|
KRITIK:
Wo die wilden Kerle wohnen
Regie:
Spike Jonze
Darsteller: Max Records, James Gandolfini
Release: 2009
von Christian Mester
Story:
Max ist neun und spielt für sein Leben gern.
Leider ist er weit und breit der einzige, denn seine
Mutter und Schwester haben keine Zeit, sind zu
beschäftigt, erwachsen zu sein. Als sein Spiel eines Tages zu weit geht
und er im Affekt seine Mutter beißt, verlässt er
zutiefst erschrocken und frustriert das elterliche Haus.
Wie durch Magie findet er ein Boot, das ihn zu einer
fernen Insel bringt. Auf dieser entdeckt er
die "wilden Kerle", große, sprechende Fabelwesen,
denen er sich kurzerhand als ihr König vorstellt...
|

|
Das Zusammenwirken der Anzüge und animierten
Gesichter bereitete derart große Probleme,
dass der Film knappe drei Jahre in Produktion war und fast
100 Millionen Dollar Budget verschlang. |
|
Kritik:
"Wo die wilden Kerle wohnen"? Sieht auf den ersten
Blick nach einem reichlich typischen Kinderfilm aus,
doch weit gefehlt.
Der Film, der übrigens nichts mit der "Die wilden
Kerle"-Reihe der berüchtigten Ochsenknecht-Brut zu
tun hat, ist ein Drama, eine Charakterstudie, die
weder lustig und unterhaltsam, noch actionreich und
abenteuerlich ist - oder sein will. Kinder werden
sogar recht wenig damit anfangen können, da der Film
bis auf vereinzelte "Wir toben mal schreiend durch
den Wald"-Szenen wenig kindgerecht daher kommt. Wer
heitere Kurzweil sucht, der wartet besser auf den
kommenden Animationsfilm "Wolkig mit Aussicht auf
Fleischbällchen", der im Januar leichten Spaß und
gute Laune verspricht. Dieser hier erwartet,
fordert, belohnt ein anderes Publikum.
In erster Linie spricht es all diejenigen an, die
sich noch gut an ihre Kindheit erinnern können, in
der es aufregend war, nach der Schule bis zum
Sonnenuntergang durch die Welt zu jagen, Burgen und
Festungen zu bauen und sich ständig vorzustellen, in
fantasievollen Szenarien Abenteuer zu erleben. Der
Film transportiert dieses Gefühl hervorragend, was
vor allem an zwei der Beteiligten liegt: Max Records
und Karen Orzolek. Records spielt den wilden Max
sensationell, macht ihn authentisch. Er wirkt
angenehmerweise mal wie ein spielendes Kind, nicht wie
ein Kind, das ein Kind spielt. Karen Orzolek,
besser bekannt als die Frontsängerin Karen O von den
Yeah Yeah Yeahs, untermalt die Geschichte mit einem
herrlich kindischen Soundtrack, auf dem Xylophone
poltern und im Schlagzeug getobt wird.
Die ersten ernsten Töne klingen jedoch schon früh.
Max kommt aus gutem Hause, allerdings widerstrebt er
allem anderen getrost mit wildem Trotz. Wie wild klammert er
sich daran, weiterhin Kind sein zu können, doch wie
es der Film zeigt, wird es ihm nicht ewig möglich
sein. Nachdem es zuhause zu erstem großen Ärger
kommt dessen Folgen ihn selbst erschrecken,
flüchtet er sich auf besagte Insel, die mehr oder
weniger die Veranschaulichung seiner Gedanken ist.
Er will bis ans Ende aller Tage herumtollen und den
Gefahren, Aufgaben und Verantwortungen der
Realität entgehen, doch es lässt ihn nicht.
|

|
Erste Testvorführungen resultierten in
weinenden Kindern und
entsetzten Müttern. |
|
Lässt man sich darauf ein, erlebt man eine zu Tränen
rührende, fesselnde Geschichte voller Emotionen, die
von Regisseur Spike Jonze meisterlich
eingefangenwurde. Jonze, der schon des Öfteren mit ungewöhnlichen
Filmprojekten auffiel ("Being
John Malkovich", "Adaption", Hauptproduzent der "Jackass"-Filme),
überrascht mit herzlichem Feingefühl und
inszeniert Maurice Sendaks Klassiker, ein in den USA berühmtes
Kinderbuch mit gerade einmal zehn Seiten, als
Parabel in wundervollen Bildern. Die Kerle an sich
sind toll gemacht: die Idee, computeranimierte
Gesichter auf echte Anzüge zu platzieren geht
perfekt auf, denn die Wesen sehen greifbar und echt
aus, ohne an Muppets zu erinnern.
Jeder der Kerle ist auf seine Art interessant, wenn
auch schwierig. Fast
alle sind neurotisch, ständig deprimiert und
weitab davon, jemals Vorlage für beliebte
Kuscheltiere zu werden. Vereinzelt gibt es amüsante
Szenen, wenn die oft unbeholfenen Riesen sich
gegenseitig angreifen oder bewerfen, doch der Dunst
der Bedrohung will nie vergehen. Letzten Endes passiert
relativ wenig und der Film setzt darauf, Max'
Wachsen innerhalb seiner eigenen Faszinationen zu
betrachten. James Camerons "Avatar: Aufbruch
nach Pandora" mag schon eine äußerst simple
Geschichte erzählen, die der "Kerle" ist noch
weitaus kleiner gefasst.
Das ist die andere Seite des Waldes: wer sich von
der Charakterisierung des Jungen nicht fesseln
lassen kann, wird "Wo die wilden Kerle wohnen" einen
der schwächsten Filme des Jahres nennen. Die
eigentliche Handlung ist dünn, es gibt keine
durchdachten Handlungsstränge, keine größeren zu
überwindenden Konflikte. Zwar werden die Kerle im
späteren Verlauf tatsächlich mal gefährlich, da es
letzten Endes Monster mit riesigen Krallen und
unglaublicher Kraft sind, aber "Action" ist ebenso
falsch am Platz wie ein Happy End oder wohlige Stimmung.
Mehr oder weniger lässt sich das Ergebnis mit "The
Wrestler" vergleichen. In dem
Charakterportrait ging es trotz Wrestling-Thematik
nicht um die Kämpfe, sondern um den Geisteszustand
und der verzweifelten Entwicklung eines
komplizierten Charakters. Jonzes Werk ist, was das
betrifft, recht ähnlich. Trotz Kindern und
Fabelmonstern geht es auch hier nur um das Portrait
eines Menschen, wenn auch aufgrund des Alters um
völlig andere Motive. Wer sich darauf einlassen kann, wird
in beiden Filmen starke Tiefen und berührende Szenen
finden, alle anderen werden von alternden Catchern
und widerspenstigen Bengeln fraglos nicht viel halten.
Ein ungewöhnliches, mit viel Liebe gemachtes
Filmjuwel, das zu Unrecht übersehen werden wird.
Fazit:
"Wo die wilden Kerle wohnen" ist ein hervorragendes
Charakterportrait eines Kindes im Aufbruch, das
leider nur ein sehr spezielles Publikum
anspricht und dadurch viele enttäuschen wird. Handwerklich
vortrefflich inszeniert, bei passender Erwartung
einer der besten Filme des Jahres.
9 / 10 |