Filmfestivaltagebuch

Presko

Don Quijote des Forums
Du hast einen sehr guten/schönen Schreibstil.
Danke dir.:smile:
Meistens schreibst du mehr als ich lesen kann. :ugly:
Und darum gehts auch gleich weiter:ugly:

Guria


Während in Guria, im Westen Georgiens kurz nach dem Zerfall der Sowjetunion, Schülerinnen und Schüler im Granatenwerfen trainiert werden und die Vorbereitungen für einen Schönheitswettbewerb laufen, bei dem als Hauptpreis eine Saftmaschine winkt, hadert der verwitwete Zuriko (Kakhaber Tcholadze) mit den tiefen Preisen, die man ihm für seine Haselnüsse bietet. Sein Sohn kämpft derweil in der Schule um das Herz einer Klassenkameradin und steht dabei in direkter Rivalität zu einem Nebenbuhler. Auch Zuriko selbst muss sich mit Liebesdingen herumschlagen, denn sein Bruder will ihn mit einer neuen Frau verkuppeln.

Guria ist eine äusserst skurrile Komödie. Ganz in Schwarz-Weiss gedreht, erinnert sie nicht selten an die Filme von Aki Kaurismäki. Regisseur Levan Koguashvili nimmt uns mit in eine Welt zwischen ländlicher Tradition und Moderne. Dabei unterhält der Film mit seinem Humor und seiner Unberechenbarkeit und versprüht einen wunderbar lakonischen Charme.
 

Presko

Don Quijote des Forums

A Talent for Murder


In Anton Corbijns Adaption des Theaterstücks Switzerlandvon Joanna Murray-Smith reist der New Yorker Lektor Edward Ridgeway (Alden Ehrenreich) 1995 im Auftrag seines Verlags in die Schweiz. Dort soll er die berühmte Schriftstellerin Patricia Highsmith (Helen Mirren) dazu bringen, einen Vertrag über einen sechsten Tom-Ripley-Roman zu unterschreiben. Edward ist bereits der zweite Gesandte, nachdem sein Vorgänger Appleby spurlos verschwunden ist.

Vom ersten Moment an macht ihm die ebenso exzentrische wie menschenfeindliche Highsmith klar, dass sie ihn nicht hier haben will und erst recht nicht vorhat, den Vertrag zu unterschreiben. Doch irgendwie gelingt es Edward, ihr Interesse zu wecken, und im Zwiegespräch beginnen die beiden, einen neuen Ripley zu entwickeln. Schliesslich stellt Highsmith ihm ein Ultimatum: Er hat einen Tag Zeit, sich eine Idee für den zweiten Mord auszudenken. Überzeugt sie die Idee, will sie unterschreiben.

Immer mehr verschwimmt in Corbijns neuem Film die Grenze zwischen literarischer Fiktion und Wirklichkeit. Seine stärksten Momente hat der Film, wenn er sich auf das Rededuell und das Psychospiel zwischen Highsmith und Edward konzentriert. Die parallel entstehende Ripley-Geschichte als Film im Film zu inszenieren, erweist sich hingegen als zweischneidiges Schwert: Zwar kann Corbijn hier seinem kunstvollen visuellen Stil stärker frönen, gleichzeitig bremst das den Hauptplot enorm aus, ohne dass man als Zuschauer emotional oder spannungsmässig besonders investiert wäre – schliesslich weiss man, dass das nur eine ausgedachte Geschichte ist. Leider bleiben auch die Figuren insgesamt recht blass. Auch der Schlusstwist ist bedingt überzeugend - zu schnell wird das abgehandelt und so richtig Wirkung entfalten zukönnen.
 

Presko

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Queen at Sea


Ich sag's vorneweg: Für mich ist das bisher der insgesamt stärkste unter vielen guten bis sehr guten Filmen, die ich am diesjährigen ZFF gesehen habe. Neben Life Supportaber auch der heftigste.

Der Film beginnt damit, dass Amanda (Juliette Binoche) mit ihrer Tochter Sara (Florence Hunt) ihre demente Mutter Leslie (Anna Calder-Marshall) und ihren Stiefvater Martin (Tom Courtenay) besuchen will und dabei ins Schlafzimmer der beiden platzt, als Martin gerade auf ihrer wehrlosen Mutter liegt. Amanda ruft die Polizei. Wie sich herausstellt, haben sie und Leslies Hausarzt Martin bereits zuvor klargemacht, dass er keinen Sex mehr mit ihr haben dürfe, weil sie in ihrem geistigen Zustand nicht mehr in der Lage sei, einzuwilligen. Martin, der seine Frau allein und aufopferungsvoll pflegt, stellt sich auf den Standpunkt, dass Leslie selbst den Sex mit ihm möchte.

Wie auch immer: Die Polizei nimmt die Sache sehr ernst. Obwohl Amanda eigentlich nur wollte, dass die Beamten Martin nochmals klarmachen, dass er keinen Sex mehr mit Leslie haben darf, leiten diese eine vollständige Untersuchung wegen Vergewaltigung ein. Martin wird vorübergehend festgenommen, Leslie muss ärztliche Untersuchungen und Befragungen über sich ergehen lassen, und der Sozialdienst wird eingeschaltet.

Parallel dazu findet Sara in London neue Freunde und beginnt eine Beziehung mit einem Jungen. Partnerschaft, Liebe und Sex also in zwei ganz unterschiedlichen Lebensphasen und Umständen.

Mich hat das von der ersten Minute an reingezogen. Allein schon die Frage nach der Sexualität von Menschen mit Demenz ist so interessant und wird filmisch so gut aufgegriffen, ohne je didaktisch zu wirken. Denn getragen wird das Ganze von einer absolut glaubwürdig und spannend erzählten Geschichte und fantastisch geschriebenen Figuren. Auch schauspielerisch ist das wirklich grossartig. Binoche lässt einen sofort ihre Überforderung und Zerrissenheit mitfühlen, allen voran aber machen einen die Leistungen von Tom Courtenay und Anna Calder-Marshall fast sprachlos – beide wurden an der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Trotz aller Tragik erzählt Lance Hammer, der hier seinen ersten Film seit 18 Jahren vorlegt, nie reisserisch, sondern mit tiefer Empathie.

Einzig am Ende bricht der Film ein wenig ein, weil er für meinen Geschmack mit einem unnötigen Schlag in die Magengrube schliesst. Denn eins muss man sagen: Queen at Sea ist kein leichter Sehgenuss. Man weiss einfach, das stammt direkt aus dem Leben, damit kann jede und jeder einmal konfrontiert werden, und es ist grösstenteils recht hoffnungslos, auch wenn es hie und da sogar etwas zu lachen gibt. Es ist die tiefe Menschlichkeit, die verhindert, dass das Elend überhandnimmt.
 

Presko

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NAZA


NAZA entstand aus einer Zusammenarbeit der beiden israelischen Regisseure Yuval Abraham und Rachel Szor (No Other Land) mit der britischen Zeitung The Guardian. Herausgekommen ist ein weiterer Dokumentarfilm über den Gazakrieg, der ein erschütterndes Bild einer absolut inhumanen Kriegsführung seitens der israelischen Armee zeichnet.

Formal unterscheidet er sich dabei stark vom anderen derzeit aktuellen Dokumentarfilm Life Support. Während dieser mit vielen Aufnahmen aus Gaza den Krieg und seine Folgen ganz unmittelbar zeigt, sehen wir in NAZA nur wenige Kriegsszenen. Meist sehen wir Abraham, der nachts auf den Dächern Tel Avivs verschiedene Personen interviewt – 24 Angehörige der israelischen Armee und des Geheimdienstes, die schildern, wie die israelische Kriegsführung funktioniert. Im Zentrum steht dabei der titelgebende Begriff NAZA, ein hebräisches Kürzel, das in diesen Kreisen für menschliche Kollateralschäden steht: für die bei Angriffen bewusst einkalkulierten zivilen Opfer, seien es Frauen, Kinder oder Männer.

Wer die Enthüllungen des Guardian oder der israelisch-palästinensischen Magazine +972 und Local Call der letzten Jahre verfolgt hat, dürfte das meiste nicht allzu neu finden. Und dennoch: Wie die Interviewten das Vorgehen schildern, die «Kalkulationen», die da gemacht werden, und wie sie sich selbst mal mehr, mal weniger vor sich rechtfertigen, geht unter die Haut und erinnert immer wieder an Hannah Arendts «Banalität des Bösen».

Gleichzeitig macht sich der Film insofern angreifbar, als alle Interviewten anonymisiert wurden und es am Publikum liegt zu entscheiden, ob man ihnen glaubt. Der Guardian steht dabei sicherlich für journalistische Qualität und hat auch betont, für den Film sämtliche journalistischen Standards eingehalten zu haben.
 

Presko

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Un bon petit soldat


Carla (Alba Rohrwacher) ist seit Kurzem Personalleiterin eines grossen Versicherungsunternehmens und zudem für das Video einer gross angelegten Kampagne zur Rekrutierung junger Mitarbeitender zuständig. Die neue Stelle entpuppt sich als brutale Belastungsprobe: Der CEO (Vincent Lindon) zerreisst ihren ersten Filmvorschlag in der Luft und fordert ein grundlegend neues Konzept, und gleichzeitig wird Carla mit schwerwiegenden Mobbingvorwürfen gegen eine erfolgreiche Abteilungsleiterin konfrontiert. Parallel dazu sorgt sie sich um die nachlassenden schulischen Leistungen ihres Sohnes, der gerade bei seinem Vater lebt.

Stéphane Brizé, der zuvor schon mit La loi du marché, En guerre und Un autre monde die Arbeitswelt sezierte, liefert eine bitterböse Abrechnung mit der kapitalistischen Leistungs- und Unternehmenskultur, die sich nach aussen sozial verantwortlich gibt, nach innen aber Leistungs- und Effizienzsteigerung über das Wohl der Mitarbeitenden stellt. Carla ist in dieser Welt die gute kleine Soldatin, die zugleich daran zu zerbrechen droht.

Der Film bemüht sich um eine authentische Atmosphäre, und meistens gelingt ihm das dank kühler Bilder und eines raffinierten Sounddesigns sehr gut. Leider sind gerade zwei dramatische Höhepunkte etwas überzeichnet, und Carlas Handeln ist vom Drehbuch nicht immer ganz überzeugend begründet. Trotzdem sehr kurzweilig, stellenweise durchaus amüsant und mit einer dichten Atmosphäre, die ein ziemliches Unwohlsein erzeugt.

Ganz nach Marc-Uwe Kling: «Mein liebster Schatz ist mein Arbeitsplatz».
 

Presko

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Vaterland


1949 kehrt der nach Amerika emigrierte Thomas Mann (Hanns Zischler) für zwei öffentliche Auftritte nach Deutschland zurück: In Frankfurt und in Weimar soll er jeweils mit dem Goethepreis geehrt werden. Begleitet wird er von seiner Tochter Erika (Sandra Hüller). Während viele ihn verehren, schlägt ihm auch Kritik entgegen. Die einen werfen ihm vor, Deutschland vor dem Krieg den Rücken gekehrt zu haben, die anderen verlangen, dass er klarstellt, welchem Block er sich zugehörig fühlt – dem kommunistischen oder dem westlichen.

Erika versucht derweil, ihren Bruder Klaus (August Diehl) zu überreden, zu ihnen zu stossen. Klaus sagt zu, taucht dann aber nicht wie verabredet auf. Dann die Nachricht: Klaus hat sich das Leben genommen. Doch statt seinen Besuch im Vaterland abzubrechen, will Thomas Mann die Reise fortsetzen.

In stimmungsvollen Schwarz-Weiss-Bildern folgen wir den beiden durch das Nachkriegsdeutschland, wo sie auf alte Bekannte treffen und verschiedenste Leute versuchen, Thomas Mann für ihre Sache einzuspannen. Eine der schönsten Szenen: Wagners Enkel Wieland und Wolfgang bitten Mann, sie bei der Wiederbelebung der Bayreuther Festspiele zu unterstützen – schliesslich sei er der berühmteste Verehrer der Musik ihres Grossvaters. «Nach Hitlers Tod», entgegnet Mann.

Paweł Pawlikowski, der dafür in Cannes den Regiepreis gewann, hat mit Vaterland einen formal sehr strengen, konzentrierten Film geschaffen. Seine beiden Protagonisten wirken über weite Strecken verschlossen und kühl, doch Zischler und Hüller verleihen ihren Figuren mit subtilen Nuancen trotzdem emotionale Tiefe. Mann selbst changiert zwischen selbstverliebtem Genie und Heimatlosem, der mit seiner Haltung zu seinem in sich zerrissenen Vaterland hadert, zugleich an dessen kultureller Genesung mitwirken will – und im Umgang mit der eigenen Familie distanziert, kalt, vielleicht auch unbedarft agiert.
 

Presko

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Everytime


In der Nacht, bevor sie mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester in die Ferien fahren will, feiert die 17-jährige Jessie (Carla Hüttermann) zusammen mit ihrem Freund Lux (Tristán López) im Club durch, bevor die beiden hoch oben auf dem Dach eines Berliner Hochhauses auf die Morgendämmerung warten. Dann die Tragödie: Als Jessie noch versucht, den Sonnenaufgang mit der Kamera festzuhalten, stürzt sie vom Dach und stirbt.

Monate später kehrt Lux nach längerer Abwesenheit zurück und trifft prompt auf Jessies Mutter Ella (Birgit Minichmayr) und Jessies Schwester Melli (Lotte Shirin Keiling), die Jessies Tod scheinbar einigermassen verarbeitet haben. In den folgenden Tagen finden die drei immer wieder zusammen, als würde eine unsichtbare Kraft sie zueinander ziehen – Jessies Tod als stummes Band zwischen ihnen. Doch dann tun sich erste Risse auf, und es wird klar, dass keiner der drei ihren Tod wirklich verarbeitet hat.

Sandra Wollner, die dafür in Cannes den Hauptpreis der Reihe Un Certain Regard gewann, ist ein wunderschönes Drama über den Umgang mit Trauer, Tod und Schuldgefühlen gelungen. Eine fantastische Inszenierung mit vielen stillen Momenten – tief melancholisch, feinfühlig, poetisch und durchbrochen von Momenten magischen Realismus. Dazu kommt ein ganz toller Score. Die erste Filmhälfte fand ich nahezu perfekt, im zweiten Drittel haben sich vielleicht die eine oder andere leichte Länge eingeschlichen. Das Ende ist dann aber wieder so aussergewöhnlich und besonders, dass man für die Oscars – der Film ist Deutschlands Beitrag – nur die Daumen drücken kann.
 

Presko

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Das geträumte Abenteuer


Veska (Yana Radeva) und Said (Syuleyman Letifov) sind beide nach Jahren in ihre Heimatstadt Swilengrad zurückgekehrt, einen Grenzort zur Türkei und zu Griechenland, durch den Waren aller Art, aber auch Migranten geschmuggelt werden – was für ein Ort! Sie kommt als Archäologin für eine Ausgrabung, er für ein zwielichtiges Geschäft. Nach einem gemeinsam verbrachten Tag verschwindet Said spurlos, und Veska macht sich auf die Suche nach ihm. Dabei trifft sie auch auf Iliya, einen ehemaligen Schulkameraden, der heute als Gangster die Geschicke des Ortes lenkt und ebenfalls nach Said sucht. Erst nach und nach kommen wir dahinter, welche dunklen Verstrickungen die drei miteinander verbinden.

Genremässig ist Valeska Grisebachs Film, in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet, kaum zu verorten: Er vereint Facetten der Gesellschaftsstudie, des Dramas, aber auch der Komödie und des Krimis.

Mit seiner langsamen Erzählweise und einer Laufzeit von knapp drei Stunden ist Das geträumte Abenteuer nicht gerade ein Film für jedermann. Wer sich aber darauf einlässt, wird mit einem äusserst vielschichtigen, klug beobachteten Film belohnt, der toll gespielt ist – obwohl der gesamte Cast aus Laiendarsteller:innen besteht.
 

Presko

Don Quijote des Forums
Black Church Bay


Der Lehrer Barry (Tom Cullen) verbringt ein Wochenende allein mit seinem Schüler Jasper (Joe Locke) auf seinem Segelboot. Die beiden haben eine heimliche Affäre. Doch als Jasper mitten in der Nacht schwimmen geht, verschwindet er spurlos.

Nachdem Barry erfolglos nach ihm gesucht hat, kehrt er nach Hause zurück und lebt weiter, als wäre nichts geschehen. Derweil wird Jasper als vermisst gemeldet, und die Polizei nimmt Ermittlungen auf. Was Barry nicht weiss: Jasper hat heimlich Videos ihrer gemeinsamen Eskapaden aufgenommen, und eines davon, das ihn bei sexuellen Handlungen zeigt, gelangt plötzlich an die Öffentlichkeit.

Rhys Marc Jones' Spielfilmdebüt ist ein sehr gut gespieltes walisisches Drama mit Krimielementen, das sich vor allem darauf konzentriert, wie sich die Schlinge um den Hals des eigentlich beliebten Lehrers immer enger zieht. Gleichzeitig zeigt der Film Erwachsene, die noch immer voller Vorurteile auf insbesondere queere Jugendliche blicken.

Ich hätte mir etwas mehr Charaktertiefe gewünscht und gerne mehr über die Beziehung zwischen Barry und Jasper erfahren. So bleiben einem die Figuren etwas gleichgültig, und der Quasi-Krimiplot ist alles andere als originell. Souveränes Schauspielkino mit guter Atmosphäre also, aber wenig spannend oder mitreissend.
 

Presko

Don Quijote des Forums
La Détention


Guillaume Massarts episodenhafter Dokumentarfilm begleitet eine Klasse angehender Gefängniswärter:innen während ihrer gesamten schulischen Ausbildung an der französischen Strafvollzugsschule ENAP in Agen. Dort werden sie von Fachleuten in Arbeitsabläufe wie die Aufnahme neuer Gefangener, Zellenkontrollen oder den Umgang mit körperlichen Konflikten eingeführt.

Obwohl recht schlicht gemacht, fand ich das megaspannend – vor allem die Diskussionen, die sich jeweils um bestimmte Fragen entspinnen, oder wenn die Auszubildenden von ihren ersten Praxiseinsätzen berichten. Während die Lehrpersonen mehrheitlich einen sehr respektvollen Umgang mit den Insassen vermitteln (auch hier gibt es Ausnahmen und fragwürdige Zwischentöne), erzählen die angehenden Wärter:innen immer wieder von erschreckenden Erlebnissen im Gefängnisalltag, wo ihre Kolleginnen und Kollegen ein ganz anderes Menschenbild an den Tag legen. Mehrfach musste ich an Foucault, das Milgram- oder das Stanford-Prison-Experiment denken. Absolute Empfehlung für alle, die sich für so etwas interessieren.
 

Puni

Well-Known Member
@Presko

Besten Dank für deine Reviews zu den Festivals, es ist jedes Mal ein Fest. Vor allem sind das meist Filme ausm Programmkino, für das ich zufällig noch ne ganze Menge Gutscheine hab. :biggrin:
 

Presko

Don Quijote des Forums
@Presko

Besten Dank für deine Reviews zu den Festivals, es ist jedes Mal ein Fest. Vor allem sind das meist Filme ausm Programmkino, für das ich zufällig noch ne ganze Menge Gutscheine hab. :biggrin:

Dankeschön. Lass uns wissen, was du dir angeschaut hast und wies dir gefallen hat. Morgen ist das ZFF leider schon wieder vorbei.Vielleicht das letzte mal, dass ich mir die anderthalb Wochen so einrichten konnte inkl. Akkreditierung. Jedenfalls viele tolle Filme gesehen. Zu einigen kommt noch was. Keinen einzigen Film, den ich gar nicht mochte und auch nur wenige Durchhänger. Schöne Ausbeute also, dieses Jahr:smile:

Clarissa


Auf ihrem Anwesen in Lagos trifft die wohlhabende Clarissa (Sophie Okonedo) die letzten Vorbereitungen für eine grosse Party am kommenden Abend. Neben ihrem Mann werden dort auch ihre Jugendfreunde Peter (David Oyelowo), Sally (Nikki Amuka-Bird) und Ugo erwartet, die sie seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Damals, als sie noch auf dem Land lebten, diskutierten sie leidenschaftlich über Politik, Demokratie und Kolonialismus, aber auch über Literatur und Feminismus und träumten von einer demokratischen Zukunft für Nigeria. Clarissa war das Zentrum der Gruppe, und sowohl Peter als auch Sally waren in sie verliebt.

2015 ist Nigeria noch immer ein widersprüchliches, von inneren Konflikten zerrissenes Land, in dem die Demokratie täglich auf der Kippe steht. Die einst so kämpferische Clarissa hat sich inzwischen in ihrem wohlhabenden Leben eingerichtet. Das bevorstehende Wiedersehen konfrontiert sie nun wieder mit ihrer Vergangenheit und den Entscheidungen, die sie einst getroffen hat.

Parallel dazu folgen wir in kurzen Episoden der muslimischen Schneiderin Aisha, deren Freund seit mehreren Jahren als Soldat im Kampf gegen die Miliz Boko Haram dient und Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung zeigt.

Mit Clarissa legen die Zwillingsbrüder Arie und Chuko Esiri eine aussergewöhnliche Adaption von Virginia Woolfs Roman Mrs Dalloway vor, die dem Publikum mit ihren ständigen Zeit- und Perspektivwechseln einiges abverlangt. In den Rückblenden spielen India Amarteifio und Ayo Edebiri die jungen Versionen von Clarissa und Sally. Belohnt wird das Publikum mit einem stilvollen, eleganten Film, mit tollen Schauspielerin und einer vielschichten Auseinadnersetzung mit Identität und postkolonialier Geschichte.
 

Presko

Don Quijote des Forums
Colors of White Rock


Im Dokumentarfilm des mongolischen Regisseurs Khoroldorj Choijoovanchig folgen wir Maikhuu, einer der wenigen Lastwagenfahrerinnen, die Kohle aus den Minen der Wüste Gobi nach China transportieren. Ein brutal harter Job, für den sie ihre Gesundheit aufs Spiel setzt und oft wochen- oder sogar monatelang von ihren Kindern getrennt ist.

Was sich einem ins Gedächtnis brennt, sind neben der beeindruckenden Protagonistin die Bilder: die Wüste Gobi, die kilometerlangen Lastwagenkolonnen, die im Smog ertrinkende Stadt. Der Film führt einem eindrücklich vor Augen, was unter der Oberfläche unserer globalisierten Wirtschaft passiert und wie die Ausbeutung von Natur und Mensch Hand in Hand gehen, um unseren Lebensstil möglich zu machen und was dies für jene Menschen bedeutet, welche an der „untersten Stelle“ dieser Produktionskette stehen.
 

Presko

Don Quijote des Forums
A Bit of Light


Weil er mehrere verletzte Demonstranten behandelt hat, wurde der Arzt Arash (Misagh Zareh) verhaftet und seine Praxis geschlossen. Nun, nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis, fasst er den Entschluss, sich das Leben zu nehmen. Er informiert seine Geschwister und besucht mit ihnen zusammen die Mutter, um es auch ihr möglichst schonend beizubringen.

Auch in seinem neuen Film blickt Ali Asgari darauf, wie der iranische Regimeapparat mit seinen gewaltsamen Mitteln das alltägliche Leben gewöhnlicher Iranerinnen und Iraner prägt – und insbesondere, welcher psychischen Belastung die Menschen ausgesetzt sind. Leider hat mich der Film trotz interessanter Ansätze nicht so richtig gepackt; zu ungelenk und hüftsteif kommt das alles daher. Weder das Drehbuch noch der Cast – angeführt von Misagh Zareh, bekannt aus Die Saat des heiligen Feigenbaums – vermögen dagegen anzukommen. So strahlt der Film, vielleicht durchaus gewollt, eine schwere, alles durchdringende Kraftlosigkeit aus. Was der Film sehr gut macht, ist die Einbindung von Humor, in dem er das Absurde in der Tragik wie beiläufig aufblitzen lässt. Was ihm als Film aber fehlt, ist der Anknüpfungspunkt, um das Publikum in Arashs Abschiedstour von seiner Familie emotional einzubinden.
 

Presko

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A Girl Unknown


Nach dem Tod ihres Vaters lebt die sechsjährige Lin Juan (Cao Ruofan) allein mit ihrer Mutter An-hui. Als diese nach erneuter Heirat wieder schwanger wird, kann sie Juan aufgrund der damaligen Ein-Kind-Politik nicht bei sich behalten. Schliesslich findet sich ein Elternpaar, das selbst ein Kind verloren hat und Juan aufnimmt, obwohl der Mann eigentlich dagegen ist. Erst nach und nach begreift Juan, dass ihre Mutter sie nicht mehr zurückholen wird.

Zou Jings Spielfilmdebüt, an der Semaine de la Critique in Cannes gleich dreifach ausgezeichnet, entwickelt sich nach einem sehr ruhigen, langsamen Beginn zu einem emotional wuchtigen Drama über die Bedeutung von Familie, Identität und Entwurzelung. Parallel zur Haupthandlung zeichnet der Film ein sehr bedenkliches Bild einer zerrissenen, wenig solidarischen Gesellschaft, in der Mauern des Schweigens Beziehungen und Bindungen regelrecht ersticken. Die beiden Darstellerinnen von Juan – Cao Ruofan als Mädchen, Li Gengxi als junge Frau – liefern eine tolle Performance und ziehen einen emotional in die wenig erquickliche Geschichte, die audiovisuell als stimmungsvolles Wechselbad aus poetischer Schönheit und harten Realismus inszeniert ist.
 

Presko

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Les Misérables


Puh, was war das denn? Der Marvel-Film unter den Victor-Hugo-Adaptionen, mit Jean Valjean als Superheld? Jedenfalls rast Fred Cavayés Film in den ersten beiden Stunden so schnell wie The Flash durch die Jahrzehnte, springt von Figur zu Figur und von Plotpoint zu Plotpoint, bevor das letzte Drittel etwas stringenter wird – auch wenn das Tempo an dramatischen Ereignissen hoch bleibt.

Ich habe weder Hugos Vorlage gelesen noch eine der zahllosen Adaptionen gesehen und muss sagen: Das war zeitweise echt unfreiwillig komisch. Da die Figuren keinen Raum bekommen, sich zu entwickeln, untermalt das Drehbuch vieles mit besonders viel Drama und Pathos. Jede Figur erhält ein, zwei Eigenschaften, die dann ständig unterstrichen werden: der tapfere, moralisch geläuterte Jean Valjean (Vincent Lindon), der autoritär-brutale Polizeichef Javert (Tahar Rahim), das durchtriebene Ehepaar Thénardier (Camille Cottin und Benjamin Lavernhe), die freche und schöne Éponine (Marie Colomb) und so weiter. Schauspielerisch geht das in eine ähnliche Richtung: Jeder Gesichtsausdruck soll die meist eindimensionalen Gefühlszustände überdeutlich machen. Visuell ist das wenig aufregend oder einfallsreich, oft zu clean und künstlich, auch wenn ein paar schöne Shots gelingen.

Das ist alles durchaus unterhaltsam, macht dabei aus einem Klassiker der Literatur erzählerisch überfordertes, gefälliges, plumpes Popcornkino.
 

Presko

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Derek vs Derek


James Dawsons Dokumentarfilm handelt von zwei britischen Landwirten in Devon, deren Land direkt aneinandergrenzt, die aber ungleicher nicht sein könnten. Derek Banbury ist ein relativ konventioneller Milchbauer, der mit seinen 200 Kühen und seinem Maisanbau vor allem seine Erträge steigern will. Derek Gow hingegen hat einen Wandel durchlaufen und ist zur Überzeugung gelangt, dass die konventionelle Landwirtschaft der Natur zu sehr schadet. Darum will er sein Land renaturieren und einst heimischen Arten wie Wildschweinen, Störchen und verschiedenen Insekten wieder ein Refugium bieten – womit er Derek Banbury und die anderen Landwirte der Gegend gegen sich aufbringt.

Dawson inszeniert schlicht und verzichtet darauf, den Zwist unnötig zuzuspitzen. Wer aufgrund des Titels einen Nachbarschaftsstreit auf Trash-TV-Niveau erwartet, dürfte enttäuscht werden: Trotz Ärger und unterschiedlicher Standpunkte bleibt es zwischen den beiden Dereks gesittet. Der Film ist eher daran interessiert, beide Perspektiven einander gegenüberzustellen und nach einem gemeinsamen Nenner zu suchen. Das ist unspektakulär, aber durchaus interessant, hie und da sehr amüsant und auch lehrreich, wenn man Interesse an den verhandelten Themen wie das Artensterben, Biodiversität oder ökologische Landwirtschaft mitbringt – und auf jeden Fall sehr relevant.
 
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