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Tops 2016


von Christian Mester

In der Kinohistorie wird 2016 wohl keine auffälligere Rolle spielen. Zwar war es kein sonderlich schwaches Kinojahr, doch auf den ersten Blick ganz offensichtlich eines ohne markante neue Filmklassiker. Keiner der unten aufgeführten Filme wird es neben zeitlose Giganten wie Jurassic Park, Her, Fury Road oder Vier Fäuste für ein Hallelujah schaffen, auch wenn Deadpool, Zoomania, Arrival und Inarritu davon geträumt haben mögen.

Wie auch in den letzten Jahren dominierte das kreativfaule Recyclen alter Marken und Reihen, das jedoch je nach Ambition unterschiedlich ausfällt. Das beste Beispiel sind die neuen Kapitel der alten Recken Bourne und Balboa. Beide solide inszeniert, doch nur bei Creed steckte echtes Feingefühl drin, bewegende Momente, eine zielgerichtete Regie und mutige neue Ansätze, während Bournes Rückkehr beschämend belangloser als sein bournelose Vorgänger ausfiel. Ein Gods of Egypt mag überzuckerter Blödsinn gewesen sein, doch sein Versuch war alle Male interessanter als ein Jack Reacher 2, der schon nach der Eröffnungsszene ins kreative Wachkoma stürzte. Im Mittelfeld fanden sich derweil viele sehenswerte Altbewährte wie X-Men 9, Kung Fu Panda 3, Ghostbusters 3, Conjuring 2, Findet Dory, Turtles 2 und Star Trek 13, wie man sie nie missen will, und die für zwischendurch immer gern gesehen sind.

Was originelle Filme betrifft, überraschten jenseits der folgenden Liste nur einige. 10 Cloverfield Lane enttäuschte in seinem Bezug zum ersten Teil, wurde aber einer der besten Thriller des Jahres. Wer hätte gedacht, dass der Dicke aus Roseanne mal so spannend sein könnte? Als erfolgreichster X-Men Film überhaupt verpasste Deadpool seinem Studio nach Jahren des Zögerns eine Po-Backpfeife, was nun hoffentlich den Effekt hat, neuen Ideen mal eher eine Chance zu geben. Wahrscheinlich ist die einzige Lehre daraus aber bloß, dass man nun weitere Deadpool artige Titel versuchen wird.

Der überraschende Mega-Erfolg des CGI-Dschungelbuchs wird nun unweigerlich dazu führen, dass wir alle alten Disney-Zeichentrickfilme in genau dem Format sehen werden, und ob sich im Hause DC inhaltlich irgendwas bessern wird, muss sich erst noch zeigen. So chaotisch und tonal falsch wie Suicide Squad und Batman V Superman ausgefallen sein mögen, spielten sie beide ein überzeugendes Vermögen ein, auch wenn es faktisch blamabel ist, dass ein Captain America 3 fast 400 Millionen mehr einspielen konnte als das erste Kinotreffen der beiden bekanntesten Superhelden überhaupt.

Eine der spannendsten Fortsetzungen wird das zum mauen Potter Prequel "Fantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind" sein. Den Erstling machte der Potter-Bezug mit Leichtigkeit zum weltweiten Hit, doch ob die Masse unbedingt wissen will, wie Eddie Redmaynes Figur, dessen Name sicherlich niemanden in Erinnerung geblieben ist (Newt Scamander?), weitere potterlose Abenteuer in den USA erlebt?

Jetzt zu meiner persönlichen Favoritenliste des Jahres: 



10 - A Bigger Splash

Dass Ralph Fiennes mehr ist als die fehlende Nase aus den Potter Filmen, bewies er lachend in dem relativ unbeachtet gebliebenen, sonnigen Remake des französischen Films "Der Swimmingpool" (nicht zu verwechseln mit dem 2003er Francois Ozon mit Charlotte Rampling oder schlimmer noch, mit dem deutschen Slasher Swimming Pool von 2001). Eigentlich passiert ja nicht viel: eine David Bowie artige Musikerin urlaubt mit ihrem jungen Boytoy, ein exzentrischer Producer kommt mit seiner Tochter vorbei und will sie wieder für sich gewinnen. Was da jedoch emotional und metaphorisch kollidiert, bleibt lange in Erinnerung - man könnte glatt faulenzend und Cocktail schlürfend sagen, hinterlässt einen größeren Splash.

Notiz: ganz knapp den 10. Platz verpasst: "Captain Fantastic - Einmal Wildnis und zurück". Fürchterlicher Titel, aber ein wundervoll herzliches Drama über einen engstirnigen Auswanderer, der seine Kinder zu einem hochintelligenten Team von Survival-Experten ausgebildet hat, und die sich eines Tages gemeinsam mit der Realität konfrontieren müssen.


9 - Rogue One: A Star Wars Story

Trotz erheblicher Skepsis im Vorfeld erwies sich das nur des Geldes wegen gemachte Spin-off (hätten die drei klassischen Episoden nicht erst einmal gereicht?) als vergnügliche Überraschung. Godzilla Regisseur Gareth Edwards wurde entgegen der Erwartungen nicht an kurzer Leine gehalten, sondern ließ Star Wars visuell aufregender als viele andere Blockbuster der letzten Zeit werden. Zwar fehlt es dem Rebellenabenteuer an markanten Heldenfiguren, doch eine Vielzahl passender, spannender und amüsanter Momente ergeben gerade in den letzten Minuten ein ungemein stimmiges Bild.



8 - The Revenant
DiCaprio als bärtiger vom Bär gebissener Trapper, der schwer verletzt durch Inarritus weite Pampa kriecht, um einem bärbeißigen Tom Hardy den Geraus zu machen - das konnte ja auch nur funktionieren. Ein packender Überlebenskampf, bildgewaltig und wie von DiCaprio gewohnt, mit 120% Einsatz gespielt. Dass er den Oscar eigentlich besser für etwas anderes hätte kriegen sollen (Wolf?) wertet den Revenant dabei nicht ab, keineswegs. Es unterstreicht bloß, wie gut der Mann ist. Schön also, dass dieser sperrige, wortkarge Film in der deutschen Top 10 der meistbesuchten Filme 2016 landen konnte.


7 - The Witch

Wie passend, dass The Witch im selben Jahr kam wie der neue Blair Witch. Lange wurde gemunkelt, dass ein Blair Witch Prequel in genau der Zeit spielen und ruhiger werden konnte,
also gab es dieses Jahr beides: das und ein konventionelleres, modernes Sequel mit lauter Schockmomenten. The Witch, eigentlich mehr Drama als Horrorfilm, sieht verwünscht gut aus
und spielt so hervorragend mit der Intensität des damaligen Aberglaubens (?), dass es einem die Schuhe auszieht. Ein großartiges Debüt von dem jungen Regisseur, und auch von der schwarzen Ziege.


6 - The Shallows
Wie kann ein CGI-lastiger, oberflächlicher Hai-Horroractionfilm mit Blake Lively in der Hauptrolle in einer Jahresbestenliste landen? Das ist dem nahezu immer leistungsstarken Jaume Collet-Serra zu verdanken, der hier fesselnden, aber zugleich spaßigen Popcornfun liefert, wie es ihn neben all den düsteren Geister- und Exorzismus-Horrorfilmen der letzten Jahre selten zu erleben gab. Lively ist sogar richtig gut in einer Bikini geprägten Rolle, die in vielen anderen Regiehänden lediglich schmückendes Beiwerk gewesen wäre.


5 - The Nice Guys

Mit seinem neuen Film zeigt Shane Black, wieso er es war, der Lethal Weapon geschrieben hat. Heute, etwas ruhiger und bärtiger, entspricht dieselbe Vision dem schrägen Schnüffler-Buddy-Comedy-Spaß, der hier mit Russell Crowe und Ryan Gosling ins Kino kam. Herrlich anders als 0815-Buddykomödien wie Central Intelligence, wunderbar witzig und sonderbar genug, um lange aufzufallen.


4 - Toni Erdmann

Ein drei Stunden langer deutscher Film, den niemand gesehen hat? Moment, nicht niemand. Toni ist dieses Jahr für den Oscar für den besten ausländischen Film nominiert, und das zu recht. Die schrullige Dramödie über einen Rentner, der sich mit verrückten Verkleidungen und charmanter Aufdringlichkeit in das Karriereleben seiner ehrgeizigen, lebensfremden Tochter drängt mag gänzlich entfernt sein von konventioneller Hollywood-Komödienart, fällt hier aber urkomisch aus.


3 - The Lobster: Hummer sind auch nur Menschen
In einer merkwürdigen Zukuntsvision werden alle Menschen in Tiere verwandelt, die keinen Partner fürs Leben finden. Eine seltsame Prämisse, aus der der Dogtooth-Macher ein ebenso skurril-witziges, wie faszinierend gesellschaftskritisches Kuriosum köchelt. Colin Farrell war nie besser, und der trockene Humor diverser Highlightmomente muss selbst erlebt werden. Schade drum, dass das letzte Drittel nicht so stark ist wie die ersten beiden. Der wohl beste Hummerfilm seit dem siebten Godzilla "Frankenstein und die Ungeheuer aus dem Meer".



2 - Everbody Wants Some!!
Was ist Linklaters neuester überhaupt? Für eine Komödie ist er nicht wirklich lustig, für eine gewöhnliche Teenromanze liegt kaum konzentriertes Augenmerk auf dem vorhandenen Techtelmechtel, für ein übliches Drama ist er viel zu lebensfroh, bunt und fröhlich, es gibt kaum zu bewältigende Konflikte, und auszusagen hat er jetzt auch nicht sonderlich viel. Er sprüht aber vor Lebensfreude, vor jugendlichem Spirit, fühlt sich authentisch an und macht endlos gute Laune.



1 - Creed (Rocky VII)

Nach dem fulminanten vorerst letzten Teil von 2006 sollte zehn (!) Jahre später also doch noch eine weitere Runde folgen, ausgerechnet mit einer Staffelübergabe und einem neuen Regisseur am Drücker. Das hätte in vielen anderen Varianten nichts werden können, doch Ryan Cooglers Teil 7 ist nicht nur ein wesentlich mitreißenderer Boxfilm als es beispielsweise Southpaw war, es ist ein würdiges neues Balboa Kapitel, das erneut zutiefst bewegt und an die Nieren geht, aber auch Kraft gibt, Spaß macht und zum Trainieren animiert. Mickey wäre stolz drauf!

Weitere herzliche Empfehlungen des Kinojahres 2016: Swiss Army Man, Spotlight, Anomalisa, Brooklyn, Deadpool, Son of Saul, 10 Cloverfield Lane, Eddie the Eagle, Captain America 3: Civil War, Dr Strange, Bauernopfer, The Neon Demon, High-Rise, Ghostbusters, Turtles 2: Out of the Shadows, Elliot der Drache, Sully, Raum, The Hateful Eight, Star Trek Beyond.

Noch nicht gesehen: Kubo der tapfere Samurai, Sing Street, Allied, Nocturnal Animals, Assassin's Creed, Vaiana, The Light between Oceans, Cafe Society, Paterson, Deepwater Horizon, American Honey, The Accountant, Girl on the Train, Snowden, Money Monster, Tangerine LA, Wiener-Dog, Demolition, The Assassin, A War, Rock the Kasbah, Imperium


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