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Joel's
Spotless Mind
von
Christian Westhus
Das Beste
2000 - 2009
Joel's liebste FIlme der Dekade - Part 1
Anhängend zum
Dekadenrückblick in der Kolumne, gibt es hier mal einen Einblick
in meine Lieblingsfilme der vergangenen zehn Jahren. Rein
subjektiv, natürlich, und ohne Gewähr, dass ich bei erneuter
Nachfrage in ein paar Wochen nicht ein paar Plätze umstelle oder
austausche. Dennoch habe ich mir meine Gedanken zu dieser Liste
gemacht und bin eigentlich recht zufrieden damit, dass sie eine
Zeit lang durchaus zutreffend bleibt. 15 Filme gibt’s, nur die
Tops, weil die Nieten des Jahrzehnts auszuwählen ziemlich
schwierig war. Daher habe ich mir das gespart.
Knapp verpasst haben die Top 15 übrigens Filme wie: Darren
Aronofskys Requiem for a Dream, Cameron Crowes fantastische
Coming-of-Age Rock-Ballade Almost Famous und ganz knapp auf
Platz 16 der elegische und charakterintensive Psychologiewestern
The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford von
Regisseur Andrew Dominik.
Auf zur Liste, von hinten nach vorne, von Platz 15 bis 1:

15. Children of Men
(Children of Men | USA, UK, Japan 2006)
R: Alfonso Cuarón
D: Clive Owen, Julianne Moore, Michael Caine
An der Kinokasse
gescheitert und bei Filmpreisen größtenteils übergangen, war „Children
of Men“ seiner Zeit wohl voraus, und ist auf dem besten Wege ein
Film zu werden, über den Kritiker irgendwann schreiben werden:
„Hätte man diesem Film mal zu seinem Erscheinungsdatum die
Aufmerksamkeit zukommen lassen, die er verdient.“ Von mir aus
will ich auch schon ein solcher ‚Kritiker’ sein. Ich wurde
damals von ‚Sigur Rós’ Musik im Trailer und sympathischen
Darstellern ins Kino gelockt. So leicht kann das manchmal gehen,
wobei die Handlung natürlich auch so spannend genug klang.
Letztendlich hat mich der Film kalt erwischt. Ein beängstigendes
Dystopieszenario einer sterbenden Welt; erschütternd real auf
die Leinwand gebannt. Mir fällt kein Film ein, der so gekonnt
Perspektiv- und Trostlosigkeit ausdrückt. Die Ausstattung ist
beeindruckend, noch mehr jedoch die Kameraarbeit, mit den vielen
komplizierten Plansequenzen. All das natürlich stets im Dienste
der Vision von Alfonso Cuarón, der diese Welt so real wirken
lässt und so gekonnt die Emotionen manipuliert. Unter all dem
Elend rührt sich zaghaft Hoffnung, doch insgesamt ist „Children
of Men“ eine bittere Pille. Vielen bleibt das tatsächlich
beeindruckende finale Gefecht im Gefangenenlager in Erinnerung,
doch abseits davon bietet der Film mehrere unvergessliche
Szenen. Und wenn mit den Endtiteln Kinderlachen einsetzt, killt
es mich jedes Mal. Ein Gänsehautfilm.

14. Chihiros Reise ins Zauberland
(Sen to Chihiro no kamikakushi | Japan 2001)
R: Hayao Miyazaki
Hayao Miyazaki hat
mit seinem Ghibli Studio mindestens zwei Filme gemacht, die ich
im Vergleich zu „Chihiro“ gleichwertig, wenn nicht in manchen
Bereichen sogar besser bewerten würde. Dennoch ist dieser Film
einer der herausragenden Animationsfilme des Jahrzehnts. Das
liegt nicht an einem schwachen Jahrzehnt für solche Filme,
sondern an der großen Qualität des Schöpfers. An Details,
Dynamik und Phantasie stecken die meisten Filme Miyazakis die
meisten Disneys locker in die Tasche, doch „Chihiro“ setzt da
noch einen drauf, ohne dabei zur bloßen und leeren Protzerei zu
verkommen. Eine fantastische Parallelwelt tut sich der kleinen
Sen hier auf, ein unbeschreibliches Reich voll schriller
Geschöpfe. Miyazaki erzählt wieder eine Geschichte über
Kinderängste und das teilweise heftig und unheimlich, aber auch
mit Humor. Anspielungs- und abwechslungs-reich gestaltet sich
Sens Aufgabe, die ihre Eltern hier zu verlieren droht und sich
mit schwierigen Arbeiten zu plagen hat. Die religiösen Tendenzen
der Handlung und der Figuren vermischen sich mit Mysthik und
besonders mit geballter Esoterik, wenn man dem Ganzen denn
westliche Vokabeln zukommen lassen will. Humorvolle Randfiguren,
überbordende Phantasie und Surrealität, eine kluge Geschichte
und tolle Figuren machen diesen Film zu einem Animé-Erlebnis.

13. Mulholland Drive
(Mulholland Drive | Frankreich, USA 2001)
R: David Lynch
D: Naomi Watts, Laura Harring
Zugegeben, ich bin
ein Fan von David Lynchs verquerer Vorstellung von Traum und
Realität. Das hilft sicherlich, wenn man sich einigen seiner
Filme nähern will. Lynchs Werke haben eine einzigartige Aura,
ein stetes Gefühl der Bedrohung, der Unruhe, obwohl die Filme
meist eher langsam sind. Was erst eine Serie werden sollte,
wurde mit Zusatzinvestoren eines von Lynchs edelsten Werken.
Hollywoodsatire, Psychodrama und Romanze in einem
unbeschreiblichen Mix aus schwer zu durchdringenden
Handlungsebenen zwischen Sein und Schein. Mit dem Traum von der
Karriere in der Traumfabrik Hollywood schlittert Naomi Watts in
einen Albtraum, aus dem ihr auch Laura Harring nicht helfen
kann. Während Komponist Angelo Badalamenti bedrohliche
Klangkollagen beben lässt, spielen sich verwirrende
Nebenhandlungen ab. Gerade die Satire auf Filmwelt und Hollywood
macht diesen Film so faszinierend, weil es der irren Geschichte
eine Basis gibt. Die Detektivhandlungen der Frauen, inklusive
lesbischer Tendenzen, sorgt für Spannung, bis Lynch ein paar
Szenen kreiert, wie sie kein anderer drehen kann. Eine
Sogwirkung entsteht. In einem Lynch-Film kann einem alles
passieren und das macht sie so spannend und unheimlich, weil sie
irgendwie doch geschlossen wirken. Die tolle Atmosphäre, gepaart
mit der vielschichtigen Story macht „Mulholland Drive“ zu einem
Meisterwerk, und weil er als Film auch noch bedenkenlos
konsumierbar ist – was man vom völligen Orientierungsverlust der
da „Inland Empire“ ist, nicht behaupten kann – steht der Film in
dieser Liste.

12. Inglourious Basterds
(Inglourious Basterds | USA, Deutschland
2009)
R: Quentin Tarantino
D: Brad Pitt, Mélanie Laurent, Christoph Waltz
Man sollte
vorsichtig sein mit Filmen, die man noch nicht häufig genug
geschaut hat. Wenn ein Film wie eben dieser aber in den Wochen
nach dem Kinobesuch stetig wächst, wenn die schon positive
Empfindung weiter gesteigert wird, je mehr man darüber
nachdenkt, dann sollte es etwas bedeuten. Ich war und bin kein
Fan von Quentin Tarantino, aber dass er ein Filmfan ist gefällt
mir. Seine Filmliebe – häufig für etwas abseitige Filme – sieht
man natürlich, doch während „Kill Bill“ auf der Hälfte zwischen
Zitat und Eigenständigkeit schlapp machte, ist diese ‚Historical
Fiction’ ein echter Genuss. Die Dialoge sind lang, nicht immer
so gewitzt wie in anderen Filmen Tarantinos, aber sie
faszinieren und erfüllen einen Zweck. Spannungsaufbau und
Entladung, ein bekanntes Stilmittel des Regisseurs, wird hier
gekonnt eingesetzt. Die ganze Geschichte von bösen SS-Männern,
jüdischen Flüchtlingen und amerikanischen Rächern in GI-Uniform
bietet ein höchst interessantes und erstaunlich kluges Bild von
Krieg, von Widerstand, Rache und Heroismus. So viel Ambivalenz
haben nur wenige Filme, bis sich am Ende die Fiktionalität mit
aller Gewalt entlädt und so mehr sagt, als manch
ultrarealistischer „Wir kopieren Wirklichkeit“-Film. Die Figuren
sind toll geschrieben, gut entwickelt und stark gespielt. Und
Quentin beweist mehrfach Mut, siehe David Bowie, siehe Hitler
mit rotem Cape, und siehe der Film im Film zum Thema Propaganda.
Die finalen Szenen im Kino gehören zum Besten, was ich seit
langer Zeit im Kino sehen durfte. Chapeau, Quentin.

11. Antichrist
(Antichrist | Dänemark, D, Frankreich,
Schweden, Polen, Italien 2009)
R: Lars von Trier
D: Charlotte Gainsbourgh, Willem Dafoe
Die Einblendung
„Lars von Trier“ im Trailer zu „Antichrist“ wirkt wie eine
Drohung. Wer sich in einen seiner Filme begibt, kommt darin um,
oder zumindest nicht wieder heil, also unverändert, raus. Für
diesen Film unterbrach der dänische Provokateur seine
USA-Trilogie, die allem Anschein nach komplett verwaist. Umso
beruhigender, dass von Trier uns dafür ein Monster wie dieses
hinterlassen hat. „Antichrist“ ist mehr als ein Spalter und dass
sein Inhalt Konfliktpotential beim Zuschauer hat, ist eine
Untertreibung. Ich war damals froh, ihn alleine, bzw. nur mit
Fremden im Kino gesehen zu haben und danach für mich zu
rekapitulieren, was das alles sollte. Auch ich bin durchaus der
Meinung, dass ein bis zwei Szenen in der hiesigen Form nicht
unbedingt nötig gewesen wären, aber mannometer, dafür ist der
Rest umso fantastischer. „Antichrist“ trägt nicht nur die
Handschrift seines Erschaffers sondern fungiert als
Ausdrucksmedium für von Trier’sche Seelenpein. Kameramann
Anthony Dod Mantle erschuf einige der unheimlichsten Waldszenen
die man sich vorstellen kann und von Trier führt seine
Darsteller, besonders Charlotte Gainsbourgh, zu einer intensiven
und schmerzhaften Tour de Force. Angereichert mit einer bizarren
Natursymbolik und psychologisch ungeheuer Faszinierenden
Entwicklungen, entsteht ein atmosphärisch dichtes Kunstwerk von
einem Horrordrama.

10. Wall-E
(Wall-E | USA 2008)
R: Andrew Stanton
Es war schwierig,
diesen Film zwischen von Trier Filme, die bekannter-maßen eher
unangenehm sind, und Quentins Basterds zu platzieren. „Wall-E“
hätte auch hinter beide zurückfallen können, aber ich habe ihn
hier platziert, aus einem Bauchgefühl heraus. Es ist zwar bei
keinem Filmstudio schwieriger, nicht über eben dieses Studio zu
sprechen, als bei Pixar, aber selbst unabhängig der
unglaublichen Serie an hoher Qualität ist „Wall-E“ ein
außergewöhnlicher Film. Ein Meilenstein für den Animationsfilm,
technisch und inhaltlich. Geradezu klassisch dreigeteilt führt
jeder Akt mehr Figuren ein, wobei der Film natürlich irgendwann
wieder zum eher rasanten Abenteuer wird, wenn man die Erde mit
dem Raumschiff verlässt. Dieses Abenteuer ist hier der
Konkurrenz immer noch um Welten überlegen. Szenen, wie der Tanz
durchs All, brennen sich ins Gehirn ein und die schiere
Dramatik, die man aus urig entworfenen Digitalfiguren presst,
reicht für mehrere Filme. Die Szenen mit dem ramponierten
Haupthelden, mit Momenten der Stille, die sind einfach ungeheuer
intensiv, obwohl man eigentlich weiß, was gleich passieren wird.
Und dabei ist die erste Hälfte, mit Wall-E alleine und dann mit
EVE, jeweils auf der Erde, noch wesentlich stärker. Und das ist
ein Zeichen für einen fantastischen Film, wenn man über die
zweite Hälfte ins Schwärmen gerät, wo doch die erste die bessere
Hälfte ist.

09.
Dem Himmel so fern
(Far from Heaven | USA, Frankreich 2002)
R: Todd Haynes
D: Julianne Moore, Dennis Quaid, Patricia Clarkson, Dennis
Haysbert
Wieder so ein
Beispiel für einen viel zu wenig wertgeschätzten Film. Man
könnte Regisseur Todd Haynes vorwerfen, er kopiere nur Douglas
Sirk, der in den 1950er farbsatte
Technicolor-Gesellschaftsmelodramen drehte. Zunächst mal muss
man Haynes und sein Team jedoch dafür loben, wie glaubwürdig die
Kopie gelungen ist. Die Farben, die Kostüme, die Ausstattung,
Frisuren und Wohneinrichtung, dazu diese vorzügliche
Kameraarbeit, all das atmet Sirk als Vorbild, repräsentiert mehr
als authentisch die 50er und ist einfach wunderhübsch
anzuschauen. Das muss auch mal beachtet werden. Und ganz davon
ab belässt es Haynes nicht bei der Kopie. Der Sirk’sche Kitsch
erscheint reduziert und die Konflikte sind von solch
nachvollziehbarer und zeitloser Relevanz, dass man sich nur
durch den 50er Jahre Kniff schon intensiv mit der Frage
beschäftigt, wie weit wir seit dem überhaupt gekommen sind.
Angeführt von der großartigen Julianne Moore, die für den Oscar
nominiert ihrer „The Hours“-Kollegin Nicole Kidman unterlag,
entspinnt sich hier ein intensives und bitteres Drama. Die
Verlogenheit und Doppelmoral der Gesellschaft treibt Menschen
hinter Masken und die Risse, die ganze Familien befallen, sind
kaum wieder gut zu machen. So ist „Far from Heaven“ der
differenziertere und weitsichtigere 50er Jahre Beitrag des
Jahrzehnts, im Vergleich zum ebenfalls sehr guten, aber fast
einseitig bitteren und zu subjektiven „Revolutionary Road“.

08.
Dogville
(Dogville | Dänemark, Schweden, Norwegen,
Finnland, UK, D, NL 2003)
R: Lars von Trier
D: Nicole Kidman, Paul Bettany, Patricia Clarkson, Ben Gazzara
Lars von Trier
polarisiert und wer ihn nicht mag, wird jedem Film generell
skeptisch gegenüber stehen. Wenn man dann noch mit dem Zusatz
„Bertolt Brecht“ kommt, könnte es schnell ganz vorbei sein. Mit
„Dogville“ lotet von Trier die Grenzen des Films aus, lässt das
dreistündige Werk auf einer reduzierten Theaterbühne spielen und
fügt noch weitere Brecht’sche Elemente der Verfremdung ein. Wer
jetzt vorschnell urteilt und es als bloße Spielerei abtut, der
irrt, meiner Meinung nach. Wir dringen tief in das Geflecht der
Dorfbewohner ein und bekommen ebenso tiefe Einblicke in ihr
Innenleben. Mehrfach werden wir – durchaus subtil – daran
erinnert, einen Film zu sehen und ein Großteil der Handlung wird
durch Texteinblendungen vorweg genommen. Wir nehmen die Figuren
wahr und versuchen sie zu verstehen, versuchen ihr Verhalten zu
ergründen. Die Fremde, Grace, gerät in dieses abgeschottet
liegende und verschlossene Kollektiv. Auf faszinierende Weise
wird sie Teil des kleinen Dorfes und steht doch immer außerhalb.
„Dogville“ gehört zu den psychologisch faszinierendsten Filmen,
die diese Dekade hervorgebracht hat. Und der eine große
Widerspruch zu Brecht, die Emotionalität, war bei all der
Provokation immer eine Stärke von Triers. Die menschlichen
Abgründe, die hier mit einer unbarmherzigen Kälte präsentiert
werden, gehen stark an die Nieren. Das wenig subtile, aber
wirkungsvolle Ende wurde oft als Amerika feindlich bewertet, wie
der gesamte Film. Viel interessanter ist doch, was er über
Menschen allgemein aussagt. Dass Amerika tatsächlich an
vorderster Front gemeint war, ist nach dem Abspann mit David
Bowie und Archivfotos dann aber nicht mehr abzustreiten. Doch
auch unabhängig von Politik, Psychologie und Literatur ist „Dogville“
ein Meisterwerk der letzten Zeit. Selten sah Nicole Kidman
besser aus – was gerade hier auch inhaltlich Entsprechung findet
– und liefert die vielleicht beste Leistung ihrer Karriere ab.
Der restliche Cast ist ähnlich brillant, ebenso die
faszinierende Kameraarbeit und die ganze visuelle Komponente der
Theaterbühne.
- Fortsetzung folgt morgen -

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