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KRITIK:
Novemberkind
von
Christian Westhus
Im Winter ein Jahr (2009)
Regie: Caroline Link
Cast: Karoline Herfurth, Josef Bierbichler
Story:
Eine Frau bittet einen Maler, ein Bild ihrer Tochter
(Karoline Herfurth) und ihres Sohnes anzufertigen -
nur das der bereits seit einem Jahr tot ist. Aus der
schwierigen Konstellation ergibt sich ein
interessantes Psychogramm einer Familie...
Kritik:
Als plötzliche Oscarpreisträgerin sollte das
nächste Projekt gut gewählt sein. Caroline Link
versuchte es, wie schon vor „Nirgendwo in Afrika“ in
den USA und scheiterte erneut, weil Schauspieler,
Budget und Produktion nicht zufriedenstellend
vereinbar waren. Eine amerikanische Geschichte ist
es geblieben, denn Links Drehbuch basiert auf dem
Roman „Aftermath“ von Scott Campbell. Statt
Nordamerika gibt es nun also München, statt Sean
Penn spielt Links Wunschdarsteller Josef Bierbichler
mit und der Wechsel scheint sich gelohnt zu haben.
Ein Junge tanzt im Schnee, wird von seiner Mutter
dabei gefilmt, während sie innig miteinander spaßen
und kurz darauf lachend ineinander zu Boden stürzen.
Vom viel sagenden Blick der Schwester machen wir
einen Zeitsprung in den Spätsommer und ohne
Zeiteinblendung wird uns, nur durch den Titel, die
Sachlage klar, dass sich im nahenden Winter ein
Ereignis zum ersten Mal jährt. Corinna Harfouch
lässt die Mutter diese ungewöhnliche Bitte, den
Auftrag an den Künstler, ganz bewusst vortragen,
auch wenn sie zu präzise Fragen etwas umschifft,
notfalls auch, wie sich kurz darauf herausstellt, in
gedehnten Halbwahrheiten umschreibt. Künstler Max
scheint mit dem Wunsch durchaus klar zu kommen, malt
nicht zum ersten Mal Tote und gibt sich
professionell. Wie die Beherrschung für die Mutter,
ist seine Arbeit, sein zurückgezogenes Leben als
Künstler, sein Schutzmantel. Als etwas später Lilli
bei ihm erscheint, spürt er scheinbar direkt eine
Verbindung, eine emotionale Gemeinsamkeit mit ihr.
Dass Lillis Schutzmantel zwar erkennbar, aber schwer
zu durchschauen ist, muss nicht nur Max erkennen,
denn Lilli hat eine ganz eigene, schwierige Art der
Trauer und Karoline Herfurth zeigt diese trotzige
Hilflosigkeit kraftvoll, unaufdringlich und
mitfühlend. Leicht und völlig zu Recht könnte man
diese Leistung als die bisher beste ihrer Karriere
bezeichnen, die endlich beweist, dass sie mehr ist,
als eine 24Jährige Teeny-Darstellerin, aber den Kern
ihrer grandiosen, hochintensiven Darstellung trifft
es nicht. Gerade das Zusammenspiel mit Josef
Bierbichler, dem nicht viele gewachsen sind und
dessen Figur Link hier wunderbar gebremst und doch
kraftvoll angelegt hat, zeigt, wie sehr die Herfurth
in der Rolle aufgeht. Die vielen Dialoge und
Gespräche zwischen Max und Lilli, von Andeutungen,
Provokation und leiser Annäherung durchzogen, machen
einen großen Reiz des Films aus, denn so lange es um
diese beiden Kernfiguren geht, ist der Film absolut
intakt.
Die Nebenhandlungen wirken dagegen nicht immer so
intensiv. Lillis komplizierten Beziehungen, in denen
sie immer mal wieder in kindliche Manierismen
zurückfällt und aufdringlich Nähe und Körperlichkeit
sucht, fehlt ab und an auch der Fokus, der die
beiden Elternfiguren nur halb gelungen erscheinen
lässt. Kleine Gesten deuten verschiedene
Umgangsformen mit Trauer und eine zunehmende
Entfremdung und Erkaltung der Beziehung an und so
sehr man Caroline Link danken möchte, dass sich ihr
Film nicht tot erklärt, nicht mit zu viel Blabla
ablenkt, so hätte es hier entweder mehr Handfestes,
oder weniger Zeit gebraucht.
Dies ist einer, von zwei Hauptkritikpunkten eines
ansonsten absolut gelungenen Films. Link hebt sich
mit ihrer Inszenierung vom typischen deutschen Stil,
der oft etwas karg wirkt, durchaus ab und kommt ihm
doch entgegen. Ihre Farben sind kräftig und satt,
die Farbwahl jedoch dunkel und so wirken einige
Kameraszenen am ehesten wie aus einem Film von Tom
Tykwer. Mit einer grandiosen Montage zu einem Peter
Gabriel Song, greift Link ein fast schon
amerikanisches Stilmittel auf und hätte eigentlich
den perfekten Abschluss des Films gefunden. Die
folgenden zehn Minuten wirken dann leider etwas leer
und leblos angehängt. Die Sentimentalität und ein
fast kitschig anmutendes Symbolbild werden zwar
geschickt ironisch gebrochen, doch letztendlich
bringen uns diese Momente kaum wirklich weiter.
Im Vorfeld wurde
dafür ein umso gelungeneres Bild entworfen. Ein
Bild, das von Verlust und Trauer berichtet und wie
wir damit fertig werden. Jede Figur hat ihre Art,
den Tod des Jungen zu verarbeiten und sorgt
entsprechend für Unverständnis bei Leuten mit
anderen Vorstellungen. Das fragile Familienkonstrukt
wird auf die Probe gestellt und mit den unheilvollen
Bildern des Künstlers, wird symbolhaft aufgegriffen,
wie die Figuren hier eine Vorstellung von sich
entwickeln, welche sie in der Welt vertritt, ein
Idealbild für Außenstehende, während ihre wahre
Gefühlswelt verborgen bleibt. Das trifft auf die
Eltern ebenso zu, wie auf Lilli und Künstler Max,
dessen eigene Geschichte sich ebenfalls langsam
aufdeckt und entschlüsselt, ohne in absoluter
Konsequenz zerpflückt zu werden. Links Mut, hier
nicht jedes Detail komplett zu entschlüsseln, wird
am Ende belohnt.
Fazit:
Karoline
Herfurth und Josef Bierbichler bilden ein grandios
aufspielendes Gespann und machen einen wunderbar
sensibel und emotional inszenierten Film erst so
richtig sehenswert. „Im Winter ein Jahr“ besitzt
starke Dialoge, eine vielschichtige, menschliche
Handlung und einige intensive, erinnerungswürdige
Szenen und gehört zu den besten deutschen Filmen der
letzten Jahre.
8,5 / 10
bereitsgesehen.de
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