Queen at Sea
Ich sag's vorneweg: Für mich ist das bisher der insgesamt stärkste unter vielen guten bis sehr guten Filmen, die ich am diesjährigen ZFF gesehen habe. Neben
Life Supportaber auch der heftigste.
Der Film beginnt damit, dass Amanda (Juliette Binoche) mit ihrer Tochter Sara (Florence Hunt) ihre demente Mutter Leslie (Anna Calder-Marshall) und ihren Stiefvater Martin (Tom Courtenay) besuchen will und dabei ins Schlafzimmer der beiden platzt, als Martin gerade auf ihrer wehrlosen Mutter liegt. Amanda ruft die Polizei. Wie sich herausstellt, haben sie und Leslies Hausarzt Martin bereits zuvor klargemacht, dass er keinen Sex mehr mit ihr haben dürfe, weil sie in ihrem geistigen Zustand nicht mehr in der Lage sei, einzuwilligen. Martin, der seine Frau allein und aufopferungsvoll pflegt, stellt sich auf den Standpunkt, dass Leslie selbst den Sex mit ihm möchte.
Wie auch immer: Die Polizei nimmt die Sache sehr ernst. Obwohl Amanda eigentlich nur wollte, dass die Beamten Martin nochmals klarmachen, dass er keinen Sex mehr mit Leslie haben darf, leiten diese eine vollständige Untersuchung wegen Vergewaltigung ein. Martin wird vorübergehend festgenommen, Leslie muss ärztliche Untersuchungen und Befragungen über sich ergehen lassen, und der Sozialdienst wird eingeschaltet.
Parallel dazu findet Sara in London neue Freunde und beginnt eine Beziehung mit einem Jungen. Partnerschaft, Liebe und Sex also in zwei ganz unterschiedlichen Lebensphasen und Umständen.
Mich hat das von der ersten Minute an reingezogen. Allein schon die Frage nach der Sexualität von Menschen mit Demenz ist so interessant und wird filmisch so gut aufgegriffen, ohne je didaktisch zu wirken. Denn getragen wird das Ganze von einer absolut glaubwürdig und spannend erzählten Geschichte und fantastisch geschriebenen Figuren. Auch schauspielerisch ist das wirklich grossartig. Binoche lässt einen sofort ihre Überforderung und Zerrissenheit mitfühlen, allen voran aber machen einen die Leistungen von Tom Courtenay und Anna Calder-Marshall fast sprachlos – beide wurden an der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Trotz aller Tragik erzählt Lance Hammer, der hier seinen ersten Film seit 18 Jahren vorlegt, nie reisserisch, sondern mit tiefer Empathie.
Einzig am Ende bricht der Film ein wenig ein, weil er für meinen Geschmack mit einem unnötigen Schlag in die Magengrube schliesst. Denn eins muss man sagen:
Queen at Sea ist kein leichter Sehgenuss. Man weiss einfach, das stammt direkt aus dem Leben, damit kann jede und jeder einmal konfrontiert werden, und es ist grösstenteils recht hoffnungslos, auch wenn es hie und da sogar etwas zu lachen gibt. Es ist die tiefe Menschlichkeit, die verhindert, dass das Elend überhandnimmt.