Christians Kolumne: Krieg Larson und das Problem weiblicher Superhelden

8. März 2019, Christian Mester

Passend zum Weltfrauentag! Aktuell ist „Captain Marvel“ in den Kinos gestartet, der 21. Film des Marvel Universums und der erste mit einer Frau in der Hauptrolle. Dazu gibt es neuerdings jede Menge Entrüstung im Netz, denn viele sind der Meinung, dass es nur geschehen sei, um sich Geschlechterpolitik anzubiedern. Aber ist das so? Die Tatsache, dass sie ausgerechnet von Brie Larson gespielt wird, machte es anscheinend schlimmer, sowie die darüber hinaus getätigte Ankündigung Marvels, dass es in einem der nächsten Filme (womöglich „The Eternals“) auch mal einen schwulen bzw. lesbischen Hauptcharakter geben wird. Ein nicht sonderlich ernst gemeinter, heiterer Kommentar.

© The Walt Disney Company

Die erste Frau in der Postermitte
Captain Marvel ist nun gewiss nicht die erste Frau im MCU, geschweige denn die erste Frauenheldin (siehe Black Widow, Scarlet Witch, Wasp, Lady Sif, Agent Carter, Gamora, Walküre, Shuri und Okoye, selbst Pepper Potts half bei „Iron Man 3“ tüchtig mit), aber sie ist fraglos die erste, die nach vorn gestellt wurde und den Film trägt. Wieso wird das jetzt als schlechte Entwicklung erfasst? Das Marvel Universum hat uns doch bereits so viel Verrücktes gezeigt. Kurt Russell hat einen Planeten gespielt, Bradley Cooper spricht einen Cyborg-Waschbären. Yondu hat einen Pfeil, der durch Pfeifen umherfliegt und dutzende Leute umbringen kann. In jedem Film kamen Frauen vor, also wieso nicht mal die Heldengeschichte einer Frau zeigen?

Als „Wonder Woman“ vor 2 Jahren anlief, hat auch keiner gemeckert. Selbst als Wonder Woman bei „Batman v Superman“ zu Hilfe kommen musste, weil Batfleck keinerlei Chance gegen Doomsday hatte, gab es keinerlei schlechtes Feedback. Wieso also jetzt?

Die Vermutung liegt nahe, dass fanseitig Angst besteht. Das MCU war bisher mega erfolgreich und beliebt, da wirkt der Geschlechterabtausch wie eine drohende Änderung. Oft wird argumentiert, dass Marvel bislang höchsten Wert auf Story und Figuren gelegt hat, sich jetzt aber scheinbar von politischen Einflüssen beeinflussen lässt. Zwei Fragen dazu.

Die erste Frage: Schließt das eine das andere denn aus? Selbst wenn die Vorgabe ist, jetzt auch Frauen und Minderheiten stärker einzubinden, beeinträchtigt das die Filmqualität? Erwarten wir etwa ein „Turtles“ Szenario?

(C) Paramount Pictures

Was ich damit meine: 1990 lief der erste Realfilm mit den Schildkröten an und war extrem beliebt. Dann kam der zweite… und der fiel plötzlich ganz anders aus. War der erste noch relativ (relativ in Anführungszeichen) ernst und düster, waren 2 und 3 nur noch Klamauk. Weil sich Eltern beschwert hatten, setzten die Turtles ihre Waffen nicht mehr länger ein und weil Macher und Studio keine Lust mehr hatten, wurden aus Bebop und Rocksteady zwei andere Figuren und hatte man plötzlich weit weniger Budget für gute Kostüme. So wie die „Batman“ Filme ab Teil 3 stark geändert wurden, weil man sich so mehr Spielzeugverkäufe erhofft hatte.

Es gibt aber keinerlei Indiz, dass es bei „Captain Marvel“ jetzt schlechter geworden ist oder es beim geplanten „Black Widow“ schlechter werden sollte.

Ist „Star Wars Episode 8: Die letzten Jedi“ etwa das Vorzeigebeispiel, kann man auch nur mit dem Kopf schütteln. Dass die Handlungsstränge von Leia, Rey und Rose konfliktbehaftet waren, lag nicht an Leia, Rey und Rose, sondern am männlichen Autor Rian Johnson. Sie haben ja nur gemacht, was er gesagt hat.

(C) LucasFilm

Dann meine zweite Frage: War die alte Vorgabe etwa in Ordnung? Die Tatsache, dass man neuerdings versucht, Frauen und Minderheiten stärker miteinzubeziehen heißt doch, dass die Vorgabe vorher anders gelautet haben muss. Nämlich Frauen und Minderheiten bitte maximal als Nebencharaktere zu schreiben. Natürlich würd es keiner zugeben, aber so war es. Schon nach dem allerersten „Avengers“ baten Fans um einen „Black Widow“ Film, weil ihnen Scarlett Johansson so gut gefallen hatte. Jetzt läuft „Avengers 4“ an und wir haben immer noch keinen gehabt…. warum? An Johansson lags sicher nicht. Auf Anfragen hat sich Marvel Boss Kevin Feige immer nur mit vagen „ja machen wir bald mal“ Versprechungen geäußert. Wie soll er auch konkret öffentlich sagen, dass seine Geldgeber lange Jahre nicht zu überzeugen waren, sowas zu finanzieren?

Da wurde schulterzuckend argumentiert, dass „Elektra“ und „Catwoman“ mit Halle Berry vor 15 Jahren halt gefloppt sind und Superheldinnenfilme folglich nicht funktionieren. Das war aber nicht das Problem. Das Problem war, dass beide Filme grottig sind. Dass „X-Men Origins: Wolverine“, „Superman Returns“ und 2x „The Amazing Spider-Man“ nicht gut ankamen, hat deren Reihen ja auch nicht aufgehalten, und bei fast 20 Milliarden (!) Einspiel hätte Marvel ruhig schon eher was wagen können.

Es ist ja auch dämlich, sich derart einzuschränken. Die Hälfte der Welt (sprich: der möglichen zahlenden Kunden) sind Frauen. Manche mögen Superheldenfilme, manche nicht, so wie manche Männer solche Sachen generell für kindisch halten und lieber Bud Spencer Nostalgie feiern. Eigentlich ist es ebenso absurd wie unfair, dass es fast 20 Filme gedauert hat, bis im MCU mal einer auf die Idee kam, es einer weiblichen Figur zuzutrauen. Denn das war der einzige Grund der Geldgeber, wieso es bisher nicht gemacht worden ist: Angst. Angst, dass eine Abweichung vom Funktionierenden nicht mehr funktionieren könnte. Es ist aber eine irreale Angst.

Ebenso wie die Reaktionsangst blödsinn ist. Oh nein, die neue Marvel Heldin ist eine Frau. Alles, was wir vorher mochten wird schwinden, demnächst geht’s nur noch um Shopping und Schminktipps? Wo denn? Captain Marvel ist eine wortkarge Kriegerin, die wenig Humor hat und mit ihren Feinden den Boden aufwischt. Auch in der Serienwelt bewiesen „Agent Carter“ und „Jessica Jones“, dass man kaum anders ist als die Kollegen.

Der Krieg Brie Larson

(C) A24

Oscar-Gewinnerin Brie Larson („Raum“) ist schon vorher aufgefallen. Nicht nur, dass sie markant ein Zeichen damit setzte, dem beschuldigten Casey Affleck bei dessen Oscarsieg nicht zu gratulieren, kommt auch noch hinzu, dass sie gern provoziert. Im Juni sagte sie beispielsweise, dass die Meinung weißer männlicher Kritiker sie nicht interessiere. Zwar fehlt der Kontext drumherum – denn es ging darum, dass Filmkritiker stets weiße Männer sind und sich das ihrer Meinung nach ändern sollte – doch ihre Attitüde sorgt fraglos für Zorn. Viele fühlten sich auf den Schlips getreten und halten sie für eine männerfeindliche Vergifterin mit bösen Absichten, die nun als Poweremanze das Marvel Universum verschlechtern will.

Wenn man ihr aber genau zuhört, was sagt sie dann? Dass sie gegen Missbrauch ist und sich wünscht, dass Kritiker so vielfältig ausfallen wie das Kinopublikum. Daran ist doch nichts verwerflich. Es mag ungelenk und unnötig provokant geäußert worden sein, aber im Endeffekt hat sie doch Recht.

Statistische Minderheit LGBT
Was schwule/lesbische Charaktere betrifft: klar, alles aus der Kategorie LGBT usw. ist in der Allgemeinheit weit geringer vertreten. Es ist eine Minderheit. Wie hoch mag die Zahl nichtheterosexuell orientierter Filmfans sein, vielleicht 5%? Wenn jetzt der 22ste Film des MCU einen lesbischen Hauptcharakter hat, würde das heißen… so einen gibt’s in unter 5% aller MCU Filme. Klingt irgendwie nicht ungerecht, oder?

(C) Focus Features

Verständlicherweise möchte nicht jeder „Brokeback Mountain“ Zeltgefummel sehen und das steht auch jedem frei, aber mal ehrlich: wie viel Romantik gab es in rund 2000 Minuten MCU zu sehen? Nahezu nichts, und so wird’s auch bleiben. Soll heißen, es spielt doch überhaupt keine Rolle, ob Adam Warlock jetzt auf Männer oder Frauen steht, weil wir den Teil eh nicht im Film sehen. Und gerade wenn es bei den Eternals losgehen sollte: Das sind nicht mal Menschen. Das sind kosmische Superwesen. Wen interessiert, auf was die stehen? Was ist mit Rocket? Wie viele andere Cyborg-Waschbären wird’s wohl noch im Universum geben? Würd er Sex mit einem normalen, primitiveren Waschbärweibchen haben? Wer denkt über sowas nach?

Manch einer hat ja auch angeblich Schwierigkeiten damit, oder mit anders farbigen Figuren, weil man sich nicht mit denen identifizieren können soll. Schon seltsam, weils meist selektiv erscheint. Als Salma Hayek in „From Dusk Till Dawn“ über die Tische getanzt ist, hat sich keiner darüber beschwert, dass sie Latina ist. „Blade“ ist nach wie vor irre beliebt, und der bringt im Film primär Weiße um, und wo „Bohemian Rhapsody“ gerade 900 Millionen eingespielt hat… klar ist die Musik das wichtigste, aber welcher Rockfan kann denn nicht zustimmen, dass Freddie Mercury ein sensationeller Sänger und Performer war? Genauso kann man „Black Panther“ und „Captain Marvel“ erstmal als das sehen, was sie sind: Filme. Superheldenfilme. Ob da jetzt eine Agenda hinterstecken mag, ist doch völlig belanglos. Man diskreditiert James Bond Filme ja auch nicht aufgrund des starken Product Placements, oder?

Wer jetzt tiefschwarzbitteren Kaffee schlürft und meint, nein lieber naiver Gutmensch, da steckt eine böse Agenda böser Frauen dahinter – sollte vielleicht mal seine „Dirty Harry“ VHS rauskramen und sich zusammen mit Clint fragen, ob ein männlicher Clintmann je Angst und Bange vor fatalen Feministinnen hätte.

Ein Panther bei den Oscars
Was „Black Panthers“ Anwesenheit bei den Oscars betrifft: viele meinen, es sei da gar nicht so sehr um den gegangen, sondern um die Politik. Ja, korrekt, aber das ist doch auch keine verheimlichte Wahrheit. Die Academy ist kein Olympia-Komitee, das ausschließlich nach Leistung vergibt (vor allem, welche Leistung? Einspiel? Sollte „Jumanji 2“ dann einen Oscar kriegen?). Da werden vor allem aufgefallene, einflußreiche Filme prämiert, und Black Panther war nun mal der erste große Blockbuster mit einer größtenteils schwarzen Besetzung, der weitere nach sich ziehen wird. In den USA gibt es fast 40 Millionen Schwarze, die jetzt erst in größtem Umfang repräsentiert werden. Wieso sollte man das nicht würdigen? Weils kein so guter Film wie Schindlers Liste ist? Welcher andere nominierte war das denn? Das Produktions- und Kostümdesign ist fraglos eins der besten der letzten Jahre, und dafür wurde er auch zurecht ausgezeichnet.

(C) Marvel Studios

Das Ende des Burgers? Oder nur dieses Artikels?

Viele fühlen sich, als wenn ihre Lieblingsburgerbude plötzlich von Veganern übernommen worden ist. Oh oh, so der Gedanke, was wenn meine geliebten Double Bacon Triple Beef Fantasien demnächst durch Bio Sojaschnitzel ersetzt werden? Von militanten Veganern, die alle ihre Weltsicht aufdrücken wollen?

Der Punkt ist aber, dass in der Burgerbude Superheldenkino nichts ersetzt wird. Selbst wenn „Captain Marvel“ ein Sojaschnitzel wäre, und es ist ein gewöhnliches mit Champignonrahmsauce, glaubts mir, wär es nur eine Ergänzung auf der Speisekarte. Die bisherigen Topfilme bleiben ja und von denen werden noch neue oder ähnliche kommen, aber es sollte auch ok sein, dass auf der Speisekarte nicht nur Fleischburger draufstehen. Man kann ja alles mal probieren, und was einen nicht anspricht, lässt man aus. Es bringt aber doch nichts, rumzuheulen, dass nach 16 verschiedenen Schnitzelarten das Augenmerk auch mal mehr hin zu Salaten wandert.

Es sollte keine Rolle spielen, wer die Hauptrolle spielt, so lange es so gut bleibt wie bisher. Und wenn es merklich schlechter wird, liegt es erstmal an den Schreibern und den Studiobossen dahinter, die diesen diktieren, und dann sollten diese mit Kritik überhäuft werden, keine Schauspieler, die privat sonstwas glauben können („Mission: Impossible“ Fans ignorieren auch jährlich, was Tom Cruise privat so macht) und keine ominösen sinistren Energien.

Man muss sich damit zurecht finden, dass etwas nicht ewig gleich bleiben wird. Manches, ja. „Rambo 5“ wird im Herbst mit Sicherheit nichts neues probieren und auch das nächste AC/DC Album wird den typischen AC/DC Sound haben, aber ist ja nicht so, als wärs bei Marvel ewig gleich geblieben oder als hätten sie das je versprochen. Spätestens als der Mandarin aus seiner Toilette kam und seine Mädels vor seiner Hinterlassenschaft warnte, sollte klar gewesen sein, dass neue Farben aufzogen… oder Gerüche. Freuen wir uns lieber, dass das MCU schon so groß geworden ist und so viel Platz für neue Sachen lässt. Und dass David Hasselhoff, Kurt Russell, Sylvester Stallone und Rob Zombie schon dran beteiligt waren. Wer weiß, wo die nächsten 10 Jahre Marvel hingehen?

Autor: Christian Mester

Dieser Filmenthusiast (*1982) liebt es, manchmal auch mit Blödsinn, Leute für Filme zu begeistern. Hat BG im Jahr 2004 gegründet und ist dann für Pressevorstellungen, Interviews und Premieren viel rumgereist, hat als Redakteur u.a. für GameStar geschrieben, war dann mal Projektleiter in einer Werbeagentur mit Schwerpunkt dt, Kinostarts und - schaut gerad vermutlich schon wieder was.

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