Rob Cohen

Dr Knobel

Sie nannten ihn Aufsteiger
Anfang des Jahres erscheint ein Mediabook von einem Film, der von Rob Cohen inszeniert wurde, der Text dazu stammt von mir. Im Zuge der Recherche hatte ich die große Freude, mit ihm ein sehr ausgiebiges Interview führen zu können.
Dieses Interview führte dazu, dass ich gefragt wurde, ob ich auf dem Cineways in Wolfsburg, wo Cohen für sein Lebenswerk ausgezeichnet werden sollte, nicht die Laudatio inklusive der Preisübergabe übernehmen wollte.
Natürlich sagte ich zu, doch dann musste ich aus zeitlichen Gründen doch absagen, schrieb aber einen Text für das Festival-Magazin, der auch die Basis für eine etwaige Laudatio hätte sein können.
Doch dann musste Cohen seine Teilnahme aus privaten Gründen absagen, und mein Text fiel unter den Tisch. Und ich dachte mir, bevor der jetzt auf meiner Festplatte versauert …

Rob Cohen: Filme fürs Publikum

„Ich denke, dass ich einer von den Typen bin, die später mehr geschätzt werden als während ihrer Karriere. Filme, wie ich sie gemacht habe, werden tendenziell von den Kritikern beiseitegeschoben und verspottet. Doch ich habe ein Publikum, und im Laufe der Jahre hat dieses Publikum eine tiefe Zuneigung zu meinen Filmen entwickelt, und letztendlich ist es das, was bleiben wird.“
Obwohl Rob Cohen seit weit über 40 Jahren eine feste Größe im Filmgeschäft ist, als Regisseur knapp 1.5 Milliarden Dollar in die Kassen der Studios spülte und Franchises begründete, die sich nach wie vor großer Beliebtheit erfreuen, wurde er von den Kritikern nie respektiert. Zu seicht, zu simpel zu stark auf den Geschmack der Masse ausgerichtet seien seine Filme.
Seine handwerklichen Qualitäten waren dabei stets unbestritten, doch man reduzierte ihn nur darauf und sah in ihm eher einen visierten Techniker als einen dramaturgisch sattelfesten Geschichtenerzähler – und einen Pionier erst recht nicht. Doch genau das ist er in gleich mehrerlei Hinsicht, und es kommt nicht von ungefähr, dass seine Filme bereits jetzt anders eingeordnet werden, als zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung.
Ein Hauptkritikpunkt war immer, dass er sich zu stark auf die Effekte verlasse. In diesem Kontext ist es mehr als beißende Ironie, dass ausgerechnet er so viel wie möglich real umsetzt und damit wesentlich klassischer arbeitet als die nachrückenden Regisseure der Marvel-Ära.
Anfangs schmerzten Cohen die schlechten und häufig auch unnötig persönlichen Kritiken und Angriffe, doch im Laufe der Jahre erkannte er, dass diese nur bedingt einen Einfluss auf seinen Stellenwert als Regisseur einnehmen, ignorierte sie daher einfach oder trug die Ablehnung des Feuilletons voller Stolz als schützenden Mantel. Cohen macht Filme, die er selbst gerne im Kino sehen würde und will, dass seine Filme von möglichst vielen Menschen gesehen und gemocht werden. Seine Werke sind für ein weltweites, großes Publikum gemacht, nicht für die Kritiker. Das teilte er auch Vincent Canby, der als Kritiker der New York Times großen Einfluss genoss, mit, als dieser einen seiner Filme schlecht bewertet hatte.

„Ich sagte: `Sehen Sie, Mr. Canby, wenn tot sind, wird sich niemand an etwas erinnern, was sie jemals geschrieben haben. Ihr ganzes Lebenswerk wird genauso vergessen sein wie jeder andere Zeitungsartikel, der in die Gosse geworfen wurde. Dieser von ihnen zerstörte Film wird irgendwo gezeigt werden. Wenn ich tot bin, wird er irgendwo gespielt werden, und die Menschen werden darauf reagieren, egal ob sie ihn hassen oder lieben. Er wird einen Platz in einer Welt finden, in der sie im Grunde genommen vergessen sein werden.´“
Die meisten werden den Namen Rob Cohen natürlich mit THE FAST AND THE FURIOUS (2001) verbinden; war dieser Streifen nicht nur sein größter finanzieller Erfolg, sondern auch der Start eines der erfolgreichsten Franchises der Filmgeschichte. Doch Cohen war zu diesem Zeitpunkt schon lange im Geschäft und konnte bereits auf eine erfolgreiche Karriere als Produzent zurückblicken, was in Anbetracht seines Erfolgs als Filmemacher häufig vergessen wird. Doch seine Liebe galt stets dem Filmemachen, so dass er trotz aller Widerstände auf den Regiestuhl zurückkehrte, Hollywood für immer veränderte und die Grenzen des Machbaren neu auslotete.
Doch bis dahin war es ein weiter Weg.
Der in New York geborene Cohen wusste schon auf der High School, dass er Karriere im Filmbusiness machen wollte, studierte jedoch trotzdem in den späten 60er-Jahren Anthropologie an der Harvard University und machte dort 1971 auch seinen Abschluss. Anschließend ging er nach Los Angeles, wo er Drehbücher für Mike Medavoy, der später als Verantwortlicher von United Artists, Orion Pictures und TriStar Pictures tätig war. Cohen machte sich schnell einen Namen, als er Medavoy das bis dahin nicht beachtete Drehbuch zu DER CLOU (THE STING, 1973) empfahl. Sein Boss drohte ihm mit einer Kündigung, wenn Universal ablehnen sollte, doch es kam anders: Das Studio griff begeistert zu, und DER CLOU wurde mit insgesamt sieben Oscars ausgezeichnet und gilt heute als einer der größten Klassiker der Filmgeschichte.
Rasch wechselte er in die Fernsehabteilung von 20th Century Fox, feierte schnell Erfolge und wurde von Berry Gordy, der mit seinem Label Motown im Filmgeschäft Fuß fassen wollte, angeheuert. MAHAGONI (MAHOGANY, 1975) mit Diana Ross war das erste Ergebnis dieser Zusammenarbeit. Ende der 70er-Jahre gründete der emsige Cohen seine eigene Produktionsfirma und schloss einen Deal mit Paramount. Er nutzte die Möglichkeit, endlich selbst Regie zu führen, doch sowohl UNTER GUTEN FREUNDEN (A SMALL CIRCLE OF FRIENDS, 1980) als auch SCANDALOUS (1984) erwiesen sich als Flops, so dass Cohen einstweilen keine Kinofilme mehr selbst inszenierte und sich bei Projekten dieser Art auf seine Arbeit als Produzent fokussierte. Das Ergebnis waren so unterschiedliche Projekte wie DIE HEXEN VON EASTWICK (THE WITCHES OF EASTWICK, 1987), RUNNING MAN (1987) oder EIN VOGEL AUF DEM DRAHTSEIL (BIRD ON A WIRE, 1990).
Doch sein Ziel war es weiterhin als Regisseur zu arbeiten, und als ihm Michael Mann die Möglichkeit gab, mehrere Episoden der Kultserie MIAMI VICE (1984-1990) zu inszenieren, wusste Cohen – ein bekennender Sam-Peckinpah-Fan – in welcher Richtung sich seine Karriere entwickeln musste.

„Waffen, Autos, harte, coole Männer, sexy Frauen. Mir war klar: Dafür wurde ich geboren. Das sind die Filme, die ich liebe. Also musste ich aufhören, Truffaut sein zu wollen und meinem Herzen folgen. Und mein Herz sagte mir, dass ich meine eigenen Actionfilme entwickeln musste.“
Doch da es unüblich war, dass ein Produzent als Regisseur arbeitete, dauerte es bis 1993, bevor er nach mehreren TV-Projekten mit DRAGON – DIE BRUCE LEE STORY (DRAGON: THE BRUCE LEE STORY) seine erste Kinoproduktion seit Jahren inszenieren konnte. Der Film erwies sich als Erfolg, erhielt zudem überwiegend positive Kritiken und ermöglichte Cohen schlussendlich auch weitere Projekte.
Mit DRAGONHEART (1996) schrieb er schließlich Filmgeschichte, da erstmals eine Figur komplett am Computer entstand. Die CGI-Effekte revolutionierten das Filmgeschäft und läuteten somit eine Ära ein, die moderne Blockbuster überhaupt erst möglich machten. Cohen war einer der wenigen, der die Bedeutung aber auch die Gefahren von CGI bereits zu diesem Zeitpunkt erkannte. Ihm war bewusst, dass riesige Sets und real umgesetzte Actionsequenzen zukünftig als zu aufwändig und gefährlich gelten würden und nahm DAYLIGHT (1997) auch deswegen an. In Italien ließ er kurzerhand einen mehreren Hundert Meter langen Tunnel nachbauen, um dort Stunts, Explosionen und Überflutungen drehen zu können. Ihn trieb der Gedanke an, dass so eine Herangehensweise einige Jahre später nicht mehr möglich sein würde, und die Geschichte gab ihm recht, denn ein Film wie DAYLIGHT würde heute gänzlich anders entstehen. Dass er seinem Star Sylvester Stallone zudem ermöglichte zu seinen Wurzeln zurückzukehren, und eine echte, doppelbödige Figur darzustellen, unterstreicht nur, dass Cohen eben weit mehr als ein rein an den Effekten interessierter Regisseur ist.
Mit THE FAST AND THE FURIOUS und XXX (2002) baute er Vin Diesel zum Actionstar auf und festigte endgültig seinen Ruf als Kassengarant und als Spezialist für Actionfilme des 21. Jahrhunderts.
Dementsprechend große Hoffnungen setzte das Studio in STEALTH (2005), doch dieser erwies sich als Flop, und auch Cohen selbst sieht diesen Film rückblickend kritisch, da er sich zu stark auf die Flugszenen und zu wenig auf die Charaktere fokussiert habe. Als Folge dieses massiven Flops wurde das Projekt Sinbad, an dem der Filmemacher bereits seit längerer Zeit arbeitete, gestoppt. Dass er danach die Regie bei dem dritten Teil der Mumien-Saga mit dem Titel DIE MUMIE: DAS GRABMAL DES DRACHENKAISERS (THE MUMMY: TOMB OF THE DRAGON EMPEROR, 2008) übernahm, könnte man daher als taktisches Kalkül einordnen. Doch Cohen wäre nicht Cohen, wenn er sich „verkaufen“ würde, und nahm auch die Fortsetzung nur unter der Bedingung an, dass er seine Ideen umsetzen konnte, wie er sich das vorstellte. Denn ein Auftragsregisseur war er nie; wo Cohen draufsteht ist auch Cohen drin.
Mit den Thrillern ALEX CROSS (2012) und THE BOY NEXT DOOR (2015) widmete er sich eher kleineren Produktionen, die sich gänzlich von den Big-Budget-Streifen der letzten Jahre unterschieden und eindrucksvoll bewiesen, dass Cohen weit mehr als nur Spektakel zu bieten hat.
Mit seinem bislang letzten Werk THE HURRICANE HEIST (2018) kehrte er im kleineren Maßstab zu der Art von Film zurück, mit denen er die größten Erfolge feierte – allerdings blieb der große Erfolg aus.
Doch Rob Cohen hat sich in seiner langen Karriere schon mehrfach neu erfunden und kennt das Geschäft nicht nur als Regisseur, sondern auch als Produzent. Daher ist es nur eine Frage der Zeit, bis er einen nächsten Welterfolg aus dem Ärmel schüttelt und seiner Zeit wieder einmal voraus ist. Denn eines hat er immer wieder unter Beweis gestellt: Er weiß, was das Publikum sehen will.
 

TheRealNeo

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Anfäng nächstes Jahr meinst du, oder?
Das dürfte DRAGONHEART sein? Der wurde ja schon angekündigt und wird wohl bei mir in die Sammlung wandern. :smile:

Zu deinem Text. Vielen Dank erstmal dafür!
Wird er aber nicht mit seinem Angriff auf den Kritiker nicht auch unnötig persönlich?
Von seiner erfolgreichen Zeit als Produzent wusste ich bis dato gar nichts, aber da scheint/schien er ja ein richtig gutes Händchen gehabt zu haben.
DAYLIGHT steht auch schon länger auf der mal wieder sehen Liste. Kam da nicht auch was von Turbine?
Von HURRICANE HEIST war ich ja wirklich positiv überrascht. Die CGI-Effekte waren okay, aber wirklich nicht grottig. Da wird er den gebotenen Budgetrahmen schon im Kopf gehabt haben.
Aber wenn man so über ihn liest, hat er ja was sein filmisches Interesse betrifft schon auch Ähnlichkeiten mit einem Michael Bay. Auch was den Einsatz von praktischen Effekten betrifft.
Eine Frage zum dritten Mumien-Film. Was genau hat er denn da in seinem Sinne ändern lassen? Einen Sindbad-Einschlag findet man ja bei dem asiatischen Setting eher weniger. Der Film kam ja auch nicht soo gut an.

Aber danke erstmal nochmal für die Übersicht zu ihm und ja ich finde auch, dass gerade so die 90er und Anfang 2000er Filme und Filmemacher wieder mehr Teil einer positiven Retrospektive werden. Was ich auch an mir selbst merke. Wohl auch eine Art Nostalgie-Bonus wie es auch die 80er bei vielen erfahren.
 

Dr Knobel

Sie nannten ihn Aufsteiger
Ja, ich meinte Anfang 2020. Turbine wird den Titel ankündigen, wenn sie genau wissen, wann er kommt. Und vielleicht ist es ja auch so, dass Turbine nicht nur einen Cohen-Film bringen wird. :wink: Belassen wir es für den Moment dabei.

Ja, mich hatte es auch überrascht, dass er ganz bewusst und sogar auch etwas "stolz" zugab, einen Kritiker so angefahren zu haben. Allerdings kann ich durchaus nachvollziehen, dass dir irgendwann der Kamm schwillt, wenn du nur Kontra bekommst. Und es ist ja teilweise so, dass alleine die Nennung eines Namens heutzutage ausreicht, um bei manchen Leuten was auszulösen. Ich glaube, er wollte damit betonen, dass es ihm einerseits völlig egal ist, was die Kritiker sagen und andererseits auch deutlich machen, dass es dem Publikum nicht wichtig ist.

Er hat bei MUMIE 3 einiges an der Ausrichtung angepasst und das Ganze etwas härter gemacht. Ich habe das ursprüngliche Drehbuch ebenso gelesen wie das Shooting-Script und da wird das recht deutlich. Man kann von dem Film halten, was man will, aber die Änderungen waren tatsächlich besser.

Jepp, es ist abzusehen, dass die 90er-Filme mittlerweile wesentlich positiver gesehen werden. Ich denke nicht, dass dieses Jahrzehnt jemals so einen Stellenwert haben werden wie die 70er- und 80er-Jahre, weil da einfach die Änderungen in der gesamten Industrie spür- und sichtbarer waren, aber in einem etwas anderen Ausmaß wird man auch das beobachten können bzw. tut man das ja bereits.
 

Jay

hauptsache bereits gesehen
Teammitglied
Definitiv ne coole Sache. Ich mochte Dragonheart und Fast & Furious, aber auch Stealth, xXx und Die Skulls. Das größte Manko an der dritten Mumie ist Rachel Weisz' Abwesenheit, und die unnötige, aber eigentlich logische stärkere Einbindung des Sohns. Die Yeti Footballszene werde ich glaube ich nie vergessen :biggrin:

Alex Cross scheiterte schon an der Tatsache, dass es ein Tyler Perry Projekt wurde. Erstwahl Elba hätte mir auch nicht gefallen, aber mit Perry konnte das nichts werden. Immer noch eine der seltsamsten Besetzungsentscheidungen der letzten Dekade. Immerhin konnte Matthew Fox als durchgeknallter, durchtrainierter Irrer positiv auffallen.
 

Dr Knobel

Sie nannten ihn Aufsteiger
Sorry, gerade erst gesehen.
Ich wusste von den Anschuldigungen seines Sohnes und habe als Außenstehender eine Meinung dazu.
Von den neuen Anschuldigungen wusste ich nichts, es kann aber natürlich sein, dass das der Grund für seine Absage war - würde ja zeitlich passen.

Wie meinst du das, ob das für mich relevant sei? Ob ich trotzdem eine Laudatio verfasst und ihm einen Preis übergeben hätte? Ja, nach dem aktuellen Stand hätte ich das. Ich maße mir doch kein Urteil über andere Leute an, weil irgendwo Vorwürfe, noch dazu teilweise sehr unglaubwürdige, in der Zeitung stehen. Bei aller Sympathie für "Me too" und der absoluten Notwendigkeit, dass solche Verbrechen bestraft werden müssen: Ich kann erst einmal alles mögliche behaupten und das reicht heute schon aus, um Leben und Karrieren zu zerstören. Sollte da was dran sein und sich das bewahrheiten, dann ist er für mich als Mensch untragbar, als "Künstler" sehe ich ihn dann aber nicht anders als vorher.
Ich kann ja nur einordnen, wie er bei den drei Telefonaten war, und da war er sehr freundlich, überhaupt nicht abgehoben. Von daher ...
 
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