Christians Kolumne: Jetzt kommts – Nackt- und Sexszenen (NSFW)

8. Februar 2019, Christian Mester

Ein Artikel von Christian Mester, der Batmans Nippel 1997 im Kino gesehen hat.

Heute sprechen wir mal über ein eher recht anzügliches, beziehungsweise ausziehendes Thema: nackte Haut und wie sie für sexuelle Handlung beschmutzt wird. Äh, benutzt wird.

Thema des Tages: Nackt- und Sexszenen

Klar, prinzipiell stellen Filme realistische oder fantasieorientierte Ereignisse mit Menschen dar, und da wir alle hin und wieder auch mal nackt oder sexuell aktiv sind (manchmal sogar beides gleichzeitig) ist es eigentlich kein Wunder, dass es auch unweigerlich in Filmen vorkommt. Da es ja aber nun etwas sehr Privates ist und etwas, das man nicht unbedingt mit jedem teilen will, sofern man nicht gerade Fussballstadionflitzer oder Hobby-Exhibitionist ist, darf man sich aber selbstredend fragen, wie es gehandhabt wird und wie es auf uns wirkt.

Jetzt könnte man weit ausholen und erstmal filmhistorisch erklären, wann es die erste Nacktszene im Kino zu sehen gab (1887 in Woman Walking Down Stairs), wann die erste graphische Sexszene (vermutlich der argentinische El Satario, 1907) und wann die erste Sexszene in einem kommerziellen Mainstreamfilm (wohl Ecstasy mit Hedy Lamarr, 1933) oder in was für Filmen Sexszenen echt und nicht gestellt waren (z.B. Wenn die Gondeln Trauer tragen, angeblich), aber darum solls in diesem Artikel nicht unbedingt gehen, das kann sich jeder selbst ergoogeln. Kommen wir direkt zu den nackten Tatsachen.

(C) HBO

Dreh einer Nackt- oder Sexszene

Mal darüber nachgedacht, wie das wohl vor Ort ausfällt? Nehmen wir nur mal die erste Folge von Game of Thrones, in der Emilia Clarke als Khaleesi nackt aus einer Badewanne steigt. Da dürfts wohl direkt geknistert haben, oder? Für die Arbeiter vermutlich nicht, denn auch bei solchen Szenen findet ein normaler Drehalltag statt. Sprich, neben Regisseur, Kameramann, Beleuchter und Tonmann stehen da auch sonst noch etliche andere Leute herum (sogar Gaffer, wobei die nicht wegen ihres Gaffens so heißen, sondern für ihren Einsatz von Gaffer-Klebetape), viele von denen eher mäßig bezahlt, die bloß gelangweilt aufs Schichtende warten. Das interessiert die maximal 10 Minuten lang.

Geht es um Sexszenen, kann es noch peinlicher werden, wenn der Regisseur ständig unterbricht und das nackte Herumgegrabbel mit Zurufen choreographiert – insbesondere, wenn der Teilnehmer eigentlich verheiratet oder vergeben ist. Man darf ja auch nicht vergessen, das die meist eingespielte stimmige Musik (oder Saxophon, bei 80er Thrillern) beim eigentlichen Dreh nicht zu hören ist. Da auch stückweise gedreht wird, fehlt zumeist noch das Vorspiel und es geht direkt ans Eingemachte. Also keine Zeit für Atmo.

Bravepenis

Besonders schräg muss es sein, wenn der im Film nackte oder fornikierende Darsteller gleichzeitig auch Regisseur, also Chef ist. So muss es bei Braveheart seltsam gewesen sein, als Mel Gibson eine Sexszene am Lagerfeuer hat und küssend und hüftstoßend alle um sich dirigiert haben muss, wie er sich das filmisch vorstellt. Wie es auch gekommen sein mag (…), hats geklappt, denn Braveheart gewann 5 Oscars, darunter Beste Regie und Bester Film. Berüchtigt ist auch die elendig lange Sexszene in The Room, in der der irre 50+ Tommy Wiseau stöhnend den Bauchnabel seiner halb so alten, beschämten Partnerin bearbeitet und offenbar gar nicht weiß, wo das Ding eigentlich hinmüsste.

(C) Wiseau Productions

Apropos Scham. Selbstredend sind nicht alle Darsteller so frei, sich stundenlang frei zeigen zu wollen, oder überhaupt zu zeigen. Das üblichste Hilfmittel sind natürlich andere Menschen, die als Body Double einspringen, wenn einer nicht will. So wird dann geschickt drum herum gefilmt. Wird zwischen Gesicht und intimeren Gegenden hin und her geschnitten, gehören letztere selten bis nie zu ersteren.

Sind Darsteller bereit, sich zwar vor Ort weitestgehend nackt oder auch herummachend, aber halt nicht öffentlich zu zeigen und sie versprochen kriegen, dass man später schon „nichts sieht“, wird auf letzte Verhüllungen gesetzt. Bei Brüsten wären das Pasties, die als Aufkleber über Nippel geklebt werden. Gerade im Zeitalter der 4K Blu-ray will mans damit vermeiden, dass gewiefte Spanner Frame für Frame durchs Material klicken und doch noch was sehen. Für die südlichere Gegend gibt es angeblich sogenannte Merkins, die quasi Genitalien-Kostüme sind und als Schlüpper mit falschem Schamhaar drangeklebt fungieren. Rooney Mara trug beispielsweise eine derartige Schamhaarperücke im Remake von Verblendung, weil Lisbeth Salander laut Buch unten rum rote Haare hat und sie ihre nicht färben wollte.

CGI Brüste

Bei Immer Ärger mit 40 wurde mit CGI nachgeholfen, denn als Leslie Mann nicht wollte, dass man sie im Film oben ohne sieht, ließ Regisseur und Ehemann Judd Apatow ihr kurzerhand per Computer Brüste ins Bild malen. Lena Headys nackter Stadtlauf der Schande in Game of Thrones? Getrickst, war ihr Gesicht auf einem nackten Double. Selbst Lars von Triers Sexepos Nymphomaniac griff primär auf CGI-Zusammenschnitte mit Pornodarstellern und auf Requisiten zurück. Das dürfte in Zukunft noch wesentlich geläufiger werden, weil die Technik immer besser und günstiger wird. Dennoch ist es genau genommen absurd, tausende an Dollars für sowas auszugeben, wenn man entweder drauf verzichten oder wen casten könnte, für den es kein Problem ist.

Männer greifen indes zu kleinen Stofftaschen (modesty pouch), die verhindern sollen, dass ihr Dwayne Johnson zu sehen ist oder dieser die Kollegin unsittlich berührt. Trotzdem – Tasche oder nicht, muss man sich klar machen, dass man sich dennoch unweigerlich extremst nahe kommt und man Kopulation so weit wie möglich simuliert. Erektionen können da ebenso auftreten wie etwaig austretende Suppe. Bei schnellen Bewegungen (mehr Leidenschaft!!) kanns dann sogar unter Umständen passieren, dass Stoffe reißen und Dinge an Orten landen, an denen sie eigentlich nicht sein sollten, und ja, dementsprechend kamen bei solch simulierten Sexszenen bestimmt auch schon mal echte Kinder bei herum.

Die seelische Komponente

Intime Interaktionen mit Mitmenschen hinterlassen immer eine Wirkung, keine Frage. Was muss Kate Beckinsale aber beispielsweise gedacht haben, als sie in Underworld Evolution eine Sexszene mit Scott Speedman hatte – während ihr damaliger Ehemann hinter der Kamera stand und den beiden sagte, wie sie es miteinander machen sollen? Wie erklärt man so einen Arbeitstag der damals 7jährigen Tochter? Was ist mit Dario Argento, der seine Tochter Asia mehrfach nackt in seinen eigenen Filmen inszenierte?

Schwieriger noch: was ist mit unangenehmen Sexszenen? Was mit Darstellung eines Übergriffes oder gar einer Misshandlung? 2002 hatte Monica Bellucci eine der wohl schlimmsten Vergewaltigungsszenen der Filmgeschicht in Irreversible und ihr damaliger Ehemann Vincent Cassell war sogar mit im gleichen Film, hat den Film sogar mit entwickelt. Wie kann man nach sowas nach Haus fahren und ganz normal zusammen Abend essen? Dass das Spuren hinterlässt, bleibt wohl nicht aus. Vielleicht hilft es, über eigene Traumata hinwegzukommen? Vielleicht ist es der Gedanke, anderen dadurch zu helfen, indem man auf solche Sachen hinweist? Auf jeden Fall bedarf es einer großen inneren Stärke, sich zu solchen Inszenierungen zu trauen. In Teenslashern mögen nackte Brüste billige Exploitation sein, doch richtig eingesetzt, können Sex und Nacktheit definitiv wirkungsvolle Elemente sein.

Und schon wieder ausgezogen, und damit ist kein Umzug gemeint

Nackt- und Sexszenen sind ungemütlich, doch trotzdem fällt schon bei banaler Recherche schnell auf, dass nahezu jede Schauspielerin mit mehr als 10 Filmen irgendwann mal entblättert zu sehen war, zumindest in Unterwäsche. Meistens sind es eher frühe Filmaufträge, was wohl daran liegen mag, dass man anfangs weniger Wahlmöglichkeit hat. Als Neuling eine Rolle zu bekommen ist so schon schwierig genug, und wenn dann plötzlich eine kleine Rolle in einem Film mit namhaften Gesichtern lockt, ist man vielleicht eher bereit, was abzulegen.

Der prominenteste Name hinsichtlich dieses Themas mag wohl Kate Winslet sein. Lassen wir mal ihre Neben- und Sprechrollen weg, war sie in 12 von 34 Filmen nackt zu sehen. Wir sprechen von einer Oscar-Gewinnerin, die schon 3 Kinder hat und seit Titanic bekannt ist (in dem sie, yep, nackt zu sehen war)(übrigens hat Regisseur James Cameron die Aktzeichnung im Film, die Leonardo DiCaprio von ihr zeichnet, selbst gemacht. Also hat er sie vorher genau so nackt gezeichnet wie es mit Leo zu sehen war. Aktception). Dennoch kann sie es nicht lassen, sich immer und wieder auszuziehen. Wie sie selbst sagt, mache ihr das nichts aus, aber was ist ihr Grund, ständig zuzusagen und nicht andere Stoffe, also mit Stoffkleidung etwa, zu wählen? Fühlt sie sich zu solchen ständigen Herausforderungen hingezogen oder sind es die Filmemacher, die wissen, dass sie schnell ja sagt und die es dann sofort nutzen?

Fraglos kann man bei den meisten Geschichten auf Nackt- und Sexszenen verzichten oder mit reinen Andeutungen arbeiten, aber ganz verzichten kann man nicht. Gut, bei Game of Thrones und Spartacus ist es teilweise lächerlich, wie viel Nacktheit eingestreut wird, nur weil es vom mittlerweile hautgeilen HBO Publikum erwartet wird, aber manches Mal hat es Daseinsberechtigung. Gäbe es überhaupt keine solchen Szenen auf Zelluloid, wäre wohl der Andrang/die Neugier gen Pornografie noch größer, oder das Puritanische könnte glatt größere Komplexe auslosen. Oder wie schaut es mit Körperidealen? Klar wird für Mainstreammaterial meistens optimiert, gefaked und idealisiert soweit möglich – es gibt sogar Sixpack-, Hintern- und Bizeps-Doubles für Männer, aber spätestens im kleineren Dramenbereich findet man doch immer wieder Nacktszenen von ’normal‘ aussehenden Menschen. Menschen, die nicht athletisch sind, an denen keine Ärzte gewerkelt haben, die nicht zu etwaigen Gesellschaftsvorbildern hinreichen. Menschen, wie man sie überall findet. Ist es nicht hin und wieder ganz annehmbar, derart zu sehen, dass man selbst durchaus normal ist?

Was ist mit ihm?

Was ist eigentlich mit Männern und ihren Teilen, Anteilen, Beteiligungen? In europäischen Arthouse Filmen findet man da zwar jede Menge nackte Typen, aber in kommerziellen Filmen? Gut, Matthias Schweighöfer zeigt seinen Allerwertesten in fast jedem Film weil Deutschland offenbar danach jieper hat, aber was mit Hollywood? Bis heute ist der Schniedel ein selten gesehenes Objekt, und gar nahezu gänzlich ungesehen in aktionsbereiter Form. Auf das Thema muss man sich jetzt nicht versteifen (…), aber rein statistisch gesehen ist es schon kurios, wie ungesehen dieses eine Körperteil eigentlich ist, wo es doch 50% der Menschheit besitzt.

Man muss wissen, dass es in den USA folgende Regelung gibt: zeigt man Brüste, Nippel und Hintern, kann ein Film noch als PG-13 Rating durchgehen. Sogar volle Nacktheit ist akzeptabel, solang es in keinem sexuellen Kontext passiert (beispielsweise bei einer Duschszene). Soll es aber sexuell sein und einer dran Gefallen finden, klingelt sofort das R-Rating (unter 18 nur mit erwachsener Begleitperson). Ein NC-17 (nur ab 18 Jahren) schlägt ein, wenn die südlichen Genitalien im Detail gezeigt werden, oder wie sie benutzt werden, und das will keiner, weil man den Film dann nicht mehr öffentlich bewerben darf. Schon verrückt, aber die beiden Puppenfilme Chucky die Mörderpuppe 5: Chucky’s Baby und Team America: World Police von den South Park Machern sind beide fast mit einem solchen NC-17 abgestraft worden, weil ihre Puppensexszenen zu heftig waren.

Fazit

Sex gibt’s, sonst gäb’s uns nicht. Was Sex und Nacktheit in Filmen betrifft, ist’s klar, dass es hart ist und auch in Zukunft immer wieder kommen wird. Mal so, mal so. Was Leute dazu treibt, das für’s Filmpublikum vor der Kamera nachzustellen, ist weiterhin eine große Frage. Kann es Spaß an der Sache sein? Zumindest gibt es auf der anderen Seite ein großes Interesse dran, und nahezu niemand würde, hätte man die Bandersnatch-Option, eine kommende Nacktszene einer äußerst attraktiven Person zu überspringen, auf den Überspringen-Button klicken. Oder?

Autor: Christian Mester

Dieser Filmenthusiast (*1982) liebt es, manchmal auch mit Blödsinn, Leute für Filme zu begeistern. Hat BG im Jahr 2004 gegründet und ist dann für Pressevorstellungen, Interviews und Premieren viel rumgereist, hat als Redakteur u.a. für GameStar geschrieben, war dann mal Projektleiter in einer Werbeagentur mit Schwerpunkt dt, Kinostarts und - schaut gerad vermutlich schon wieder was.