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Clive77

Serial Watcher

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Sonntag, 13. November 2016, 00:22

Story XLIII - Die unheilige Schrift

Tief in ihre Gedanken versunken, ließ Marie ihren Blick über die Landschaft schweifen, die an ihrer Droschke vorüberzog. Die beiden Koffer zu ihren Füßen enthielten ihre gesamten Habseligkeiten – in dem größeren befand sich ihre Kleidung, in dem kleineren lagen einige Bücher und die wenigen Andenken, die ihr von ihrem Elternhaus geblieben waren. Alles andere war bei dem Brand von den Flammen gefressen und unwiderruflich zerstört worden.
Auf beiden Seiten der Straße erstreckten sich weite Weizenfelder, die im Wind wie die Wellen eines Meeres hin und her wogten. Dazwischen gab es freie Flächen, auf denen ganze Herden von Kühen und Schafen weideten. In den Straßen von Bremen aufgewachsen, war Marie ein Stadtmensch und noch nie in einer derart tiefen Provinz gewesen. In der Luft hing der Gestank nach Dung, die Straßen waren nicht bepflastert, die Gegend wirkte wie ausgestorben. Marie versuchte sich auszumalen, wie sie in dieser Einöde älter werden und irgendwann einen Bauern heiraten würde, dann Kinder von ihm bekommen und sich um den Haushalt kümmern. Bei dieser Vorstellung wurde ihr ganz mulmig zumute. Sie wollte dort sein, wo die Straßen voller Leben waren und die Lichter niemals ausgingen, wo die Menschen moderne Kleidung trugen und die Luft von stimmungsvoller Musik erfüllt war. Stattdessen war sie dazu verdonnert, in diese gottverlassene Gegend zu ziehen, wo es wahrscheinlich nicht einmal den elektrischen Strom gab, und zwischen all den Kühen, Pferden und Schafen zu leben.
Andererseits war es besser als das Kloster, in dem sie die letzten zwei Wochen verbracht hatte.

Marie trug einen breitkrempigen schwarzen Hut, der ihre Augen vor den Sonnenstrahlen schützte. Vor drei Monaten war sie sechzehn Jahre alt geworden, doch wegen ihrer Statur wirkte sie älter und reifer. Sie trug dasselbe schwarze Kleid, das sie bei der Beerdigung getragen hatte … Den Gedanken schob sie hastig beiseite.
"Wie weit ist es noch?", wandte sie sich an den Kutscher, um sich abzulenken.
"Wir sind gleich da", erwiderte der Mann, der vor ihr auf dem Bock saß und die Droschke lenkte. Er drehte seinen Kopf zu ihr um. "Weiß Ihre Tante, dass Sie heute kommen, junges Fräulein?"
"Natürlich weißt sie das; sie hat mir doch selbst einen Brief geschrieben und mich eingeladen."
Bevor der Mann sich wieder der Straße vor ihm zuwandte, huschten seine flinken Augen über ihren Busen. Marie war es inzwischen gewohnt, dass die Blicke der Männer von ihren Brüsten wie von einem Magnet angezogen wurden.
Als sie bei dem Haus von Tante Judith anlangten, hielt der Kutscher die Droschke an und sprang von dem Bock ab. Er streckte seine Glieder und ließ die Knochen in den Gelenken hörbar knacken, bevor er ihre Koffer herunternahm und an den Straßenrand stellte. Während Marie von der Droschke herunterstieg, öffnete sich die Tür des Hauses ihrer Tante und die Frau trat auf die Veranda heraus.
"Ich wünsche Ihnen alles Gute für die Zukunft, Fräulein", verabschiedete sich der Kutscher mit einem Augenzwinkern und stieg auf den Bock.
"Danke, Ihnen auch", brummte Marie und blickte der Droschke nach, die davonfuhr und eine Staubwolke hinter sich her zog.

Marie wandte sich ihrer Tante zu. Sie war die ältere Schwester ihrer Mutter und sah inzwischen noch älter und magerer aus als vor drei Jahren, als sie zu Besuch in Bremen gewesen war. Die blasse Haut umspannte die Knochen ihres strengen Gesichts.
"Wie war deine Fahrt?", erkundigte sich Tante Judith, nachdem sie sich begrüßt und umarmt hatten.
"Es war ganz gut", entgegnete Marie. "Vielen Dank für die Einladung."
"Ach, das ist doch selbstverständlich", winkte die Tante ab. "Was wären wir für Christen, wenn wir die einzige Tochter meiner Schwester nicht bei uns aufnehmen würden, Gott sei ihrer Seele gnädig." Sie drehte sich zu ihrem Haus um. "Hans!"
Nach einer Weile öffnete sich die Tür und ein Mann trat heraus, dürr und lang. Hans hatte eine angehende Glatze, die er mit den Haaren von der Seite zu kaschieren versuchte.
"Das ist mein Ehemann Hans", stellte Tante Judith vor.
Seine forschenden Augen streiften immer wieder Maries Busen, wobei er einige Erfahrung darin zeigte, möglichst unauffällig die Kurven einer Frau unter die Lupe zu nehmen. Dennoch entging es Marie nicht.
Nachdem sie sich begrüßt hatten, trug er die beiden Koffer ins Haus, während ihre Tante sich weiter nach Maries befinden erkundigte und ihr Beileid aussprach. Sie führte sie in das Zimmer, das sie für Marie vorbereitet hatte, und wünschte ihr eine gute Nacht. Sobald sie allein war, zog sie sich hastig um und fiel erschöpft ins Bett.

Am nächsten Morgen lernte Marie ihre Gastgeber näher kennen. Wenn sie in der Nähe war, fuhr sich Hans unbewusst durch die Haare und leckte sich die Lippen, ohne es zu bemerken. Obgleich er sich wie der Herr des Hauses aufführte, lag die wahre Macht bei Tante Judith. Sie entschied, wann ein neues Pferd oder auch nur ein Sattel angeschafft werden sollte; sie beschloss, wann und was gegessen wurde, und wer welche Kleidung zu welchem Anlass anziehen sollte. Sie war diejenige, die ihren Ehemann jeden Sonntag in die Kirche trieb und das Tischgebet sprach. Sie erinnerte Marie an die Nonnen aus dem Kloster, in dem sie nach dem Brand untergekommen war.

Es passierte am zweiten Tag, den Marie im Haus ihrer Tante verbrachte. Sie saßen am Tisch und hatten vor, zu Mittag zu essen, als Tante Judith das Wort ergriff.
"Sprichst du bitte das Tischgebet, Marie?"
Die Frage traf sie so unvorbereitet, dass Marie eine ganze Weile schwieg. Ihre Gastgeber blickten sie mit gefalteten Händen erwartungsvoll an. "Es tut mir leid, aber das kann ich nicht machen."
"Bist du dem Herrn etwa nicht dankbar, dass Er dir das Essen und ein Dach über dem Kopf gesandt hat?", fragte ihre Tante mit gerunzelter Stirn.
"Es war nicht Gott, der mir das Essen und das Zimmer gegeben hat, sondern ihr", widersprach Marie. "Dafür bin ich Ihnen dankbar, aber ich weiß nicht, was Gott mit alledem zu tun haben soll. Ich habe nichts Gutes von ihm bekommen."
"Er hat dir das Leben geschenkt!"
"Es war meine Mutter, die mir das Leben geschenkt hat", gab Marie zurück. "Es gibt gar keinen Gott." Sie sah in die fassungslosen Gesichter am Tisch.
"Wie kannst du es wagen, so in meinem Haus zu reden?", presste Tante Judith zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. "Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst und unter meinem Dach lebst, erwarte ich von dir Respekt. Ich will nie wieder solche Blasphemie aus deinem Mund hören, hast du verstanden?"
Marie bemühte sich um einen ruhigen Tonfall. "Ich habe großen Respekt vor Ihnen und Ihrem Ehemann, Tante Judith. Ich habe nur keinen Respekt vor Ihrem Gott."
"Bist du etwa eine Teufelsanbeterin?", ihre Tante entsetzt. "Wenn das so ist …"
"Ich bin ganz gewiss keine Teufelsanbeterin", versicherte Marie. "Die Vorstellung eines Teufels ist noch lächerlicher als die Vorstellung eines Gottes. Und falls es doch einen Gott gibt, dann ist er bösartiger als jeder Satan, den Sie sich ausdenken können."
"Lässt du zu, dass sie so mit mir redet?", wandte sich ihre Tante an Hans. "Sag doch endlich was."
Hans räusperte sich. "Solche Worte will ich nie wieder von dir hören, Marie. Jetzt entschuldige dich bei deiner Tante und sprich endlich das Tischgebet. Das Essen wird langsam kalt."
"Wofür soll ich mich denn entschuldigen? Ich habe doch niemanden beleidigt …"
"Du hast unseren Herrn Jesus Christus beleidigt", fiel ihr Tante Judith ins Wort. "Dafür kommst du in die Hölle!"
"Ich glaube nicht an die Hölle", erwiderte Marie. Sie war es leid, solche Gespräche zu führen. Ein Teil von ihr wollte jedes Mal nachgeben und den Menschen am Tisch das sagen, was sie hören wollten, damit sich die Gemüter beruhigten. Doch ein anderer, ein stärkerer Teil kannte keine Kompromisse.
Ihre Tante funkelte sie wütend an. "Bete zu Gott, dass er deine Seele errettet, bevor es zu spät ist."
"Gebete bringen überhaupt nichts." Marie schnaubte verächtlich. "In der Bibel steht doch, dass alles vorbestimmt ist und unser ganzes Leben bereits bei der Geburt feststeht, also kann man mit einem Gebet nichts daran ändern. Zumal Gott sowieso jeden unserer Gedanken kennt und es somit völlig unnötig ist, ihm diese Gedanken nochmals gesondert mitzuteilen."
"Die Schwester Oberin hatte also recht", stellte Tante Judith fest. "Du bist wirklich verdorben und nicht mehr zu retten. Das kommt davon, dass du in einem Sündenpfuhl wie Bremen aufgewachsen bist, zwischen all den Huren und Gottlosen. Ich hatte meine Schwester davor gewarnt, aber sie wollte nicht auf mich hören."
Nun wurde Marie einiges klar. "Hat Ihnen die Leiterin des Klosters geschrieben, damit Sie mich bei sich aufnehmen?"
"Meine Briefe gehen dich nichts an", zischte Tante Judith. "Du kannst froh sein, dass es noch gottesfürchtige Menschen gibt, die sich um anstandslose Kreaturen wie dich kümmern. Du hast die armen Nonnen ganz durcheinandergebracht und Unruhe unter den Schwestern gestiftet."
"Aber die Frauen waren auf dem Wissensstand vom Mittelalter gewesen", wandte Marie ein. "Viele waren überzeugt, dass das ganze Universum sich um die Erde dreht und dass Krankheiten die Bestrafung für unsere Sünden sind. Sie haben noch nie etwas vom elektrischen Strom gehört und halten Blitze für den Zorn Gottes. Das konnte ich doch nicht so lassen!" Jetzt begriff sie, weshalb die Nonnen bei ihrem Abschied so erleichtert gewirkt hatten.
"Von dieser Elekzität habe ich schon gehört", meinte ihre Tante. "Ein Werk des Teufels, davon bin ich überzeugt. Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen!"
"Nur weil Sie nicht genug Vorstellungskraft haben, um die Elektrizität zu begreifen, muss sie noch lange nichts mit Magie oder Teufel zu tun haben."
Das Gesicht rot angelaufen, sprang Tante Judith von ihrem Platz auf und zeigte auf die Tür. "Du gehst auf der Stelle auf dein Zimmer und betest zu Gott", sagte sie entschieden. "Das ist also der Dank dafür, dass man Mitleid hat und jemanden bei sich aufnimmt", fügte sie seufzend hinzu.
Nächstes Thema für Clive's Crazy Corner? Abstimmung hier.

(die Abstimmung wird noch eine Weile laufen - zum Tippen komme ich vermutlich erst gegen Ende Mai...)

Clive77

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Sonntag, 13. November 2016, 00:23

"Ich werde auf mein Zimmer gehen, aber beten werde ich nicht. Nie wieder werde ich beten." Mit diesen Worten verließ Marie den Raum.

In ihrem Zimmer öffnete sie den Koffer mit den Büchern und holte das Foto heraus, das sie zwischen den Seiten aufbewahrte. Es war ein Jahr zuvor in einem Atelier in Bremen aufgenommen worden und zeigte Marie zusammen mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder Max. Die Fotografie war nicht von guter Qualität, aber es war das einzige Bild, auf dem ihre Familie verewigt war. Maries Augen füllten sich mit Tränen, als sie das kleine strahlende Gesicht von Max betrachtete und an die Nacht zurückdachte, in der ihre heile Welt zusammengebrochen war.
Am Abend hatte sie wie immer zu Gott gebetet, bevor sie sich schlafen gelegt hatte. Ihr Zimmer befand sich im Erdgeschoss des Hauses, das sie mit ihrer Familie in Bremen bewohnte. Mitten in der Nacht wurde sie von lautem Krach und Schreien aufgeweckt, die aus dem Obergeschoss zu ihr drangen. Schlaftrunken stand sie vom Bett auf und öffnete die Tür ihres Zimmers, um der Ursache dieser Geräusche nachzuforschen.
Als sie aus ihrem Zimmer trat, fiel die Schläfrigkeit schlagartig von ihr ab. Am oberen Ende der Treppe, die in das Obergeschoss führte, versuchten ihre Eltern – beide in Schlafanzügen und mit zerzausten Haaren – ein Feuer zu löschen, das sich über den Boden und die Wände ausbreitete. Eine brennende Flüssigkeit rann an der Holztreppe herunter und setzte immer mehr Stufen in Brand. In dem Haus breitete sich Rauch aus, der in Maries Lungen brannte und Übelkeit verursachte.
"Was ist passiert?", rief sie mit erstickter Stimme, erhielt jedoch keine Antwort und verharrte unsicher im Erdgeschoss, während ihre Eltern von den Flammen eingekreist wurden.
Max kam aus seinem Zimmer gestürmt, einen Eimer in der Hand. Als Marie erkannte, welcher Eimer es war, setzte ihr Herzschlag für einen Moment aus.
"Max, Nein!", schrie sie, doch er schien sie nicht zu hören. Er war schon immer ein hilfsbereiter und mutiger Junge gewesen. Bevor sie ihn daran hindern konnte, rannte er an der Treppe hoch und kippte das Petroleum, das für die Lampen im Haus bestimmt war, auf die brennenden Stufen.
Augenblicklich ging die ganze Treppe in Flammen auf, ein loderndes Inferno. Max ließ den Eimer fallen und fiel schreiend zurück, als die brennende Flüssigkeit, die auf seine Beine und Bauch gespritzt war, seinen Schlafanzug in Brand setzte und sich in seine Haut hineinfraß. Er wälzte sich auf dem Boden und brüllte wie am Spieß, während das Feuer von der Treppe auf das Erdgeschoss übergriff.
Von dem giftigen Rauch benebelt, eilte Marie zu ihrem Bruder, packte ihn an einem Arm und zerrte ihn aus der brennenden Hölle heraus, doch er stand immer noch in Flammen und schrie immer weiter. Sie rannte in ihr Schlafzimmer, holte die Bettdecke und warf sie auf seinen Körper, um das Feuer zu ersticken. Als sie zu ihren Eltern hinaufblickte, sah sie nur noch Flammen, das ganze Obergeschoss brannte inzwischen lichterloh.
Marie zog die Bettdecke von Max herunter und stellte erleichtert fest, dass das Feuer erloschen war. Doch er hatte immer noch höllische Schmerzen, und als sie ihn hustend und würgend aus dem brennenden Haus nach draußen trug, weinte er ohne Unterlass. Im Garten sank sie auf die Knie, legte ihren Bruder auf den Rasen und versuchte, ihn zu beruhigen, doch es war nicht zu übersehen, dass ihm die Brandwunden höllische Schmerzen bereiteten. Sie flehte Gott an, dass er die Qualen von Max beendete, sie flehte ihn an, dass er ihre Eltern rettete – er war doch gütig und gerecht. Doch auf die Hilfe von oben wartete sie vergeblich. Ihre Eltern konnten nur noch tot aus den Trümmern geborgen werden und es dauerte noch zwei Stunden, bis ihr Bruder an seinen Verletzungen gestorben war - zwei Stunden voller unerträglicher Schmerzen.
Wie konnte Gott das zulassen, fragte sie sich. Er war doch allmächtig; es hätte ihn keine Mühe gekostet, ihrer Familie zu helfen. Doch er hatte all ihre Gebete ignoriert, in denen sie ihn um das Wohl ihrer Familie angefleht hatte. In dieser Nacht bekam ihr Glaube an den Gott die ersten Risse.

Sie kam im Kloster unter, dessen Leiterin mit Maries Mutter befreundet gewesen war. Ohne Obdach und verwaist, war sie zunächst froh und dankbar, dass sie einen Unterschlupf gefunden hatte, doch zugleich war sie über die strenge Tagesordnung der Nonnen verwundert.
Marie versuchte zu begreifen, wie der Gott, den sie bisher immer für gerecht und liebevoll gehalten hatte, den qualvollen Tod ihrer Familie zulassen konnte. Vor ihrem inneren Auge sah sie immer noch, wie Max sich vor Schmerzen auf dem Boden wand, mit ihrem Ohr hörte sie ihn immer noch schreien. Auf der Suche nach Antworten las sie die meiste Zeit in der Bibel, was die Schwester Oberin als ein gutes Zeichen deutete.
Nach und nach stellte Marie fest, dass der Gott in der Bibel überhaupt nicht so liebevoll und gerecht war, wie die Pfarrer ihn in ihren Sonntagspredigten darstellten. Er war grausam und kannte keine Gnade. Er unterstützte die Menschen bei ihren Kriegen, hatte kein Problem mit der Sklaverei und legte großen Wert darauf, dass ihm unterwürfig gehuldigt wurde. In den zehn Geboten betonte er immer wieder, wie wichtig es ihm war, dass die Menschen keine anderen Götter und Idole neben ihm hatten und seinen Namen nicht missbrauchten, während kein einziges Gebot die Vergewaltigung von Frauen untersagte. Er bestrafte gar die Kinder und Kindeskinder derjenigen, die einem anderen Gott als ihm dienten. Wenn Mörder und Vergewaltiger ihn als ihren Gott anerkannten, holte er sie zu sich in den Himmel, während die unschuldigsten und friedlichsten Menschen in der Hölle landeten, falls sie ihm nicht huldigten. Die totale Unterwerfung der Menschen schien ihm weit wichtiger zu sein als ein friedliches Zusammenleben.
Noch seltsamer war, dass er offenbar einen großen Plan hatte und alles im Leben eines jeden Menschen vorherbestimmt war. Der Gott legte fest, was passieren würde, und bestrafte die Menschen dafür, dass sie genau das taten, was er ihnen zugedacht hatte. Wenn jede Handlung schon bei der Geburt eines Menschen feststand, dann hatte niemand einen freien Willen und es gab keinen Grund, jemanden für Dinge zu belohnen oder zu bestrafen, die er ihnen selbst in die Wiege gelegt hatte.
Nach einer Woche im Kloster gelangte Marie zu der Überzeugung, dass Gott entweder nicht existierte oder ein sehr boshaftes Wesen war. Sie fragte sich, wie die Geistlichen einem solchen Gott dienen und Lobgesänge für ihn verfassen konnten. Jahrelang studierten sie die Bibel und mussten doch jede Stelle inzwischen auswendig kennen. War ihnen seine Grausamkeit nicht aufgefallen? Merkten sie nicht, dass freier Wille im direkten Widerspruch zur Vorbestimmung stand?
Als sie die Schwester Oberin darauf ansprach, bekam sie zur Antwort, dass sie noch zu jung sei, um so etwas zu begreifen. Auch mit den Nonnen versuchte sie darüber zu sprechen, doch sie bekreuzigten sich bei ihren Worten und flehten sie an, mit der Blasphemie aufzuhören.
"Ich werde für dich beten", sagten sie oft zu ihr.
Marie wollte aber nicht, dass jemand für sie betete. Selbst Dankesgebete kamen ihr wie Hohn vor – als würde sich jemand bei einem Massenmörder dafür bedanken, dass er nur die anderen und nicht einen selbst umgebracht hatte.
Bei einem solchen Gott war jeder Teufel überflüssig.

Am Abend, als Marie in einem ihrer Bücher las, brachte Tante Judith einen Teller mit gekochten Kartoffeln und ein Stück Brot in Maries Zimmer.
"Hier hast du etwas zu essen", sagte sie. "Du hast es dir zwar nicht verdient, aber unser Herr Jesus Christus lehrt uns, dass wir jedem helfen sollen, selbst den undankbarsten Sündern."
Erst wollte Marie das Essen verweigern, doch ihr knurrender Magen zwang sie, es sich anders zu überlegen. "Das ist sehr großzügig von Ihnen", meinte Marie nach kurzem Zögern.
"Morgen wirst du uns ein bisschen im Haushalt helfen", kündigte ihre Tante an. "Glaub nicht, dass du hier so verwöhnt wirst wie bei euch in Bremen. Hier muss sich jeder sein Essen verdienen."
Eigentlich hatte Marie in Bremen stets im Haus mitgeholfen und war nie ein Faulpelz gewesen, aber so niedergeschlagen wie sie war, fühlte sie sich nicht in der richtigen Stimmung, um einen neuen Streit zu beginnen. "Das habe ich nicht anders erwartet. Danke, Tante."
"Was liest du da eigentlich?", erkundigte sie sich.
Marie zeigte ihr den Einband, auf dem der Titel stand. "Es ist ein neues Buch von H.G. Wells, Der Unsichtbare".
"Was ist denn das?"
"Es geht um einen Wissenschaftler, dem es gelingt, sich unsichtbar zu machen", erklärte Marie.
Tante Judith rümpfte die Nase. "Anstatt diesen Schund zu lesen, solltest du lieber die heilige Schrift zur Hand nehmen."
"Die Bibel habe ich schon gelesen", gab Marie zurück. "Der Unsichtbare gefällt mir viel besser."

Kaum war sie am nächsten Morgen aufgewacht, erhielt sie überraschenden Besuch.
"Das ist Herr Braun", stellte Tante Judith den Mann vor, der in ihrem Haus aufgetaucht war. "Er ist der Pfarrer unserer Gemeinde und möchte sich mit dir unterhalten."
Der Mann machte einen netten Eindruck, doch sein weißer Kragen regte Marie auf. Mit einem Geistlichen wollte sie keine Gespräche führen. "Worüber denn?", fragte sie, nachdem sie ihn flüchtig begrüßt hatte.
"Ich weiß genau, was du durchmachst", behauptete der Pfarrer. "Deine Familie ist ums Leben gekommen und jetzt bist du verunsichert und zweifelst …"
"Nein, ich bin nicht verunsichert", fiel sie ihm ins Wort. "Und Sie haben keine Vorstellung, was ich durchmache."
Er setzte ein wissendes Lächeln auf. "Aber natürlich weiß ich das. Jeder von uns hat schon jemanden verloren, den er geliebt hat."
"Mussten Sie zusehen, wie Ihr Bruder in den Flammen verbrennt, mussten Sie seine Schreie hören, ohne ihm helfen zu können?"
"Nein, das nicht, aber …"
"Dann wissen Sie auch nicht, was ich fühle", unterbrach sie ihn wieder.
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Clive77

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Sonntag, 13. November 2016, 00:23

Der Pfarrer seufzte. "Kennst du die Geschichte von Hiob? Er war ein frommer Mann, hatte viele Kinder und war sehr reich, bevor unser himmlischer Vater ihm das alles nahm, um seinen Glauben zu prüfen. Obwohl in kurzer Zeit so viel Unglück über Hiob gekommen war, verlor er nie seinen Glauben und blieb dem Herrn treu. Manchmal ereilen solche Schicksalsschläge gerade diejenigen, die ihm besonders am Herzen liegen. Gott liebt dich, mein Kind."
"Wenn das seine Art ist, Liebe zu zeigen, dann möchte ich lieber nicht von ihm geliebt werden", entgegnete Marie. "Natürlich kenne ich die Geschichte von Hiob, aber wenn sie etwas beweist, dann nur die Grausamkeit Gottes und die Herzlosigkeit Hiobs."
"Wie meinst du das?", fragte der Pfarrer verwirrt.
"Nur um dem Teufel zu beweisen, dass Hiobs Glaube stark ist, löschte Gott seine gesamte Familie aus. Warum war ihm Satans Meinung wichtiger als das Leben der Kinder seines treuesten Dieners? Ihr Gott scheint sehr eitel zu sein. Und anstatt über diese Tragödie wütend zu sein, sagt Hiob dazu nur: 'Der Herr gibt und der Herr nimmt, sein Name sei gepriesen'. Also haben ihm seine Kinder nichts bedeutet. Warum gilt er als ein Vorbild für alle Gläubigen?"
"Sag mal, was fällt dir ein?", ergriff Tante Judith das Wort. "Wie redest du mit unserem Pfarrer, dem Mann Gottes?" An ihn gewandt, meinte sie: "Entschuldigen Sie bitte, meine Nichte hat wirklich keine Manieren. Sie ist in Bremen aufgewachsen", fügte sie hinzu.
"Das ist schon in Ordnung", winkte der Besucher ab. "Vielleicht braucht sie nur etwas mehr Zeit, um wieder auf die Beine zu kommen und zur Vernunft zurückzufinden."
"Wenn hier jemand zur Vernunft zurückfinden sollte, dann seid ihr das", platzte es aus Marie heraus. "Ich bin nicht diejenige, die einen unsichtbaren Massenmörder anbetet."
Die Augen des Pfarrers weiteten sich. "Um Gottes Willen, was ist denn in dich gefahren? Wir wollen dir doch nur helfen."
"Dann hören Sie auf, mich bekehren zu wollen. Ihre Religion ist der reinste Wahnsinn."
"Ohne die Religion hätten die Menschen keine Moral", wandte er ein.
"Das stimmt nicht", widersprach Marie. "Um sich anständig zu verhalten und den Mitmenschen zu helfen, braucht man keine Religion, sondern nur Mitgefühl und Vernunft. Mir muss man jedenfalls nicht mit der Hölle drohen, um mich vom Morden und Stehlen abzuhalten. Und wenn ich jemandem helfe, erwarte ich dafür keine Belohnung nach dem Tod. Ich tue es, weil ich es für richtig halte."
"Ich komme lieber an einem anderen Tag wieder", murmelte der Pfarrer und warf ihr einen letzten verunsicherten Blick zu, bevor er sich verabschiedete und das Haus verließ.
"Du bist eine Schande für die ganze Familie", sagte ihre Tante mit unterdrückter Wut. "Anscheinend hat dich Gott geschickt, um meinen Glauben auf die Probe zu stellen. Oder es ist eine Bestrafung für meine früheren Sünden."
"Sie und Sünden?", fragte Marie spöttisch. "Das kann ich mir gar nicht vorstellen, so gottesfürchtig wie Sie sind."
Tante Judith verpasste ihr eine Ohrfeige. "Du kleines Miststück! Wärst du doch anstelle von deiner Familie in dem Feuer umgekommen!"

Nachdem Marie das Geschirr gespült hatte, kehrte sie in ihr Zimmer zurück und stellte fest, dass ihre Bücher verschwunden waren. Sie rannte durch das ganze Haus, bis sie auf ihre Tante stieß, die vor dem Ofen kniete und mit einem Schürhaken in den verkohlten Überresten der Bücher herumstocherte. Maries Herz sackte nach unten.
"Was haben Sie getan?", schrie sie und beantwortete ihre Frage sogleich selbst. "Sie haben meine ganzen Bücher verbrannt!"
"Das ist nur zu deinem Besten", meinte Tante Judith unbeeindruckt. "Sie haben dir doch nur Flausen in den Kopf gesetzt und dich auf dumme Gedanken gebracht. Das einzige Buch, das du brauchst, ist die Bibel. Die solltest du noch einmal lesen, bevor du solche gotteslästerliche Worte von dir gibst."
Das einzige Bild, das sie von ihrer Familie gehabt hatte, war ebenso zu Asche verbrannt wie ihre Eltern und ihr Bruder in jener schicksalhaften Nacht. Einen Augenblick lang blieb Marie sprachlos, dann verzog sich ihr Gesicht zu einem grimmigen Lächeln. "Oh, ich werde mir die Bibel vornehmen", stieß sie hervor. "Ich werde jetzt gleich damit anfangen, wenn Sie nichts dagegen haben, Tante Judith."
"Das ist eine weise Entscheidung, mein Kind", erwiderte die Tante zufrieden. "Du kannst sogar meine Bibel nehmen, die auf meinem Nachttisch liegt."
"Vielen herzlichen Dank, Tante Judith. Ich werde sehr gründlich sein." Mit diesen Worten stürmte Marie aus dem Raum und rannte in das Schlafzimmer ihrer Tante, wo sie die Bibel vom Tisch nahm. Damit lief sie in die Küche und nahm die Schachtel mit den Streichhölzern, die dort aufbewahrt wurden. Sie schraubte den Verschluss der Petroleumlampe ab, die auf einer Fensterbank stand, und kippte die Flüssigkeit über das Buch. Ohne zu zögern zündete sie eines der Hölzer an und warf es auf die durchnässte Bibel, die sofort in Flammen aufging.
Während sie zusah, wie das Feuer die Seiten verzehrte, schwor sie sich, dass sie jedes dieser Bücher vernichten würde, die sie in die Finger bekam. Dies würde ihr Lebensziel sein, ihr einziger Daseinszweck, und wenn sie eines Tages sterben und Gott gegenübertreten sollte, würde sie ihm sagen, was sie von ihm hielt. Es wäre besser für ihn, wenn er nicht existierte.
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Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Clive77« (13. November 2016, 10:32)


Joker1986

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Montag, 14. November 2016, 15:30

Die Geschichte gefällt mir sehr gut. Deckt sich auch inhaltlich mit meinem Blick auf Religion. Sicherer Punktekandidat :)

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5

Montag, 14. November 2016, 21:27

Schwierig. Ich habe die Geschichte schon gestern gelesen, musste aber mal eine Weile darüber nachdenken. Handwerklich ist sie recht solide. Der Schreibstil ist in Ordnung, es sind einige schöne Formulierungen vorhanden. Fehler sind mir nicht so viele aufgefallen. Aber inhaltlich weiß ich einfach nicht. Ja, die Beweggründe der Protagonistin sind durchaus verständlich und nachvollziehbar. Aber irgend etwas scheint mir nicht zu passen. Vielleicht ist es die Zeit, denn ihr Verhalten kommt mir in diesem zeitlichen Kontex einfach zu modern vor. Ich will jetzt nicht abstreiten, dass es damals vorkam, aber irgendwie scheint es mir nicht passend. Vielleicht sähe es anders aus. wenn die Geschichte 50 oder 60 Jahre später spielen würde. Hm... wobei, dann könnten dort inhaltlich andere Probleme aufkommen.
Der Schluss stieß mir dann aber schon sauer auf. Dazu hätte ich später gerne einige erläuternde Sätze des Autors oder der Autorin. Wie soll das Ende zu verstehen sein? EIn Rachefeldzug gegen Gott? Spielt sie sich selbst als Herrin über Leben und Tod auf um zu zeigen, dass Gott nichts unternehmen wird? Soll es heißen, sie ist dem Bösen verfallen und es hätte alles gut enden können, wenn sie nur an ihrem Glauben festgehalten hätte? Es ist auf so viele Arten zu interpretieren, aber nichts scheint mir wirklich befriedigend.
"Ich habe selten einen Film gesehen, der so konsequent auf alles scheißt, was einen Film langweilig macht."

Clive77

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6

Sonntag, 27. November 2016, 15:10

Diese Geschichte hat mir gut gefallen. Zeigt für meinen Geschmack sehr gut auf, wie sinnlos es ist, mit religiösen Fanatikern wie der Tante eine Diskussion führen zu wollen. Ich hätte mir allerdings ein bisschen mehr Ambivalenz bei dem Thema gewünscht, denn in meinen Augen kommt zu deutlich rüber, auf welcher Seite der Autor sich bei dem Thema sieht. In Bezug auf die Bibel hätte da beispielsweise auf gewisse Unterschiede zwischen Altem und Neuem Testament eingegangen werden können - zumal die religiösen Fanatiker hier Christen sind, die sich verstärkt auf das Neue Testament und einen gewissen Jesus Christus beziehen sollten. Da gibt es schon grundlegende Unterschiede zwischen den beiden Testamenten.
Ich fand die Geschichte trotzdem wohlgemerkt nicht schlecht. Marie kann man jedenfalls von vorne bis hinten nachvollziehen, zumal sie eine grundlegende Wandlung durchmacht(e). Das Ende hat mir allerdings weniger zugesagt. Damit dürfte die Marie nicht weit kommen und begibt sich quasi auf den gleichen Pfad wie ihre Tante. Mir wäre da was anderes lieber gewesen. Vielleicht ein erneuter Umzug und diesmal ins Unbekannte?

Am Schreibstil habe ich trotz einigen wenigen Fehlerchen nichts auszusetzen. Fand das alles sehr angenehm zu lesen und auch sehr professionell verfasst.
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7

Sonntag, 27. November 2016, 17:09

Diese Geschichte ist bei mir letztendlich auf dem Punktethron gelandet. Die von Clive bemerkte Meinungsfärbung wäre der einzige potentielle Kritikpunkt - ich finde es allerdings kaum verwerflich, dass der Autor hier durch den Charakter der Marie unter Umständen seine eigene Ansicht durchblicken lässt. Das Mädchen fällt nie irgendwie aus der Rolle und die schwache Argumentation der Gegenseite halte ich vor allem im Hinblick auf die zeitliche Einordnung für plausibel. In Sachen Präsentation krallt sich die Geschichte in dieser Runde mmn auch den Thron - hier saß ein Könner an den Tasten.

Woodstock

Z-King Zombies

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Freue mich auf: auf den unaufhaltsam näherrückenden Wahnsinn...

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8

Sonntag, 11. Dezember 2016, 23:18

Ich hätte anhand des Inhalts durchaus einen Verdacht wer die Geschichte verfasst hat aber das gehört hier nicht her. Der Stil gefällt mir und die fanatische Verwandte erinnert mich an eine störrische Oma die ich habe.

Könnte Punkte bringen.
¯\_(ツ)_/¯

Sittich

Reservoir Dog

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Freue mich auf: richtig

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9

Dienstag, 13. Dezember 2016, 12:07

Die Geschichte ist handwerklich und vom Stil her aus meiner Sicht die stärkste. Leider hat sie mich von der Handlung einfach nicht gepackt, sonst wäre sie sicher ein Punktekandidat gewesen.

Jizzle

Big Kahuna Burgerbrater

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10

Sonntag, 18. Dezember 2016, 10:29

Ich bin da komplett bei Sittich.

Ein Meister war hier am Werk, leider war mir die Geschichte mit "zu viel Hass" auf die Religion gefüllt. Das neue Testament wurde mir zu wenig erwähnt, auch wenn es natürlich vom Inhalt sehr alles schlüssig war.

Darf man natürlich machen, hat aber nicht meinen Geschmack getroffen.

Dennoch Glückwunsch zum ersten Platz!

Tyler Durden

Weltraumaffe

Beiträge: 19 277

Registrierungsdatum: 31. Juli 2005

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11

Sonntag, 18. Dezember 2016, 12:25

Diese ist von mir, Danke fürs Lesen und die Punkte.
Ich war früher auch gläubig und weiß noch, welches unangenehme Gefühl es verursachte, wenn jemand etwas gegen Religion und gegen Gott sagte. Also hätte ich mir eigentlich denken können, dass diese Story den gläubigen Lesern etwas sauer aufstößen würde. Aber ich wollte hier keine Gefühle verletzen, sondern nur meine Gedanken dazu loswerden. Ich habe nichts gegen tolerante Gläubige, sondern nur gegen die Fanatiker und die Religion an sich.
Der Schluss stieß mir dann aber schon sauer auf. Dazu hätte ich später gerne einige erläuternde Sätze des Autors oder der Autorin. Wie soll das Ende zu verstehen sein? EIn Rachefeldzug gegen Gott? Spielt sie sich selbst als Herrin über Leben und Tod auf um zu zeigen, dass Gott nichts unternehmen wird? Soll es heißen, sie ist dem Bösen verfallen und es hätte alles gut enden können, wenn sie nur an ihrem Glauben festgehalten hätte? Es ist auf so viele Arten zu interpretieren, aber nichts scheint mir wirklich befriedigend.
Warum "spielt sie sich als Herrin über leben und Tod auf", wenn sie eine Bibel verbrennt? Ist ja nicht so, als hätte sie jemanden umgebracht. Da finde ich es auch übertrieben zu sagen, sie sei dem Bösen verfallen.
Ich hätte mir allerdings ein bisschen mehr Ambivalenz bei dem Thema gewünscht, denn in meinen Augen kommt zu deutlich rüber, auf welcher Seite der Autor sich bei dem Thema sieht. In Bezug auf die Bibel hätte da beispielsweise auf gewisse Unterschiede zwischen Altem und Neuem Testament eingegangen werden können - zumal die religiösen Fanatiker hier Christen sind, die sich verstärkt auf das Neue Testament und einen gewissen Jesus Christus beziehen sollten. Da gibt es schon grundlegende Unterschiede zwischen den beiden Testamenten.

Das ist mir klar, aber es ist irrelevant. Solange die Christen das Alte Testament zu ihrer Bibel zählen und sich nicht davon distanzieren, glauben sie an den Gott, der auch im Alten Testament dargestellt wird (im Neuen geht es ja vor allem um Jesus). Sonst sind sie nur auf dem Papier "Christen" und brauchen sich hier nicht angesprochen zu fühlen ;) Sie zitieren ja auch selbst gerne aus dem Alten Testament, wenn es ihnen gerade in den Kram passt: "Auge um Auge" und so weiter. Ich kann doch zum Beispiel auch das Programm einer Partei wegen faschistischer Ansichten kritisieren, ohne darauf einzugehen, dass bei Punkt 6 steht: "Mehr Schulen bauen". Das macht die anderen Punkte dann trotzdem nicht besser.


Die lobenden Worte zitiere ich jetzt nicht, ich sage nur "Danke" :)

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12

Sonntag, 18. Dezember 2016, 14:47

Erstmal herzlichen Glückwunsch zum ersten Platz! :)

Der Schluss stieß mir dann aber schon sauer auf. Dazu hätte ich später gerne einige erläuternde Sätze des Autors oder der Autorin. Wie soll das Ende zu verstehen sein? EIn Rachefeldzug gegen Gott? Spielt sie sich selbst als Herrin über Leben und Tod auf um zu zeigen, dass Gott nichts unternehmen wird? Soll es heißen, sie ist dem Bösen verfallen und es hätte alles gut enden können, wenn sie nur an ihrem Glauben festgehalten hätte? Es ist auf so viele Arten zu interpretieren, aber nichts scheint mir wirklich befriedigend.
Warum "spielt sie sich als Herrin über leben und Tod auf", wenn sie eine Bibel verbrennt? Ist ja nicht so, als hätte sie jemanden umgebracht. Da finde ich es auch übertrieben zu sagen, sie sei dem Bösen verfallen.


Vielleicht habe ich mich auch etwas unglücklich ausgedrückt. Mit der Frage, ob sie sich als "Herrin über Leben und Tod" aufspiele, wollte ich auch ausdrücken, dass mir nicht ganz klar war, ob sie es beim Verbrennen der Bibel belässt oder mit dieser Aktion bezweckt, das Haus ihrer Tante abzubrennen. Schließlich ist ihr Elternhaus auf ähnliche Weise in Flammen aufgegangen.
Und mit "dem Bösen verfallen" meinte ich, dass es für alle anderen handelnden Personen in der Geschichte so aussehen müsste, als sei es nur die logische Konsequenz dessen, dass sie sich von Gott abgewendet hat. Oder anders ausgedrückt, ihre Tante hatte doch recht.



Das ist mir klar, aber es ist irrelevant. Solange die Christen das Alte Testament zu ihrer Bibel zählen und sich nicht davon distanzieren, glauben sie an den Gott, der auch im Alten Testament dargestellt wird (im Neuen geht es ja vor allem um Jesus). Sonst sind sie nur auf dem Papier "Christen" und brauchen sich hier nicht angesprochen zu fühlen ;) Sie zitieren ja auch selbst gerne aus dem Alten Testament, wenn es ihnen gerade in den Kram passt: "Auge um Auge" und so weiter. Ich kann doch zum Beispiel auch das Programm einer Partei wegen faschistischer Ansichten kritisieren, ohne darauf einzugehen, dass bei Punkt 6 steht: "Mehr Schulen bauen". Das macht die anderen Punkte dann trotzdem nicht besser.


Die lobenden Worte zitiere ich jetzt nicht, ich sage nur "Danke" :)[/quote]
"Ich habe selten einen Film gesehen, der so konsequent auf alles scheißt, was einen Film langweilig macht."

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