For Sama

Presko

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  • Land, Jahr: Syrien, UK, USA, 2019
  • Länge: 95 Min
  • Regie: Waad al-Kateab, Edward Watts
Trailer
Es handelt sich bei For Sama um einen Dokumentarfilm der Journalistin Waad al-Kateab, die vom Beginn des arabischen Frühlings bis zum Ende der Besetzung Aleppos dort war und alles filmte. Sie heiratete in dieser Zeit den Arzt Hamza al-Kateab und gebar ihr erstes Kind Sama, dem sie den Film widmet. Im Film versucht sie ihrer Tochter zu erklären, warum sie und Hamza damals entschlossen, in Aleppo zu bleiben. Gegen Ende war das Krankenhaus, das der junge Arzt Hamza eröffnete, das einzige in der Gegend. Hamza wurde auch einer der wichtigsten Stimmen Syriens im Ausland während der Besatzung, da er viele Interviews mit zahlreichen Medien gab.

For Sama ist eine Wucht. Ein erschütterndes Porträt, wie ich es in der Form noch nie gesehen habe. Intensiv, traurig, kämpferisch, verzweifelt und doch auch irgendwie hoffnungsvoll. Auf der einen Seite ist das Leid, das der Film porträtiert. Den Alltag im Bürgerkrieg, ständige Bombenangriffe und Zerstörung. Gleich zu Beginn zeigt der Film, wie in Aleppo mit Kopfschuss hingerichtete Leichen aus einem Fluss geborgen und an Land aufgereiht waren. Die Kamera hält drauf, zeigt teilweise zerschossene Köpfe. Und dann, sind da wie gesagt, die ganzen Bombenangriffe, immer wieder und die Kamera ist mittendrin. Die Panik, die Erschütterungen, das Chaos werden für den Zuschauer bis zu einem gewissen Grad greifbar. Ich bin immer ein Gegner davon, als Zuschauer zu sagen, man erlebe durch einen Film den realen Krieg mit. Denn so gut der Film ist, sitzen wir in einem Kinosaal auf bequemen Sesseln und schauen auf eine Leinwand. Aber der Film ist wahrscheinlich so nah dran, wie es ein Film sein kann. Wir sehen wie zwei Jungen den Leichnam ihres Bruders ins Krankenhaus tragen, der eine sehr gefasst, der andere Junge weinend. Wir sehen, wie eine Mutter ihr Totes Kind aus dem Spital trägt und die Waad anschreit, wehe, sie schwenke mit der Kamera weg. Unter verzweifelten Trauerklagen schreit sie, sie immer wieder an, das hier aufzunehmen. Einmal fragt Waad den Sohn ihrer besten Freunde, wie es für ihn in der besetzten Stadt sei. Ganz ok, antwortet er. Das Schlimmste sei für ihn, dass die meisten Freunde nicht mehr da seien und jene, die nicht geflohen wären, sterben einer nach dem anderen.

Das ist die eine Seite und dann ist da der Optimismus, die Stärke und Hoffnung der Menschen, die Widerstand leisten und nicht aufgeben. So gibt es in den schrecklichsten Momenten unfassbar Lustiges. Wenn etwa während einem Bombardement eine Frau erzählt, dass, während heute sie am Abend im Bett den Bomben zu hören, ihr früher ihr Mann Geschichten vorgelesen und Lieder vorgesungen hätte, und der Mann trocken erwidert: „Und zum Glück muss ich das heute dank der Bomben nicht mehr.“ Und dann ein Lied anstimmt. Oder eine Frau das Bombardement als Assads Best Of der Besten Bomben bezeichnet. Oder die zahlreichen Aufnahmen Sama's, die in diesem Wahnsinn ihr erstes Jahr auf Erden zubringt, neugierig ihre kleine Welt erkundet, während der Kriegsalltag Normalität für sie ist. Eine andere Szene etwa zeigt, wie Kinder in den durch kaputte Wasserleitungen mit Wasser gefüllten Bombenkratern baden und spielen.

Und dann ist da noch diese Szene, die ich vielleicht nie wider vergesse. Eine schwangere Frau kommt schwer verwundet ins Krankenhaus. Die Ärzte müssen das Kind per Kaiserschnitt herausholen. Das bleiche Kindchen macht keinen Wank, stumm, mit geschlossenen Augen hängt es schlapp da. Kein Puls, so der Arzt. Auch eine Herzmassage hilft nicht. Er hebt das leblose Bündel an den Beinchen hoch, schüttelt es, klopft heftig auf den Rücken. Ich dachte zuerst, er will es reinigen oder so, aber dann auf einmal, öffnet sich sein Mund, seine Augen und schreit. Auf einmal ist da Leben, wo vorher Tod war und der ganze Kinosaal reagierte irritiert, perplex aber auch erleichtert. Das Kind und die Mutter überlebten.

For Sama hat schon diverse Preise bekommen und ich kann nur sagen, schaut Euch den Film an, wenn ihr die Chance bekommt. Wenn möglich im Kino, denn der Film ist auch audiovisuell super umgesetzt. Ein bleibendes, wichtiges Zeitdokument. Ich bin, ihr lest es vielleicht heraus, immer noch wahnsinnig berührt, weiss nicht recht, wie ich mich fühlen soll, gemütlich vor meinem Laptop sitzend, während gleich der nächste Film anfangen wird.
 
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