HBO Max stellt Vom Winde verweht in den Giftschrank - Zurecht?

TheGreatGonzo

Not interested in Naval Policy
Teammitglied
btw ich kenne den Film nicht, ich kenne keine amerikanischen Klassiker.

Das hat jetzt nichts mit dem Thema des Threads zu tun, aber wirklich? Keinen einzigen? Besteht nicht die gefühlte halbe Filmgeschichte aus amerikanischen Klassikern?

Zum Thema: Ich finde, es ist immer wichtig, jegliche Medien im Kontext der Zeit zu betrachten, aus der sie stammen. Wenn man jeden alten Film an heutigen Standards misst, ist sicher alles irgendwie problematisch. Gleichzeitig darf man auch nicht alles, was problematisch ist, unter den Teppich kehren, weil es halt eine andere Zeit war. Richtiger Diskurs muss sich mit beidem befassen. Es ist sicher richtig, dem Film eine Kontextualisierung vorzusetzen, allerdings könnte man das bei einem ganzen Haufen alter Filme. Ich denke es ist wichtig, dass man über solche Sachen sprechen und Dinge einordnen kann. Die Filme für immer in den Giftschrank sperren hilft da nicht viel, auch wenn ich nicht glaube, dass Vom Winde verweht heute noch ein besonders großes Durchschnittspublikum anspricht, das keine Ahnung vom Kontext hat oder die beschönigende Darstellung der Sklaverei nicht in Frage stellt.
 

vampireMiyu

Well-Known Member
Das hat jetzt nichts mit dem Thema des Threads zu tun, aber wirklich? Keinen einzigen? Besteht nicht die gefühlte halbe Filmgeschichte aus amerikanischen Klassikern?
Ok. Kaum. Kommt aber auch auf die Definition des Klassikers an. Inzwischen dürfte da ja wieder mehr zu zählen, als z.B. zu meiner Kindheit. Filme, die älter als mir 80er sind fällt mir spontan nur Clockwork Orange ein. Und die alten Disney Klassiker wie z.B. Schneewittchen oder Bambi. Und irgendwie sehe ich als "Klassiker" halt die noch älteren. Ähnlich im Literaturbereich. Ab wo fängt es dann eigentlich an? Vielleicht revidiere ich meine Aussage komplett?

Ich selbst wurde noch in der Udssr geboren und wir sind erst Anfang der 90er nach Deutschland mit der Familie gekommen. Es wurde wenig westliche Kultur mitgebracht, sondern eher hier angeeignet. Egal ob es um Essen, Filme, Bücher oder ähnliches betrifft. Ich kenne auch kaum deutsche Kinderbücher, die nicht in der Schule gelesen wurden. Ich bin die ersten Jahre auch noch mit russischem Kinderfernsehen groß geworden, bis die Disney Filme bei mir ankamen. Zusätzlich hatte ich lange Zeit eine Abneigung gegen (fast) alles, was nicht Zeichentrickanimiert war (Filme hatten es echt schwer bei mir...) und hab relativ früh aufgehört fernsehen zu gucken. Mit 14 oder 15. Und mich bewusst dazu entscheiden Filme auf DVD zu gucken, kam dann erst mit 17 oder älter. Heute weiß ich gar nicht, was sich davon noch lohnen würde.
 
Zuletzt bearbeitet:

McKenzie

Unchained
Interessante Backgroundstory, das erklärts dann natürlich :smile: Schreit ja fast nach Empfehlungen :biggrin: Vom Winde verweht ist aber tatsächlich sehr lang und trocken, speziell die zweite Hälfte. Hab den im Kino geschaut, weil man da nicht so leicht flüchten und einen nix ablenken kann..
 

Joel.Barish

dank AF
Teammitglied
Es ist - wie immer - schwierig. Denn hier fallen wieder naturgemäß 325 Dinge, Elemente, Einflüsse etc. übereinander. Diese Entscheidung bezüglich "Gone With the Wind" als Reaktion auf die aktuellen (hochintensiven und super wichtigen) Ereignisse in den USA ist einerseits nicht dumm, aber eben auch nicht wirklich "natürlich" entstanden und steht daher immer unter dem Generalverdacht bei großen Konzernen, dass es alles nur Selbstschutz und PR ist. Aber solche Dinge müssen sich nicht gegenseitig ausschließen.

Dass dann direkt "Birth of a Nation" als Vergleich herangeholt wird ist einerseits nachvollziehbar, denn dessen Status und permanente Bekanntheit/Huldigung als cineastischer Meilenstein steht auch seit längerem schon in der Kritik. Aber BoaN ist absolut unbestreitbar einer der hasserfülltesten, grausamsten und menschenverachtendsten Filme, die das Kino in 120 Jahren hervorgebracht hat. Nicht nur aus damaliger Sicht, sondern dauerhaft. Für immer. Ein ekelhafter Film. Die realpolitischen Folgen dieses Films sind bekannt und kaum diskutabel, von den inhaltlichen Unsäglichkeiten ganz zu schweigen.

Da ist "Gone with the Wind" ein gaaanz anderes Kaliber. Und klar, die überdurchschnittliche "Problematik" von Fall A negiert nicht die kleinere "Problematik" von Fall B. Auch diese darf man diskutieren. Ich weiß aber nicht, ob so ein paar Texttafeln wirklich vermitteln können, was diesen Film nun zu einem diskutierwürdigen Sachverhalt macht. Die Romantisierung des Bürgerkriegsamerikas aus Sicht des Südens und die damit einhergehende Legitimierung/Bagatellisierung der Sklavereigeschichte ist eine in meinen Augen recht schwierige Sache. Der Film ist nämlich eben nicht stumpf konservativ, veraltet und hasserfüllt, sondern hantiert eher beiläufig mit diesem fehlgeleiteten Status Quo und hat (als Film, der fast 30 Jahre vor dem Ende der Rassentrennung in den USA entstanden ist!) nicht das Interesse gehabt, das irgendwie zu relativieren. Dass das heute geschiet ist wichtig, ist aber eher Aufgabe von Begleitdokus, eines wachen Publikums, von Filmschulen oder von mir aus Film YouTube. Das meine ich nicht als Verbot, wer aufklären und unterrichten darf, sondern wo es machbar und nützlich ist. Wie gesagt, was können ein paar Texttafeln schon bewirken, außer wahrscheinlich zu kommunizieren, dass sich die heutigen Rechteinhaber von den Implikationen distanzieren.
Und die Romantisierung des Südens ist ja nur ein Aspekt. Eigentlich miteinhergehend sind diese lange vor und nach GWTW aktiven Stereotypen schwarzer Rollen; ganz zentral das "Mammy" Stereotyp, wo es herkommt, was es kommuniziert usw. Und konsequenterweise müsste man dann über Arbeitsrecht und Rollenangebote für dunkelhäutige Filmdarsteller in den USA in den 30ern und 40ern sprechen, warum der Oscar für Hattie McDaniel einerseits eine Sensation war und gleichzeitig Teil des Problems ist. Wie gesagt, es ist kompliziert.

Aber ja, sich der Idee zu nähern, diesen Überklassiker von seinem Sockel zu heben - nicht um ihn zu zerstören, sondern um ihn im Kontext seiner Entstehung und Entstehungszeit zu verstehen, ist generell eine gute Sache. So sie denn richtig angegangen wird und nicht PR-Mittel-zum-Zweck ist. Kenzie hat Disneys "Vergangenheitszensur" ja schon richtigerweise angesprochen. Das ist sicherlich die schlechtere Alternative. Und der animierte "Dumbo" weist nicht nennenswert weniger "Problematisches" auf als GWTW. Aber es gibt ja einen "Dumbo" und nur einer der beiden ist aktuell bei D+ guckbar. Das ist kein Zufall.

Wie gesagt, das wäre die ideale Reaktion der Filmwelt auf diese realen Umstände: die Bereitschaft, potentielle Fehler/Versäumnisse/usw. zu erkennen, darauf zuzugehen, sie zu verstehen und zu kommentieren. Nicht so sehr sie zu zensieren und aus der Welt zu schaffen als wären sie nie geschehen. Dazu gehört auch, dass man - Studios, Filmemacher, Darsteller und Zuschauer gleichermaßen - diesen Selbstschutz-Beißreflex häufig mal reduziert und abstellt, um vernünftig zuzuhören. Denn sich kritisch mit einer Sache auseinandersetzen heißt nicht, dass man den behandelten Gegenstand dann nicht mehr mögen geschweige denn konsumieren darf. Das schließt Sachen wie das erwähnte grausige "Yellow Face" aus "Breakfast at Tiffany's" mit ein, ebenso wie den galoppierenden Sexismus (mal groß, mal klein) des klassischen Hollywoods, aber auch zeitgenössische Vorwürfe von Whitewashing (Exodus, Ghost in the Shell) oder kultureller Aneignung.
Nicht jeder "Ha! Problematischen Sachverhalt entdeckt" Treffer ist gleich ein riesiger Skandal und sollte die Giftschrankverbannung des Films zur Folge haben. Aber Besserung tritt erst ein, wenn man sich mal hinsetzt, hinschaut, hinhört und womöglich erkennt: "Ja, stimmt, war blöd. Beim nächsten Mal wird's besser."
 

Tyler Durden

Weltraumaffe
Teammitglied
Wir sollten nicht vergessen, dass diese Entscheidung nicht im Hinblick auf uns, deutsche Filmbegeisterte, gemacht wurde, sondern mit der derzeitigen Situation in den USA zusammenhängt. Für uns ist natürlich klar, dass die Sklaverei eine schlimme Sache war, die nicht schöngeredet oder gar wiederholt werden darf. Aber es geht hier nicht um uns. Denn
Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand, der jetzt 20 ist und den Film sieht, davon so negativ beeinflusst ist, dass es sein Leben verschlechtert. Oder dass es andersherum Weiße irrtümlich darin beeinflussen könnte, dass Sklaverei eigentlich eine gute Sache war. Dieser Film ist fast 80 Jahre her.... es totzuschweigen, hilft doch auch nicht. Man kann und sollte auch differenzieren können - man kann doch sagen, dass es ein guter Film ist, ohne die darin gezeigten Ansichten und Tatsachen gutzuheißen.
Da magst du recht haben, aber in den USA gibt es sehr viele Leute, die eine Sehnsucht nach der "guten, alten Zeit" in den Südstaaten an den Tag legen, ihre Profile in den sozialen Medien mit Konföderierten-Flaggen schmücken und solche "Helden" wie General Lee verehren. Da müssen wir doch davon ausgehen, dass sie sich diese Zeit zurückwünschen und sehr bedauern, dass die Nordstaaten gewonnen haben und die Sklaverei abgeschafft wurde. Wenn man das Berücksichtigt, ist ein Film wie "Vom Winde verweht" vielen Afroamerikanern, Menschenrechtlern und liberalen Menschen ein Dorn im Auge - verständlicherweise. Denn man kann hier nicht sagen, dass es nur eine längst vergangene Sache ist, die längst abgeschlossen, verarbeitet und als ein Fehler eingesehen wurde. Dazu gibt es einfach zu viele von den besagten Anhängern dieser Vergangenheit.

Im Mittelpunkt steht schließlich die Beziehung zwischen Scarlett und Rhett und nicht die Sklavenhaltung. Die ist da halt mit drin, weil der Film eben in dem Setting angesiedelt ist.
Das ist eine von den Sachen, die mich an dem Film stören. Da werden der Bürgerkrieg und die Sklaverei als nebensächlich dargestellt, während im Vordergrund die "wirklich wichtigen" Sachen stehen - Beziehungsprobleme. Der Film ist natürlich keine Verherrlichung der Sklaverei, aber eine Verharmlosung oder zumindest eine Ignoranz. Im Prinzip empfand ich den Film als eine oberflächliche und kitschige Seifenoper-Version von Tolstois "Krieg und Frieden". Darin gab es auch Beziehungsprobleme und alle möglichen alltäglichen Sachen, aber es war sehr vielschichtiger und der Krieg wurde als etwas Abscheuliches dargestellt, mit vielen Verstümmelungen und Leichen. Ich meine, wenn jemand eine Geschichte in der Kriegszeit ansiedelt, sollte man doch auch genug Verstand und Mumm haben, auch die unschönen Sachen zu zeigen. Meiner Meinung nach sollte die Darstellung von Krieg und Gewalt immer abstoßend wirken. Nicht wie ein Abenteuer, nicht wie etwas Nebensächliches.
Die Beschönigung der Vergangenheit ist leider ein sehr weitverbreitetes Problem. Es gibt ja zum Beispiel 5 Millionen (oder so) christliche Bücher über gläubige Pilger, die she gut zu allen Menschen sind, fromm vor sich hin beten und Senioren über die Straße helfen. Die Sklaverei, der Massenmord an den Eingeborenen und die Gewalt im Wilden Westen werden mit keinem Wort erwähnt, als hätte es sie nie gegeben. Nach dem Lesen eines solchen Buches (vor allem wenn man sich für die historischen Fakten nicht interessiert) glauben die Gläubigen doch wirklich, dass es damals so ablief und die frommen Pilger niemals jemandem geschadet hätten. Was für eine verlogene Illusion und eine Sehnsucht nach einer Vergangenheit, die es in Wirklichkeit niemals gegeben hat. Wenn es wirklich solche Menschen gegeben hat, müssen es doch die ignorantesten und verblendetsten Menschen aller Zeiten gewesen sein.

Aber wie schon in meinem vorherigen Beitrag gesagt, würde ich den Film natürlich nicht verbieten. Nur mag ich ihn nicht besonders und kann gut verstehen, dass er vielen Menschen sauer aufstößt. Ich hatte nur den Eindruck, dass er hier zu sehr aus der Sicht von deutschen Filmfans betrachtet wird, ohne seine (wahrscheinliche) Wirkung auf die US-Amerikaner zu berücksichtigen.
 

Dr Knobel

Sie nannten ihn Aufsteiger
I Aber so wie momentan Sachen gekickt werden (Little Britain, Fawlty Towers) von den verschiedenen Streaminganbietern, fühlt es sich sehr nach alibimäßigem Zugaufspringen an nach Schema "Hey uns kann man nichts vorwerfen, wir haben bereits random 1 Serie/Folge gekickt die potenziell offenden könnte!". Dass man dabei auch Programm nimmt, das sich als Satire genau deshalb mit solchen Rassismusthemen sarkastisch beschäftigt hat, wird da einfach ignoriert. Bedenklich und dumm.

Das ist der für mich springende Punkt. Wer entscheidet denn bitte, welche Handhabe bei welchem Titel denn nun angebracht ist? Und auf Basis von was? Welche Institution entscheiden mit welcher Befugnis nach welchen Regeln und Vorgaben, die von wem und warum gemacht wurden?

In Deutschland - auch wenn der Fall jetzt nicht hier stattfand, aber bei globalen Anbietern wie Netflix und Co. ist es ja nur eine Frage der Zeit, bis uns das hier auch betrifft - wird ein Film indiziert und ggfls. eingezogen, wenn er rassistisch ist. Und das völlig zurecht, wobei es da relativ große Hürden gibt und das System der Jugendfreigaben und Verbote auch völlig gaga und häufig willkürlich erscheint und aufgrund der Entscheidungsfindung auch ist. Aber zumindest gibt es da einen klaren Ablauf mit gewissen Regeln und Vorgaben, die einen gewissen Schutz gewährleisten.
Wenn nun aber Anbieter auf jeden politischen Zug oder Vorkommnisse in der Realwelt aufspringen - und damit will ich in keinster Weise irgendetwas bagatellisieren - und Filme wegsperren oder zensieren, ist das schlicht Zensur. Von vorauseilendem Gehorsam, den Drehbuchautoren und Filmemacher häufig sowieso schon unterliegen, weil sie Altersvorgaben der Studios erfüllen müssen, kommender Produktionen ganz zu schweigen.

Mir persönlich ist es völlig egal, ob da jetzt bei GWTW eine Texttafel eingeblendet wird, auch wenn ich es für blanken Aktionismus halte. Bei dem Titel jetzt schon, bei anderen nicht? Warum? Ist GWTW der einzige Film, der entsprechende Tendenzen hat? Wohl kaum. Und wo fängt Satire an und - siehe FAWLTY TOWERS - wo muss sie enden?
Wichtig ist aber, dass der Film derzeit weiterhin verfügbar ist. Das mag jetzt der Fall sein, aber in anderen Fällen eben nicht und wer weiß, wie sich die Situation noch entwickelt. Mich wiederum bestärkt es darin, meine physische Sammlung eben nicht abzubauen. Im Gegenteil.
 
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