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26. Januar 2010

Joel's Spotless Mind
von Christian Westhus

Das Beste 2000 - 2009
Joel's liebste FIlme der Dekade - Part 1

Anhängend zum Dekadenrückblick in der Kolumne, gibt es hier mal einen Einblick in meine Lieblingsfilme der vergangenen zehn Jahren. Rein subjektiv, natürlich, und ohne Gewähr, dass ich bei erneuter Nachfrage in ein paar Wochen nicht ein paar Plätze umstelle oder austausche. Dennoch habe ich mir meine Gedanken zu dieser Liste gemacht und bin eigentlich recht zufrieden damit, dass sie eine Zeit lang durchaus zutreffend bleibt. 15 Filme gibt’s, nur die Tops, weil die Nieten des Jahrzehnts auszuwählen ziemlich schwierig war. Daher habe ich mir das gespart.

Knapp verpasst haben die Top 15 übrigens Filme wie: Darren Aronofskys Requiem for a Dream, Cameron Crowes fantastische Coming-of-Age Rock-Ballade Almost Famous und ganz knapp auf Platz 16 der elegische und charakterintensive Psychologiewestern The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford von Regisseur Andrew Dominik.

Auf zur Liste, von hinten nach vorne, von Platz 15 bis 1:


15. Children of Men
(Children of Men | USA, UK, Japan 2006)
R: Alfonso Cuarón
D: Clive Owen, Julianne Moore, Michael Caine

An der Kinokasse gescheitert und bei Filmpreisen größtenteils übergangen, war „Children of Men“ seiner Zeit wohl voraus, und ist auf dem besten Wege ein Film zu werden, über den Kritiker irgendwann schreiben werden: „Hätte man diesem Film mal zu seinem Erscheinungsdatum die Aufmerksamkeit zukommen lassen, die er verdient.“ Von mir aus will ich auch schon ein solcher ‚Kritiker’ sein. Ich wurde damals von ‚Sigur Rós’ Musik im Trailer und sympathischen Darstellern ins Kino gelockt. So leicht kann das manchmal gehen, wobei die Handlung natürlich auch so spannend genug klang. Letztendlich hat mich der Film kalt erwischt. Ein beängstigendes Dystopieszenario einer sterbenden Welt; erschütternd real auf die Leinwand gebannt. Mir fällt kein Film ein, der so gekonnt Perspektiv- und Trostlosigkeit ausdrückt. Die Ausstattung ist beeindruckend, noch mehr jedoch die Kameraarbeit, mit den vielen komplizierten Plansequenzen. All das natürlich stets im Dienste der Vision von Alfonso Cuarón, der diese Welt so real wirken lässt und so gekonnt die Emotionen manipuliert. Unter all dem Elend rührt sich zaghaft Hoffnung, doch insgesamt ist „Children of Men“ eine bittere Pille. Vielen bleibt das tatsächlich beeindruckende finale Gefecht im Gefangenenlager in Erinnerung, doch abseits davon bietet der Film mehrere unvergessliche Szenen. Und wenn mit den Endtiteln Kinderlachen einsetzt, killt es mich jedes Mal. Ein Gänsehautfilm.


14. Chihiros Reise ins Zauberland
(Sen to Chihiro no kamikakushi | Japan 2001)
R: Hayao Miyazaki

Hayao Miyazaki hat mit seinem Ghibli Studio mindestens zwei Filme gemacht, die ich im Vergleich zu „Chihiro“ gleichwertig, wenn nicht in manchen Bereichen sogar besser bewerten würde. Dennoch ist dieser Film einer der herausragenden Animationsfilme des Jahrzehnts. Das liegt nicht an einem schwachen Jahrzehnt für solche Filme, sondern an der großen Qualität des Schöpfers. An Details, Dynamik und Phantasie stecken die meisten Filme Miyazakis die meisten Disneys locker in die Tasche, doch „Chihiro“ setzt da noch einen drauf, ohne dabei zur bloßen und leeren Protzerei zu verkommen. Eine fantastische Parallelwelt tut sich der kleinen Sen hier auf, ein unbeschreibliches Reich voll schriller Geschöpfe. Miyazaki erzählt wieder eine Geschichte über Kinderängste und das teilweise heftig und unheimlich, aber auch mit Humor. Anspielungs- und abwechslungs-reich gestaltet sich Sens Aufgabe, die ihre Eltern hier zu verlieren droht und sich mit schwierigen Arbeiten zu plagen hat. Die religiösen Tendenzen der Handlung und der Figuren vermischen sich mit Mysthik und besonders mit geballter Esoterik, wenn man dem Ganzen denn westliche Vokabeln zukommen lassen will. Humorvolle Randfiguren, überbordende Phantasie und Surrealität, eine kluge Geschichte und tolle Figuren machen diesen Film zu einem Animé-Erlebnis.


13. Mulholland Drive
(Mulholland Drive | Frankreich, USA 2001)
R: David Lynch
D: Naomi Watts, Laura Harring

Zugegeben, ich bin ein Fan von David Lynchs verquerer Vorstellung von Traum und Realität. Das hilft sicherlich, wenn man sich einigen seiner Filme nähern will. Lynchs Werke haben eine einzigartige Aura, ein stetes Gefühl der Bedrohung, der Unruhe, obwohl die Filme meist eher langsam sind. Was erst eine Serie werden sollte, wurde mit Zusatzinvestoren eines von Lynchs edelsten Werken. Hollywoodsatire, Psychodrama und Romanze in einem unbeschreiblichen Mix aus schwer zu durchdringenden Handlungsebenen zwischen Sein und Schein. Mit dem Traum von der Karriere in der Traumfabrik Hollywood schlittert Naomi Watts in einen Albtraum, aus dem ihr auch Laura Harring nicht helfen kann. Während Komponist Angelo Badalamenti bedrohliche Klangkollagen beben lässt, spielen sich verwirrende Nebenhandlungen ab. Gerade die Satire auf Filmwelt und Hollywood macht diesen Film so faszinierend, weil es der irren Geschichte eine Basis gibt. Die Detektivhandlungen der Frauen, inklusive lesbischer Tendenzen, sorgt für Spannung, bis Lynch ein paar Szenen kreiert, wie sie kein anderer drehen kann. Eine Sogwirkung entsteht. In einem Lynch-Film kann einem alles passieren und das macht sie so spannend und unheimlich, weil sie irgendwie doch geschlossen wirken. Die tolle Atmosphäre, gepaart mit der vielschichtigen Story macht „Mulholland Drive“ zu einem Meisterwerk, und weil er als Film auch noch bedenkenlos konsumierbar ist – was man vom völligen Orientierungsverlust der da „Inland Empire“ ist, nicht behaupten kann – steht der Film in dieser Liste.


12. Inglourious Basterds
(Inglourious Basterds | USA, Deutschland 2009)
R: Quentin Tarantino
D: Brad Pitt, Mélanie Laurent, Christoph Waltz

Man sollte vorsichtig sein mit Filmen, die man noch nicht häufig genug geschaut hat. Wenn ein Film wie eben dieser aber in den Wochen nach dem Kinobesuch stetig wächst, wenn die schon positive Empfindung weiter gesteigert wird, je mehr man darüber nachdenkt, dann sollte es etwas bedeuten. Ich war und bin kein Fan von Quentin Tarantino, aber dass er ein Filmfan ist gefällt mir. Seine Filmliebe – häufig für etwas abseitige Filme – sieht man natürlich, doch während „Kill Bill“ auf der Hälfte zwischen Zitat und Eigenständigkeit schlapp machte, ist diese ‚Historical Fiction’ ein echter Genuss. Die Dialoge sind lang, nicht immer so gewitzt wie in anderen Filmen Tarantinos, aber sie faszinieren und erfüllen einen Zweck. Spannungsaufbau und Entladung, ein bekanntes Stilmittel des Regisseurs, wird hier gekonnt eingesetzt. Die ganze Geschichte von bösen SS-Männern, jüdischen Flüchtlingen und amerikanischen Rächern in GI-Uniform bietet ein höchst interessantes und erstaunlich kluges Bild von Krieg, von Widerstand, Rache und Heroismus. So viel Ambivalenz haben nur wenige Filme, bis sich am Ende die Fiktionalität mit aller Gewalt entlädt und so mehr sagt, als manch ultrarealistischer „Wir kopieren Wirklichkeit“-Film. Die Figuren sind toll geschrieben, gut entwickelt und stark gespielt. Und Quentin beweist mehrfach Mut, siehe David Bowie, siehe Hitler mit rotem Cape, und siehe der Film im Film zum Thema Propaganda. Die finalen Szenen im Kino gehören zum Besten, was ich seit langer Zeit im Kino sehen durfte. Chapeau, Quentin.


11. Antichrist
(Antichrist | Dänemark, D, Frankreich, Schweden, Polen, Italien 2009)
R: Lars von Trier
D: Charlotte Gainsbourgh, Willem Dafoe

Die Einblendung „Lars von Trier“ im Trailer zu „Antichrist“ wirkt wie eine Drohung. Wer sich in einen seiner Filme begibt, kommt darin um, oder zumindest nicht wieder heil, also unverändert, raus. Für diesen Film unterbrach der dänische Provokateur seine USA-Trilogie, die allem Anschein nach komplett verwaist. Umso beruhigender, dass von Trier uns dafür ein Monster wie dieses hinterlassen hat. „Antichrist“ ist mehr als ein Spalter und dass sein Inhalt Konfliktpotential beim Zuschauer hat, ist eine Untertreibung. Ich war damals froh, ihn alleine, bzw. nur mit Fremden im Kino gesehen zu haben und danach für mich zu rekapitulieren, was das alles sollte. Auch ich bin durchaus der Meinung, dass ein bis zwei Szenen in der hiesigen Form nicht unbedingt nötig gewesen wären, aber mannometer, dafür ist der Rest umso fantastischer. „Antichrist“ trägt nicht nur die Handschrift seines Erschaffers sondern fungiert als Ausdrucksmedium für von Trier’sche Seelenpein. Kameramann Anthony Dod Mantle erschuf einige der unheimlichsten Waldszenen die man sich vorstellen kann und von Trier führt seine Darsteller, besonders Charlotte Gainsbourgh, zu einer intensiven und schmerzhaften Tour de Force. Angereichert mit einer bizarren Natursymbolik und psychologisch ungeheuer Faszinierenden Entwicklungen, entsteht ein atmosphärisch dichtes Kunstwerk von einem Horrordrama.


10. Wall-E
(Wall-E | USA 2008)
R: Andrew Stanton

Es war schwierig, diesen Film zwischen von Trier Filme, die bekannter-maßen eher unangenehm sind, und Quentins Basterds zu platzieren. „Wall-E“ hätte auch hinter beide zurückfallen können, aber ich habe ihn hier platziert, aus einem Bauchgefühl heraus. Es ist zwar bei keinem Filmstudio schwieriger, nicht über eben dieses Studio zu sprechen, als bei Pixar, aber selbst unabhängig der unglaublichen Serie an hoher Qualität ist „Wall-E“ ein außergewöhnlicher Film. Ein Meilenstein für den Animationsfilm, technisch und inhaltlich. Geradezu klassisch dreigeteilt führt jeder Akt mehr Figuren ein, wobei der Film natürlich irgendwann wieder zum eher rasanten Abenteuer wird, wenn man die Erde mit dem Raumschiff verlässt. Dieses Abenteuer ist hier der Konkurrenz immer noch um Welten überlegen. Szenen, wie der Tanz durchs All, brennen sich ins Gehirn ein und die schiere Dramatik, die man aus urig entworfenen Digitalfiguren presst, reicht für mehrere Filme. Die Szenen mit dem ramponierten Haupthelden, mit Momenten der Stille, die sind einfach ungeheuer intensiv, obwohl man eigentlich weiß, was gleich passieren wird. Und dabei ist die erste Hälfte, mit Wall-E alleine und dann mit EVE, jeweils auf der Erde, noch wesentlich stärker. Und das ist ein Zeichen für einen fantastischen Film, wenn man über die zweite Hälfte ins Schwärmen gerät, wo doch die erste die bessere Hälfte ist.


09. Dem Himmel so fern
(Far from Heaven | USA, Frankreich 2002)
R: Todd Haynes
D: Julianne Moore, Dennis Quaid, Patricia Clarkson, Dennis Haysbert

Wieder so ein Beispiel für einen viel zu wenig wertgeschätzten Film. Man könnte Regisseur Todd Haynes vorwerfen, er kopiere nur Douglas Sirk, der in den 1950er farbsatte Technicolor-Gesellschaftsmelodramen drehte. Zunächst mal muss man Haynes und sein Team jedoch dafür loben, wie glaubwürdig die Kopie gelungen ist. Die Farben, die Kostüme, die Ausstattung, Frisuren und Wohneinrichtung, dazu diese vorzügliche Kameraarbeit, all das atmet Sirk als Vorbild, repräsentiert mehr als authentisch die 50er und ist einfach wunderhübsch anzuschauen. Das muss auch mal beachtet werden. Und ganz davon ab belässt es Haynes nicht bei der Kopie. Der Sirk’sche Kitsch erscheint reduziert und die Konflikte sind von solch nachvollziehbarer und zeitloser Relevanz, dass man sich nur durch den 50er Jahre Kniff schon intensiv mit der Frage beschäftigt, wie weit wir seit dem überhaupt gekommen sind. Angeführt von der großartigen Julianne Moore, die für den Oscar nominiert ihrer „The Hours“-Kollegin Nicole Kidman unterlag, entspinnt sich hier ein intensives und bitteres Drama. Die Verlogenheit und Doppelmoral der Gesellschaft treibt Menschen hinter Masken und die Risse, die ganze Familien befallen, sind kaum wieder gut zu machen. So ist „Far from Heaven“ der differenziertere und weitsichtigere 50er Jahre Beitrag des Jahrzehnts, im Vergleich zum ebenfalls sehr guten, aber fast einseitig bitteren und zu subjektiven „Revolutionary Road“.


08. Dogville
(Dogville | Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland, UK, D, NL 2003)
R: Lars von Trier
D: Nicole Kidman, Paul Bettany, Patricia Clarkson, Ben Gazzara

Lars von Trier polarisiert und wer ihn nicht mag, wird jedem Film generell skeptisch gegenüber stehen. Wenn man dann noch mit dem Zusatz „Bertolt Brecht“ kommt, könnte es schnell ganz vorbei sein. Mit „Dogville“ lotet von Trier die Grenzen des Films aus, lässt das dreistündige Werk auf einer reduzierten Theaterbühne spielen und fügt noch weitere Brecht’sche Elemente der Verfremdung ein. Wer jetzt vorschnell urteilt und es als bloße Spielerei abtut, der irrt, meiner Meinung nach. Wir dringen tief in das Geflecht der Dorfbewohner ein und bekommen ebenso tiefe Einblicke in ihr Innenleben. Mehrfach werden wir – durchaus subtil – daran erinnert, einen Film zu sehen und ein Großteil der Handlung wird durch Texteinblendungen vorweg genommen. Wir nehmen die Figuren wahr und versuchen sie zu verstehen, versuchen ihr Verhalten zu ergründen. Die Fremde, Grace, gerät in dieses abgeschottet liegende und verschlossene Kollektiv. Auf faszinierende Weise wird sie Teil des kleinen Dorfes und steht doch immer außerhalb. „Dogville“ gehört zu den psychologisch faszinierendsten Filmen, die diese Dekade hervorgebracht hat. Und der eine große Widerspruch zu Brecht, die Emotionalität, war bei all der Provokation immer eine Stärke von Triers. Die menschlichen Abgründe, die hier mit einer unbarmherzigen Kälte präsentiert werden, gehen stark an die Nieren. Das wenig subtile, aber wirkungsvolle Ende wurde oft als Amerika feindlich bewertet, wie der gesamte Film. Viel interessanter ist doch, was er über Menschen allgemein aussagt. Dass Amerika tatsächlich an vorderster Front gemeint war, ist nach dem Abspann mit David Bowie und Archivfotos dann aber nicht mehr abzustreiten. Doch auch unabhängig von Politik, Psychologie und Literatur ist „Dogville“ ein Meisterwerk der letzten Zeit. Selten sah Nicole Kidman besser aus – was gerade hier auch inhaltlich Entsprechung findet – und liefert die vielleicht beste Leistung ihrer Karriere ab. Der restliche Cast ist ähnlich brillant, ebenso die faszinierende Kameraarbeit und die ganze visuelle Komponente der Theaterbühne.

- Fortsetzung folgt morgen -

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