Kommentar: Was will uns Quentin Tarantino mit seinem Film sagen?

Joel.Barish

dank AF
Teammitglied

Der folgende Text beinhaltet Spoiler für „Once upon a Time in Hollywood“ und teilweise auch für „Inglourious Basterds“ und „Django Unchained“.
Was nun will uns der Autor damit sagen? Eine Internetweisheit beschreibt Quentin Tarantino als einen technisch herausragenden Regisseur, der relativ wenig zu sagen hat. Das ist u.a. auch für mich häufiger wahr als nicht, aber nicht immer in gleichem Maße wichtig. Was brauchte „Kill Bill“ schon an zusätzlichen textlichen Dimensionen, abseits einer cineastisch aufgeladenen Rachemotivation? Anders verhält sich das bei Filmen wie „Inglourious Basterds“ und „Django Unchained“, denn zumindest für meinen Geschmack lassen sich der Zweite Weltkrieg, der Holocaust und die Geschichte der amerikanischen Sklaverei nicht so ohne Weiteres zu einem reinen filmischen Unterhaltungscocktail kondensieren.
Doch nach dieser Logik argumentiert Quentin Tarantino häufiger, zumindest...
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Envincar

der mecKercheF
Ich glaube nicht, dass Tarantino noch weiter viele Filme machen wird. Ich fände es auch irgendwie gut, wenn er vlt. noch einen finalen Film machen würde. Für mich geht es nämlich seit Basterds bergab. Klar Tarantino macht immer noch Filmkunst fürs Kino und ist eine erfrischende Abwechslung zu den ganzen Mainstream Produktionen aber lieber aufhören wenn man oben ist, bevor man irgendwas produziert was totaler Murks ist und am Ende erinnert man sich nur noch daran.

In meiner Reihenfolge der Favoriten reiht sich OUATIH an folgender Stelle ein:

1. Pulp Fiction - kein Darsteller kommt an die Coolness von John Travolta alias Vincent Vega ran. Und hier ist auch die Krux die ich mit OUATIH habe...die Coolness der Tarantino Filme geht flöten. DiCaprio und Pitt hätten das Potential, kommen aber nicht an den jungen Travolta vorbei. Liegt es an den Darstellern oder liegt es an Tarantino der die Coolness nicht mehr auf die Leinwand bekommt? Ist natürlich meckern auf hohem Niveau.
2. Basterds - eine Szene wie der Dialog zwischen Landa und dem französischen Bauern ist ganz große Kunst...so etwas fehlte mir bei OUATIH. Die Dialoge dort wirkten leider dann vergleichsweise doch recht einfallslos.
3. Reservoir Dogs
4. Kill Bill Vol. 1
5. Django
6. Once Upon a time in Hollywood
7. Kill Bill Vol. 2
8. The Hateful 8

Death Proof nicht gesehen und Jackie Brown zu lang her, wobei mir der nicht gut in Erinnerung geblieben ist. Vielleicht muss ich mir Jackie Brown nochmal angucken.

Gerade die neueren Filme, mit Ausnahme der Basterds, schneiden bei mir zumindest zunehmend schlechter ab. Das gefällt mir nicht.

Was will Tarantino uns mit OUATIH sagen? Gute Frage. Ich habe manchmal das Gefühl, dass viele in Tarantinos Filmen mehr hineininterpretieren als er letztlich selbst. OUATIH ist voll mit Szenen die man meiner Meinung nach hätte weg lassen können und vielen Dingen die mehr Screentime verdient hätten (wurde schon in den Kritiken bemängelt). Was soll bspw. die Szene mit Polanski und seinem Hund? Was hat uns die Playboy-Mansion Party gebracht außer einen mürrischen Daniel Day Lewis? Da kann man jetzt sonst was hinein interpretieren ... Mehrwert für den Film hatte die Szene nicht. Generell plätscherte der Film an vielen Stellen so vor sich hin. Vielleicht muss das in einem Hollywood Märchen so?
Ein Dialog zwischen DiCaprio und Pacino wäre in Tarantinos Prime noch ein echtes Highlight geworden...hier wirkte das leider recht austauschbar. Und gerade von den überragenden Dialogen lebt doch ein Tarantino Film. Hier gab es letztlich nur einen manisch depressiv fluchenden DiCaprio und einen charismatisch undurchsichtigen Pitt. Ein Manson hätte hier richtig Potential gehabt als Bösewicht...jedes Märchen hat doch einen Schurken? Dafür bekommen wir nur einen komplett uninteressanten Tex. Hier interessiert mich tatsächlich, wieso Tarantino es nicht nutzt, in einem seiner womöglich letzten Filme, seine Version von Manson zu zeigen. Stattdessen bekommen wir ein total sinnloses Gespräch zwischen Booth und dem Ranch-Besitzer und das obwohl sich Tarantino richtig Zeit nimmt die Spannung dahingehend aufzubauen. Da kann man jetzt wieder hinein interpretieren, dass Tarantino das absichtlich so gemacht hat um den Zuschauer zu natzen ... aber ganz ehrlich? Der Dialog zwischen den beiden war so unnötig und flach, dass man die ganze Zeit auch in andere Punkte hätte investieren können. Pitt wirkte in der Szene für mich so als hätte selbst er nicht gewusst was als nächstes passiert und bekam lediglich die Regieanweisung, dass er improvisieren solle. Wirkte einfach unrund.

Manchmal wirken diese Tarantino Interpretationen und Diskussionen für mich wie als wenn Weinkenner, denen man unbemerkt einen Lidl-Wein unterjubelt, darüber diskutieren wie exquisit dieser sei. Vielleicht geht Tarantino auch einfach die Kreativität ab und er hat uns so gut wie gar nichts zu sagen? Nach den letzten Filmen verstärkt sich dieser Verdacht leider bei mir.
 

TheGreatGonzo

Not interested in Naval Policy
Teammitglied
Andersrum kann man doch fragen, was Tarantino uns mit Pulp Fiction sagen will? Der Film ist sicher cool und unterhaltsam und toll erzählt, aber ich glaube er ist thematisch lang nicht so interessant wie Tarantinos Filme der letzten Jahre. Finds auch schade, wenn Tarantino nur auf seine Coolness reduziert wird, als ob das alles wäre worum es in seinen Filmen geht, das ist mir viel zu oberflächlich, wo er einer der aufregendsten und originellsten Erzähler im modernen Mainstreamkino ist. OUATIH geht da sicher auch nochmal einen anderen Weg, aber ich fands zum Beispiel auch ganz angenehm, dass es der erste Tarantino seit gefühlten Ewigkeiten ist, der nicht in Kapitel unterteilt war (auch wenn ich das sonst sehr mag). Glaube schon bei Hateful Eight war es ein bisschen das Problem vieler Leute, dass er ein bisschen was anderes probiert hat und man nicht das bekam, was man erwartet hatte. Hätte Tarantino einfach weiterhin coole Gangsterfilme wie Pulp Fiction gemacht, wäre er meiner Meinung nach ein um einiges uninteressanterer Filmemacher als er es jetzt ist. Das ist so ein bisschen wie mit den Coens, die man auch vor allem mit dem Stil von Fargo in Verbindung bringt, die darüber hinaus noch so viel anderes gemacht haben, dass es eigentlich unfair ist, sie nur mit diesem schwarzhumorigen Thrillerstil in Verbindung zu bringen. Tarantino ist so viel mehr als nur lässige Dialoge und kultige Figuren und das hat er wie ich finde vor allem mit seinen Filmen seit Inglourious Basterds gezeigt (über Death Proof lässt sich streiten, auch wenn ich den eigentlich mag, der aber nicht arg viel mehr ist als eine Stilübung).

Aber zum eigentlichen Artikel von Joel: Der hat mir gut gefallen, ich teile viele deiner Gedanken zu Tarantino. Zum Start von OUATIH jetzt, gab es auffällig viele Artikel zum Thema, die meisten gehen eher in eine arg negative Richtung, weil sie Tarantino entweder komplett missverstehen oder in generell als großes Beispiel für frauenverachtendes, rassistisches, weißes Mainstreamkino heranziehen, was eh totaler Unsinn ist. Dagegen ist dein Artikel sehr angenehm, übt berechtigte Kritik, ist aber auch positiv ohne nur in langweiliges Abkulten zu verfallen. Wenn mehr Artikel so wären, wäre Filmdiskurs im Internet weitaus angenehmer.
 

NewLex

Active Member
Guter Artikel Joel! Persönlich mag ich die alten Filme von Quentin ja lieber (alles vor den Basterds). Ich sah die damals aber auch als ich selbst noch jung war. Hätte ich damals OAATIH gesehen, ich wäre vermutlich eingeschlafen. Umgekehrt wäre mir vielleicht KillBill Vol.1 jetzt mit Ü30 etwas zu over the top. Jedenfalls gefielen mir auch die neuen Filme sehr gut, wobei bei mir die Reihung so aussieht:

1. Basterds + OAATIH
2. HF8
3. Django (der war mir komischerweise zu Mainstream bzw. zu wenig Tarantino)
 
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