz so intensive
Emotionalität dieser Marsszene, könnte aber auch an den Darstellern liegen, denn
Malin Akerman, so gut sie zuvor und vor allem in den Actionszenen auch war, ist
an dieser Stelle der Übergröße ihrer Szene nicht ganz gewachsen. Das Gute daran:
Ansonsten sind die Darsteller ausnahmslos genial, ja sogar perfekte
Entsprechungen der Charaktere im Comic. Patrick Wilsons Dan ist das warmherzige
Element des Films und Wilson sieht seinem Comic-Ich nicht nur verdammt ähnlich,
er trifft auch die Töne, bringt Daniels Trägheit und Unsicherheit wunderbar
sympathisch rüber. Dr. Manhattan – als CG-Figur fantastisch - profitiert stark
von Billy Crudups echter, nahezu unveränderter Stimme, die Gleichgültigkeit und
Zerbrechlichkeit geschickt vereint. Sogar der im Vorfeld mit Skepsis bedachte
Matthew Goode kann vollends überzeugen. In jeglicher Hinsicht. Und auch wenn
Jackie Earle Haleys Rorschach wohl die Figur überhaupt dieses Films sein wird,
mit seinem einzigartigem Aussehen, seinen galligen Zitaten und dieser
faszinierend-verschlossenen Unnahbarkeit, so gehört doch zumindest die erste
Stunde Jeffrey Dean Morgan als Comedian. Er ist perfekt, er ist der Comedian.
Das muss als Hinweis reichen.
Es gibt, wie gesagt, Dinge, die nicht vollends gelungen sind. Da kommt der etwas
zwiespältige Showdown hinzu, sowie Kleinigkeiten, wie die nahezu komplette
Ignorierung des Zeitungsverkäufers. Die Idee, die Gruppe der Helden „The
Watchmen“ zu nennen, leuchtet zwar aus Vermarktungsgründen ein, ist aber, mit
Verlaub, kompletter Blödsinn. All dies darf kritisiert werden und eine perfekte
Watchmen-Adaption hätte ein paar dieser Dinge besser machen müssen, aber wie
kleinkariert soll man denn bitte sein? „Watchmen“ ist eine detailreiche,
vielschichtige, intelligente und gleichermaßen unterhaltsame Comicverfilmung,
voller Respekt für die Vorlage, mit einem starken eigenen Geist und tollen
eigenen Ideen (wenn auch nicht alle eigenen Ideen funktionieren). Es gibt
Momente voll epischer Kraft, Gänsehautmomente, nicht zuletzt auch, weil Tyler
Bates mit seinem Score ein paar wunderbare Klänge beisteuert. Als Fan der
Vorlage dürfte man mit rasendem Herzen und weit aufgerissenen Augen genüsslich
alles verschlingen, wenn man auf der Leinwand sieht, wie die Comichelden
Wirklichkeit werden; als Kinogänger wird man von den Ausmaßen der Geschichte,
der visuellen Finesse und den Ideen förmlich erschlagen, im positiven Sinne,
denn man bemüht sich auch permanent, die Dinge nachvollziehbar zu halten.
Fazit:
Zack Snyder und sein
Team haben fast alles richtig gemacht. Trotz kleinerer Macken im letzten
Drittel, präsentiert sich Watchmen als intelligenter, selbstreflexiver und
satirischer Blick auf Superhelden und eine Welt am Abgrund. Intelligent, visuell
außergewöhnlich, aufregend, anders, mitreißend. Viel mehr Watchmen in 160
Minuten geht kaum. Die kommende 3,5-Stunden-DVD-Version wird ein Fest, kann aber
nur eine Ergänzung sein, denn dieser Film gehört auf die große Leinwand, auf die
eines Kinos nach Möglichkeit. Das darf gerne als Befehl aufgefasst werden. Und
als Zusatz das Buch lesen.
Wertung: Als Adaption knappe 8 / 10, als Film mindestens
9 / 10
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