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Kritik:
Watchmen


von Christian Mester

Watchmen
(2009)
Regisseur: Zack Snyder
Cast: Jackie Earle Haley, Matthew Goode, Malin Akerman

Story:
Ein alternatives 1985 in einem alternativen Amerika. Diese Welt kennt echte Superhelden, doch haben die maskierten Ikonen ihre beste Zeit längst hinter sich, sind sogar verboten.
Als eines Nachts aber ein Unbekannter einen der berühmtesten Helden tötet, macht sich der zynische Rorschach auf, den Mord an seinem Mitstreiter aufzudecken. Dabei macht er erstaunliche Entdeckungen...

Kritik:
Man stelle sich vor, Spider-Man laufe zynisch über den Sinn des Lebens sinnierend durch die Straßen von Sin City und träume dabei von Kristallpalästen auf den Mars - das etwa kann man sich unter Watchmen vorstellen.

Wer den Comic nicht kennt, denkt sich bei den Plakaten und Trailern wohl stets das gleiche: ist wohl irgendein Actionfilm mit Superhelden die man nicht kennt, und das in abgefahrenen Bildern. Viel Zeitlupe wie bei 300 - hey, das ist ja vom gleichen Regisseur. Mal einen Blick wagen.

Jetzt ist natürlich die Frage was man sich davon wirklich erwartet, denn Watchmen ist erstmal vieles, und vieles auch nicht. Was Watchmen vor allem nicht ist, ist geradlinige Action. Wer das will und sich leichten Comicspaß ala 300 oder The Incredible Hulk wünscht, der wartet wohl besser auf Terminator 4, Wolverine und G.I. Joe: Geheimakte Cobra. Wer sich stattdessen etwas schwarzhumorig-lustiges ala Sin City erhofft... der wartet besser ebenso, denn auch das ist Watchmen nicht.

Zwar geht es um Helden in Latex und Masken die die Welt im Jahr 1985 vor einer drohenden Apokalypse schützen wollen, aber da hört der Vergleich mit typischen Comic-Filmen auch schon auf. Wenn Watchmen eines ist, dann "ungewöhnlich", denn kaum ein Film lässt sich mit dieser Geschichte und Erzählweise vergleichen.

Richtig, es geht um Superhelden, allerdings werden diese weitaus anders als sonst dargestellt. Diese Helden sind nicht bunt, einsilbig und leichtfüßig, sondern eher düster, nachdenklich und von vielen Erfahrungen gezeichnet, die andere Helden wie z.B. die X-Men niemals erleben würden. Hier geht es um Schwangerschaften, Vergewaltigung, Kannibalismus, Sex, Missbrauch, Ängste und all das in einer graphischen Offenheit, wie man sie noch nie zuvor im Genre gesehen hat. Der Film mag zwar ab 16 freigegeben sein, doch hier werden Schwangere erschossen, Arme mit der Kreissäge abgesägt und Kinder an Hunde verfüttert, so dass man es kaum wahrhaben will. All das präsentiert Regisseur Snyder auch noch ohne Verharmlosung, wodurch alles sehr intensiv wirkt. Intensiv und schonungslos.

Das ist aber nicht alles - Batman mit immenser Gewalt wär eine Sache, aber Watchmen geht da noch einen gewaltigen Schritt weiter, und da kommt auch der Punkt der den Film entweder äußerst interessant macht - oder ihn in der Gleichgültigkeit verschwinden lässt: Watchmen will zum Nachdenken anregen. Beispielsweise gibt es im Film einen Helden namens Dr. Manhattan, der durch einen Unfall gottesähnliche Allmacht erlangt, unsterblich wird und dadurch Zeit und Elemente sehen kann, wie manch anderer Fische in einem Aquarium. Unter anderem hilft er den Amerikanern im Vietnamkrieg und ist somit kurzweilig die wahrgewordene Annahme "Gott ist im Krieg auf unserer Seite" die so gern von allen möglichen Ländern benutzt wird. Wie aber fühlt sich ein Land, das einen Gott auf seiner Seite weiß... und was, wenn er sich mal gegen sie richtet, oder sich abwendet? Wie sieht jemand Zeitloses etwas so Vergängliches wie die Menschheit, und welchen Sinn findet man überhaupt noch in seinem Dasein, wenn man gewissermaßen alles kann und bereits die ganze Zukunft kennt? Das ist nur ein kleines Beispiel (!) von vielen Themen, die den Film bewegen.

- verdient ein Kindermörder Gnade?
- verdient ein Vergewaltiger irgendwann einmal Liebe seines Opfers?
- ist es gerechtfertigt, Selbstjustiz auszuüben?
- ist es in Ordnung, wenn die leiden, die anderen Leid zufügen?
- ist man irgendwann zu alt, das zu tun, was man liebsten macht?
- darf man Regeln brechen, um die Erfüllung zu finden, die man braucht?
- dürfen wenige leiden, damit es vielen gut geht?
- kann man ein Land aus Angst angreifen, dass es zuerst angreift?

Wer sich für Themen wie diese interessiert, wird reichhaltigen Diskussionsstoff vorfinden, andere jedoch werden deswegen oftmals ungeduldig auf die Uhr sehen und vergebens hoffen, dass die ~ drei Kampfszenen in den ganzen 160 Minuten nicht die einzigen bleiben (was sie jedoch tun). Zumal diese zwar gut sind, aber keineswegs an die aus 300 heranreichen. Watchmen ist als Comic nicht zu kritisieren (es ist das einzige Comic auf der Times Liste der 100 wichtigsten Bücher des 20. Jahrhunderts), aber ist er als Film ebenso stark? Leider nicht ganz. Zwar ist die Optik absolut perfekt eingefangen und sowohl in Sachen Sets als auch Effekten umwerfend, aber als Film bleibt er nicht ohne Makel.

Das liegt vor allem an der Struktur, die ungewöhnlich und dadurch ziemlich anstrengend ist. So gibt es eigentlich keine klare Handlung, da die Perspektive andauernd von einer Figur zur nächsten springt und diese dann genauer vorgestellt wird. Wir erfahren von den Problemen und Ansichten der Person, von ihrer Verbindung zu den anderen und ihrer Vergangenheit, jedoch ist es keineswegs so schön abgeschlossen wie bei Sin City, sondern stets mit aktuellen und vergangenen Ereignissen der anderen verknüpft, was es automatisch verwirrend macht. Ein wenig erinnert das an die alten Folgen der Hitserie Lost, in denen die Haupthandlung pro Episode oft von mehreren Rückblicken unterbrochen wurde um jeweils eine der Figuren intensiver zu beleuchten. Hier ist es aber eine sehr lange Story, die von mehreren dieser Flashbacks durchzogen wird, welche wiederum alle miteinander verbunden sind und all das zu einem großen komplizierten Mosaik machen. Im Buch funktioniert das hervorragend, da man sich die Zeit für die Handlung nehmen kann - der Film allerdings geht abrupt von einer Geschichte in die nächste über, sodass man sich gerade fast in eine Figur eingefunden hat - und dann schon zur nächsten kommt. Als hätte man gerade Neo kennengelernt, nur um dann 20 Minuten lang Morpheus dem seine Heimgeschichte, dann Trinity ihre, dann die des Orakels zu hören, während man eigentlich viel lieber nur bei Neo geblieben wäre. Watchmen packt sozusagen sämtliches Sequelpotential bereits konzentriert in den ersten und einzigen Film hinein.

Klar, dass hat den Vorteil, dass man den Film ruhig öfters sehen und dabei immer wieder neue Sachen entdecken kann, aber für einen Film ist es doch ein wenig sehr sperrig geworden. Selbst die Sets haben starken Informationsgehalt, mit ihren realistischen Gassen, futuristischen Gebäuden, ägyptischen Werken und marsianischen Kristallpalästen. Es ist wie ein Zoo, deren Attraktionen man bei einem Besuch allein garnicht alle erfassen kann... und dessen Wegweiser
n-dimensional ausfallen. Mag ein guter Park sein, aber den hätte man besser anlegen können. Die Figuren - schwierig. Rorschach ist ohne Frage sofort neue Kultfigur und wird bei den meisten ewig im Kopf bleiben, denn mit rauer Stimme und furchtloser Haudrauf-Methode kriegt der Detektiv die besten Szenen (und dass obwohl sein Gesicht die meiste Zeit verdeckt bleibt), aber darüber hinaus sieht es schon nicht mehr so gut aus. Der übermenschliche Dr. Manhattan ist zum einen faszinierend und dürfte vor allem für Wissenschaftler interessant sein, ist aber insgesamt zu ruhig und wirkt dadurch schon fast leblos. Dass er ein leuchtender blauer nackter Muskelberg ist und Snyder das auch noch laufend zeigt, dürfte auf viele Zuschauer übrigens seltsam wirken... (im Zusammenhang macht es Sinn (für diesen Gott ist Kleidung irrelevant) aber das ändert nichts an der allgemeinen Wirkung eines nackten blauen Mannes).

Nicht gerade glaubwürdig ist zudem seine Beziehung zu einer anderen, menschlichen Heldin, die - gespielt von Malin Akermann - keine wirklichen Akzente setzen kann. Sie wie auch ihre Mutter (Carla Gugino) ist in einen größeren Zwist aus der Vergangenheit involviert, doch hat diese Geschichte leider ebenso wenig Kraft wie die aufflammende Liebe des Batman-ähnlichen Helden Nite Owls, der wieder zu sich selbst (und seiner Potenz) finden muss und mit Hilfe von Batman-ähnlichen Gadgets (in diesem Fall Eulengadgets) in den Kampf zieht. Leider ist deren Beziehung trotz starker und gewagter Bilder niemals auch nur eine Minute romantisch, was enttäuscht. Dann gibt es noch den Comedian, einen menschenfeindlichen Freak, der genau genommen eigentlich zu den Bösen gehören müsste, da er mit der Einstellung lebt sich alles erlauben zu können und das lachend und gewissenlos auslebt - koste es, was es wolle. Eine klar starke Performance von Jeffrey Dean Morgan aus Supernatural, die jedoch ein bisschen darin untergeht, dass die Figur sehr schnell zu einer starken Rolle aufgebaut wird - nach der ersten Stunde dann aber fast völlig verschwindet. Gegenpol ist der eiskalte Magnat Ozymandias, der erst gegen Ende viele Szenen bekommt und als menschlicher Vertreter der Intellektuellen und Reichen kühlen Stil miteinbringt. Er zeigt leider kaum Regung und ist schauspielerisch mit dem hauptsächlich computeranimierten Dr. Manhattan zu vergleichen - beide lassen einen relativ kalt, was man rückblickend über fast jede der Figuren sagen kann. Bis auf Antiheld Rorschach gibt es wohl keinen von ihnen, der einen eigenen Film hätte tragen können.

Was dem Film auch noch schadet, ist Präsident Nixon - der im Film laufend vorkommt und von einem Darsteller in Gummimaske gespielt wird, die fast so lachhaft aussieht wie die Masken aus Genesis' Video Land of Confusion. Frank Langella sah in Frost/Nixon zwar überhaupt nicht aus wie der unbeliebte Mann mit der Watergate-Affäre, aber das hat man lieber als jemanden mit wackelnder Gumminase... vor allem, wenn es um wirklich ernste Szenen geht. Effektetechnisch ist der Film natürlich eine Wucht und mit all seinen gewaltigen Bildern eine wahre Augenweide, score-technisch kann er jedoch damit letztendlich nicht mithalten. Zwar dominieren einige gute Songs von Bob Dylan und Konsorten, doch an die eigentliche Musik erinnert man sich eher weniger.

Wer sich auf die ziemlich sperrige Story einlässt, wird jedoch am Ende über alle Maßen belohnt. Das Ende ist eines der originellsten der letzten Jahre und schafft es in starken Bildern, diese schwierige Geschichte überraschend und bemerkenswert abzuschließen.

Fazit:
Lang, anstrengend, anspruchsvoll, tiefsinnig, amüsant, atmosphärisch, bombastisch, grausam, brutal, nihilistisch, umwerfend, markant, eiskalt, leblos aber unvergesslich. Watchmen ist etwas Besonderes und hat Unmengen zu bieten, wenn man denn die nötige Geduld aufbringen kann. Leider ist er aber nicht in allen Bereichen gleich stark, was ihn knapp straucheln lässt. Er fängt sich jedoch und gehört ohne Frage mit zu den besten Filmen des Jahres, und seines Genres.

Ein großer Smiley also, wenn auch auf einer Ecke etwas Blut klebt.

9 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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