Special:

Jahresrückblick 2014


von Christian Westhus

Gefasel zum Filmjahr:
2014 war ein Filmjahr, das doch recht stark im Schatten des Nachfolgejahres stand. Auch wenn die weltweiten Einspielzahlen vieler Spektakelfilme dennoch ganz ordentlich waren (regelmäßiger Dank gilt China und Russland), schienen Trailer für den neuen Star Wars Film, für „Avengers 2“, „Jurassic World“, irgendwie sogar „Mad Max: Fury Road“ und natürlich „50 Shades of Grey“ höhere Wellen zu schlagen als viele Comic- und Superheldenkonkurrenten, die 2014 vollständige Filme in den Kinos ablieferten. Nur ein sprechender Waschbär und ein lebendiger Baum brachten das Internet zum Kochen, ehe sich Nordkorea einmischte und über das Internet die westliche Filmwelt zum Kochen brachte. Von angeblich nordkoreanischen Hackern wurde kurz vor Jahresende zunächst Sony Pictures gehackt. Private E-Mails waren im Fall von Channing Tatum witzig, generell aber recht problematisch, ehe es ganz real problematisch wurde, als mit terroristischen Anschlägen gedroht wurde, da Nordkorea den neuen Seth Rogen Film nicht mochte.
Qualitativ hochwertiger Filmpreisüberhang aus den USA gab sich hierzulande als 2014er Film aus, darunter Best Picture Oscargewinner „12 Years a Slave“ und Martin Scorseses „The Wolf of Wall Street“, mit einem Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle, der ganz alleine – also ohne Oscar – das Internet zum Kochen bringt. Das Internet wird mehr und mehr Teil der Filmwelt. Nicht nur durch Piraterie und Online Streams, die weiter Einfluss nehmen, sondern auch als weiter ausgeweitete Vermarktungsplattform. Legale Online Streams und Video On Demand Portale sind auch in Deutschland langsam aber sicher von Belang, auch wenn die Premieren und Erstausstrahlungen im Netz noch überschaubar bleiben. Absehbar ist jedoch, dass kleinere Filme regelmäßiger das Kino auslassen und im Heimkino Premiere feiern. Dass ominöse US-Indies, die, für 3 Dollar 50 gedreht, in Sundance oder auf ähnlichen Festivals Premiere feiern, nicht bundesweit in die Kinos kommen ist nicht neu und irgendwo auch verständlich. Doch nicht mal Scarlett Johansson konnte einen Kinostart für „Under the Skin“ bewirken. Im Januar 2015 startet mit „The Immigrant“ ein Film mit Stars wie Joaquin Phoenix, Marion Cotillard und Jeremy „Hawkeye“ Renner direkt auf DVD/BD. Aber das macht den Film schneller für die Allgemeinheit erreichbar. Ein limitierter Kinostart in Berlin, Hamburg und München schließt viele Zuschauer aus und den Film für ein halbes Jahr ab, ehe er auf Scheibe erhältlich sein darf. Dieses Jahr, mehr als jemals zuvor, sah ich mich regelmäßig am kurzen Ende der Leine, wenn sehnlichst erwartete Filme nur in weiter räumlicher Ferne in den Kinos liefen.

Kurzum: 2014 war ein gutes Kinojahr, nicht zuletzt weil wir zur Abwechslung auch mal sozusagen davon profitiert haben, dass amerikanische Prestigetitel erst ein paar Wochen später zu uns kommen. Es gab so viel zu sehen, so viel Gutes zu sehen. Es gibt vier Titel, da bereue ich es ganz besonders, sie verpasst zu haben. Ich könnte heulen, dass mir Studio Ghiblis „Prinzessin Kaguya“, der schwedische „Force Majeure“ und beide Xavier Dolan Filme, „Sag nicht wer Du bist – Tom á la ferme“ und „Mommy“, im Kino entwischt sind bzw. gar nicht erst in meiner Reichweite anliefen. Nichts drückt den Wust der sehenswerten Filme so sehr aus, wie die Tatsache, dass ich trotz dieser (und einiger anderer) Versäumnisse so viel positiv Erwähnenswertes im Kinojahr 2014 fand, dass ich die Auswahl der Filme, die am Jahresende eine besondere Aufmerksamkeit erhalten, ordentlich aufstocken musste, um nichts auszulassen.

Case in point…


#35 granatenstarke Filme, die man 2014 hätte sehen können und sollen:

Am Sonntag bist du tot (Calvary)
- Faszinierende Ausarbeitung einer Schuld und Sühne Thematik, in Teilen schwarzhumorig, in größeren Teilen klug beobachtet und bitter. Brendan Gleeson in der Hauptrolle ist bemerkenswert gut.

Bad Neighbors (Neighbors)
- Komödie des Jahres (die ich gesehen habe), wenn man #8, #7 und #1 der Topliste als Nicht-Komödien zählt. Simples, aber wunderbar ausgearbeitetes Konzept mit toller Energie und glänzend aufgelegten Darstellern. Wer ist der MVP dieses Films? Rogen? Zac Efron? Oder doch eher die großartige Rose Byrne?

The Dallas Buyers Club
- Der überraschende Oscar Titel (Preise für McConaughey, Leto und Makeup/Hairstyling) lebt von seinen zentralen Darstellerleistungen. Nach einer einzigen bisherigen Sichtung wirkt der Film noch immer ein wenig schwammig in seinem Umgang mit Homosexualität und AIDS, insbesondere Verkörpert durch die Hauptfigur mit der bis zum Schluss uneindeutigen „Saulus zum Paulus“ Transformation. Aktuell lege ich das dem Film noch positiv aus, dass man es sich nicht zu einfach gemacht hat, die Hauptfigur nicht von allen Ecken und Kanten befreit hat.

Drachenzähmen leicht gemacht 2 (How to train your Dragon 2)
- Vielleicht fehlt der Zauber der Neuentdeckung, den der erste Teil noch hatte. Und vielleicht ist das turbulente Hin und Her im Finale, insbesondere mit dem Schurken und seinem Biest, thematisch und narrativ etwas überladen und dadurch schwammig. Aber welcher an Familien und Kinder gerichtete Animationsfilm traut sich schon dorthin zu gehen, wo es Hicks und Ohnezahn verschlägt? Zudem sensationell gestaltet und wunderschön anzusehen.

Enemy
- Sperriger, aber faszinierend ungemütlicher Psychothriller mit Jake Gyllenhaal plus Doppelgänger. Manchmal vielleicht etwas verloren in seiner selbstgewählten Ambivalenz, wo doch der Kern der Handlung doch recht leicht zu durchschauen ist, halten Gyllenhaals Spiel und die kränklich wuchernde Atmosphäre unsere Aufmerksamkeit.

Feuerwerk am helllichten Tag (Bai Ri Yan Huo)
- Auf der Berlinale ausgezeichneter Ausdruck des neuen und überraschend vielseitigen chinesischen Gegenwartskinos. Was wie ein Polizeithriller beginnt, entwickelt sich auf überraschende und moralische faszinierend unklare Bahnen zu einem Beziehungs- und Persönlichkeitsdrama.

Phoenix
- Christian Petzold ist und bleibt der effektivste unter den wenigen deutschen Filmemachern, die international von Belang sind. „Phoenix“ ist ein gewohnt bedächtig erzähltes, dabei ungemein faszinierendes Spiel mit Identität und Doppelung, Schuld und Vergebung, mit einigen deutlichen Verweisen auf Hitchcocks Meisterwerk „Vertigo“, hier nur vor der Kulisse des jungen Nachkriegsdeutschlands. Nina Hoss ist einmal mehr beeindruckend in einer Petzold Rolle.

Planet der Affen: Revolution (Dawn of the Planet of the Apes)
- Teil 1 überraschte – nicht zuletzt da jeder Schrott erwartete – mit einem erstaunlich emotionalen Blick auf die jungen Jahre von Affenrevolutionär Caesar. Teil 2 hat diesen Erwartungshaltungsvorteil nicht mehr. Matt Reeves Film macht es sich bei den Menschenfiguren etwas einfach, doch die Welt der Affen, der innere Konflikt dort und die drohende Konfrontation an zwei Fronten machen auch diesen Affenfilm allemal sehenswert.

The Return of the First Avenger (Captain America: The Winter Soldier)
- Man kann Marvel Studios allemal vorwerfen, die Geschichten ihrer regelmäßig sehr erfolgreichen Filme – auf den „Wer macht was“ Grundplot heruntergebrochen – seien häufig austauschbar und identisch. Doch gerade angesichts der absurd überladenen Plots diverser Katastrophenblockbuster (z.B. die „Transformers“ Reihe“) nimmt man die „Held rettet den Tag“ Nummer gerne an. Caps neues Abenteuer ist einfach, aber auch einfach unterhaltsam und dabei mit ein paar politischen Fetzen behangen, die man nicht zu ignorieren braucht.

Stories We Tell
- Sarah Polleys Familiendoku überrascht und berührt mit direkten Einblicken und mit dem selbst gesetzten Ziel des Films. Einen Film über subjektive Wahrheiten der Vergangenheit wollte Polley machen, indem sie nach ihrem eigenen biologischen Vater suchte. „Stories We Tell“ ist genau das und doch auch das Porträt von Polleys Mutter und den Menschen, denen sie begegnet ist.

Upstream Color
- Regisseur Shane Carruths Film ist nur als Import erhältlich und da ich zurzeit nicht daran glaube, den 2015 in den DVD/BD Regalen zu entdecken, habe ich bei den britischen Freunden zugeschlagen. Wie schon beim ultrakargen, verschachtelten und schwer fassbaren Zeitreisefilm „Primer“ nimmt Carruth (Regie, Drehbuch, Hauptrolle, Produzent, Schnitt, Musik) keine Rücksicht auf sein Publikum. „Upstream Color“, um zwei Opfer eines Überfalls mit psychoaktiven Substanzen (oder so), ist abstrakt, gekünstelt, verschachtelt und weigert sich, Dinge zu erklären. Herausgekommen ist ein Film, der aufgeschlossene Zuschauer faszinieren wird, aber wohl mehrfache Sichtungen braucht, um sich gänzlich zu entfalten.

Die Wolken von Sils Maria (The Clouds of Sils Maria)
- Kristen Stewart und Chloe Grace Moretz an der Seite von Juliette Binoche in einem Film von „Carlos“ Regisseur Olivier Assayas klingt nach Stunt Casting. Doch die jungen US-Darstellerinnen überzeugen. Insbesondere Stewart begeistert in der zweiten Hauptrolle des Films, wenn sie als Assistentin an der Seite einer Schauspielerin (Binoche) mit dieser den Text eines Theaterstücks präpariert, der bald deutliche Parallelen zur Realität – und umgekehrt – liefert.

Die zwei Gesichter des Januars (The Two Faces of January)
- Wunderbar altmodischer Krimi mit Stil vor exotischer Kulisse. Nach Romanvorlage von Patricia Highsmith besticht das Regiedebüt von „Drive“ Autor Hossein Amini durch eine grundsolide Inszenierung, tolle Schauplätze und gut aufgelegte Stars wie Viggo Mortensen, Oscar Isaac und Kirsten Dunst. Spannend und thematisch reizvoll, ohne sich dabei zu sehr zu strecken.

Zwei Tage, Eine Nacht (Deux Jours, Une Nuit)
- Die belgischen Dardenne Brüder sind mittlerweile Institutionen des europäischen Kinos. Im Schaffen der Brüder ist dieser Film kein herausragend einzigartiges Meisterwerk und dennoch einer der besten Filme des Jahres. Wie gewohnt befreit von zu offensichtlicher Inszenierung, entwickeln die Dardennes ein realistisches Sozial- und Moralstück, wenn eine junge Mutter und Arbeiterin um ihren Job kämpft, indem sie Kollegen davon überzeugen muss, auf den Lohnbonus zu verzichten.

#21 ausgewählte Favoriten in Rangfolge:
Warum 21? Weil ich diese 21 Filme besonders gut und besprechenswert fand, und da dies meine Liste ist, kann ich hier machen was ich will. Booya! (Noch mehr Egotripping: In Deutschland 2014 direkt auf DVD/BD erschienene Filme haben jedes Recht, hier als Filme des Jahres aufzutauchen.)

#21: Edge of Tomorrow (R: Doug Liman)


Kann man es mir verübeln, dass ich wenige bis gar keine Erwartungen an diese amerikanische Sci-Fi-Action Adaption eines mir unbekannten Mangas hatte? Noch dazu inszeniert von Doug Liman, zu dessen Werk ich keine besondere Meinung habe, nicht mal, dass sie besonders schlecht ist. Die Trailer ließen x-mal durchgekautes Sci-Fi Actiongekröse erwarten, doch plötzlich trudelten erste Reaktionen, die überraschend positiv klangen. Das größte Versäumnis der Trailer ist der Humor. Hätte man das schwarzhumorige und in Form von Tom Cruise häufig selbstironische Humorpotential dieses „Und täglich grüßt das Murmeltier“ Szenarios stärker vorgestellt, der Film wäre sicherlich nicht so sehr an den Kinokassen untergegangen, wie er es nun leider ist. Fast wie in „Krieg der Welten“ unterspielt Cruise sein Image als Action Star. Ein neuer Action Star könnte Emily Blunt sein, die lange Zeit das Sagen hat im Zeitreise-Videospiel-Kampf gegen eigenartige Aliens. Das ist gewitzt, clever und sehr unterhaltsam, sogar die emotionalen Details funktionieren und mittlerweile kann ich mich sogar etwas mehr mit dem Ende anfreunden. Auf DVD/BD heißt der Film inzwischen „Live. Die. Repeat.“ Und sollte definitiv geschaut werden.

#20: Interstellar (R: Christopher Nolan)


Bei „Interstellar“ wiegen die positiven Aspekte die negativen auf. Es ist ein Film mit Mängeln, aber auch ein Film, der Momente und Ideen aufweist, die zu den besten und faszinierendsten des Kinojahres zählen. Irgendwie ist es typisch Christopher Nolan. Niemand träumt so klein und lässt es so groß aussehen. Und kein Regisseur mit einer unbestreitbaren Inszenierungsklasse hat eine derartige Neigung seine Ideen zu erklären. Oder zumindest die Metaphern, von denen es im späteren Verlauf einige gibt. Entsprechend plump wirkt mancher Dialog, manch stilistischer Einwurf, wie das mehrfach verwendete Dylan Thomas Gedicht. Der Geist von Steven Spielberg, der diese Geschichte zunächst verfilmen wollte, liegt für mich noch etwas bleiern über manche Szenen, insbesondere auf der Erde. Doch bei all der Erklärungswut muss man Nolan einmal mehr Lob aussprechen, dass es in seinen Blockbustern und Effektspektakeln überhaupt etwas zu erklären und zu verstehen gibt, dass seine Filme Körper und Geist beschäftigen. Hans Zimmers gigantische, von Nolan bewusst dominant eingesetzte Musik unterstützt Momente wie die jetzt schon legendäre Andocksequenz, die es auch mit „Gravity“ aufnehmen kann.

#19: Snowpiercer (R: Bong Joon-ho)


Wie vielleicht kein anderer Film dieser Liste besitzt „Snowpiercer“ das Potential, noch weit in meiner Gunst zu steigen. Bong Joon-hos konsequent geradlinige und doch abwechslungsreiche und überraschende Dystopie auf Schienen verbindet Unterhaltung mit schockierenden und anspruchsvollen Ideen, wie es das südkoreanische Kino der letzten Jahre quasi perfektioniert hat. Ein faszinierendes Konzept, basierend auf einem französischen Comic, das mit einer großartigen Besetzung und effektiven Ausstattung punktet. Bongs visuelle Energie ist unbestreitbar, aber es ist der eigen- und einzigartige Plot, der in Erinnerung bleibt.

#18: Mr. Turner (R: Mike Leigh)


Biopics sind für gewöhnlich für’n Eimer. Zumindest häufig dann, wenn sie eine komplette Lebensgeschichte anhand einiger Kernmomente erzählen wollen. Mike Leighs seit Jahren geplantes und erhofftes Porträt der englischen Malereiikone JMW Turner überbrückt auch gut 20 bis 25 Jahre im Leben des knorrigen Künstlers. Doch Leigh und Hauptdarsteller Timothy Spall kreieren einen ganz eigenen, ganz neuen Turner. Das vermeintlich „Wichtigste“, Turners Weg zum Ruhm, ist bereits Geschichte, als wir einsteigen. Leighs betörend schön eingefangener Film ist Psychogramm und Charakterstudie, keine Biographie. Und dieser Turner, von Spall unnachahmlich verkörpert, ist eine endlos faszinierende Figur.

#17: Godzilla (R: Gareth Edwards)


Godzilla ist der Avatar, er bringt Gleichgewicht in die Welt. Ich kann jeden verstehen, der gerne mehr vom Großen gesehen hätte, den das behäbige erste Drittel langweilt. Und ja, auch wenn die Menschen hier ganz explizit die zweite Geige im Ausgang des zerstörerischen Monsterkampfes spielen, hätte es nicht geschadet, hier und da ein wenig cleverer und effektiver zu schreiben. Oder – pardon – einen Darsteller zu finden, der nicht ganz so lethargisch wirkt wie Aaron Taylor-Johnson. Abgesehen davon ist „Godzilla“ ein Knüller. Menschliche Hilf- und Bedeutungslosigkeit im Angesicht eines überdimensionierten Akts einer sich neu regulierenden höheren Natur. „Humans for scale“, wenn man so will. Denn Godzilla ist wirklich der Avatar, ein Naturgott, der die Natur wieder ins Gleichgewicht rückt, da ungeplant die MUTOs über die Welt hereinbrechen. Und diese sind eben nicht plump zerstörende Filmmonster, sondern aus menschlicher Sicht gewaltig überdimensionierte Tiere, die ihren Instinkten nachgehen. Wenn der dicke Große dann am Ende kommt und aufräumt, ist es gewaltig und mitreißend. Und Alexandre Desplats ähnlicher und doch neuer musikalischer Fußabdruck im Godzilla Kosmos kann sich mehr als hören lassen.

#16: Guardians of the Galaxy (R: James Gunn)


Ja, auch der zweite Marvel Studios Film des Jahres taucht hier auf. Und ja, eigentlich hat der kein Recht hier zu stehen. Die Verrücktheit des Guardians Universums trägt der Film wie eine Maske. Darunter liegt ein behelfsmäßiger und vorhersehbarer Plot, den man schon diverse Male in ähnlicher Form gesehen hat. Der Schurke ist ein Witz, das „World Building“ mit Thanos, Infinity Gems und den Verbindungen zu den Avengers steht vielem im Weg. Aber bei Ronans Kajal, wenn dies nicht – neben #12 – der spaßigste Kinoausflug des Jahres war, weiß ich auch nicht.

#15: Nightcrawler (R: Dan Gilroy)


Alles redet – sicher nicht ohne Grund – über die Wiederauferstehung bzw. Kurskorrektur, die Matthew McConaughey in den letzten Jahren vollzogen hat. Doch was Jake Gyllenhaal zuletzt bot, ist nicht weniger beeindruckend. Nach dem Scheitern von „Prince of Persia“ erfand der „Donnie Darko“ Star sich praktisch neu. Rollen in „End of Watch“, „Prisoners“ und „Enemy“ folgten. „Nightcrawler“ ist das vorläufige Highlight, denn die Rolle als soziopathischer Nachrichtenfilmer, spezialisiert auf Unfälle, Leid, Mord und Totschlag, ist der zentrale Grund, warum dieser Film so sehr fasziniert. Die Vergleiche mit „Taxi Driver“ sind sicherlich zu hoch gegriffen, doch darunter ist noch viel Platz. „Nightcrawler“ ist nicht nur das Psychogramm eines suchenden Halbirren, sondern auch eine Mediensatire. Wobei Satire nur halb zutreffend ist. Vielmehr suhlt sich der teils böse komische Film in einer nur marginal verzerrten Idee der Medienwelt, die Wahnsinnige wie Gyllenhaals Louis Bloom anlockt.

#14: The Lego Movie (R: Phil Lord, Chris Miller)


Man sollte meinen, die ungeheure Qualität von „The Social Network“ wäre eine Lehre gewesen. Scheinbar nicht, denn ein Lego Film klang wie der absurde Höhepunkt Hollywood’scher Einfallslosigkeit und Kommerzhaftigkeit. Weit gefehlt, denn nicht nur ist „The Lego Movie“ ein Bauchweh verursachender, teils wunder überdrehter und endlos kreativer Spaß, die Message des Films ist auch explizit antikapitalistisch. Klar, nur zu leicht lässt sich das Ende in „Kauft mehr Lego“ erweitern und das wird den Machern bzw. Geldgebern wohl auch bewusst gewesen sein, doch das ändert nichts an der hier erzählten Geschichte und dem Kampf eines halbdebilen Auserwählten gegen ein rigides Konzern-System, das Konformität und Regeln über freie Kreativität und Spaß stellt. Und hey, einer der besten Gags ist durch die deutsche Synchro ein Unikat: Zimmerpflanze Pflanziska.

#13: Gone Girl (R: David Fincher)


Was immer David Fincher aktuell anfasst ist mindestens einen Blick wert. Gillian Flynns Weltbestseller, ein herrlich bissiger, trashig-polemischer Ehe-Thriller, wird durch ihre eigene Drehbuchadaption zu einem spitzzüngigen Diskussionsstarter. Der ultimative Date Film, wenn ein Ehemann entdeckt, dass seine Frau entführt wurde und er als Hauptverdächtiger in eine wendungsreiche Schnitzeljagd verstrickt wird. Jedes Wort über den grotesk überspitzten und doch eiskalt zutreffenden Plot wäre zu viel. Finchers kopflastig unterkühlte Inszenierung bildet den idealen Rahmen für die sich überschlagenden Storymechanismen. Rosamund Pike und Ben Affleck sind fantastisch in den Hauptrollen, doch auch das Nebenpersonal mit Kim Dickens, Carrie Coon, Neil Patrick Harris und Tyler Perry überzeugt. Fincher weiß genau, wie er seine Filme castet, wie er nicht nur Schauspieler auswählt, sondern auch Personen des öffentlichen Lebens mit einem gewissen Image. War Affleck als Darsteller jemals besser? Wahrscheinlich nicht.

#12: 12 Years a Slave (R: Steve McQueen)


Seit dem Kinobesuch im Januar haben mich einige Szenen aus Steve McQueens Film nicht mehr losgelassen. Die Fokussierung auf die wahre Geschichte des freien Schwarzen Solomon Northup, der in die Sklaverei verkauft wird, war lange Zeit eine große Stärke des Films, wird so die Beispielhaftigkeit und Absurdität der Geschichte doch deutlich, ebenso wie es den Zuschauer stärker involviert. Doch am Ende, fand ich, wurde diese Fokussierung dem Film ein wenig zum Verhängnis, wird aus einer symbolischen Beispielfigur eines viel größeren Zusammenhangs doch plötzlich wirklich „nur“ ein Individuum. Wie sehr dies auf Dauer stört, werden zukünftige Sichtungen dieses lange Zeit wenig Hollywood-artigen Films zeigen. Bilder und Momente, wie die Begegnung der Sklaven mit einer Gruppen amerikanischer Ureinwohner, oder wie Solomon zufällig eine Hängung zweier Sklaven beobachtet, sind auch ohne Auffrischung in mein visuelles Gedächtnis eingebrannt.

#11: Ida (R: Pawel Pawlikowski)


Im schönsten Schwarzweiß seit Ewigkeit erzählt Pawel Pawlikowskis Film die Geschichte einer jungen Kloster Novizin, die, kurz bevor sie endgültig als Ordensschwester eintritt, dass sie keine Christin sondern eine Jüdin ist. Ihre Tante Wanda klärt die junge Frau auf, dass ihre Eltern zur Zeit des 2. Weltkriegs von den Nazis getötet wurden. Gemeinsam unternehmen diese beiden so unterschiedlichen Frauen eine Reise auf der Suche nach der Vergangenheit. Es ist erstaunlich, was für einen Sog dieser kleine, keine 90 Minuten dauernde Film entwickelt, wie diese beiden Frauenfiguren einander beeinflussen und doch aneinander abprallen. Ein hochemotionaler, glänzend gespielt und großartig inszenierter Blick auf angewandte Religion, auf die Bewusstwerdung von Glauben und auf die individuelle Identität im Religionsdienst. Man braucht mit der Kirche nichts am Hut haben und ist doch überwältigt von diesem Werk. Kann ich bestätigen.

#10: Wie der Wind sich hebt - Kaze tachinu (R: Hayao Miyazaki)


Das angekündigte „Farewell“ von Animationslegende Hayao Miyazaki war ein lange gehegtes Traumprojekt des Künstlers. Und es wirkt wie das ganz gezielt für den großen Abschluss aufgesparte Werk, welches es nun ist. Ein Film, der in seiner quasi-biographischen und bis auf wenige Traumsequenzen gänzlich realistischen Art vollkommen anders wirkt, als so ziemlich alle übrigen Werke Miyazakis. „Wie der Wind sich hebt“ ist ein Film über künstlerisches Schaffen, über Verantwortung und Kompromisse im Kunstschaffen. In der gewohnt formvollendeten, farbsatten und ausgeklügelten Animation der letzten Ghibli/Miyazaki Filme, zielt alles – die Geschichte der Flugzeugdesigns, der Hintergrund des 2. Weltkriegs und die Liebesgeschichte von Flugzeugdesigner Jiro Horikoshi – auf den finalen Momente hin, wenn Horikoshi die Reste seines künstlerischen Lebensinhalts überblickt. Besser, emotionaler, wehmütiger und kreativer kann man seine eigene Karriere kaum abschließen, wie Miyazaki es hier getan hat.

#09: Like Father, Like Son - Soshite chichi ni naru (R: Hirokazu Kore-eda)


Kurz bevor ihre Söhne eingeschult werden erfahren zwei Elternpaare, dass diese Söhne bei der Geburt vertauscht wurden und eigentlich zur jeweils anderen Familie gehören. Diese Grundidee könnte auch problemlos für Soaps oder TV-Melodramen herhalten, doch Hirokazu Kore-eda, Japans häufig mit Steven Spielberg verglichener Vorzeigehumanist und Meister der leise menschelnden Filme, macht daraus ein faszinierend vielschichtiges und umwerfend emotionales Werk. Ganz zentral geht es um die Auswirkungen dieses Dilemmas. Was zählt mehr; das Blut oder die ersten gemeinsam verbrachten sechs Jahre im Leben des Kindes? In den Eltern und insbesondere in den Väter prallen grundverschiedene Lebensvorstellung aufeinander, doch der Film kümmert sich ebenso um die Mütter, die Kinder selbst und wirft in subtil eingestreuten Momenten einen Blick auf die Eltern der Eltern. Und wie Kore-eda im letzten Akt mit Erwartungen spielt und das Element der Zeit, über die Grenzen des Filmendes hinaus, einbringt, ist bemerkenswert.

#08: Nymphomaniac Vol. I + II (R: Lars von Trier)


Lars von Trier ist ein psychisch labiles, hyperkreatives Genie mit dem Humor eines frisch pubertierenden Zwölfjährigen. „Nymphomaniac“ ist nicht der einzige Film dieser Liste, der eine ganz besondere Beziehung zum Gesamtschaffen des Regisseurs hat. „Nymphomaniac“ ist Lars von Trier in Reinkultur und dabei ein Film explizit über Lars von Trier. Nicht die im Director’s Cut stattliche Laufzeit von fünfeinhalb Stunden macht dieses monströse Werk gänzlich ungeeignet für Neulinge im Lars von Trier Kosmos. Von Trier verweist auf sich selbst, auf seine Filme, auf seine Interessen, holt häufig behandelte Themen wieder hervor und kommentiert auch das öffentliche Bild, das er selbst regelmäßig aktiv beeinflusst. Was Stellan Skarsgaard und Charlotte Gainsbourg in der Rahmenhandlung abliefern, ist ein ganz bewusster Kniff über die Grenzen der Leinwand hinaus. Hier sprechen Engelchen und Teufelchen (in ständig wechselnder Besetzung) über das Werk, diskutieren provokant, witzelnd oder polemisch über Gott und die Welt, über Orgelmusik, Fliegenfischen, Numerologie, aber auch das Recht auf Abtreibung oder die moralische Einordnung der Pädophilie. Gleichzeitig spricht von Trier über Skarsgaard und Gainsbourg mit uns und mit seinen Kritikern. Wer wann welche Rolle einnimmt, ist selten wirklich klar und genau da liegt der Reiz. In Teilen explizit pornographisch und dabei fast nie lüsterne Fleischbeschau, doch auf fünfeinhalb Stunden Laufzeit ist „Nymphomaniac“ bei weitem nicht so sehr Porno, wie das im Marketing und in der Presse häufig behauptet oder erwartet wurde. Der Director’s Cut bietet mehr Ideen, aber auch ein paar Längen und mutet uns eine furchtbar unangenehme Szene zum Thema Abtreibung zu. Dennoch: Lars von Trier ist ein Unikat, einer der kreativsten Filmkünstler unserer Zeit, und „Nymphomaniac“ ist der ultimative Lars von Trier Film.

#07: The Wolf of Wall Street (R: Martin Scorsese)


Der Film ist, in seiner episodenhaft Plot-losen, stilistisch wilden Natur ein heilloses Chaos, wie wir es von Scorsese kaum gewohnt sind. Doch „The Wolf of Wall Street“ kommt mit einer Energie daher, nicht zuletzt dank eines Berserker Leonardo DiCaprios, die technische Unzulänglichkeiten vergessen macht. Scorsese knüppelt TWOWS als kaum zur Ruhe kommenden Dreistünder durch, als wäre er ein junger Filmemacher mit Energie für vier Filme. So wie Jordan Belfort mit Drogen, Aufputschmitteln und Sex niemals zur Ruhe kommt, schickt uns Scorsese durch eine Welt des grotesken Exzesses und serviert uns ein Ende, das zeigt, warum Martin Scorsese zu den besten Filmemachern aller Zeiten gehört. Es gibt Leute, die unterstellen dem Film, er würde die Figur Jordan Belfort zu positiv darstellen, ihn sogar glorifizieren. Dieser Ansatz ist fast so absurd wie das, was Belfort und seine Kollegen weit über die Grenzen der Legalität veranstalten.

#06: Boyhood (R: Richard Linklater)


Einen Film, der die Entwicklung eines Jungen und seiner Familie beschreibt, über mehrere (hier 12) Jahre zu drehen, um authentisch und echt alternde Gesichter zu haben, die Handlung der realen Entwicklung der Welt anzupassen, wirkt wie ein naheliegendes Gimmick. Erstaunlich aber, dass im Prinzip noch niemand vor Richard Linklater, der ohnehin besessen vom Element der Zeit in seinen Filmen scheint, dieses Gimmick so gezielt eingesetzt hat. Diese Art der Inszenierung überschattet aber auch ein wenig den eigentlichen Film, den häufig wird nur über das Wie der Inszenierung gesprochen, seltener über das Was der Handlung. Linklaters Geschichte über Kindheit, Jugend und Familie scheint simpel, doch wie in seiner „Before“ Trilogie kann gerade das Simple und Alltägliche enorm faszinierend sein. Auffällig ist, wie Linklater die erwarteten Stationen der Lebensgeschichte auslässt, seine Geschichte im Dazwischen sucht. Auch wenn nicht alles gleichermaßen funktioniert, wie z.B. Episoden mit einem neuen Partner an der Seite von Mutter Patricia Arquette, ist „Boyhood“ weitaus mehr als nur eine revolutionäre Inszenierungsart. Und das Ende… Wow.

#05: Short Term 12 (R: Destin Daniel Cretton)


Direkt auf DVD/BD erschienener Independent Film, der das Leben von Pflegern und Jugendlichen in einem Fürsorgeheim beschreibt. Eine Wucht. Der unmittelbare, direkte Stil des Independent Kinos, vermeintlich frei und realistisch, mit der emotional austaxierten Emotionalität eines perfekt entwickelten Drehbuchs. Der Glücksfall eines Films, der nicht nur einen faszinierenden Einblick in selten beleuchtete Bereiche des Lebens bietet, sondern auch mit Figuren und inszeniertem Drama fesselt, bewegt und mit Tausenden Gedanken zurücklässt. Die Geschichte vom Tintenfisch und dem Hai alleine ist die Sichtung des Films wert.

#04: Only Lovers Left Alive (R: Jim Jarmush)


Das ist zugegebenermaßen ein kleinwenig geschummelt, da der Film bereits Ende Dezember 2013 (!) in die deutschen Kinos kam. Doch als ich ihn sah, unmittelbar vor Jahresende, war meine Topliste 2013 bereitsfertig.de und der Film ist zu gut, um als Kollateralschaden zwischen zwei Jahreslisten vergessen zu werden. Jim Jarmushs Kino ist sehr eigen und als Fan, würde ich mich nicht bezeichnen, obwohl ich manches mag. Doch bis auf „Dead Man“, den kryptischen Antiwestern mit Johnny Depp, hat kein Jarmush Film so sehr auf mich gewirkt wie dieser, der vielleicht finale Vampirfilm, den diese aktuelle Blutsaugerhochphase nötig hatte. Die ewig coole Tilda Swinton und „Loki“ Tom Hiddleston als Liebende der Jahrhunderte sind Vampire, wie sie das Kino noch nicht gesehen hat, obwohl es sie dringend nötig hatte. „Only Lovers Left Alive“ hat nur einen vage zu erkennenden Plot, angetrieben durch Hiddlestons Todeswunsch uns insbesondere durch das Auftreten von Mia Wasikowska als schrille Vampirschwester zu Swinton. Doch es sind die Beobachtungen, die Zitate, dieser Blick auf das Leben und die Menschen durch die Vampire, die den Film so besonders machen. Regelmäßig unglaublich witzig, musikalisch augenöffnend und visuell so herausragend, wie Jarmush seit – richtig – „Dead Man“ nicht mehr war.

#03: Her (R: Spike Jonze)


Vier Filme, vier Wunderwerke kurz vor Meisterwerk Status. Spike Jonze ist trotz überschaubarer Filmographie einer der spannendsten US-Filmemacher dieses Jahrtausends und liefert mit „Her“ die Art von bedeutsamer und glaubwürdiger Nahzukunftsvision ab, die so viele andere Filme auch versuchen zu erreichen. Joaquin Phoenix ist ein unfassbares Chamäleon, vergleicht man seine Rolle hier mit einem Film wie „The Master“. Viele runzelten die Stirn angesichts des Plots, wo ein einsamer Junggeselle eine Beziehung mit seinem intelligenten Computerbetriebssystem anfängt. Und beinahe noch mehr Leute konnten sich nicht damit anfreunden zu sehen bzw. vielmehr zu hören, wie besagtes Betriebssystem und der Mann so etwas wie „Sex“ haben. In der Entkörperlichung der Liebe ist entkörperlichter Sex nur eine logische Konsequenz und zudem etwas, was schon Teil unserer Welt war, seit es Telefone gibt. Jonze erkennt dies und behandelt sein Thema mit der nötigen Konsequenz.

#02: Under the Skin (R: Jonathan Glazer)


In „Her“ ist Scarlett Johansson die Stimme des Betriebssystems, doch in Jonathan Glazers „Under the Skin“ spricht sie kaum zwanzig Sätze. Glazer, wie Spike Jonze aus der Videoclip- und mehr noch aus der Werbeclipbranche, präsentiert seinen dritten Spielfilm als abstraktes Kunstwerk, so fremdartig wie das namenlosen Wesen, das in Gestalt von Johansson durch das nasskalte Schottland irrt um Männer an und in eine Falle zu locken. „Under the Skin“ ist kein Thriller, vielmehr ein finster brodelnder Blick auf ein fremdartiges Wesen, das seine Menschlichkeit entdeckt. Ein Film über Einsamkeit, über menschliche Nähe und die Entdeckung des Individuums. In einzigartigen, sogartigen, häufig nur schwer entzerrbaren Bildern entwickelt sich Glazers Film, getragen vom einfallsreichen Klangkosmos-Score von Mica Levi. Die ersten Minuten machen schon keine Gefangenen, wenn Glazer auf hochkreative und fantastische Art und Weise mit dem visuellen Eindruck des Weltalls lockt, obwohl hier eigentlich ein menschliches Wesen entsteht. Danach wird der Film noch sehr viel besser.

#01: The Grand Budapest Hotel (R: Wes Anderson)


Ganz ehrlich, ich bin selbst äußerst überrascht, dass es nun dazu gekommen ist. Vor ein paar Jahren war ich noch ein Wes Anderson Zweifler, der zwar einige Filme mochte oder sogar sehr mochte („Rushmore“), der nach „Die Tiefseetaucher“ und „Darjeeling Limited“ aber auch erstmal genug von Andersons Spielereien hatte, auch weil „Fantastic Mr. Fox“ als (toller) Animationsfilm nicht genügend Ausdruck gab, dass sich das in Realfilmen bessern würde. Und nun, nach „Moonrise Kingdom“ vor zwei Jahren, steht zum erneut ein Wes Anderson Film an der Spitze meiner Jahrestopliste. Mir ist noch nicht ganz klar, ob ich mich verändert habe, oder ob Anderson einfach deutlich bessere Filme gemacht hat. Ob ich Anderson nun endlich verstanden habe, oder ob Anderson aus den Versäumnissen aus „Tiefseetaucher“ und „Darjeeling“ gelernt hat. Heute hätte ich am liebsten gleich morgen einen neuen Film von ihm. „The Grand Budapest Hotel“ wirkt wie Wes Anderson’sche Quintessenz, wie ein selbstbewusster Ausdruck der Absicht, sich für niemanden zu verstellen. Es ist ein Film vollgestopft mit visueller Energie, mit Design Ideen und kreativer Ausdrucksfreude. Ein Film, an dem man sich nicht sattsehen kann, dessen Handlung aber mindestens genauso gefangen nimmt. Ralph Fiennes ist schlicht und ergreifend großartig in der Comedy Rolle des Jahres, die ihm gleichzeitig genügend Dramatisches abverlangt. Die kunterbunt-turbulente Hatz um Familienerbstücke und Familienehre in einem fiktiven Europa zwischen den Kriegen ist für sich genommen schon mehr als unterhaltsam, doch die Parallelen zwischen dem Hotel, seinem Leiter und der Welt von Wes Anderson und seinem Kino faszinierend bis weit über das Filmende hinaus.



#Positive Überraschungen:
Lucy: Total behämmert und daher total unterhaltsam. Ich bin mir nicht sicher, ob Luc Besson das genau so vorhatte, oder ob seine aufdringlichen „2001 – Odyssee im Weltraum“ Verweise ernst gemeint waren. Mir ist es aktuell egal, denn „Lucy“ hat Spaß gemacht. Für mich ist der Schlussmoment, die finale Transformation von Lucy, der entscheidende Punkt, der über Gelingen und Scheitern des Films entscheidet. Ich verstehe jeden, der sich aus dem Kinosaal/vom Sofa bis nach Timbuktu facepalmt, aber für mich war es ein Humormoment, den ich so schnell nicht vergessen werde.
Edge of Tomorrow: s.o.
The Lego Movie: s.o.
Hercules: Die letzten 40 oder so Minuten von Brett Ratners „Hercules“ sind belangloser 0815 Mythenactionradau und lassen den Verdacht aufkommen, alles Vorherige wäre nur Zufall gewesen. Doch was in der ersten Hälfte mit der Figur Hercules, den Sagen und der generellen Handhaben von Mythen gemacht wird, geht doch ein gutes Stück über das hinaus, was ich von einem Big Budget Brett Ratner „Hercules“ erwartet hätte. Auf diesem simplen, aber eben doch recht reizvollen Niveau könnten sich die meisten Superheldenfilme ein wenig was abgucken.

#Heimkino Tipps:
In a World: Das Regiedebüt von Schauspielerin Lake Bell ist ein unterhaltsamer und solide inszenierter Film, der insbesondere durch sein gewähltes Thema interessiert. Bell wirft einen Blick auf den Geschlechterkampf zwischen konkurrierenden Voice Actors, die den Trailer einer großen Young Adult Verfilmung einsprechen wollen.
Rigor Mortis - Leichenstarre: Vollkommen verrückte und irgendwie auch sinnlose Geisterbahnfahrt durch Fernostmystizismus und Geisterschabernack, die dennoch enorm unterhält. Vielleicht nicht so witzig wie „A Chinese Ghost Story“ und nicht so avantgardistisch wie „Boxer’s Omen“, die beide ähnlich sind, aber trotz CGI Übermaß äußerst kreativ und frisch.

#Enttäuschungen:
Transcendence: Wie konnte das passieren? Ein guter Kameramann (zumeist für Christopher Nolan) zu sein, macht aus Wally Pfister noch nicht automatisch einen guten Regisseur, aber dass sein ohnehin reichlich vermurkster Film auch noch so öde aussieht, ist unerklärlich. Mit der reizvollen Grundidee des digitalisierten Bewusstseins eines sterbenden Wissenschaftlers, das sich per Internet weiter entwickelt, wird rein gar nichts gemacht. Ohne wirklich kreative oder tiefer gehende Ideen, behäbig erzählt und mit einem emotionalen Kern, der nicht im Ansatz funktioniert. Die völlig unterforderte Rebecca Hall soll ihren Mann Johnny Depp (selten teilnahmsloser, was zurzeit viel heißt) so sehr lieben, dass sie wider jeglicher Vernunft an seiner digitalen Daseinsform festhält. Doch diese Liebe wird rein verbal am Leben gehalten. Wir spüren nichts davon. Hall und Paul Bettany in der Rolle als Freund und Kollege haben innerhalb weniger Minuten mehr Zuneigung als Hall und Depp.
Die Bücherdiebin: Vielleicht gibt man dem sehr, sehr lesenswerten Roman in ein paar Jahren nochmal die Chance. Dann gerne direkt auf Deutsch. Kritik.

#Weniger wäre mehr gewesen:
Labor Day: Unentschlossener Melo-Hausfrauenkitsch, der einerseits unfreiwillig komisch bis zur Lächerlichkeit ist, der andererseits aber nicht wagt, wirklich 100% echter Melo-Kitsch zu sein. So ist es ein kaum zu genießender Film, den niemand braucht, da er nichts richtig ist. Wenn schon Kitsch, dann auch richtig. So ist es nur eine technisch hochqualitative Soap-Doppelfolge mit Hollywoodstars.
The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro Man merkte dem ersten Reboot-Teil enorm an, wie sehr dort von oben herab durch irgendwelche Sony Executives sabotierend Einfluss genommen wurde. Und siehe da? Sony hat nichts daraus gelernt. Dieses Übermaß an Handlungssträngen, an Schurken, an aufgeblasenen „Alles ist Vorherbestimmt“ Subplots und Hintergründen lässt Sam Raimis dritten Teil wie ein kleines Meisterwerk aussehen. Wie kann man es für eine gute Idee halten, Harry Osborn im Film erst nach einer guten Stunde einzuführen und ihn innerhalb von wenigen Minuten zum Goblin und damit zu Spideys Widersacher zu machen? Das funktioniert einfach nicht. An sich wäre Jamie Foxx ein ordentlicher Electro gewesen, aber seine Anti-Spider-Man Motivation steht auf furchtbar wackligen Beinen. Das ist alles so schade, nicht zuletzt weil Andrew Garfield und Emma Stone den Umständen entsprechend gut sind und Spidey ein klareres Musikthema hat, als die meisten anderen Marvel Kinohelden derzeit. Und in all dem Chaos versteckt sich die beste Spider-Man Einzelszene seit dem S-Bahn Kampf mit Doc Ock in Ramis Teil 2, nämlich der Kampf gegen Electro am Times Square.
Das erstaunliche Leben des Walter Mitty: Ich will niemandem das positive Gefühl absprechen, der nach „Walter Mitty“ mit neuer Energie und Entschlossenheit durchs Leben geht. Schöne Sache. Aber diese fürchterlich naive und simplifizierte Film sollte dafür eigentlich nicht die Lorbeeren ernten. Nach einer guten Stunde ist der Film eigentlich um. Mit Walter Mitty passiert nichts mehr. Aber der Schinken geht nochmal etwa genauso lang. Ben Stiller protzt mit unnötig verspielten Effektszenen, hat keinen Plan, wie er Mittys Tagträume mit echten Erlebnissen kombinieren soll, und reiht einfach Musikvideos aneinander.




#Bester Hauptdarsteller:
1. Ralph Fiennes, The Grand Budapest Hotel
- Leonardo DiCaprio, The Wolf of Wall Street
- Chiwetel Ejiofor, 12 Years a Slave
- Jake Gyllenhaal, Nightcrawler
- Timothy Spall, Mr. Turner

#Beste Hauptdarstellerin
1. Rosamund Pike, Gone Girl
- Jessica Chastain, The Disappearance of Eleanor Rigby
- Scarlett Johansson, Under the Skin
- Agata Trzebuchowska, Ida
- Marion Cotillard, Zwei Tage Eine Nacht

#Beste Nebendarstellerin
1. Patricia Arquette, Boyhood
1. Lupita Nyong'o, 12 Years a Slave
- Agata Kulesza, Ida
- Kristen Stewart, Die Wolken von Sils Maria
- Julia Roberts, Im August in Osage County

#Bester Nebendarsteller:
1. Jonah Hill, The Wolf of Wall Street
- Tony Revolori, The Grand Budapest Hotel
- Ronald Zehrfeld, Phoenix
- Ethan Hawke, Boyhood
- Jared Leto, Dallas Buyers Club

#Bester Musikscore:
1. Under the Skin (Mica Levi)
1. Interstellar (Hans Zimmer)
- Godzilla (Alexandre Desplat)
- Upstream Color (Shane Carruth)
- Gone Girl (Trent Reznor, Atticus Ross)

#Darstellerkategorien:
Bester Darsteller in einem schlechten (oder nicht so guten) Film: Josh Brolin, Labor Day
Beste Darstellerin in einem schlechten (oder nicht so guten) Film: Eva Green, 300: 2
Newcomer des Jahres: Stacy Martin, Nymphomaniac Vol. 1
Jährlicher „Wo ist eigentlich…?“ Preis: Alison Lohman
„Less is more“ Preis für’s Overacting des Jahres: Ray Winstone, Noah
„Badass“ des Jahres: Emily Blunt (Edge of Tomorrow)
Morgan Freeman Gedächtnispreis für die teilnahmsloseste Schlafwandelrolle des Jahres: Johnny Depp, Transcendence
„1 + 2 = 17“ Preis für die Fehlbesetzung des Jahres: Kiefer Sutherland, Pompeji
„Das Gesicht kenn‘ ich doch“ Preis für unnötige/störende Cameos und Gastauftritte: Interstellar (Spoiler………………..) Matt Damon
Theoretische Empfängerin (m)eines Heiratsantrags: Jessica Chastain
„Man Crush“ Preis: Jake Gyllenhaal
„Wie wäre es mal mit einer Hauptrolle?“ Preis: Sarah Gadon (Enemy, Maps to the Stars, Dracula Untold)
2014 Hauptpreis für ein überdurchschnittlich erfolgreiches Karrierejahr (nach deutschen Ausstrahlungsdaten): Scarlett Johansson ((Don Jon,) Her, Captain America 2, Under the Skin, Lucy)



„Sympathy for the Devil“ Preis für die Verlockung des Bösen/Schlechten: Jordan Belfort, Leonardo DiCaprio (The Wolf of Wall Street)
„Mein Leben wäre ohne diese Sichtung nicht ärmer“ Preis: Jonah Hills Gemächt (The Wolf of Wall Street)
„Augenwischer-Ei“ Preis für banale Effekthascherei: Eine SMS erscheint an einer Bergformation. (Walter Mitty)
„Schau mir in den Ausschnitt, Kleiner“ Preis für berechnende Outfits: Amy Adams (American Hustle)
„Gesehen und wieder vergessen“ Preis: Jack Ryan – Shadow Recruit
„Zu Poden, Pursche“ Preis für unangenehme Manipulationen des männlichen Körpers: Die Lügendetektor-Szene. (Nymphomaniac Part 2)
„Gnihihi“ Preis für die schmutzigste Humorszene: Dessertlöffel. (Nymphomaniac Part 2)
„Erinnert ihr euch noch, dass es letztes Jahr einen ‚Get kinky, baby‘ Preis gab?“ Preis für den kinkyesten Film des Jahres: Philomena Nymphomaniac
„Und was soll uns das jetzt sagen?“ Preis für irritierende Einzelszenen: Jennifer Lawrence putzt zu „Live and let die“ das Haus. (American Hustle)
„Bitte nicht Peta erzählen“ Preis für böse Szenen mit Tieren, über die man trotzdem einfach lachen musste: Willem Dafoe wirft eine Katze aus dem Fenster. (Grand Budapest Hotel)
„My Sassy Girl“ Preis für selbstbewusst-wortgewandte Konter und Kommentare: Veronica Mars (Veronica Mars)
„Einleuchtende Erleuchtung“ Preis für offenen Geist und kluge Ideen: Noah erzählt von der Genesis. (Noah)
„I think I spider“ Preis für den dämlichsten deutschen (Unter-) Titel: Eyjafjallajökull: Der unaussprechliche Vulkanfilm (Dicht gefolgt von „Sag nicht wer Du bist – Tom á la ferme“ und „Sieben verdammt lange Tage – This is where I leave you“.)
„Kampfkoloss“ Preis für die Wampe des Jahres: Christian Bale (American Hustle)
„La-la-la“ Preis für den Ohrwurm des Jahres: Alles hier ist Awesome/Everything is Awesome (The Lego Movie)
„Ron Swanson“ Preis für den Bart des Jahres: Scott Adkins (The Legend of Hercules), Jake Gyllenhaal (Enemy)
„Mach, dass es aufhört“ Preis für die Albtraumszene des Jahres: Blick ins Zimmer. Schlussszene. (Enemy)
„Chaos in zwölf Akten“ Preis für das strukturell und/oder dramaturgisch unausgegorenste Drehbuch des Jahres: The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro
„Schämt ihr euch eigentlich nicht“ Preis für kaum tragbaren Nonsens im Film: Vagina Dentata (Transformers: Ära des Untergangs)
„tumblr has crashed“ Preis für neue Popkulturikonen: Groot (Guardians of the Galaxy)
„Blut und Schweiß“ Preis für die intensivste Szene des Jahres: Andock-Kreisel. (Interstellar)
„Pics or it didn’t happen“ Preis für intime Einblicke in Sekundenbruchteilen: Ben Afflecks Business (Gone Girl)
„Schockschwerenot“ Preis für den fiesesten Moment des Jahres: Jake Gyllenhaal winkt seinen Kameramann zu einem Autowrack herüber. (Nightcrawler)
„Vermintes Territorium “ Preis für den spoileranfälligsten Film des Jahres: Gone Girl
„Oh, the Feels!“ Preis für Wirkung über die Grenzen des Films hinaus: Hayao Miyazakis Karrierefazit/-abschied in der symbolischen Schlussszene von „Wie der Wind sich hebt“.
„Colour Kaleidoscope“ Preis für den Mut zu Farbe im Filmdesign: Lila Outfits und rosa Hotels in „Grand Budapest Hotel“
„First World Problems“ Preis für die absurde Idee, daraus einen Film zu machen: Grace of Monaco. Im Prinzip ein Film, in dem eine berühmte Schauspielerin in eine Adelsfamilie einheiratet und ihren Mann dabei unterstützt, dass sein kleines Land voller reicher Leute weiterhin steuerbefreit bleibt.
„Print it on a shirt“ Preis für das Filmzitat des Jahres: Sell me this pen (The Wolf of Wall Street)
„Kill it with fire“ Preis für die nervigste/unsäglichste Filmfigur des Jahres: Harry Osborn (The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro)
„Darling Asshole“ Preis für den Schurken des Jahres: …je nach dem, wen man in „Gone Girl“ als Schurken sieht.


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