Auswirkungen (von Literatur auf die Gesellschaft)

Woodstock

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Das ist jetzt mehr an die Autoren hier im Forum gerichtet und an alle die es werden wollen.

Der Traum eines jeden ist es veröffentlich zu werden und das eure Werke auch ankommen und gemocht werden. Aber habt ihr schon mal über die Folgen eurer Werke nachgedacht? Habt ihr in euren Köpfen schon hypothetische Abläufe abspielen lassen, was passieren kann wenn jemand die Aussagen oder eurer Werke versteht oder schlimmer noch missversteht? Jemand mit einem verdrehten Gehirn oder mit Einfluss? Egal ob es ein Aritkel, ein politisches Manifest (Lenin), eine Sammlung von Thesen (Luther) oder nur ein Roman (Mark Chapman) ist. Dadurch das man es in die Welt setzt, können bestimmte Menschen auf dumme Ideen kommen. Ideen, auf die sie vielleicht sonst nicht gekommen wären.

Als Autor trägt man schon eine Menge verantwortung. Findet ihr nicht? Denkt ihr manchmal darüber nach?
 

Tyler Durden

Weltraumaffe
Teammitglied
Kommt auf die Zielgruppe an. Wenn du für Kinder und Jugendliche schreibst, dann hast du sicher mehr Verantwortung als wenn du für Erwachsene schreibst.
Und was ich auch immer schlimm finde, ist wenn ein Autor wie Erich von Däniken die wildesten Theorien (die er größtenteils aus Sci-Fi-Romanen zusammengeklaut hat) in die Welt setzt und sie dabei als Sachbuch verkauft. Als wären es belegte Tatsachen. Warum veröffentlichen sie das nicht unter Fantasy?
Auch solche populistischen Hetzbücher wie die von Thilo Sarazzin halte ich für sehr bedenklich.

Da ich aber fiktive Geschichten schreibe und nichts anderes behaupte, traue ich den Lesern genug Vernunft zu, um das Buch auch nur als ein Buch zu sehen und nichts nachmachen zu wollen. Nur die psychisch labilen (oder geistesgestörten) Menschen lesen eine fiktive Geschichte über Vampire (zum Beispiel) und glauben dann, dass es welche geben muss.
Bei "realistischen" Thrillern ist es etwas anders. Wenn man in einer Geschichte detailliert beschreibt, wie man einen "perfekten Mord" begeht, und jemand in der Realität macht es nach, dann ist man vielleicht schon mitverantwortlich. Stephen King hat damals sein Buch "Rage" ("Amok") vom Markt genommen, nachdem ein Amokläufer nach demselben Plan vorgegangen ist und man das Buch von King in seinem Spind fand. Aber auch hier war es doch ein Leser, der schon vor dem Lesen des Buches geistesgestört gewesen sein muss, denn so eine Einstellung entwickelt sich bestimmt nicht über Nacht; die Verzweiflung muss schon vorher dagewesen sein.
Deshalb finde ich nicht, dass man die Autoren für solche Taten verurteilen sollte. Man zeigt ja schließlich nur eine Geschichte und sagt nicht, dass man das nachmachen muss.

Und solange man nur ein Dutzend Leser hat, sind die Auswirkungen sowieso sehr begrenzt:wink:

Wenn ich so überlege: Sind die Nachrichten dann nicht mitschuldig, wenn sie z.B. über eine Entführung und Geiselnahme (mit Geldforderungen) berichten und jemand dadurch auf die Idee kommt, dasselbe zu machen? :check:

EDIT: Habe mir die Freiheit genommen und den Threadtitel erweitert, sonst war es nichtssagend:wink:
 

Clive77

Serial Watcher
Sehe ich ähnlich wie Tyler.

Man muss schon unterscheiden, mit welcher Motivation ein Buch veröffentlicht wird. Wenn es nur der Unterhaltung dienen soll, ist für mich eigentlich klar, dass der Autor nur eine fiktive Geschichte abliefert (egal, wie realistisch das Szenario auch sein mag) und es liegt dann in der Verantwortung des Lesers, wie er damit umgeht.
Bei Sachbüchern, politischen Schriften, religiösen Texten, etc. sieht das schon anders aus. Sachbücher sollen Fakten vermitteln und den Leser über Tatsachen aufklären. Da muss der Autor gründlich recherchiert haben und Unsicherheiten oder Theorien als solche kennzeichnen. In meinem Fachbereich wird jedes neu erschienene Buch auch kurz nach der Veröffentlichung (oder teilweise schon davor) von anderen Fachleuten gelesen und in einschlägigen Journalen kritisiert und bewertet. Wenn dort jemand auf Meinungsmache setzt oder Details falsch darstellt, wird das schnell bemerkt und entsprechend kritisiert - mit anderen Worten: Der Autor wird automatisch zur Verantwortung gezogen.
Bei politischen und religiösen Werken sollte hingegen klar sein, dass der Autor seine Meinungen und Ansichten an den Leser weitergeben will. Da sehe ich eine große Verantwortung beim Autoren, denn er will in dem Fall ja, dass die Leser ihm folgen und entsprechend handeln. Wobei es natürlich auch am Leser liegt, wie er mit solchen Werken umgeht.
 

Presko

Don Quijote des Forums
Schwierige Fragen, haben wir ja auch schon im Falle von Spielen und Filmen besprochen. Ich sehe es überall ähnlich. Grundsätzlich stellt sich halt die Frage, wodurch entsteht Verantwortung. Ich denke, immer wenn ich mit einem Ereignis kausal verbunden bin, trage ich irgendeine Art von Verantwortung. Sei das, weil ich zu dem Ereignis beitrage, es auslöse, davon profitiere etc. Das gilt für alle Bereiche des Lebens. Als Konsument bspw. trage ich eine gewisse Mitverantwortung für die lebensunwürdigen Arbeitsbedingungen von Arbeitern in Drittweltländern, von deren Ausbeutung ich profitiere. Beim Buch setze ich etwas in die Welt, und möchte, dass es gelesen, vielleicht gekauft wird. Ich trage mit meinem Buch, ganz egal, ob es Unterhaltung oder Sachbuch oder was auch immer zur Kultur bei. Kultur prägt die Gesellschaft. Als aufgeklärter Mensch heute weiss ich um die Problematiken, die es gibt, ich kann mir überlegen, wie ein Buch aufgenommen wird, wie es verstanden werden könnte und ich kann mich auch fragen: gehe ich damit zu weit, könnte das bspw. als Aufruf zur Gewalt verstanden werden, oder transportiert es rassistische Stereotype, werden Figuren darin diskriminiert und ist das für die Geschichte nötig etc. Es gibt tausend mögliche Fragen. Wenn bspw. die Bösen Onkelz (nehmen wir mal an die Gerüchte stimmen, ich habe nie was von denen gehört) rassistischen Mist singen, tragen sie eine Mitverantwortung an der rassistischen Wirkung dieser Lieder. Ob sie nun missverstanden sind oder nicht. Wenn Serienproduzenten wie im Fall einer Serie wie 24 das Bild einer Welt zeigen, in der Folter ein geeignetes Verhörmittel ist, indem Menschenrechtler immer als Idioten dargestellt werden und Patriotismus daraus besteht, ohne Rücksicht auf Verluste sich durch potenzielle Feinde durchzufoltern und zu morden und dann tatsächlich Soldaten auf die Idee kommen, so sei die Welt - tragen sie eine Mitverantwortung für diese Entwicklung. Ich bspw. beobachte mit Sorge dieser wiederaufflammende Trend zu Selbstjustizreissern. Ich denke, dass solche Filme genauso ein Menschenbild und ein Bild von Recht und Unrecht transportieren, wie es auch politische oder religiöse Werke tun, von denen Clive geschrieben hat. Auch ein fiktiver Roman vermittelt in der Regel ein Welt-, Werte- und Menschenbild. Manchmal sind die Aussagen des Autors deutlicher in eine Richtung, manchmal offener. Das ist kein Plädoyer für Fremd- oder Selbstzensur. Denn Bücher, Filme, Spiele sind ja nur der eine Teil. Sie wirken genauso auf die Kultur und Mentalität einer Gesellschaft, wie die Mentalität der Gesellschaft auf sie einwirken.


Tyler Durden schrieb:
Wenn ich so überlege: Sind die Nachrichten dann nicht mitschuldig, wenn sie z.B. über eine Entführung und Geiselnahme (mit Geldforderungen) berichten und jemand dadurch auf die Idee kommt, dasselbe zu machen?
Nachrichten tragen definitiv eine Verantwortung und müssen sich immer wieder fragen, wie berichten wir über etwas, und was und wie wollen wir es zeigen.

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Tyler Durden schrieb:
Da ich aber fiktive Geschichten schreibe und nichts anderes behaupte, traue ich den Lesern genug Vernunft zu, um das Buch auch nur als ein Buch zu sehen und nichts nachmachen zu wollen. Nur die psychisch labilen (oder geistesgestörten) Menschen lesen eine fiktive Geschichte über Vampire (zum Beispiel) und glauben dann, dass es welche geben muss.
Es muss ja nicht darum gehen, ob jemand dann gleich glaubt, dass es Vampire gibt. Aber wenn du einen extrem brutalen Horrorroman geschrieben hättest, könnte man sich fragen, ist er nicht ein Teil eines Kulturtrends, der seinen Konsumenten Gewalt auf eine Art verkauft, die womöglich problematisch ist. Dass sich ein Trend einstellt, durch welchen Gewalt verherrlicht oder irgendwie halt normalisiert wird. Gewalt als reines Unterhaltungsprodukt und dass es viele Menschen gibt, die sich so in diese Gewaltkultur reingeworfen haben, dass ihnen ein gewisses Mass an Empathie verloren gegangen ist. Oder wie gesagt, bei Selbstjustizstoffen. Dass der Leser ein gutes Gefühl dabei kriegt, wenn der Held Rache übt und das Gefühl bekommt, eigentlich ist das gerecht, eigentlich wäre das richtig und nicht diese Kuscheljustiz von heute. (das sind keine eindeutigen Meinungen von mir, sondern sind einfach sehr vereinfachte und zugespitzte Beispiele)

Clive77 schrieb:
Man muss schon unterscheiden, mit welcher Motivation ein Buch veröffentlicht wird. Wenn es nur der Unterhaltung dienen soll, ist für mich eigentlich klar, dass der Autor nur eine fiktive Geschichte abliefert (egal, wie realistisch das Szenario auch sein mag) und es liegt dann in der Verantwortung des Lesers, wie er damit umgeht.
Ich glaube einfach, dass es ein Fehschluss ist, zu meinen, man könne so einfach zwischen fiktiver Geschichte und Sachbuch unterscheiden. Fiktive Geschichten setzen sich in der Regel auch mit Menschen und Gesellschaften auseinander. Häufig mit gesellschaftlichen Fragen. Sie nehmen oft auch Stellung zu Problemen ein und stellen Probleme in einem bestimmten Licht dar. Ich würde sogar sagen, häufig haben Meinungen und Werte, welche über fiktive Stoffe vermittelt werden, einen grösseren Effekt, als eindeutig politische Informationen oder Sachbücher, weil sie unbewusst aufgenommen werden und häufig über Emotionen vermittelt werden.

Clive77 schrieb:
Bei Sachbüchern, politischen Schriften, religiösen Texten, etc. sieht das schon anders aus. Sachbücher sollen Fakten vermitteln und den Leser über Tatsachen aufklären.
Und so liest man es dann eben auch. Als die Meinung oder Darstellung von jemandem, das man vielleicht überprüft, das man annimmt, oder ablehnt.
 

Presko

Don Quijote des Forums
Schwierige Fragen, haben wir ja auch schon im Falle von Spielen und Filmen besprochen. Ich sehe es überall ähnlich. Grundsätzlich stellt sich halt die Frage, wodurch entsteht Verantwortung. Ich denke, immer wenn ich mit einem Ereignis kausal verbunden bin, trage ich irgendeine Art von Verantwortung. Sei das, weil ich zu dem Ereignis beitrage, es auslöse, davon profitiere etc. Das gilt für alle Bereiche des Lebens. Als Konsument bspw. trage ich eine gewisse Mitverantwortung für die lebensunwürdigen Arbeitsbedingungen von Arbeitern in Drittweltländern, von deren Ausbeutung ich profitiere. Beim Buch setze ich etwas in die Welt, und möchte, dass es gelesen, vielleicht gekauft wird. Ich trage mit meinem Buch, ganz egal, ob es Unterhaltung oder Sachbuch oder was auch immer zur Kultur bei. Kultur prägt die Gesellschaft. Als aufgeklärter Mensch heute weiss ich um die Problematiken, die es gibt, ich kann mir überlegen, wie ein Buch aufgenommen wird, wie es verstanden werden könnte und ich kann mich auch fragen: gehe ich damit zu weit, könnte das bspw. als Aufruf zur Gewalt verstanden werden, oder transportiert es rassistische Stereotype, werden Figuren darin diskriminiert und ist das für die Geschichte nötig etc. Es gibt tausend mögliche Fragen. Wenn bspw. die Bösen Onkelz (nehmen wir mal an die Gerüchte stimmen, ich habe nie was von denen gehört) rassistischen Mist singen, tragen sie eine Mitverantwortung an der rassistischen Wirkung dieser Lieder. Ob sie nun missverstanden sind oder nicht. Wenn Serienproduzenten wie im Fall einer Serie wie 24 das Bild einer Welt zeigen, in der Folter ein geeignetes Verhörmittel ist, indem Menschenrechtler immer als Idioten dargestellt werden und Patriotismus daraus besteht, ohne Rücksicht auf Verluste sich durch potenzielle Feinde durchzufoltern und zu morden und dann tatsächlich Soldaten auf die Idee kommen, so sei die Welt - tragen sie eine Mitverantwortung für diese Entwicklung. Ich bspw. beobachte mit Sorge dieser wiederaufflammende Trend zu Selbstjustizreissern. Ich denke, dass solche Filme genauso ein Menschenbild und ein Bild von Recht und Unrecht transportieren, wie es auch politische oder religiöse Werke tun, von denen Clive geschrieben hat. Auch ein fiktiver Roman vermittelt in der Regel ein Welt-, Werte- und Menschenbild. Manchmal sind die Aussagen des Autors deutlicher in eine Richtung, manchmal offener. Das ist kein Plädoyer für Fremd- oder Selbstzensur. Denn Bücher, Filme, Spiele sind ja nur der eine Teil. Sie wirken genauso auf die Kultur und Mentalität einer Gesellschaft, wie die Mentalität der Gesellschaft auf sie einwirken.


Tyler Durden schrieb:
Wenn ich so überlege: Sind die Nachrichten dann nicht mitschuldig, wenn sie z.B. über eine Entführung und Geiselnahme (mit Geldforderungen) berichten und jemand dadurch auf die Idee kommt, dasselbe zu machen?
Nachrichten tragen definitiv eine Verantwortung und müssen sich immer wieder fragen, wie berichten wir über etwas, und was und wie wollen wir es zeigen.

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Tyler Durden schrieb:
Da ich aber fiktive Geschichten schreibe und nichts anderes behaupte, traue ich den Lesern genug Vernunft zu, um das Buch auch nur als ein Buch zu sehen und nichts nachmachen zu wollen. Nur die psychisch labilen (oder geistesgestörten) Menschen lesen eine fiktive Geschichte über Vampire (zum Beispiel) und glauben dann, dass es welche geben muss.
Es muss ja nicht darum gehen, ob jemand dann gleich glaubt, dass es Vampire gibt. Aber wenn du einen extrem brutalen Horrorroman geschrieben hättest, könnte man sich fragen, ist er nicht ein Teil eines Kulturtrends, der seinen Konsumenten Gewalt auf eine Art verkauft, die womöglich problematisch ist. Dass sich ein Trend einstellt, durch welchen Gewalt verherrlicht oder irgendwie halt normalisiert wird. Gewalt als reines Unterhaltungsprodukt und dass es viele Menschen gibt, die sich so in diese Gewaltkultur reingeworfen haben, dass ihnen ein gewisses Mass an Empathie verloren gegangen ist. Oder wie gesagt, bei Selbstjustizstoffen. Dass der Leser ein gutes Gefühl dabei kriegt, wenn der Held Rache übt und das Gefühl bekommt, eigentlich ist das gerecht, eigentlich wäre das richtig und nicht diese Kuscheljustiz von heute. (das sind keine eindeutigen Meinungen von mir, sondern sind einfach sehr vereinfachte und zugespitzte Beispiele)

Clive77 schrieb:
Man muss schon unterscheiden, mit welcher Motivation ein Buch veröffentlicht wird. Wenn es nur der Unterhaltung dienen soll, ist für mich eigentlich klar, dass der Autor nur eine fiktive Geschichte abliefert (egal, wie realistisch das Szenario auch sein mag) und es liegt dann in der Verantwortung des Lesers, wie er damit umgeht.
Ich glaube einfach, dass es ein Fehschluss ist, zu meinen, man könne so einfach zwischen fiktiver Geschichte und Sachbuch unterscheiden. Fiktive Geschichten setzen sich in der Regel auch mit Menschen und Gesellschaften auseinander. Häufig mit gesellschaftlichen Fragen. Sie nehmen oft auch Stellung zu Problemen ein und stellen Probleme in einem bestimmten Licht dar. Ich würde sogar sagen, häufig haben Meinungen und Werte, welche über fiktive Stoffe vermittelt werden, einen grösseren Effekt, als eindeutig politische Informationen oder Sachbücher, weil sie unbewusst aufgenommen werden und häufig über Emotionen vermittelt werden.

Clive77 schrieb:
Bei Sachbüchern, politischen Schriften, religiösen Texten, etc. sieht das schon anders aus. Sachbücher sollen Fakten vermitteln und den Leser über Tatsachen aufklären.
Und so liest man es dann eben auch. Als die Meinung oder Darstellung von jemandem, das man vielleicht überprüft, das man annimmt, oder ablehnt.
 

Tyler Durden

Weltraumaffe
Teammitglied
Presko schrieb:
Schwierige Fragen, haben wir ja auch schon im Falle von Spielen und Filmen besprochen. Ich sehe es überall ähnlich. Grundsätzlich stellt sich halt die Frage, wodurch entsteht Verantwortung. Ich denke, immer wenn ich mit einem Ereignis kausal verbunden bin, trage ich irgendeine Art von Verantwortung. Sei das, weil ich zu dem Ereignis beitrage, es auslöse, davon profitiere etc. Das gilt für alle Bereiche des Lebens. Als Konsument bspw. trage ich eine gewisse Mitverantwortung für die lebensunwürdigen Arbeitsbedingungen von Arbeitern in Drittweltländern, von deren Ausbeutung ich profitiere.
Und wenn du ein Produkt kaufst, ohne zu wissen, dass es unter solchen Bedingungen hergestellt wurde? Bist du dann trotzdem mitverantwortlich?
Ich habe den Eindruck, dass du dich einflussreicher und mächtiger fühlst, als du tatsächlich bist:wink: Die Verantwortung für solche Arbeitsbedingungen liegt beim Arbeitgeber. Deiner "Logik" nach wäre eine Frau, die ihren Mann provoziert und daraufhin geschlagen wird, mitschuld. Ich finde aber, dass die Schuld immer bei dem tatsächlichen Täter liegt und nicht bei anderen Leuten, die ihn mit ihren Worten oder Taten vielleicht dazu verleitet haben. Oder wenn eine Frau sich sehr freizügig kleidet und daraufhin vergewaltigt wird, kommen ja immer wieder Stimmen, die sagen, sie sei mitschuld. Ich finde es unangebracht, wie die Schuld von Tätern genommen und auf die ganze Gesellschaft verteilt wird. Konkretes Beispiel: Waren die Mädchen, die den Amokläufer abgewiesen haben, schuldig an seinem Amoklauf? Deiner Ansicht nach müssen sie ja eine große Mitschuld tragen.
Und wir als Endkunden haben noch weit weniger Einfluss auf die Arbeitsbedingungen am anderen Ende der Welt. Also bitte, hör auf, den Menschen schlechtes Gewissen für die Verbrechen anderer Leute einzureden:wink: Das sind größenwahnbedingte Schuldkomplexe, wenn man mich fragt.
Beim Buch setze ich etwas in die Welt, und möchte, dass es gelesen, vielleicht gekauft wird. Ich trage mit meinem Buch, ganz egal, ob es Unterhaltung oder Sachbuch oder was auch immer zur Kultur bei. Kultur prägt die Gesellschaft. Als aufgeklärter Mensch heute weiss ich um die Problematiken, die es gibt, ich kann mir überlegen, wie ein Buch aufgenommen wird, wie es verstanden werden könnte und ich kann mich auch fragen: gehe ich damit zu weit, könnte das bspw. als Aufruf zur Gewalt verstanden werden, oder transportiert es rassistische Stereotype, werden Figuren darin diskriminiert und ist das für die Geschichte nötig etc.
Du vergisst anscheinend, dass es nicht nur geistig gesunde Menschen gibt. Ein Verrückter kann ÜBERALL etwas hineininterpretieren, sowas kannst du gar noch vorhersehen. Du kannst nur dann sicher sein, kein schlechtes Ereignis auszulösen, wenn in deinem Buch sich alle lieb haben, es keine Leiden auf der Welt gibt und niemand stirbt. Also weit von der Realität entfernt.
Und was die Diskriminierung und Stereotype angeht, ist es noch schwieriger, weil hier auch viel hineininterpretiert wird. Die Frage ist: Soll man die Welt so zeigen, wie sie ist oder so, wie sie sein sollte? Denn anscheinend wird es von vielen bereits als rassistisch gewertet, wenn in einem Buch ein krimineller Afroamerikaner vorkommt. Man darf nur noch Weiße als Kriminelle zeigen, als gäbe es keine Verbrecher mit dunkleren Hautfarben. Ich hatte mal gelesen, wie einer "Kick-Ass" als rassistisch verurteilt hat, weil dort eine Gruppe von Afroamerikanern als Verbrecher gezeigt wurde. Dass es auch den schwarzen Kumpel von Big Daddy gab, der bei der Polizei arbeitete und eine absolut positive Figur war, interessierte den aufgebrachten Kritiker nicht. Außerdem darf man keine oberflächlichen "schuhgeilen" Frauen zeigen, weil es "frauenfeindlich" ist. Man muss so tun, als gäbe es nur emanzipierte, gutmütige, ehrliche Frauen.
Über weiße Männer darf man natürlich weiterhin alles schreiben.
Es muss ja nicht darum gehen, ob jemand dann gleich glaubt, dass es Vampire gibt. Aber wenn du einen extrem brutalen Horrorroman geschrieben hättest, könnte man sich fragen, ist er nicht ein Teil eines Kulturtrends, der seinen Konsumenten Gewalt auf eine Art verkauft, die womöglich problematisch ist. Dass sich ein Trend einstellt, durch welchen Gewalt verherrlicht oder irgendwie halt normalisiert wird. Gewalt als reines Unterhaltungsprodukt und dass es viele Menschen gibt, die sich so in diese Gewaltkultur reingeworfen haben, dass ihnen ein gewisses Mass an Empathie verloren gegangen ist. Oder wie gesagt, bei Selbstjustizstoffen. Dass der Leser ein gutes Gefühl dabei kriegt, wenn der Held Rache übt und das Gefühl bekommt, eigentlich ist das gerecht, eigentlich wäre das richtig und nicht diese Kuscheljustiz von heute. (das sind keine eindeutigen Meinungen von mir, sondern sind einfach sehr vereinfachte und zugespitzte Beispiele
Mein Horrorroman ist nicht extrem brutal und verherrlicht keine Selbstjustiz. Aber ich lese auch Extremhorror und bin froh, dass es dort (fast) keine Zensur gibt. Ich bin mir immer darüber im Klaren, dass es nur ein Buch ist, und habe genug Verstand, um es nicht nachzumachen. Es wäre doch schade, wenn alle Autoren nur noch das schreiben würden, was ganz bestimmt niemanden aufregt und keine Gewalt zeigt, nur weil irgendwelche Spinner Fiktion und Realität nicht auseinanderhalten können.
Ich glaube einfach, dass es ein Fehschluss ist, zu meinen, man könne so einfach zwischen fiktiver Geschichte und Sachbuch unterscheiden. Fiktive Geschichten setzen sich in der Regel auch mit Menschen und Gesellschaften auseinander. Häufig mit gesellschaftlichen Fragen. Sie nehmen oft auch Stellung zu Problemen ein und stellen Probleme in einem bestimmten Licht dar. Ich würde sogar sagen, häufig haben Meinungen und Werte, welche über fiktive Stoffe vermittelt werden, einen grösseren Effekt, als eindeutig politische Informationen oder Sachbücher, weil sie unbewusst aufgenommen werden und häufig über Emotionen vermittelt werden.
Klar muss man einen Unterschied zwischen Sachbüchern und Fiktion machen. Die Ersteren erheben nämlich den Anspruch, nur die Tatsachen zu schildern, während das Letztere zugibt, erfunden zu sein. Sachbücher wollen die Leser belehren, während Belletristik in erster Linie unterhalten will.
Oder machst du auch keinen Unterschied zwischen Dokumentationen und Spielfilmen? In beiden kommen ja Menschen und Tiere vor.
 

Presko

Don Quijote des Forums
Tyler Durden schrieb:
Und wenn du ein Produkt kaufst, ohne zu wissen, dass es unter solchen Bedingungen hergestellt wurde? Bist du dann trotzdem mitverantwortlich?
Ich habe den Eindruck, dass du dich einflussreicher und mächtiger fühlst, als du tatsächlich bist Die Verantwortung für solche Arbeitsbedingungen liegt beim Arbeitgeber. Deiner "Logik" nach wäre eine Frau, die ihren Mann provoziert und daraufhin geschlagen wird, mitschuld. Ich finde aber, dass die Schuld immer bei dem tatsächlichen Täter liegt und nicht bei anderen Leuten, die ihn mit ihren Worten oder Taten vielleicht dazu verleitet haben. Oder wenn eine Frau sich sehr freizügig kleidet und daraufhin vergewaltigt wird, kommen ja immer wieder Stimmen, die sagen, sie sei mitschuld. Ich finde es unangebracht, wie die Schuld von Tätern genommen und auf die ganze Gesellschaft verteilt wird. Konkretes Beispiel: Waren die Mädchen, die den Amokläufer abgewiesen haben, schuldig an seinem Amoklauf? Deiner Ansicht nach müssen sie ja eine große Mitschuld tragen.
Und wir als Endkunden haben noch weit weniger Einfluss auf die Arbeitsbedingungen am anderen Ende der Welt. Also bitte, hör auf, den Menschen schlechtes Gewissen für die Verbrechen anderer Leute einzureden Das sind größenwahnbedingte Schuldkomplexe, wenn man mich fragt.

Das Thema mit dem Konsum und Verantwortung im globalen Kontext ist extrem komplex. Ich habe schon zwei Seminararbeiten in dem Bereich geschrieben und auch meine Masterarbeit wird dahingehend. Das ich mich für zu mächtig fühle ist quatsch. Ich mache mir das Leben ja nicht schöner, wenn ich sage, mit meinem Konsumverhalten trage ich für bestimmte Misstände eine Mitverantwortung. Deine Vergleiche mit diesen anderen Beispielen erscheinen mir absurd. Ich kann da keine Parallelen ausmachen . Beim Konsum geht's ja darum, dass man davon profitiert, dass jemand ausgenutzt wird, dass man darum weiss, und dass man Alternativen hat. Bzw. diese Punkte haben Einfluss auf die Verantwortung. Intention, Absehbarkeit der Folgen, wie direkt man kausal zu einem Ereignis beiträgt, inwiefern man eine freie Entscheidung getroffen und Alternativen hatte - das alles sind Kriterien, über die sich Verantwortung bestimmen lässt. Auch das mit dem Amoklauf und den Mädchen ist ein Vergleich, bei dem ich nicht sehe, wo da die Parallelen sind. Wenn die Mädchen wussten, dass er einen Amoklauf plant, und nicht zur Polizei oder Eltern oder Lehrern sind, dann würden sie z.B. eine Mitverantwortung tragen. Aber nochmal, das hat überhaupt nichts mit dem Konsumbeispiel zu tun. Das sind komplett unterschiedliche Situationen, wo man jede für sich genau analysieren müsste. Beim Konsum ist man sich in der Literatur zumindest einigermassen einig, dass es eine gewisse Mitverantwortung gibt (genauso in der Frage, ob die wohlhabende westliche Welt Mitverantwortung an extremer Armut trägt). Wie weit diese geht, was die Folgen davon sind - da gehen die Meinungen extrem auseinander.

Tyler Durden schrieb:
Ein Verrückter kann ÜBERALL etwas hineininterpretieren, sowas kannst du gar noch vorhersehen. Du kannst nur dann sicher sein, kein schlechtes Ereignis auszulösen, wenn in deinem Buch sich alle lieb haben, es keine Leiden auf der Welt gibt und niemand stirbt. Also weit von der Realität entfernt. Und was die Diskriminierung und Stereotype angeht, ist es noch schwieriger,
Ich scheine mich nicht verständlich auszudrücken. ich sage nicht, jemand ist bspw. an einem Amoklauf schuld, wenn der sich an einer Szene in einem Roman orientiert. Er trägt aber eine gewisse Verantwortung daran, wenn sich der Amokläufer durch den Roman angestachelt gefühlt hat. Verantwortung heisst im Übrigen auch nicht gleich Schuld. Es bedeutet nur, dass der Roman einen Einfluss hatte. Ob ich die Darstellung im Roman schliesslich auch noch moralisch verurteilen würde, käme auf den Roman an.
Und natürlich gibt es Kontexte von Büchern. Je nach Kontext macht ein rassistischer Charakter Sinn oder auch Stereotype sind als Stilelement durchaus Ok. Das muss am Kontext beurteilt werden. Eine Satire bietet einen anderen Kontext, als ein realistischer Milieuroman. Ein comichafter Horrorroman bildet ebenfalls einen anderen Kontext, als ein realistischer, sozialkritischer Krimi.

Tyler Durden schrieb:
Mein Horrorroman ist nicht extrem brutal und verherrlicht keine Selbstjustiz. Aber ich lese auch Extremhorror und bin froh, dass es dort (fast) keine Zensur gibt. Ich bin mir immer darüber im Klaren, dass es nur ein Buch ist, und habe genug Verstand, um es nicht nachzumachen. Es wäre doch schade, wenn alle Autoren nur noch das schreiben würden, was ganz bestimmt niemanden aufregt und keine Gewalt zeigt, nur weil irgendwelche Spinner Fiktion und Realität nicht auseinanderhalten können
Auch hier es geht mir gar nicht um die Zensur. Aber, es ist so, dass solche solche Genres wahrscheinlich einen Einfluss auf Menschen haben können. Und Kultur beeinflusst eine Gesellschaft und darum haben Künstler eine Verantwortung daran, wie sie die Gesellschaft beeinflussen. Daraus folgt keine Mitschuld an Amokläufen oder so. Das muss jeder Künstler für sich selbst entscheiden und mit sich selbst ausmachen. Aber ich finde es feige und falsch, wenn Künstler das Gefühl haben, sobald sie etwas geschrieben und veröffentlicht haben, hätten sie nichts mehr damit zu tun, was ihr Werk für eine Wirkung entfaltet.

Tyler Durden schrieb:
Oder machst du auch keinen Unterschied zwischen Dokumentationen und Spielfilmen? In beiden kommen ja Menschen und Tiere vor.
Dass ein Sachbuch und ein Unterhaltungsroman nicht das gleiche ist, das ist mir schon klar. Aber zu behaupten, das Sachbuch oder das Manifest habe einen Einfluss auf die Menschen und der Autor trägt hier eine Verantwortung und beim fiktionalen Werk nicht, das halte ich für falsch. Beide beeinflussen Menschen auf unterschiedliche Weise und wie ich das meine habe ich oben ja noch genauer ausgeführt.
 
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