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Clive77

Serial Watcher

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Sonntag, 22. Oktober 2017, 00:20

Story XLVI - Der Obolus

Der Mann weiß nicht, wie lange er schon dem Pfad folgt, als er einen Hügelkamm überschreitet und das kleine Holzhaus sieht, das in einer Senke neben dem mächtigen Stamm eines abgestorbenen Mammutbaumes steht. Hinter dem eingezäunten Grundstück sieht er den Styx vorbeirauschen, dessen schwarze Wasser aufgewühlt und schlammig sind. Auf der anderen Seite erstreckt sich eine tote Landschaft aus Steinen und kleinen Felsformationen, die mit zunehmender Entfernung im Nebel verschwinden. Die dichten Wolken hängen tief und streben dem Horizont entgegen.
Je weiter der Mann sich dem Haus und dem Fluss nähert, umso deutlicher nimmt er den Geruch wahr, der vom anderen Ufer herüberweht. Es riecht nach Verwesung und Tod.
Im Vorgarten des Hauses liegt ein Hund mit ergrautem Fell und heraushängender Zunge, die zwischen den gelben Reißzähnen baumelt. Vom Alter gezeichnet und erblindet, hebt das Tier mühsam seinen Kopf und bewegt ihn in Richtung des Mannes, rührt sich jedoch nicht von der Stelle, als dieser an ihm vorbeigeht. In den milchigen Augen des Hundes spiegeln sich die Wolken, die am Himmel vorüberziehen. Zwischen seinen Pfoten liegt eine verdreckte Plastikpuppe, deren Kopf zerkaut und deformiert aussieht.
Der Mann geht an dem Tier vorbei und klopft an die massive Holztür. Während er wartet, sieht er sich das Haus genauer an und stellt dabei fest, dass kein einziges Fenster zu erkennen ist. An der Außenwand sind dünne Holzstäbe befestigt, die ein sonderbares Muster ergeben. Er klopft noch einmal an, doch auch diesmal erfolgt keine Reaktion.
Zögernd legt er die Hand auf den Griff und öffnet die Tür. Aus dem Dunkel, das im Inneren auf ihn wartet, stößt ihm der Geruch nach verbranntem Leder entgegen.
Der Mann atmet durch und tritt in das Haus ein.

In der Diele tastet er sich an der Wand vor, die sich so feucht wie frisch ausgehobene Erde anfühlt. Sie ist warm und pulsiert in einem langsamen Rhythmus, wie das Herz eines Elefanten. Etwas huscht über seinen Handrücken, etwas mit sehr vielen kleinen Beinchen. Er zieht die Hand ruckartig weg, doch das Gefühl hat sich bereits verflüchtigt. Nach kurzem Zögern bewegt er sich weiter, bis er eine andere Tür erreicht und den angrenzenden Raum betritt.
Abgesehen von einem Lichtkreis in der Mitte, herrscht in dem Zimmer eine Dunkelheit, die wegen ihrer Dichte wie eine greifbare Substanz wirkt. Es ist nicht ersichtlich, aus welcher Quelle das Licht herkommt; weder Lampen noch Kerzen sind zu erkennen. In dem Kreis kann der Mann lediglich einen Ausschnitt des Bodens erkennen, auf dem etwas Winziges zuckt.
Langsam geht er näher heran, um es in Augenschein zu nehmen. Es ähnelt einer Insektenlarve, deren perlweiße Haut mit einem glänzenden Schleim überzogen ist und wie bei einem Ringelwurm aus vielen Segmenten besteht.
Vor den Augen des Mannes beginnt die Larve zu wachsen, während sie sich auf dem Boden windet. Langsam schwillt sie auf die Größe einer Maus an, dann noch weiter, bis sie den Umfang einer Katze erreicht. Unter der pulsierenden Haut bewegt sich ein Schemen, dunkel und verschwommen.
Der Mann sieht mit tranceähnlicher Faszination zu, wie die Larve platzt und die Gestalt in ihrem Inneren zum Vorschein kommt. Ein menschliches Kleinkind kriecht auf allen Vieren über den Boden und gibt dabei unartikulierte Laute von sich. An seiner runzeligen Haut kleben vereinzelte Fetzen der Larve, wie die Überreste einer geplatzten Plazenta. Als es den Rand des Lichtkreises erreicht, überzieht sich seine Haut mit einer Patina, die sich in eine blaue Schuluniform verwandelt. Das Kind, bei dem es sich um einen Jungen handelt, ist inzwischen so groß wie ein Sechsjähriger und richtet sich nun auf, bevor es aus dem Lichtkreis in den Schatten tritt.
Der Mann vernimmt einen Ton, der aus einem anderen Zimmer stammen muss. Da die Klänge des Klaviers von der Wand gedämmt sind, kommen sie nur undeutlich und verzerrt bei ihm an, doch er fühlt sich von der Melodie angezogen und taucht in die Dunkelheit ein, um in den anderen Raum zu gelangen.

Mit ausgestreckten Händen tastet er sich voran, bis er endlich die Tür findet und öffnet. Jetzt hört er die Musik in ihrer vollen Pracht, kraftvoll und laut. Hohe und tiefe Töne ergänzen sich auf harmonische Weise und bringen eine innere Saite in dem Mann zum Schwingen.
In der Mitte des Zimmers sitzt eine hagere Frau mittleren Alters an einem aufgeklappten Flügel und lässt ihre dünnen Finger über die schwarzen und weißen Tasten gleiten. Sie trägt ein knielanges schwarzes Kleid mit kurzen Ärmeln und einen Hut, der einen Großteil ihrer blonden Haare verbirgt. Ihr Gesicht wird von einer außerordentlich langen Nase dominiert, deren Form dem Schnabel eines Vogels ähnelt. Das eingefrorene Lächeln offenbart zwei Reihen spitzer Zähne.
Während sie mit einer steifen Körperhaltung am Flügel sitzt und das Musikstück spielt, hüpft der Junge in der Schuluniform im Kreis um sie herum und nimmt dabei an Größe zu. Aus dem Kind wird ein Jugendlicher, dann ein junger Mann, an dessen Hals eine Krawatte zu wachsen beginnt. Die Schuluniform verwandelt sich in einen Anzug.
Als er das Alter eines Erwachsenen erreicht, lenkt er seine hüpfenden Schritte in die Schatten.

Unvermittelt hört die Frau mit ihrem Spiel auf und weist mit ausgestreckter Hand in die Richtung, die er eingeschlagen hat. Obgleich dort nichts außer Schwärze zu sehen ist, setzt sich der Mann in Bewegung und taucht in die Dunkelheit ein.
Im nächsten Raum findet er ein Büro vor, in dem der junge Mann mit Anzug und Krawatte an einem Schreibtisch sitzt und mit Geschäftspapieren beschäftigt ist. Er nimmt ein Dokument in die Hand, stanzt mit einem Locher zwei Löcher hinein und sortiert es in einen Aktenordner ein. Er nimmt ein weiteres Dokument, stanzt mit einem Locher zwei Löcher hinein und sortiert es in einen Aktenordner ein. Er nimmt ein weiteres Dokument, stanzt mit einem Locher zwei Löcher hinein und sortiert es in einen Aktenordner ein.
Währenddessen altert der Mann unentwegt weiter; sein Gesicht wird von Falten zerfurcht, die Haare ergrauen und fallen heraus, der Rücken krümmt sich unter der Last der Jahre zu einem Fragezeichen. Er stanzt immer noch Löcher in die Papiere und legt sie in dem Ordner ab.
Als er zu einem Greis wird, steht er mühsam von seinem Platz auf und schleppt sich mit zitternden Beinen zu einer Tür, die am anderen Ende des Zimmers zu sehen ist.
Der Mann zögert, bevor er dem Alten folgt.

In der Mitte des nächsten Raumes steht ein Sarg, in dem der Leichnam des Mannes aufgebahrt liegt. Seine Hände sind auf der Brust gefaltet, der Mund leicht geöffnet. Um den Verstorbenen schart sich eine kleine Gruppe von Menschen, die schwarze Kleidung tragen und mit ausdruckslosen Gesichtern vor dem Sarg stehen. Sie schwanken wie Betrunkene hin und her und geben dabei Geräusche von sich, die wie ein Wimmern klingen.
Die Augen des Toten sind mit zwei Silbermünzen bedeckt.
Mit ungelenken Bewegungen ziehen sich die Trauergäste in die Schatten zurück, ohne ein Wort zu verlieren. Währenddessen bläht sich die Haut der Leiche auf und überzieht sich mit dunklen Flecken, bevor sie wie Wachs zerschmilzt und in den Sarg sickert. Unter der Haut kommen die verwesenden Muskeln und Sehnen zum Vorschein, dann das Fleisch, darunter die blanken Knochen. Die Münzen sinken in die Augenhöhlen hinein, deren Inhalt flüssig wird und sich auflöst. Der schwarze Anzug platzt an den Nähten auf, zerfällt zu Staub und offenbart das weiße Gerippe des Verstorbenen.
Der Sarg mit den Knochen sackt in sich zusammen und stürzt mit lautem Krach auf den Boden, wo er nichts außer einem Häufchen Asche hinterlässt.

Ein greller Blitz blendet den Mann für einen Augenblick. Als er wieder sehen kann, befindet er sich an einem Holzsteg, der am Ufer des Schwarzen Flusses angebracht ist und zu einer Fähre führt. Das unruhige Wasser hebt die Plattform in kurzen Abständen an und lässt sie wieder niedersinken.
Vor dem Mann steht eine Warteschlange aus Menschen verschiedensten Alters und beiderlei Geschlechts. Einer nach dem anderen treten sie vor den Fährmann, der in einen grauen Umhang gehüllt ist und eine Stocherstange in der Hand hält.
Ein Greis ist an der Reihe. Er sperrt den Mund weit auf und wartet, bis der Fährmann hineingegriffen und eine Münze herausgezogen hat. Dann wird er mit einem Nicken auf die Fähre gelassen und die Schlange bewegt sich ein Stück vorwärts. Eine Frau öffnet den Mund, lässt eine Münze daraus entnehmen und geht auf die Fähre. Die Schlange bewegt sich weiter. Ein Mann öffnet den Mund, lässt eine Münze daraus entnehmen und geht auf die Fähre. Die Schlange bewegt sich weiter. Ein weiterer Mann öffnet den Mund, lässt eine Münze daraus entnehmen und geht auf die Fähre. Die Schlange bewegt sich weiter. Ein Mädchen öffnet den Mund, lässt eine Münze daraus entnehmen und geht auf die Fähre. Die Schlange bewegt sich weiter.
Als der Mann an die Reihe kommt, öffnet auch er den Mund. Der Fährmann greift hinein, findet darin jedoch keine Münze und schüttelt den Kopf. Er deutet mit der Hand zu seiner Linken, wo ein Pfad beginnt.
Der Mann weiß nicht, wie lange er schon dem Pfad folgt, als er einen Hügelkamm überschreitet und das kleine Holzhaus sieht, das in einer Senke neben dem mächtigen Stamm eines abgestorbenen Mammutbaumes steht.
Nächstes Thema für Clive's Crazy Corner? Abstimmung hier.

(die Abstimmung wird noch eine Weile laufen - zum Tippen komme ich vermutlich erst gegen Ende Mai...)

Sittich

Reservoir Dog

Beiträge: 3 147

Registrierungsdatum: 15. September 2008

Freue mich auf: richtig

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2

Sonntag, 22. Oktober 2017, 12:06

Unerwartet. Interessant. Seltsam.

blacksun

Keyser Soze

Beiträge: 3 841

Registrierungsdatum: 6. September 2007

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3

Sonntag, 22. Oktober 2017, 19:00

gut geschrieben, aber was hat das mit dem Thema Grenze zu tun? OK, der Fluss und das Landhaus als Grenze zum Reich der Toten. Aber mmmmh ok, gut. kann man noch gelten lassen. ;)

wobei ich eher sagen würde, der Mann ist schon übern Jordan (oder den Styx) und befindet sich in der Hölle.
2017:
Es: 6/10
Mord im Orient-Express: 3,5/10
StarWars (2D): 4/10
2018:
??? -/-

Clive77

Serial Watcher

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4

Samstag, 16. Dezember 2017, 23:20

Gute Geschichte! :top:
Hat mir sehr gefallen, von vorne bis hinten oder ... im Kreis? :ugly:

Jedenfalls toll geschrieben und mit einem "Zum Nachdenken" Ende. Entgegen Blacksun würde ich meinen, dass unser Protagonist das große Leid hat, sich weder in der Hölle, noch im Himmel wiederzufinden. Eher in einer Zwischenwelt, die er jetzt immer wieder durchleben darf - was man natürlich auch als Hölle interpretieren kann. Er ist halt auf der "Grenze".
Nächstes Thema für Clive's Crazy Corner? Abstimmung hier.

(die Abstimmung wird noch eine Weile laufen - zum Tippen komme ich vermutlich erst gegen Ende Mai...)

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