Avatar – Geschnittene Szenen bessern Handlung aus
Sonntag, 27. Dezember 2009

................................................................................................................................................................

avatars

(cm)

Anfang der 90er schrieb James Cameron ein Drehbuch, das fast 20 Jahre später zum diesjährigen Science-Fiction Kracher Avatar: Aufbruch nach Pandora werden sollte. Da das damalige Drehbuch heute verfügbar ist, ist es einmal interessant zu sehen, wie sehr sich das Endergebnis von seiner ursprünglichen Idee unterscheidet. Obwohl die Handlung relativ gleich ist, beantwortet das Drehbuch viele noch offene Fragen und macht das Geschehen  verständlicher:

Die Erde
Der Film beginnt mit Jake (im Script: Josh) Sullys Ankunft auf Pandora, das Script hingegen bereits auf der Erde. Es zeigt, wie die Welt im Jahr 2103 aussieht: mit 20 Milliarden Menschen vollkommen überbevölkert, ist die Welt ein grauer, trostloser Moloch. Die meisten Tiere sind ausgestorben, fast alle Menschen  schwer erkrankt. Der Mond ist besiedelt und nirgends gibt es Hoffnung auf Rettung. Einzig die Corporation, das letzte mächtige Unternehmen der Welt, sucht mit Hilfe neuer Raumtechnik nach Überlebensmöglichkeiten.

Der Auftrag
Im Film ist es so, dass Sully sich mit Hilfe des Avatar-Programms unter die Na’Vi mischen soll, damit man sie irgendwann friedlich davon überzeugen kann das Vorkommen des Minerals freizugeben. Wie Giovanni Ribisis Charakter im Film erklärt, sei Unobtainium außergewöhnlich wertvoll. Der Grund der Unternehmung demnach? Geld verdienen.

Im Drehbuch sieht das alles ein wenig anders aus. Zwar erzählt man Sully dasselbe, doch die wahren Intentionen der Drahtzieher sind andere. In Wahrheit ist alles nur eine Lüge, damit Sully nichtsahnend Vertrauen zu den Na’Vi aufbaut und ihre Schwächen entdeckt. Die Corporation plant nämlich, die Na’Vi zu versklaven und sie alle zu Zwangsarbeitern zu machen, weil die Anreise menschlicher Arbeiter schlichtweg zu teuer ist.

Die Beine
Der Sarge im Film verspricht den im Rollstuhl sitzenden Jake, dass er bei guter Mithilfe wieder funktionierende Beine bekommt. Im Drehbuch fehlt diese Ambivalenz… Jakes einzige Möglichkeit wieder zu laufen findet sich in Form seines Avatars. Ein Grund mehr, wieso er später den Bezug zu den Menschen verliert. Übrigens, während er im Film seine Beine im Einsatz verloren hatte, ist er im Script betrunken aus einem Fenster gestürzt.

Der Avatar
Im Film wird Jakes anscheinend leerer Avatar gezeigt, den er dank modernster Hightech fernsteuert. Im Drehbuch wird darüber hinaus klar gemacht, dass der künstlich geschaffene Alien-Menschenhybrid einen eigenen Verstand besitzt. Dieser wird durch die Avatartechnik gewaltsam verdrängt, wodurch er zur seelenlosen Marionette wird. Ein erster moralisch fragwürdiger Hinweis auf die umfassende Story, in der die Menschen dasselbe mit Pandora planen.

Unobtainium
Jeder, der das englische Wort “unobtainable” kennt, schmunzelt hinsichtlich der anscheinend dämlichen Bezeichnung des Minerals. Wieso Unerreichbarium seinen Namen hat, wird im Script kurz erklärt. Es ist letzten Endes nicht der wissenschaftliche Titel, sondern bloß ein umgangsspracher Begriff, der sich einbürgerte, weil der echte Name zu kompliziert klingt.

Hell’s Gate und Pandora
Sarge Quaritch erzählt im Film ein paar Mal, dass Pandora ein gefährlicher Ort ist, doch abseits von Jakes nächtlicher Begegnung mit den sechsbeinigen Hyänen und dem Riesenpanther hält sich die Ehrfurcht in Grenzen. Die dichten, oftmals düsteren Dschungellandschaften sind gespickt mit giftigen, bissigen und gut getarnten Pflanzen und Tieren, die die Basis der Menschen, Hell’s Gate, ständig angreifen. Interessanterweise werden Menschen immer, Menschen in Avatar-Körpern nur selten angegriffen. Im Film gibt es später eine Szene, in der ein Panther aus dem Dschungel kommt, einem Na’Vi anscheinend zu nickt und dann mit ihm in den Krieg zieht. Es passt, denn Pandora versucht mit allen Mitteln, die einfallenden Viren der Marke Mensch schnellstens wieder los zu werden.

Im Script gibt es darüber hinaus noch wesentlich mehr außerirdische Kreaturen, darunter ein Tier, das seinen Kopf zum Angriff wirft.

Hegner
Im Script gab es eine zusätzliche Figur namens Hegner, die verantwortlich dafür ist, dass die Na’Vi anfangs so gewalttätig sind und die Baufahrzeuge angreifen. Mit Hilfe eines Avatars hatte er sich in eine Na’Vi verliebt, die daraufhin von Soldaten erschossen worden war. Voller Verzweiflung rief Hegner zum Angriff auf und begang Selbstmord, in dem er seinen Avatar von einem Monster Pandoras fressen ließ. Als er abgestöpselt wurde, war Hegner ein menschliches Wrack. Im Script ist dies interessant, weil der sich langsam verliebende Jake dadurch bereits ahnt, was ihm passieren könnte. Hegner wurde umgeschrieben und ist im Film der Mann auf dem zweiten Bild von oben.

Neytiri
Als Neytiri das erste Mal auf Jake stößt, will sie ihn direkt erschießen. Weil Pandora ihr aber ein Zeichen gibt, unterlässt sie es. Im Script hingegen sieht sie (Name im Script: Zuleika), wie Sully sich wacker gegen Monster schlägt und ist dadurch vollkommen beeindruckt. Auch im Stamm hat Sully ein insgesamt besseres Image, da er sich als großer Krieger beweist und den Kindern Basketball beibringt.

Quaritch / Grace
Jake sieht anfangs zu Quaritch hinauf, den er als erfahrenen Profi sieht, weswegen er ihm anfangs auch hilft. Im Script ist es allerdings so, dass die beiden sich von Anfang an nicht mögen. Als Quaritch erfährt, auf welche unrühmliche Weise Jake seine Beine verlor, straft er den Soldaten mit Nichtachtung. Alle späteren Szenen sind ähnlich, nur im Endkampf ist es dann nicht Neytiri, die ihn rettet. Stattdessen kommt Pandora selbst zur Hilfe, in dem sie Quaritch von einer Horde Wölfen zerfetzen lässt.

Im Script ist Jake zudem nicht der einzige mit Liebesbeziehung zu einem Na’Vi. Grace hat ein Verhältnis mit dem zweibesten Stammeskrieger und stirbt nicht. Die Seelenübertragung funktioniert und sie wird fester Bestandteil des Stammes.

Definitiveres Ende
Das Ende der Kinofassung ist relativ offen. Jake und die Na’Vi besiegen die Menschen und schicken sie fort, aber abgesehen von einem ernsten “Kommt nicht wieder!” gibt es keinerlei tatsächliche Erklärung, wieso die Menschen es nicht wirklich noch einmal gewaltsam versuchen sollten.

Im Script ist dies deutlicher gefasst.  Michelle Rodriguez’ Charakter, die Pilotin Trudy, zeichnet den Großangriff auf den Lebensbaum auf und schickt dies an die Weltregierung der Erde, die somit Wind davon bekommt auf welch unrechte Weise die Corporation ihre Mission erfüllen wollte. Darüber hinaus droht Jake in einer Übertragung damit, dass Pandora die nächsten Besucher mit einer Seuche befällt, die bei späterer Rückreise zur Erde dann die gesamte Menschheit aussterben lässt.

#

Ist das Script besser als der Film? Ja, allerdings lässt sich sagen, das es wie bei den meisten Büchern wäre: eine genaue Umsetzung des Stoffes würde mindestens 5-6 Stunden erfordern, die keinem Kino zumutbar sind. Besser ist das Script vor allem in zwei Aspekten: zum einen sind die Menschen und Na’Vi nicht mehr so einsilbig. Abgesehen von den Heldenfiguren bekommt jede Seite mehr Material, so sind die Na’Vi Krieger beispielsweise nicht bloß schweigsame, primitive Lendenschurzträger, sondern erfahrene Jäger, die eigene Heldenmomente bekommen. Die Menschen bestehen nicht nur aus tumben Soldaten und bösen Anführern, fallen relativ tragisch aus. Der zweite Punkt ist die emotionalere Geschichte Jakes. Im Film sieht seine Alternative, auf der Erde ein Leben mit neuen Beinen zu führen akzeptabel aus, doch da er im Script absolut nichts hat, wofür es sich zu leben lohnt, ist sein Kampf als Avatar umso intensiver. Im Film hat er oftmals Glück und wird von anderen gerettet, im Script ist er weitaus mutiger und unerschrockener.

Da Cameron bereits angekündigt hat, eventuell einen zweiten Teil zu machen… sieht man bisher Verfallenes vielleicht im zweiten Film.