Die letzte Zigarette

Presko

Well-Known Member
Naja, es ist eine uralte Geschichte. Hab die vor nun fast zehn Jahren geschrieben. Aber ich dachte, ich werf mal was online, nur ums gleich zu sagen, nicht alles, was ich schreibe, ist so depri :ugly:


Die Letzte Zigarette
Das Leben als Roulette betrachtet. Jeder Schritt ein Moment des Zufalls. Ein ewiges Rollen im Kreis soll ein Ende finden. So musst DU die Kugel aus dem Spiel nehmen
Ganz dünn steht dieser Text rotfarben an der Wand in deinem Zimmer. Nichts anderes von dir ist mehr da. Die Kleider gepackt, das Bett ist abbezogen.
Du erinnerst dich an die Nacht. Es war die zweite Nacht, nachdem du aus dem Krankenhaus gekommen warst. Die Ärzte und Schwestern hielten dich für žüber den Berg, doch du erinnerst dich an die Gefühle, die in dir brodelten, als du in dieser Nacht aufgewacht bist. Du musstest erklären, deine Gefühle ausdrücken ihre ganze Kraft unter Beweis stellen. Mit deinen langen Fingernägeln begannst du die frische Naht an deinem linken Arm wieder auf zu kratzen, bis genug Blut floss, um deine Worte zu finden und ihnen Ausdruck zu verleihen. Nun 9 Monate später tunkst du den Schwamm in den Kessel Wasser vor dir und wäschst die Schrift von der Wand dein letzter Akt. Das Wasser im Eimer hat sich kaum verfärbt, als du ihn zurück in die Putzkammer bringst.
Die anderen Patienten im Flur sehen dich komisch an. Wie frei du dich bewegen kannst und dir das Betreten jedes Raums erlaubt ist. Wie gerne würdest du das wieder gegen die Sicherheit von vorgegeben Regeln eintauschen, gegen die Sicherheit von Grenzen. Nun musst du sie dir wieder selber setzen.
Dein Gepäck liegt im Sekretariat bereitgestellt. Es ist nicht viel. Bei Frau Baumgartner musst du noch ein Formular unterschreiben und dann kannst du gehen. Niemand hält dir die Tür auf, du musst sie selber öffnen. Das Einzige was bleibt, sind die Gespräche und vielen Ratschläge der Ärzte. Doch kaum bläst dir der kühle Nachmittagswind ins Gesicht, scheint es, als würde er all diese Ergebnisse aus den zahlreichen Sitzungen einfach mit sich davontragen. Denn hier draußen hat sich in der Zwischenzeit nichts geändert noch immer dieselbe Einsamkeit und das selbe Chaos inmitten dem.
Du tastest dich nach deinem Päckchen Zigaretten ab. Du klopfst die Letzte aus der Box und versteckst das leere Päckchen wieder in deiner Hosentasche. Auch das Feuerzeug ist beinahe leer und du brauchst drei Versuche, bis du dir die Zigarette angesteckt hast. Ein tiefer Zug lässt deine Spannung etwas erschlaffen und du beginnst deinen Weg.
Du überquerst die selben Strassen, hörst die selben Menschen über die Gehsteige entlang laufen. Und ihr Tuscheln, Lachen und Gezanke erscheint dir immer noch ebenso mysteriös wie bedrohlich.
Enge dunkle Gassen und die verschiedensten Geschäfte liegen auf deinem Weg - unmöglich den Blicken der Passanten zu entgehen.
Du bleibst in einer finsteren Ecke stehen. Vor dir befindet sich eine Mutter mit einem kreischenden Baby auf dem Arm, neben ihr steht ein quengelndes Kind, das laut herumbrüllt. Die Mutter versucht das Kind mal zu ignorieren oder dann wieder zu ermahnen still zu sein, doch sie erscheint letzten Endes hilflos.
Wieder tastest du mit dem versteckten Blick auf das Familiengeschehen gerichtet nach deinem Zigarettenpäckchen. Erst als du die Hülle in deiner Hand zusammenknüllst, bemerkst du wieder, dass es ja leer ist und lässt es erneut in der Hosentasche verschwinden. Ein paar Meter weiter steht ein Tabakwarengeschäft und du näherst dich vorsichtig dem Eingang. Du versuchst die Mutter mit ihren beiden Kindern zu ignorieren, während du dich an ihnen vorbeischleichst, den Blick in die Pfützen am Boden gerichtet. Ob sie dich wohl anstarren? Ob sie wohl schlecht über dich denken?
Unter dem Schatten des Tabakwarengeschäfts bringst du dich in Sicherheit vor all den Fragen und beängstigenden Gedanken. Durch das Fenster starrst du von außen in das Geschäft hinein. Es ist ein kleiner Laden. Hinter dem Tresen steht ein alter, dicklicher Mann mit einem buschigen, braunen Schnauzer im Gesicht. Irgendwie hast du nicht das Gefühl, dass das Betreten dieses Ladens für Leute wie dich, wer das auch sein mag, gestattet ist und gehst wieder weiter.
Zwei, vielleicht dreimal musst du dich wieder genauer orientieren auf dem Weg, bis du dann endlich zu deiner alten Wohnung gelangst in der untersten Etage eines alten Wohnblocks.
Erst nachdem du deine Hosentaschen durchsucht hast, erinnerst du dich, dass die Hausschlüssel noch immer in der Reisetasche liegen und beginnst diese zu durchwühlen. Währenddessen geht an dir eine junge Frau mit ihrem Freund Arm in Arm vorbei. Drei Türen weiter beginnen sie wie du nach ihren Schlüsseln kramen. Während sie so suchen, lachen und albern sie herum und immer mal wieder blickt einer von beiden zu dir hinüber, worauf du dann deinen Blick beschämt in deine Tasche wendest.
Als du irgendwann wieder vorsichtig nach oben siehst, hörst und siehst du nur noch wie die Tür hinter den beiden in die Klinke springt. Du setzt dich kurz auf deine Tasche und kramst ein weiteres Mal das Zigarettenpäckchen hervor, das noch immer leer ist. Dein Blick geht zur Strasse hinüber mit dem Gedanken an die vielen Geschäfte. Du reißt dich wieder los, drückst das Päckchen zurück in die Hosentasche und suchst weiter nach deinem Schlüssel. Nachdem du ihn gefunden hast, bemerkst du während des Aufschließens, dass die Tür leicht klemmt, so dass du ihr einen leichten Tritt geben musst, um sie mit einem Knarren zu öffnen.
In der Wohnung ist alles ganz still. Du stehst eine Weile lang einfach da neben der Garderobe mit der Reisetasche in der Hand und starrst leeren Blicks in den Raum. Irgendwann stellst du deine Tasche dann doch ab und ziehst Schuhe und Jacke aus ganz langsam. Vorsichtig bewegst du dich von einem Raum zum anderen. Im Badezimmer bleibst du erneut stehen.
Das Licht war an diesem Abend nicht an, denkst du und lässt es auch jetzt aus. Du siehst zum Waschbecken hinüber, wo noch immer die leere Wodkaflasche liegt. Du näherst dich der Badewanne und gehst davor auf die Knie, so dass du wieder genau die selbe Stellung eingenommen hast, wie an jenem Abend. Du öffnest den linken Hemdsärmel und faltest ihn nach hinten, wodurch die lange Narbe deinem Innenarm entlang frei wird. Nachdem du so eine Weile lang da gekniet bist, springst du plötzlich erschrocken auf und reisst den Spiegelschrank oberhalb des Waschbeckens auf. Leer.
In deiner Reisetasche liegt ein Necessaire, in dem ein automatischen Rasierapparat liegt. Doch du kannst dir, wann immer du willst, wieder Klingen kaufen. Es gibt keine Regeln, die das verbieten und es gibt keine Schwestern mehr, die dir davon abraten.
Du schliesst den Spiegelschrank wieder und verlässt das Badezimmer, um in die Küche zu gehen, wo du einen leeren Kühlschrank vorfindest und setzt dich an den Esstisch. Das Päckchen Zigaretten kramst du in diesem Moment zum letzten Mal aus deiner Hosentasche und wirfst es in den noch leeren Mülleimer. Du gehst ins Schlafzimmer, ins Wohnzimmer und schliesst überall die Jalousien, reisst das Telefonkabel aus dem Anschluss und setzt dich im Schlafzimmer in eine verdunkelte Ecke. Du kauerst dich ganz dicht zusammen und bleibst dort sitzen. Um bereit zu werden für das neue Leben....
 

Danny O

Active Member
WoW bin jetzt zufällig drüber gestolpert , finde es klasse und tiefgründig geschrieben.

Habe beim Lesen auch gemerkt als er in die Wohnung ging, dieses Zögern von ihm das hat einen zu denken gegeben, "ist da was passiert?"
Und er wirkt so als ob er lange weg war, so von der art und denk und herangehensweise . Man kann sich gut in die Person hineinversetzen so wie sie geschrieben ist, sie wirkt persönlich und auch verschlossen . Kriegst sowas besser hin als ich :top:
 
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