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KRITIK:
Wo die wilden Kerle wohnen


Regie: Spike Jonze
Darsteller: Max Records, James Gandolfini
Release: 2009


von Christian Westhus


Story:
Max ist neun und spielt für sein Leben gern. Leider ist er weit und breit der einzige, denn seine Mutter und Schwester haben keine Zeit, sind zu beschäftigt, erwachsen zu sein. Als sein Spiel eines Tages zu weit geht und er im Affekt seine Mutter beißt, verlässt er zutiefst erschrocken und frustriert das elterliche Haus. Wie durch Magie findet er ein Boot, das ihn zu einer fernen Insel bringt. Auf dieser entdeckt er die "wilden Kerle", große, sprechende Fabelwesen, denen er sich kurzerhand als ihr König vorstellt...

Das Zusammenwirken der Anzüge und animierten Gesichter bereitete derart große Probleme,
dass der Film knappe drei Jahre in Produktion war und fast 100 Millionen Dollar Budget verschlang.

Kritik:
Spike Jonzes Version von Maurice Sendaks Kinderbuchklassiker ist entweder der mutigste Kinderfilm seit mehreren Dekaden, oder ein überaus gewagtes und zum finanziellen Scheitern verurteiltes Projekt. Vielleicht sogar beides. Mutig, weil der Film Kindern scheinbar eine Menge zutraut und sich für leichteres Verständnis nicht verbiegt. Gewagt, weil er so zwischen den Stühlen von Kinderfilm und nostalgisch-anspruchsvoller Kinderpsychologie steht, dass er kaum eine Seite ganz für sich gewinnen kann. Das eher bescheidene Abschneiden an der US-Kinokasse könnte dadurch erklärt werden, denn an der Qualität kann es nicht liegen.

Es ist eine Sache von Erwartungen und Flexibilität, die abseits von Finanzen und Einspielergebnissen den einzelnen Zuschauer betrifft. Spike Jonze, der in der Welt des Kinofilms durch zwei wunderbar schräge Verfilmungen von Drehbüchern des Skript-Wirrkopfs Charlie Kaufman bekannt geworden ist, nimmt sich dem besonders in den USA abgöttisch verehrten Buch mit großen Ambitionen an. Keine 350 Wörter hat Sendaks Buch und bietet dennoch gleichermaßen kindliches Abenteuer wie Reflexionsebene, wenn der kleine Max, ohne Essen aufs Zimmer verbannt, sich auf die Insel mit den wilden Kerlen träumt. Entsprechend kann Jonzes Adaption nur frei und anders sein, so er denn Spielfilmlänge erreichen will.

Dass Sendak selbst bei der Entwicklung des Filmskripts als ständiger Berater involviert war und sich weitgehend zufrieden mit dem Film zeigte, sollte die Liebhaber des Buches vorerst beruhigen. Gerade für die vielen, mittlerweile erwachsenen Menschen, die mit Sendaks Geschichte Kindheitserinnerungen verbinden, scheint dieser Film gemacht zu sein und gerade das macht es für heutige Kinder so schwierig. So ist Jonzes Film weniger Adaption, obgleich natürlich im Herzen so nah wie möglich an der Vorlage, als vielmehr erwachsene Rückschau und Analyse, warum wir als Kinder damals die Geschichte mochten und wie es um den Max in uns selbst bestimmt ist. Es bleibt zweifelhaft, ob junge Kinder sich selbst so ausgefeilt wieder erkennen können und ob sie an Kinderpsychologie in Filmform Freude haben können.

So ist auch die größte Änderung an der Vorlage – die auch Sendak als mehr oder weniger einzigen Kritikpunkt herausstellte - ein Zünglein an der Waage, in welche Richtung der Film kippen kann. Der Film-Max läuft nach dem Streit von Zuhause weg und scheint eine tatsächliche Reise zur Insel der wilden Kerle zu unternehmen. Dass sich die Erlebnisse mit den unheimlichen Kuschelmonstern nur in Max’ Phantasie abspielen, statt tatsächlich real gemeinte Kino-Fantasy zu sein, könnte für einige Zuschauer zu ungenau erklärt sein. Spike Jonze hat in seinen vorherigen Filmen bereits eifrig mit dem Verschieben von Realität, Traum und Fiktion gespielt und einmal mehr zielt er auch hier auf ein denkendes und sich selbst bewusst wahrnehmendes Publikum. In Form eines vermeintlichen Kinderfilms.

Erste Testvorführungen resultierten in weinenden Kindern und
entsetzten Müttern.

So steht die ziemlich erwachsene Betrachtungsweise einigen unterhaltsamen, kindlichen Rumtobe-Szenen gegenüber, wenn Max und/oder die Monster in ausgelassener Zerstörungsfreude herumtollen, sich mit Schnee oder Dreck bewerfen und balgen. Da kann manches Mal spaßiges Abenteuergefühl aufkommen und ein wenig Slapstick und Humor wird eingestreut, doch tatsächlich bleiben diese Szenen entweder kurze Intervalle oder bergen unter der kindgerechten Hülle Tiefenpsychologisches. Hier werden die Kinder ernst genommen und ihre Gedanken- und Gefühlswelt mit allem nötigen Anstand ausgebreitet und der filmischen Analyse vorgeführt. Die ersten Szenen mit Max, der im Schnee spielt, wütend auf seine große Schwester ist und sich von seiner Mutter zu wenig beachtet fühlt, leisten immens viel Vorarbeit für den Hauptteil des Films und vermeiden Klischees, auch wenn es anders klingen mag.

Danken darf man dafür dem Skript und der Regie, aber vor allem dem jungen Hauptdarsteller mit dem so klingenden Namen Max Records. Der Junge bietet eine fantastische Leistung und trägt den gesamten Film scheinbar mühelos auf seinen kleinen Schultern. Die familiäre Situation wirkt natürlich und nachvollziehbar und entwickelt bereits Motive, die im späteren Verlauf enorm wichtig werden. Die Schneeballschlacht, die plötzlich den entscheidenden Schritt zu weit geht, nimmt ebenso Entscheidendes klug vorweg, wie der Globus, oder die immer wieder auftauchenden Höhlen. Viele Kinder bauen sich allerorts Verstecke, um einen geheimen Rückzugshort zu haben und Max, mit seiner kindlich überbordenden Phantasie, ist da keine Ausnahme. Wenn er seiner Mutter unterm Tisch liegend spontan eine Vampirgeschichte erzählt, die wie eine eigentlich viel zu klug durchdachte Parabel auf alles Folgende und auf sein Seelenleben wirkt, ist der Film-Max den meisten Altersgenossen wohl einen Schritt voraus.

Aber endlich sind wir auf der Insel – die natürlich auch ein aus kindlicher Phantasie gewachsenes Refugium ist – und dort wütet gerade Hauptkerl Carol und zerschlägt Kugelhäuser. Das erste Aufeinandertreffen mit den Monstern ist ziemlich unheimlich, wirken die tapsigen Geschöpfe mit ihren Hörnern, ihren schrecklichen Zähnen und Klauen doch an sich schon befremdlich und bizarr. Zudem sprechen sie davon, Max fressen zu wollen. Bis, ja bis Max ihr König wird. Der Hauptteil des Films beschäftigt sich nun mit der Regentschaft von König Max und gibt natürlich wesentlich deutlichere Einblicke in die individuellen Charaktere der wilden Kerle. Waren die Monster im Buch noch ein brüllendes, tobendes Kollektiv, sind sie hier sorgfältig entwickelte Figuren und repräsentieren in gewisser Weise die Persönlichkeit und Gedanken von Max, ohne simpel auf einzelne Emotionen reduziert zu werden.

Schon bei der Ankunft des Menschenjungen ist etwas zwischen die Kerle (unter denen auch Frauen sind) gekommen. König Max gibt ihnen neuen Zusammenhalt, einen Ansporn und Freude, doch die verschiedenen Charaktere harmonieren nie alle ausgeglichen miteinander. Die Stimmung ist die meiste Zeit über melancholisch, oftmals sogar bitter. Dennoch aber kommt man nicht umher, immer wieder mit einem wohligen Lächeln auf den Lippen, auf die Leinwand zu starren. Das Verhalten und Zusammenleben der Wesen bietet einige tolle Momente, bietet Humor und Sentimentales in ausgewogenen Verhältnissen und auch optisch fasziniert der Film. Die Monster selbst wirken durch die Kostüme aus Jim Hensons legendärer Puppenfirma lebensecht und kuschelig, während die Gesichter leicht PC unterstützt sind, was jedoch kaum auffällt. Die Figuren machen Spaß und fesseln mit reichhaltigen Dialogen und Szenen.

Max fühlt sich von seiner Familie unverstanden und ist unendlich einsam. Und so erschafft er sich eine neue Familie, die natürlich von ihm angeführt wird. Er bringt aber auch seine Einsamkeit mit auf die Insel, die die Wesen bereits befallen hat. Die Familie der wilden Kerle droht zu zerbrechen. Die Risse sind denen aus Max’ Menschenfamilie nicht unähnlich. Man könnte die unnahbar wirkende KW als den ständig abwesenden, unverständlichen, aber sehnsüchtig vermissten, ja liebevollen Teil der Mutter sehen. Dazu passt die zweite weibliche Figur bei den Kerlen, die als stets wachsame, kritische und unzufriedene Figur die Gegenseite bildet. Wenn Max und die Kerle schlafend zum großen Fellberg verschmelzen, ist die reflexive und symbolische Kraft der Szene absolut greifbar und wird durch einen brillanten Dialog noch weiter geführt. Unheimlich aber von großer Aussagekraft auch die bizarre Fressszene mit KW. Und der Film ist voll mit solchen Parallelen, Symbolen, Querverweisen und intelligenten Ansichten zu Kinderpsychologie.

Das ist die gesamte Zeit über höchst faszinierend, wird aber oft spielerisch entwickelt und kommt nie elitär und spießig daher. Auch künstlerisch bietet der Film Einiges. Die Kamera, die leider in den rasanteren Szenen dazu neigt, etwas zu stark zu eiern und zu wackeln, lässt den Wald als magischen und zugleich realistischen Ort erscheinen. Tolle Bilder mit schönen Lichteffekten gibt es ebenso wie ausufernde Set-Ideen. Besonders Carols Versteck und die Festung, die durch Max’ Anweisung entsteht, sind faszinierende visuelle Ideen. Diese optische Pracht wird durch einen absolut zauberhaften Musiksoundtrack verziert. Größtenteils dafür verantwortlich war „Yeah Yeah Yeahs“ Frontfrau Karen O., die mit herrlichen Harmonien und Kindergesang ziemlich gut Melancholie, Rabaukentum und Trauriges unterstützt.

Daran darf man sich erfreuen und an den Sets ordentlich satt sehen, doch im Fokus stehen die Charaktere in ihrer Interaktion. Auch wenn das Ende ein wenig zu schnell abgehandelt wirkt, ist die emotionale Involvierung immer gewährleistet. Lachen, Bedrückung und Tränen kommen hier wohl abwechselnd in Intervallen. Spike Jonzes „Where the wild Things are“ ist nicht zwangsläufig ein Film für Kinder, sondern über Kinder. Und als solcher ist er ein bewundernswert mutiges, intelligentes und ambitioniertes Werk, das Aufmerksamkeit verdient. So wie jedes Kind Aufmerksamkeit verdient.

Fazit:
Spike Jonze macht aus Maurice Sendaks Kinderbuch eine clever durchdachte Studie in Kinderpsychologie. Mit mehr Handlung, mehr Charakterdetails und einer begeisternden Bildsprache ist die Filmform des Kultbuches mehr erwachsene Rückschau als Kinderfilm. Kinder unter 10 Jahren könnten mit der anspruchsvollen Haltung des Films eventuell überfordert werden. Abseits davon ist der Film auf nahezu allen Ebenen gelungen.

9 / 10


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